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»Ich bin drüben!« Die Oberfläche des Steins unter Anvars suchenden Händen war plötzlich wieder rauher geworden. Er konnte die Ränder der Brücke nicht mehr fühlen und öffnete die Augen, um festzustellen, daß er sicher auf der anderen Seite angekommen war. Er kroch den anderen aus dem Weg und preßte sich dankbar auf den gesegneten, soliden Felsen. Sein Körper schmerzte und zitterte vor Anstrengung, und er war von Schweiß durchtränkt, aber er hätte vor Erleichterung weinen können. Bohan und Shia gesellten sich zu ihm, und alle drei ruhten sich eine Weile aus, zu überwältigt, um auch nur zu sprechen. Dann zwang Anvar sich, wieder aufzustehen, obwohl der Eunuch sehr erschöpft aussah, und selbst Shias sonst so geschmeidiger Schritt noch unsicher war. Er hielt keinen Augenblick inne, um über die Gefühle nachzudenken, die ihn weitertrieben, weiter, als seine Kräfte es zuließen, ja, weiter, als jede Hoffnung es gestattete. Er wußte nur, daß er Aurian finden mußte oder in diesem Berg sterben wollte, so wie sie es getan hatte.

Sie hatten damit gerechnet, hinter diesem Torbogen auf eine weitere kahle Wand zu treffen, aber statt dessen öffnete er sich zu einem langen, schmalen Raum mit einer hohen, gewölbten Decke. Auch hier hatte der Stein eine glatte, glasartige Oberfläche, als wäre er irgendwann geschmolzen und dann in seine augenblickliche Form gebracht worden. Ein unheimliches, rötliches Halblicht erhellte den Raum, ein Licht, das aus dem Nichts zu kommen schien, und die Luft summte mit einem unangenehm hohen, schrillen Ton, der eine irritierende Resonanz in den Knochen von Anvars Kiefer und Schädel hervorrief. Aber seine Aufmerksamkeit richtete sich auf etwas anderes: An der rechten Wand des Raumes stand eine Reihe hoher, ovaler Juwelen, deren stumpfer Glanz an matte Mondsteine erinnerte. Sie hatten größte Ähnlichkeit mit den Kokons eines finsteren Rieseninsekts, und Anvar spürte, wie sich bei ihrem Anblick ein Gefühl der Besorgnis in seiner Brust ausbreitete. Während Shia und Bohan ihm folgten, ging er zu dem nächsten Stein hin, um ihn zu untersuchen.

Er fand eine einzelne, klare Facette an der Vorderseite des milchigen Juwels. Es wirkte wie ein Fenster, durch das man ins Innere des Steins schauen konnte. Anvar blickte hinein und machte mit einem erstickten Aufschrei einen Schritt nach hinten, als das knochige, grinsende Gesicht eines menschlichen Schädels ihn anstarrte. Durch irgendeinen Trick in der inneren Struktur des Juwels schien es, als wolle das Skelett ihn aus seinem Kristallsarg heraus anspringen.

Shia drängte sich an Anvar vorbei und stellte sich auf die Hinterbeine, um durch die klare Facette hindurchzuschauen. »Das wird also aus denen, die in diesen Ort eindringen«, knurrte sie. »Sie werden von der Metallkreatur in Kristalle eingeschlossen.«

Anvar unterdrückte, ein Schaudern. »Du glaubst doch nicht …«

»Ich hoffe nicht. Aber wie dem auch sei, wir müssen suchen.« Shia trottete zu dem nächsten Kristall hinüber und stellte sich aufrecht hin, um hineinzuspähen. Anvar folgte ihr mit Verzweiflung im Herzen.

Sie untersuchten einen Kokon nach dem anderen. Anvar mußte jedesmal alle Kraft zusammennehmen, um in einen der Steine hineinzublicken, denn er fürchtete das, was er vielleicht finden könnte. Alle Steine enthielten Knochen, meistens menschliche, aber es gab auch die Skelette anderer Geschöpfe zu sehen. Einige waren unversehrt, aber andere waren grausam zerschmettert und von den Gliedmaßen des Metalltieres zerhackt worden. Einige waren unkenntlich, aber in einem der Kristalle befand sich auch das Skelett einer großen Katze, ein Anblick, der Shia ein wildes Fauchen entlockte. Zwei weitere Kristalle enthielten kleine, menschlich erscheinende Gebeine – mit einem fächerartigen Flechtwerk von Knochen, die aus den seltsam eingehängten Schultern entsprangen. Geflügelte! Anvar war sprachlos. Als sie den letzten Kokon erreichten, zögerte er.

