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»Hol ihn!« Shias Gedanke brannte sich in Anvars Kopf, als sie sich auf das Monstrum stürzte und ihre Kiefer um eines der schlanken Beine schloß. Die Augen der Kreatur drehten sich zu ihr hin, und mehrere Paare Gliedmaßen fuhren herum; ihre Zangen klackten aneinander, und ihre Klingen schwirrten durch die Luft – nur um ins Leere zu schlagen, als Shia sich mit einem gewaltigen Sprung außer Reichweite brachte. In diesem Augenblick der Ablenkung hastete Anvar zu Bohan hinüber und riß ihn vom Abgrund weg.

»Verteilt euch!« schrie er. »Umzingelt es! Bringt es durcheinander!«

Bohan, dem die Hoffnung auf einen Plan neuen Mut gemacht hatte, zog sein Schwert und bewegte sich zu einer Seite, während er die funkelnde Klinge schwang, um das Geschöpf abzulenken. Als es auf ihn zutaumelte, kam Shia mit einem gewaltigen Sprung aus dem Hintergrund und schloß ihre Zähne um eines der Beine. Das Bein wurde in die Höhe gerissen und wirbelte Shia gegen die Wand des Torbogens. Anvar hatte Aurians Schwert ergriffen und rannte herbei, um auf einen der sich drehenden Augenstiele einzudreschen. Funken wirbelten um ihn herum, und der harte Aufprall seiner Klinge riß ihm fast den Arm ab, als Metall kreischend auf Metall schlug. Anvar keuchte, mehr vor Überraschung als vor Schmerz. Das war kein Tier – es war die künstliche Schöpfung eines anderen Wesens!

Seine kurze Unaufmerksamkeit hätte ihn um ein Haar das Leben gekostet. Anvar blickte gerade rechtzeitig auf, um eine der gewölbten Klingen direkt auf seinen Kopf zujagen zu sehen, aber Bohan hastete von der anderen Seite herbei, schloß seine gewaltigen Hände um eines der Beine und riß daran, mit rot angelaufenem und von der Anstrengung verzerrtem Gesicht. Trotz seiner phänomenalen Kraft wich die Kreatur nicht zurück, aber diese Bewegung war genug gewesen, um ihren Schlag auf Anvar abzulenken, der sich mit einem Sprung rettete, so daß die scharfe Klinge an seinem Gesicht vorbeischwirrte, ohne Schaden anzurichten. Shia verschaffte dem Eunuchen genug Zeit, um zu entkommen, indem sie sich unter den gewölbten Bauch des Monstrums gleiten ließ und die Metallbeine mit einem Wirbelwind von Klauen attackierte. Das Wesen surrte und klickte und bewegte sich wild im Kreis, aber seine mörderischen Gliedmaßen konnten nicht unter seinen Körper greifen. Anvar sah entsetzt zu, wie die Katze sich mit voller Absicht auf den Rand des Felsvorsprungs zubewegte. Die Kreatur, die in gedankenloser Raserei handelte, bewegte sich mit Shia zusammen weiter, während sie vergeblich versuchte, ihren Peiniger zu fassen zu bekommen. Schließlich erreichte das Monstrum den Rand des Felsens, es taumelte, und plötzlich war es verschwunden – und Shia mit ihm.

»Shia!« Verzweifelt rannte Anvar zum Rand des Felsvorsprungs und sah zwei Paar Klauen, die sich auf Leben und Tod in den abbröckelnden Stein gruben.

»Hilfe …!«

Er hörte Shias kläglichen Schrei, einen Schrei extremer Angst, und dann war Bohan da und griff verzweifelt und ungeachtet des gähnenden Abgrunds nach den schwarzen Pfoten. Aber nicht einmal die Kraft des Eunuchen konnte das Gewicht des gewaltigen Katzenkörpers halten. Langsam glitt Bohan nach vorn, und seine Füße streiften über den Stein. Anvar warf sich flach auf den Boden vor dem Abgrund und streckte die Hand nach Shia aus. Mit schier unglaublicher Anstrengung grub sie die Klauen ihrer Hinterpfoten in den Stein, wodurch sie ihm das winzige Stück näher kam, das es ihm ermöglichte, zwei Handvoll Haut hinten in ihrem Nacken zu fassen. Der Kampf schien Stunden zu dauern. Anvar zog, bis er dachte, seine Arme würden ihm aus dem Leib gerissen, und ihm war übel vor Angst, daß er nach vorn und in seinen eigenen Tod rutschen konnte. Aber zusammen mit den beiden Männern, die sie festhielten, war Shia in der Lage, sich nach oben zu ziehen, einen qualvollen Zentimeter nach dem anderen, bis sie schließlich mit einem letzten Ruck und einem tiefen Seufzer sicher oben angekommen war.

Anvar rollte sich von dem Abgrund weg und lag keuchend eine Weile auf dem Rücken. Seine Arme, die nun von ihrer Last befreit waren, schmerzten, und die Muskeln zuckten. »Wie konntest du nur so etwas Dummes tun!« herrschte er Shia an. Er spürte, wie die Katze im Geiste die Achseln zuckte.

