Schwach vor Erleichterung, nahm Anvar die dargebotene Hand. »Meine geliebte Herrin! Ich will niemals ein Magusch wie Miathan werden, aber ich habe keine Angst, ein Magusch zu werden wie du. Im Gegenteil, ich hoffe, es wird mir gelingen. Das heißt – wenn du mich unterrichtest?«
»Ich?« Ihre Augen funkelten vor Freude.
»Du mußt zugeben, daß ich im Augenblick keine große Auswahl habe.«
»Du …«, stieß Aurian empört hervor, und Anvar grinste. Aurian brach in schallendes Gelächter aus. »Du Biest«, knurrte sie. »Ich kann schon sehen, daß es einige Zeit dauern wird, bis ich mich daran gewöhnt habe. Ich wäre stolz darauf, dich zu unterrichten, mein Freund, wenn du sicher bist, daß du mich wirklich als Lehrerin willst.«
»Natürlich bin ich mir sicher. Von allen Magusch bist du die einzige, die ich mir jemals erwählen würde.«
Nach diesem denkwürdigen Tag verlief ihre Reise gleichförmig. Anvar und Aurian teilten sich tagsüber weiterhin ein Zelt mit Shia, die ihnen ihre Ungestörtheit garantierte, während die Magusch begann, Anvar beizubringen, wie er seine Kraft benutzen und kontrollieren konnte. Jetzt, da Aurian bereits im vierten Monat schwanger war, wußten sie, daß ihre Zeit knapp war. Die Theorie, die sie ihm beibringen konnte, wenn sie selbst nicht mehr in der Lage war, ihm die Praxis zu zeigen, war begrenzt. Ihre erste Aufgabe war, festzustellen, wo Anvars Talente lagen, und Aurian war verblüfft, herauszufinden, daß auch seine Kräfte sich über das ganze Spektrum der Magie erstreckten, obwohl seine Stärken und Schwächen auf anderen Gebieten zu liegen schienen als ihre. Während ihre größten Talente in den Bereichen von Feuer und Erde lagen – kein Wunder, bei ihren Eltern –, fielen Anvar diese Dinge deutlich schwerer. Aber dafür zeichnete er sich in der Luftmagie aus, und Aurian hatte den Verdacht, daß er sich, wenn ihnen erst mehr Wasser zur Verfügung stehen würde, um damit zu experimentieren, auch als ein Meister der Wassermagie erweisen würde. Da diese beiden Bereiche sich natürlicherweise zusammenschlössen, um einen Wettermagusch hervorzubringen, sah es so aus, als würde Eliseth nun doch noch Konkurrenz bekommen. Aber das mußte die Zukunft erweisen. Anvar war ein blutiger Anfänger, und er hatte noch einen langen Weg vor sich. Jeden Tag, wenn der Rest des Lagers schlief, ließ Aurian Anvar gnadenlos üben, bis sie beide vollkommen erschöpft waren. Während ihrer Zeit in der Garnison hatte Parric der Magusch den Trick beigebracht, wie man sich wertvollen Schlaf stehlen konnte, während man auf dem Pferd saß, und auch diese Fähigkeit gab sie an Anvar weiter. Also brachten sie ihre nächtlichen Ritte damit zu, auf ihren Pferden leise vor sich hin zu dösen, getröstet von dem Wissen, daß die Pferde ihren Kameraden folgen würden. Es trug ihnen allerdings eine Menge liebevollen Spott von Yazour, Eliizar und vor allem von Nereni ein, aber sie lernten schon bald, mit den derben Spekulationen über ihre Aktivitäten während der Ruhepausen fertig zu werden. Es war sicherer, als das Geheimnis von Anvars wiederentdeckten Kräften preiszugeben.
Einer nach dem anderen gingen die glitzernden Nächte und die schwindelerregenden Tage vorüber wie helle Perlen, aufgereiht auf dem Faden ihrer Reise. Yazour hatte zu seiner großen Enttäuschung keine Fortschritte auf der Suche nach dem Möchtegernattentäter gemacht, aber es gab keine weiteren Anschläge auf Anvars Leben, was vielleicht daran lag, daß seine Wachsamkeit sich vergrößert hatte. Sie bekamen in der ganzen Zeit auch kaum etwas von Harihn zu sehen. Während sie Meile um Meile zwischen den Prinzen und sein Königreich legten, wurde er immer in sich gekehrter und barscher, und die meisten seiner Leute waren froh, wenn sie einen großen Bogen um ihn machen konnten. Zumindest ließ er nun jedoch Anvar und Aurian in Ruhe, und sie waren froh darüber, obwohl Aurian sich oft wünschte, sie könnte mit Harihn reden und ihn vielleicht ein wenig froher stimmen. Sie wußte, wie es war, ins Exil zu gehen, und begriff, daß er seinen Entschluß, dem Thron zu entsagen, mittlerweile bedauern mußte. Immer häufiger dachte sie darüber nach, was die Zukunft wohl für ihn bereithalten mochte.
