Während Anvar zusah, begannen ihre Hände zu glühen, und ein schwacher, violett-blauer Strahlenkranz spannte sich über den Fuß seines Pferdes. Die Konzentration der Magusch war so tief, daß sie sich aus Aurian heraus nach außen auszudehnen schien und alle Zuschauer in ihren Bann schlug. Niemand rührte sich oder gab auch nur das leiseste Geräusch von sich. Gerade als der Druck unerträgliche Ausmaße angenommen hatte, hörte man ein knirschendes Geräusch, und aus der weichen, empfindsamen Sohle des Hufs glitt etwas in die Hand der Magusch hinein. »Da!« flüsterte Aurian der Stute zu. »So ist es besser. Und jetzt werden wir den Schaden beheben.« Die Aura flackerte und verschwand dann schließlich. Aurian richtete sich auf, wischte sich den Schweiß von der Stirn, und das Pferd stellte seinen Huf wieder auf den Boden – zuerst ganz vorsichtig, dann mit zunehmendem Vertrauen.
Ein Murmeln erhob sich unter den versammelten Soldaten. Aurian sah sich etwas in ihrer Hand an, und ihr Gesicht überzog sich mit zorniger Röte. Sie hielt Yazour den Gegenstand hin. Auf ihrer Handfläche lag ein kleiner Metallsplitter. »Die Spitze eines Dolches, wenn ich mich nicht irre«, sagte sie grimmig. »Jemand hat sie in den Huf hineingerammt, und jedesmal, wenn die Stute auftrat … Das arme Geschöpf muß furchtbare Schmerzen gelitten haben. Wer immer das getan hat, wußte, daß man Anvar hier zum Sterben zurücklassen würde, wenn sein Pferd nicht mehr laufen konnte. Das war kein Unfall – das war versuchter Mord!«
Yazours Gesicht war vor Zorn verzerrt. »Ich möchte mich entschuldigen, Anvar, daß dies geschehen konnte. Ich schwöre, daß wir den Schurken finden und bestrafen werden. Ist mit dir alles in Ordnung, Lady?«
»Mir geht es gut.« Aurian erhob sich taumelnd.
»Laß mich dir helfen.« Yazour half der Magusch, wieder auf ihr Pferd zu steigen, und sie drehte sich mit besorgtem Gesicht noch einmal zu Anvar um.
»Bleib ganz in meiner Nähe«, sagte sie zu ihm. »Bis wir wissen, wer das getan hat, werden wir keine Risiken mehr eingehen. Ich werde Bohan sagen, daß er von jetzt an dein Leibwächter sein soll.« Sie wendete ihr Pferd gekonnt auf den Hinterbeinen, so daß es eine leuchtende Wolke funkelnden Staubs aufwirbelte, und dann war sie verschwunden.
Harihn lachte voller Häme. »Ein Leibwächter, wahrhaftig!
Du brauchst eine Amme, Anvar. Du hättest besser Sklave bleiben sollen – oder Eunuch. Kein Mann versteckt sich sein ganzen Leben lang hinter den Röcken einer Frau.«
»Du …« Anvar sprang auf Harihn zu, bereit, ihn aus dem Sattel zu ziehen. Yazour hinderte ihn jedoch daran, indem er ihn am Arm festhielt.
»Nein, Anvar«, sagte er eindringlich. »Er will doch gerade, daß du ihn angreifst. Wenn du den Prinzen bedrohst, werden seine Soldaten dich ergreifen, und nicht einmal deine Lady könnte dir dann noch helfen.«
Anvar zwang sich, tief Luft zu holen, obwohl er vor Wut zitterte. Er sah Harihn direkt in die Augen. »Ein andermal«, knurrte er. Dann wandte er dem Prinzen den Rücken zu und stieg wieder auf sein Pferd.
Harihns Spott hatte ihn jedoch bis ins Mark getroffen. Anvar ritt neben Bohan her, isoliert von einer Woge des Zorns. Während seine Stute langsam Meile um Meile zurücklegte, wurde sein Zorn immer größer. Es war einfach zuviel! Würde er denn niemals Herr seines eigenen Schicksals sein? Erst ein Diener dann ein Sklave und jetzt, so schien es, weniger als nichts. Und weil er schließlich begriffen hatte, wieviel er Aurian schuldete, war es besonders demütigend, zu wissen, daß er in solchem Maße von ihr abhängig war. Um der Götter willen, er hatte Vannor versprochen, sich um sie zu kümmern! Was für ein Witz! Seine zornigen Gedanken wirbelten im Kreis herum, während er weiter durch die Nacht ritt.
»Anvar?«
Er war so in Gedanken versunken gewesen, daß er nicht gehört hatte, wie Yazour das Ende ihres Rittes verkündet hatte. Er blickte auf und sah Aurian zusammengesunken in ihrem Sattel, wie sie sich den Schleier von einem Gesicht zog, das kreideweiß war. Er wußte, daß die Magie sie wegen ihrer Schwangerschaft immer größere Kraft kostete, und ihre Schwäche rührte daher, daß sie sein Pferd geheilt hatte. Graue Schuld mischte sich unter den roten Nebel seines Zorns. »Lady, laß mich dir helfen.« Er stieg schnell von seinem Pferd, um zu ihr hinüberzulaufen. Zumindest kann ich immer noch die Aufgaben eines Dieners erfüllen, dachte er.
