Выбрать главу

»Es wird langsam Zeit zum Aufbruch«, sagte Harihn gepreßt. Als er steif davonging, nahm Anvar die widerstrebende Aurian am Ellbogen und führte sie zu einer Schießscharte in der Mauer, die den Hof umgab. Von dort aus hatte man einen prächtigen Blick über den Fluß, die Stadt und die dramatischen Klippen gegenüber.

Aurian, hochrot vor Verlegenheit, machte ein Gesicht, als wünsche sie, in die Erdboden zu versinken. »Anvar, es tut mir leid«, sagte sie hastig und sah überall hin, nur nicht zu ihm.

»Dazu besteht kein Anlaß. Lady, ich bin dir zutiefst dankbar – und sehr geehrt.«

Sie sah ihn scharf an. »Du verstehst mich also?«

Jemand räusperte sich neben ihnen. »Lady Aurian, der Khisal sagt, wir müssen jetzt aufbrechen. Er scheint ziemlich ärgerlich zu sein.« Eliizar senkte den Kopf, um sich für seine Unterbrechung zu entschuldigen.

»Es ist schon gut«, seufzte Aurian.

»Bohan hat Pferde für uns.« Anvar wünschte, er hätte noch ein wenig Zeit mit ihr haben können, aber es ließ sich nicht ändern, nicht jetzt.

Die Gruppe um den Prinzen war die letzte, die über den Fluß gesetzt wurde, um sich zu den Soldaten und den anderen Mitgliedern seines Hauses zu gesellen. Es war eine kleine Armee, die sich da zum Aufbruch rüstete – Harihns Soldaten, seine Gefolgschaft und der Zug der Maultiere, deren Last vorwiegend aus Wasser bestand. Der Notwendigkeit gehorchend, würden sie während ihrer Wüstendurchquerung nur wenig essen. Yazour, ein alter Hase, was Wüstenreisen betraf, kam auf seinem Pferd herbeigeritten und grüßte Aurian mit einem Lächeln, bevor er sich an den Prinzen wandte. »Euer Hoheit, wir müssen jetzt gehen, solange wir noch etwas Tageslicht haben. Die Klippenstraße ist in Dunkelheit sehr gefährlich.«

Sie ließen die Überfahrtstelle am Fluß hinter sich und ritten an den verstreut liegenden weißen Häusern vorbei, die die Stadt Taibeth umgaben. Sonst war niemand zu sehen. Alle Leute waren, nachdem sie die unglaublichen Gerüchte gehört hatten, die sich wie ein Steppenfeuer ausbreiteten, in die Stadt gelaufen, um herauszufinden, was dort vorging. Das Land hob sich zu einem sanften Hügel über dem Fluß. Oben angekommen, teilte sich die Straße. Die rechte Biegung führte in die Hauptstadt, die linke stieg allmählich hinauf in die hoch aufragenden Klippen. Schon bald gab es nur noch wenige Häuser, und die verlassenen Felder zwischen den einzelnen Gebäuden färbten sich, während die Sonne unterging, dunkelrot. Yazour machte ein besorgtes Gesicht. Die Zeit drängte.

Als Aurian der Klippenstraße ansichtig wurde, stöhnte sie entsetzt auf. Der Weg schien kaum breit genug für einen einzigen Reiter zu sein und stieg in endlosen Windungen empor, buchstäblich eingemeißelt in die steil aufragenden Wände aus rotem Stein. Der Weg war so steil, daß man teilweise Stufen hatte in den Stein hauen müssen. An manchen Stellen schien er tatsächlich über dem schwindelerregenden Abgrund in der Luft zu hängen, während er an anderen Stellen in den Felsen verschwand, als Tunnel durch geriffelte Steinsäulen hindurchführte, um auf der anderen Seite des Berges wieder aufzutauchen. Yazour hatte das erste Soldatenkontingent verausgeschickt, und schon jetzt sahen sie vor der Unermeßlichkeit dieser riesenhaften Naturschöpfung wie winzige Ameisen aus.

Der Hauptmann lenkte sein Pferd neben Harihn. »Wenn Ihr vorausreiten wollte, Hoheit …«

»Nein.«

Yazour runzelte die Stirn. »Aber ihr müßt jetzt hinaufgehen, Sir, solange noch ein Rest Tageslicht übrig ist. Wenn der Khisu doch noch …«

»Yazour, wir haben Frauen und Kinder bei uns. Soll ich vielleicht sicher hinaufsteigen und es ihnen überlassen, in der Dunkelheit ihren Weg zu suchen? Das ist mein Volk. Bring sie zuerst hinauf und dann diese Lady hier. Der Khisu wird keinen Hinterhalt planen, wenn er weiß, was gut für ihn ist.« Er funkelte Aurian an.

»Aber Hoheit …« protestierte der Hauptmann.