»Es hat funktioniert, oder?« Aber trotz all ihrer Großtuerei klang sie ebenfalls ziemlich mitgenommen.

Anvar mußte lächeln. »Das hat es tatsächlich – und es hat uns allen das Leben gerettet.«

»So, wie ihr beiden Menschen meins gerettet habt. Ich möchte mich bei euch beiden bedanken.«

»Es ist Bohan, dem du hauptsächlich danken solltest.« Anvar klopfte dem Eunuchen auf die Schulter, und der riesige Mann grinste.

»Wir mußten uns alle drei mächtig ins Zeug legen, um die Kreatur zu besiegen.« Shia hielt inne und knurrte leise. »Wenn Aurian sie allein getroffen hat …«

»O ihr Götter!« Anvar schauderte und sah die Magusch vor seinem inneren Auge, wie sie dem furchterregenden, metallischen Tier gegenüberstand, nackt und unbewaffnet. Er schob den Gedanken beiseite und sprang auf. »Ich werde nicht aufgeben. Wir müssen weiter.«

»Da bin ich ganz deiner Meinung – aber wie?« Shia blickte über den gähnenden Abgrund der Höhle, und ihr Schwanz zuckte unglücklich.

»Dieses Ding hat es geschafft …« Anvar zwang sich, wieder an den Rand zu gehen, und versuchte herauszufinden, wie das Monstrum es fertiggebracht hatte, den Abgrund zu überqueren. »Es muß irgendeinen Weg geben, den wir nicht sehen können. Shia, komm hierher. Stell fest, ob du hier irgendwelche Magie spüren kannst.«

»Ja, da ist Magie!« Die Katze trat von dem Abgrund zurück, und ihr Fell stellte sich auf. Anvar kniete neben ihr nieder und tastete den Rand des Felsvorsprungs ab. Obwohl seine Augen ihm sagten, daß dort nichts war, trafen seine suchenden Finger auf glatten Stein, der sich, so weit er seinen Arm ausstrecken konnte, über den Abgrund erstreckte.

»Hier hat es die ganze Zeit eine Brücke gegeben. Eine unsichtbare Brücke. Wir können sie überqueren.«

Bohan hatte ihr fallengelassenes Bündel aufgehoben. Nun stand er zögernd und stirnrunzelnd da. Während er Anvar fragend ansah, zeigte er auf die tiefe Kluft und fuhr mit vagen Handbewegungen durch die Luft. Anvar verstand nur zu gut. Ihm selbst krampfte sich der Magen zusammen bei dem Gedanken daran, diese schwindelerregende Kluft zu überqueren und scheinbar nichts unter sich zu haben als dünne Luft. »Nein, mein Freund«, sagte er kläglich. »Unglücklicherweise habe ich keine Ahnung, wie man sie sichtbar machen könnte. Wir müssen einfach ganz, ganz vorsichtig sein.« Bohan schauderte.

Anvar ging voran und kroch auf Händen und Knien über den unsichtbaren Stein. Es kostete ihn mehr Mut, als er zu besitzen geglaubt hatte, diesen ersten Schritt ins Nichts hinaus zu wagen. Mit dem Gedanken an Aurian kämpfte er die würgende Angst nieder, die ihn zu übermannen drohte, und zwang sich, millimeterweise vorwärts zu kriechen, während er den Brückenbogen mit heftig zitternden Händen abtastete. Er versuchte, den anderen etwas zuzurufen, aber aus seiner Kehle kam nur ein ersticktes Quietschen. Dann räusperte er sich und versuchte es noch einmal. »Seid vorsichtig – es ist sehr schmal, und es gibt kein Geländer. Bewegt euch ganz langsam, die Oberfläche ist sehr glatt. Wir dürfen das hier nicht überstürzen.«

Die Zeit dehnte sich zu einem endlosen Alptraum. Anvar versuchte zuerst, seinen Blick auf die gegenüberliegende Wand des Abgrunds zu heften, aber auch das half nichts. Ihr Ziel schien nicht näher zu kommen, und er ertappte sich bei der Frage, ob nicht eine böse Magie in der Brücke steckte, die ihn immer in gleichem Abstand von seinem Ziel fernhielt und ihn endlos über diesem Abgrund halten würde, bis seine Kräfte versagten und er in den Tod stürzte. Er schloß die Augen und fühlte sich auf der Stelle besser. Und er begriff, daß er seine Augen im Augenblick nicht brauchte – die Brücke war ohnehin unsichtbar –, und kam viel leichter voran, wenn er den schwindelerregenden Abgrund unter sich nicht sah. Mit qualvoller Langsamkeit kroch er weiter, tastete blind und mit schweißnassen Händen links und rechts nach den Rändern des Bückenspanns; das Donnern seines Herzens hallte in seinen Ohren wider.