»Es geht schon.« Aurian glitt zu Boden und ignorierte seine ausgestreckte Hand.
Anvar biß die Zähne zusammen und ergriff das Zaumzeug ihres Pferdes. »Ich werde mich darum kümmern. Ruh du dich aus.«
»Ich komme schon zurecht.« Sie versuchte, ihm die Zügel abzunehmen, aber er riß sie wütend zur Seite.
»Ich habe gesagt, ich mache das!«
»Aber warum, um alles in der Welt?« Die Magusch war einen Schritt zurückgetreten, und ihre Augen weiteten sich vor Erstaunen.
»Nichts! Ich bin ein verdammter Diener, nicht wahr? Also kümmere ich mich um das Pferd. Das ist alles, was die Leute mir zuzutrauen scheinen.«
Die Magusch starrte ihn an, und ihre Lippen waren zu einer schmalen Linie zusammengepreßt. Dann winkte sie Bohan zu sich. »Bohan, würdest du dich bitte um die Pferde kümmern. Ich muß mit Anvar reden.«
Der Eunuch führte die Tiere weg. Aurian ging mit Shia auf den Fersen davon und erwartete offensichtlich, daß Anvar ihr folgen würde. Aus irgendeinem Grund erzürnte ihn das noch mehr.
Harihns Männer waren gerade damit fertig geworden, ihr Zelt aufzuschlagen. Aurian führte Anvar ein Stück davon weg. »Also«, sagte sie, »was stimmt nicht?«
»Was nicht stimmt?« explodierte Anvar. »Wo soll ich anfangen?«
»Warum fängst du nicht damit an, was dich so wütend gemacht hat?« Ihre ruhige Art machte die Dinge nur noch schlimmer, denn alles, was er sich jetzt wünschte, war ein guter, stürmischer Streit, in dem er seinen Zorn abladen konnte.
»Na schön!« schrie er. »Wenn du es unbedingt wissen willst, ich bin es leid, mich von dir retten zu lassen. Ich bin weder dumm noch schwach, noch unfähig. Ich bin ein ebensoguter Mann wie jeder andere auch, aber du machst mich zu etwas Geringerem als einem Mann.«
»Aber Anvar«, protestierte Aurian. »Was hätte ich denn tun sollen? Ich konnte dich in dem Sklavenlager nicht sterben lassen. Und auch heute mußte ich meine Kraft nutzen, um Harihn davon abzuhalten, dich in der Wüste zurückzulassen. Wärst du denn lieber …«
»Genau das ist es!« Anvar stürzte sich auf ihre Worte. »Du und deine Kräfte! Deine verfluchten Maguschkräfte! Nun, laß dir eines gesagt sein, Herrin – auch ich hatte früher einmal Kräfte! In meinen Adern fließt Maguschblut, aber Miathan hat mir meine Kräfte gestohlen und mich in einen Diener verwandelt!«
Anvar war so in seinen Zorn versunken, daß er Aurians verblüfften Gesichtsausdruck gar nicht bemerkte. Es fiel ihm auch nicht auf, daß Miathans Zauber, mit dem er ihn zum Schweigen gebracht hatte, zum ersten Mal versagt hatte. Bei dem Gedanken an den Erzmagusch brachen der Zorn und der Haß, den er so lange unterdrückt hatte, unkontrolliert aus ihm heraus. Alles, was Anvar sehen konnte, war Miathan – Miathan, selbstgefällig und hämisch, wie er sich den Kristall um seinen runzeligen Hals legte, diesen Kristall, der seine Kraft enthielt, während er selbst sich in Schmerzen auf dem Boden wandt. Es war so wirklich – so wirklich!
Bei den Göttern, es war wirklich. Anvars Blick trübte sich – als würde er stillstehen und die Welt in zuckenden Blitzen an ihm vorüberrasen, zu schnell, um von seinem Auge wahrgenommen zu werden. Von sehr weit weg schien er Aurians Stimme zu hören. »Anvar, nein!«
Dann holte die Welt zu einem letzten Wirbel aus und wurde plötzlich ruhig; er fand sich in einem düster beleuchteten Zimmer wieder, und vor ihm lag Miathan schlafend in seinem Bett. Seine Augen waren mit einem weißen Tuch verbunden, und um seinen Hals hing sanft funkelnd im Lampenlicht der Kristall! Außerstande, sich dagegen zu wehren, streckte Anvar die Hand nach dem wunderschönen Gebilde aus … Und plötzlich gab es einen blendenden Blitz von vielfarbiger Helligkeit – eine wilde, heiße, glückselige Macht verschlang Anvars Körper. Er war in dem Kristall – der Kristall war in ihm. Er war der Kristall!