Anvar hatte jedoch seine eigenen Ideen, was den Grund für die üble Stimmung des Khisal betraf. Er dachte an einige verschleierte Bemerkungen, die Harihn gemacht hatte, und an die Art, wie seine Augen nachdenklich auf Aurian ruhten und kalt auf ihm, Anvar. All das weckte in Anvar den Verdacht, daß seine Information über Saras Unfruchtbarkeit zu einem Gesinnungswechsel bei dem Prinzen geführt hatte. Um es kurz zu sagen, Harihn dachte wohl daran, zurückzukehren, um den Thron für sich zu fordern, und er brauchte Aurians Hilfe dabei. Da er nicht daran gewöhnt war, Frauen als Wesen mit einem freien Willen anzusehen, betrachtete er Anvar als das größte Hindernis für seinen Plan. Obwohl er keinen eigentlichen Beweis dafür hatte, keimte in Anvar der Verdacht, daß Harihn derjenige gewesen war, der sein Pferd verletzt hatte. Wer sonst hätte ungehindert Yazours Wachen passieren können? Die beiden Magusch waren jedoch hoffnungslos in der Minderheit und brauchten nach wie vor die Hilfe des Khisal, um die Durchquerung der Wüste zu überleben. Anvar behielt seine Gedanken für sich, blieb aber stets auf der Hut; er wußte genau, daß es, je weiter sie kamen, immer wahrscheinlicher würde, daß Harihn zu einem neuen Mordversuch ausholte.
Yazour machte seine Sache gut und führte sie mit unfehlbarer Sicherheit über den uralten Weg, der die Wüste von einer Oase zur anderen durchquerte. Alle zwei oder drei Nächte tauchte ein zerklüfteter Felsbrocken vor ihnen in der Ferne auf. Und wenn dieses Steinmassiv über der Decke aus Juwelenstaub sichtbar wurde, begannen die Pferde und die Maultiere eifrig zu schnauben und beschleunigten ihren Schritt, sobald sie das Wasser witterten, das vor ihnen lag. Der Prinz und sein Gefolge schlugen dann ihr Lager neben einem steinernen Becken auf, das das Wasser aus einer tiefen Quelle in sich sammelte, einer Quelle innerhalb des Bergkamms, der sich Yazours Worten zufolge durch die ganze Wüste erstreckte wie ein knotiger Gebirgsgrat, dessen größter Teil unter dem Edelsteinsand begraben lag. Jede lebensspendende Wasserquelle hatte einen Namen, und er lehrte die Magusch, diese Namen der Reihe nach aufzusagen, etwas, das die Menschen seines Volkes schon in frühester Kindheit lernten. Zuerst stießen sie – in der dritten Nacht ihrer Reise – auf Abala und dann auf Ciphala, Biabeh, Tuvar, Yezbeh und schließlich Ecchith, das ihren Reiseweg ungefähr in zwei Hälften teilte. Dann kam die holde Dhiammara und schließlich Varizh, Efchar, Zorbeh, Orbah und zum Schluß Aramizal.
»Wartet nur, bis wir in Dhiammara ankommen!« Yazour lächelte den Magusch zu. »Das ist meiner Meinung nach der spektakulärste Anblick in der Wüste, und allein sie zu sehen ist diese harte Reise wert.«
»Romantischer Unsinn!« spottete Eliizar, der in seiner Jugend regelmäßig die Wüste bereist hatte. »Die schönste Oase in diesem Alptraum ist Aramizal, weil man dort den letzten Teil seiner Reise beginnt und man die Berge der Geflügelten sehen kann, wie sie sich in der Ferne erheben, um das Ende der Wüste zu kennzeichnen.«
»Die Geflügelten, wahrhaftig!« höhnte Yazour. »Und mich nennst du einen Romantiker. Du könntest genausogut erwarten, einem Drachen zu begegnen.«
»Und dennoch«, beharrte Eliizar, »existieren sie. Ihre Zitadelle liegt hoch oben auf den unzugänglichen Gipfeln, dort, wo kein Mensch zu Fuß hinkommen kann.«
»Woher willst du dann wissen, daß sie dort liegt?« konterte Yazour.
»Sie liegt dort«, unterbrach Aurian ihr Gespräch und überraschte sie damit beide. »Das habe ich aus der besten Quelle.« Sie lächelte und erinnerte sich an ihren Freund, den Leviathan. Dann blickte sie verträumt nach Norden, als versuche sie mit ihrem Blick, die vielen Meilen bis hin zu den sengendheißen Ländern des Himmelsvolkes zu überbrücken.
Aerillia, die Stadt der Geflügelten, war in dem höchsten Gipfel des nördlichen Gebirgszuges gehauen. Der Palast, ein luftiges Gebilde aus Türmchen und Terrassen, lag auf dem und innerhalb des höchsten Gipfels, und Rabes Turmzimmer bot einen atemberaubenden Blick über die ganze Stadt. In diesem Augenblick sah sie aus dem Fenster und schaute über die verschneiten Felsspitzen unter sich und die Lichter, die in der klaren, eisigen Luft scharf blinkten. Ihre Schultern waren zusammengesunken, so daß ihre großen Schwingen herabhingen und ihre glänzenden, irisierenden, schwarzen Spitzen ungehindert über den Boden schleiften.