»Was ist da oben los? Warum die Verzögerung?« Harihns Stimme kam von weiter unten. Aurian holte tief und ruhig Luft. »Sei kein Schwächling«, schalt sie sich. »Wenn Anvar seine Angst vor dem Wasser überwinden konnte, dann wirst du doch sicher mit dem hier fertig!« Fest stand, daß niemand ihr zur Hilfe kommen würde. Der Pfad war vor ihr und hinter ihr von Pferden versperrt.
»Es ist alles in Ordnung«, rief sie zurück und wünschte sich, es wäre wirklich so. Während sie ihren Rücken weiter fest gegen den Felsen preßte, schlängelte sie sich Schritt für Schritt schlurfend um die Ecke, gefolgt von dem gezüchtigten Pferd, das nun respektvoll Abstand von ihr hielt. Sobald sie die Biegung hinter sich hatte und wieder den festen, sanft ansteigenden Pfad vor sich sah, hätte Aurian vor Erleichterung zusammenbrechen können, aber es lag noch immer ein langer Marsch vor ihr, und sie hielt die anderen auf. Ihr trockener Mund verzog sich zu einer grimmigen, schmalen Linie, und sie hob ihre Fackel und trottete weiter.
Es war ein grausamer Marsch Alles in allem mußten sie neun von diesen furchterregenden Biegungen umrunden, bevor sie oben angekommen waren, und je höher sie kletterten, um so müder und widerwilliger wurden die Pferde. Aurians Rücken und Beine begannen zu schmerzen, bis jeder Schritt eine Tortur war und sie um Atem rang. Der Abgrund war bald auf ihrer linken Seite, bald auf ihrer rechten und dann wieder links, während der Pfad sich hin- und herwand, und die einzige Gelegenheit, bei der Aurian ein kurzes Aufatmen vergönnt war, war die Stelle, an der sich der Weg in die Felsen hineinbohrte und auf diese Weise zu beiden Seiten wunderbare feste Wände schuf. Zweimal während des Aufstiegs hörte sie einen grauenhaften Schrei von oben, und Männer und Pferde stürzten gefährlich nah an ihr vorbei; und wenn sie schließlich den dumpfen, feuchten Aufprall hörte, wurde ihr jedesmal übel, und sie zitterte am ganzen Leib.
»Aurian! Ist mit dir alles in Ordnung?«
Die Magusch sah sich benommen um. Vor ihr und zu beiden Seiten war der Boden plötzlich eben – sie hatte den Gipfel erreicht! Sanft löste Anvar ihre Finger von der Fackel und den Zügeln des Pferdes und gab beides Bohan. Dann legte er ihr einen Arm um die Schultern und führte sie vom Abgrund weg. In den Schatten der Felsen, die auf dem Gipfel standen, klammerte sie sich an ihn, schlang ihre Arme um seinen Hals und barg ihr Gesicht an seiner Schulter. Er hielt sie fest, bis ihr Atem ruhiger geworden war und ihr Zittern nachgelassen hatte.
»Nun, nun«, sagte er sanft, und sein Atem kitzelte sie am Ohr, »ich habe dir doch gesagt, daß du es schaffen würdest.« Aurian hob ihren Kopf, um ihn anzusehen, und zog eine Grimasse.
Harihn stand am Rande der Klippen und blickte ein letztes Mal auf das Land herab, das er hätte beherrschen können. Da unten in der Stadt feierten die Menschen. Feuerwerke wölbten sich hoch in die Luft, mit Kometenschwänzen aus silbernen Funken, die schließlich als ein rotes, goldenes und grünes Blütenmeer über den Nachthimmel zogen. Ihr Licht fand am Boden ein Ende – in den Flammen der brennenden Sklavenmärkte.
»Bedauern, Prinz?« Aurian war leise hinter ihn getreten, zusammen mit Anvar, der ihr wie ein Schatten auf dem Fuß folgte. »Wenn Ihr zurückkehren wollt, bin ich sicher, daß Euer Volk euch willkommen heißen würde.«
Er schüttelte den Kopf. »Ich habe nicht die Nerven für eine Revolution. Außerdem lauern in diesem Palast zu viele schlimme Erinnerungen auf mich. Mein Weg liegt da vorn. Xiang wird sich zweifellos einen neuen Erben beschaffen.«
»Aber nicht mit dieser Königin, ganz bestimmt nicht.«
Harihn drehte sich abrupt um und sah Anvar an. »Was willst du damit sagen?«
Anvars Augen glimmten. »Ich meine, Hoheit, daß Sara – die Khisihn – unfruchtbar ist. Sie hat Euren Vater belogen, wie sie mich belogen hat. So, wie die Dinge liegen, seid Ihr immer noch der einzige königliche Erbe. Ihr könnt eines Tages zurückkehren – wenn Ihr das wollt.«
Harihns Augen weiteten sich. »Bist du sicher?«
»Absolut sicher, Euer Hoheit.«
»Aurian, wußtest du davon?«
Die Magusch schüttelte den Kopf; Anvars Neuigkeiten hatten sie ebenso überrascht wie den Prinzen. Harihn warf den Kopf in den Nacken und brüllte vor Lachen. »Bei den Eiern des Schnitters!« rief er mit bösartiger Freude. »Was für ein Witz! Ich wünschte, ich könnte dabeisein, wenn mein Vater das herausfindet.«
Anvars Gedanken hatten sich offensichtlich in dieselbe Richtung bewegt. Er sah krank aus, und Aurian verstand endlich, welche Bedeutung seine Zurückweisung Saras hatte. Wenn Xiang herausfand, daß sie unfruchtbar war, war sie wertlos für ihn, und ihr Leben mochte dann in ernster Gefahr sein. Anvar fühlte sich, obwohl er sie endlich durchschaut hatte, trotzdem schuldig, daß er sie ihrem Schicksal überlassen hatte. Aber liebt er sie noch? fragte Aurian sich. Dann fragte sie sich, warum ihr diese Vorstellung so zu schaffen machte.