»Gehorche meinem Befehl, Yazour. Sofort!«

Yazour ritt davon, und der Unwille stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Seit er sich mit dieser Zauberin zusammengetan hatte, hatte der Prinz seine Handlungen immer mehr überstürzt. Hatte sie ihn verzaubert? Aber das war Unsinn. In der kurzen Zeit, die sie miteinander gekämpft hatten, hatte er großen Respekt für Aurian entwickelt. Ja, wenn man es genau nahm, mußte Yazour sich eingestehen, daß er sie mochte. Es war vielleicht einfach nur der Umstand, daß Harihn sich endlich wie ein Prinz benahm und wie ein Mann. Es würde eine Zeit dauern, bis er sich daran gewöhnt hatte.

Aurian zog ihr Pferd nah an Harihns schwarzes Reittier heran. »Gut gesagt, Hoheit – mit einer Ausnahme. Ich werde bei Euch warten.«

»Aber Lady …«

»Keine Einwände, Harihn.« Sie warf noch einen Blick auf die abschüssige Straße, und die Hände, mit denen sie die Zügel des kastanienbraunen Pferdes hielt, das er ihr gegeben hatte, wurden feucht. Der Gedanke daran, diesen ganzen Weg hinaufklettern zu müssen, machte sie körperlich krank. »Wenn ich da raufgehe, ist das letzte, was ich sehen will, dieser Abgrund. Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, ob ich es überhaupt schaffen werde.« Sie machte ein gequältes Gesicht, als sie über ihre eigene unvernünftige Angst nachdachte.

»Aurian!« protestierte der Prinz.

»Es wird schon gehen.« Die ruhige, vertraute Stimme an ihrer Schulter war voller Verständnis. »Genau das hast du schon einmal zu mir gesagt«, fuhr Anvar fort. »Erinnerst du dich an den Strand?«

Aurian erinnerte sich an Anvars Schwimmstunden und seine Angst vor dem Wasser. Und sie erinnerte sich auch daran, daß sie so wütend auf ihn gewesen war, daß sie ihn am liebsten auf der Stelle ertränkt hätte.

»Wenn ich das geschafft habe, dann kannst du auch das hier schaffen«, versicherte er ihr. »Ich werde ganz in deiner Nähe sein, wenn du mich brauchst.«

Nur allzubald war die Reihe an Aurian, den Aufstieg zu beginnen, so jedenfalls schien es ihr, obwohl die Sonne, während sie gewartet hatten, untergegangen und das Tal jetzt in einen dunklen, purpurfarbenen Schatten getaucht war. Nur die roten Felsen hoch oben auf dem Grat glühten noch im Licht des Sonnenuntergangs.

Sie stiegen am Fuße des schmalen Pfades vom Pferd, und Yazour gab jedem von ihnen eine Fackel, mit der sie ihren Weg beleuchten konnten. Die Magusch nahm das brennende Holz nur widerwillig entgegen. »Eine Hand für die Fackel und die andere für das Pferd«, stöhnte sie. »Und womit, um alles in der Welt, soll ich mich festhalten?«

»Der Pfad ist breiter, als er aussieht, meine Lady«, erklärte Yazour ihr. »Halte dich nur vom Rand fern, und alles wird gut sein.«

Aurian warf ihm einen verdrossenen Blick zu. »Na schön«, sagte sie schwach.

»Keine Angst, Lady«, sagte Anvar. »Sieh nur, ich werde vorangehen, und du kannst mir folgen. Schau einfach nicht nach unten, dann kann dir auch nichts passieren.«

Aurian biß sich auf die Lippen und begann ihren Aufstieg. Der Pfad war erfreulich glatt, und die Fackeln holten die Dämmerung zu ihnen herab, so daß der Abgrund zu ihrer Seite sich in der Dunkelheit verlor. Nichtsdestotrotz hielt Aurian ihren Blick entschlossen von dem Gefälle abgewandt und heftete ihn fest auf den Boden zu ihren Füßen, wobei sie versuchte, nicht an den bodenlosen Abgrund zu denken, der zu ihrer Linken auf sie lauerte. Die eigentliche Schwierigkeit lag darin, die scharfen Ecken zu umrunden, an denen der Pfad scharf abbog. Plötzlich waren die Hinterhufe von Anvars Pferd hinter einer Biegung verschwunden, und vor Aurian war nichts mehr als der riesige dunkle Schlund. Ein falscher Tritt, wenn sie um diese Ecke ging … Sie trat taumelnd zurück und preßte sich mit dem Rücken gegen die tröstliche Oberfläche der Klippen, unfähig, sich zu bewegen. Ihr Pferd, das darauf brannte, seinem verschwundenen Kameraden zu folgen, stupste sie mit der Nase an und drängte sie damit näher an den Abgrund heran, so daß sie beinahe ihre Fackel fallengelassen hätte. »Laß das!« Aurian zitterte vor Angst, und das Herz saß ihr in der Kehle; sie schlug dem Pferd hart auf die Nase, und das Tier wich mit vor Überraschung weit aufgerissenen Augen einen Schritt zurück.