Die prinzliche Karawane sammelte sich für den langen, bevorstehenden Marsch, und schließlich brachen sie wieder auf. Der Pfad wandte und schlängelte sich zwischen den hohen Felsformationen hindurch, die sich zu unheimlichen, verzerrten Skulpturen erhoben wie ein zu Stein erstarrter Wald. Durch Erosion hatten sich verschieden große Löcher in den Felsen gebildet, durch die der leise Wind unheimlich heulte und pfiff, so daß es klang wie das Wimmern gequälter Seelen und die Pferde ängstlich ihre Köpfe zurückwarfen.
Nach ungefähr einer Stunde schien der Pfad abrupt zu enden und einfach zwischen zwei hohen Steinen im Nichts zu versinken. Hinter diesen Steinen lag ein steiler, mit Steinbrocken gesäumter Abhang, der im Licht des langsam aufgehenden Mondes seltsam zu glitzern schien. Unter ihnen breitete sich die Wüste aus. Aurian, die mit Harihn, Yazour und Anvar an der Spitze der Kolonne geritten war, hielt ungläubig den Atem an. »Großer Chathak!« rief sie mit erstickter Stimme. »Ist das das, wofür ich es halte?«
Die Wüste schien in dem wechselnden Mondlicht zu glühen. Der Wind trieb Schwärme glitzernden Sandes in leuchtenden Strömen verschiedener Farben zu ihnen herüber – rot, blau, weiß und grün. Die Gipfel der Dünen fingen das Licht auf und funkelten grell wie der Frost an einem Winterabend. Selbst jetzt, da der Mond gerade aufgegangen war, mußte die Magusch sich eine Hand über die Augen legen.
»Genau das ist es«, beantwortete Yazour die Frage, die sie bereits wieder vergessen hatte. »Die ganze Wüste besteht aus Juwelen und Juwelenstaub. Siehst du, wie hell sie sind? Das ist der Grund, weshalb wir des Nachts reisen müssen. Im Sonnenlicht würde uns das Funkeln die Augen ausbrennen. Wir müssen ein gutes Stück vor Tagesanbruch unser Lager aufschlagen, denn wenn die Sonne am Himmel erscheint, muß jeder sicher unter schützenden Decken liegen.«
Er zeigte Aurian und Anvar, wie sie ihre Augen für die Nacht mit den langen, herabhängenden Enden des Wüstenkopfschmuckes, den sie alle trugen, verdecken konnten, nämlich indem sie die hauchzarten Schleier über ihre Gesichter zogen und sie mit dem Stirnband auf der anderen Seite verbanden. Aurian fand heraus, daß sie ziemlich problemlos durch den dünnen Stoff hindurchsehen konnte, aber er verhinderte gleichzeitig, daß das bereits zunehmende Funkeln in ihren Augen brannte. Die Augen der Pferde und Lasttiere wurden ebenfalls mit Schals aus demselben Stoff verbunden, nur Shia weigerte sich, irgend etwas mit diesem Unsinn zu tun zu haben. Sie schmollte immer noch, weil sie gezwungen gewesen war, vor ihrem Marsch über die Klippen das Schlußlicht zu bilden, damit sie die Pferde nicht erschreckte. »Ich brauche dieses Menschenzeug nicht«, sagte sie voller Verachtung zu Aurian. »Ich bin eine Katze. Meine Augen passen sich an.«
Sie ritten hinaus in das funkelnde Meer aus Juwelen, und mit ihrem bleichen, verschleierten Kopfputz und den fließenden Wüstengewändern sahen sie aus wie umherstreifende Geister. Die Pferde warfen mit ihren Hufen Wolken feinen Juwelenstaubs in die Höhe und ließen hinter sich eine Spur zurück, die wie kaltes Feuer glitzerte. Schon bald waren Pferde wie Reiter in einen Umhang aus funkelndem Licht gehüllt. Was waren das für Juwelen, die eine so schwindelerregende Leuchtkraft besaßen? Aurian spürte einen Klumpen in ihrer Kehle. Wie die fröhliche Schönheit der Wale, war auch die unheimliche Lieblichkeit dieses Ortes in ihrer Intensität beinahe herzzerreißend. Aber sie war ebenso tödlich wie schön, das hatte sie von Yazour erfahren. In der richtigen Jahreszeit konnten binnen wenigen Minuten große Sandstürme aufkommen, und die scharfen Kanten der vom Wind umhergeschleuderten Edelsteine konnten einem Mann genausoschnell das Fleisch von den Knochen reißen. Außerdem zog dieses Meer von Juwelen angeblich auch Drachen an.