»Laß mich nachsehen«, sagte Shia. Sie spähte durch die Öffnung, während Anvar mit trockenem Mund zusah. Schließlich kam sie wieder herunter, und ihr Schwanz zuckte vor Erregung. »Aurian ist da drin.«

32

Die Stadt des Drachenvolks

Aurian schwebte in dem milchigen Licht des Juwels, unerreichbar durch den dicken Kristall, der ihr Grab versiegelte; sie war wie zu einer Alabasterstatue erstarrt, und die einzige Farbe, die sie noch an sich hatte, war die tapfere Flamme ihres Haars. Ihre Augen waren wie im Schlaf geschlossen und ihre bleichen Lippen leicht geöffnet. Soviel konnte Anvar gerade noch sehen, bevor Tränen seinen Blick trübten. Er spürte kaum, wie Bohan ihn von dem Kristall wegzog, und sah nicht, daß Shia seinen Platz an dem Sichtfenster einnahm. Seine Knie gaben unter ihm nach, und er sank, von Schmerz überwältigt, zu Boden.

»Warte!« zuckte Shias Stimme durch seine Gedanken. »Sie atmet noch!«

Anvar drehte sich zu ihr um. »Sei nicht dumm«, rief er. »Sie ist tot, verdammt. Es ist nur ein Trick des Kristalls. Du hast die anderen gesehen – die Knochen.«

Shia versetzte ihm einen harten Schlag, und ihre Augen flammten vor Zorn. »Ich habe sie atmen sehen!« brüllte sie. »Hol sie da raus, Menschentier!«

Langsam raffte Anvar sich zusammen. »Wenn du dich in dieser Hinsicht irrst …«

»Sieh doch selbst. Und diesmal schau lange und gründlich hin. Schau mit deinem Kopf, nicht mit deinem Herzen.«

Der Anblick von Aurians bleichem, leblosem Gesicht war wie ein Messer durch Anvars Fleisch, aber er nahm sich zusammen und sah hin. Ein Augenblick verging und noch einer – er versteifte sich. Hatte er sich das nur eingebildet? Noch ein Augenblick, und er sah es wieder – ein leises Heben ihrer Brust, kaum wahrnehmbar, aber eindeutig vorhanden. »O ihr Götter«, flüsterte er. »Shia, du hast recht! Du hast recht!« Außer sich vor Freude, umarmte er die große Katze.

»Natürlich«, erwiderte Shia selbstgefällig. »Katzen sind klug, Anvar. Die anderen Überreste sind sehr alt – vielleicht sind die verhungert oder an ihren Verletzungen gestorben. Aber wir haben trotzdem noch ein Problem. Wie bekommen wir sie da raus?«

»Ja, wirklich, wie?«

Eine Stunde später hätte Anvar am liebsten vor Enttäuschung laut geschrien. Sie hatten auf den Kristall eingeschlagen, hatten ihm mit den Griffen ihrer Schwerter zugesetzt, und Shia hatte sich sogar mit Zähnen und Klauen dagegengeworfen. Der Kristall schüttelte ihre Bemühungen ab und blieb unversehrt und vollkommen uneinnehmbar.

Anvar trat zurück, keuchte und warf einen finsteren Blick auf den unnachgiebigen Edelstein. »Das hat keinen Sinn«, sagte er. »Er ist absolut unzerbrechlich, aber trotzdem hat es dieses Geschöpf geschafft, sie da hineinzubekommen. Irgendwie muß das Ding sich also öffnen lassen. Shia, kannst du hier irgendwelche Magie spüren?«

Die Katze hatte sich mutlos auf den Boden geworfen. »Ja, ich spüre etwas«, sagte sie, »aber es ist etwas anderes, nicht wie ein Zauber.« Sie kratzte mit ihren Klauen über den glatten Steinfußboden, als suche sie nach den richtigen Worten. »Es fühlt sich an, als wäre der Kristall selbst die Magie, und nicht, als mache er die Magie, wenn du verstehst, was ich meine.«

Anvar verstand sie nicht, und er hatte Angst, irgendwelche Zaubersprüche aus seinem geringen Kenntnisschatz auszuprobieren, denn er befürchtete, in seiner Unwissenheit etwas tun zu können, das der Magusch schadete. Er ließ seine Hände über die glatten Flächen des Juwels gleiten und zermarterte sich das Gehirn, um eine Möglichkeit zu finden, das Problem zu lösen. Dann zog er sie fluchend zurück, als seine Finger sich an einer scharfen Kante schnitten. »Bohan, hast du es geschafft, ein Stück aus dem Ding rauszuhauen?«

Der Eunuch schüttelte nachdrücklich den Kopf.

Während er an seinen blutenden Fingern saugte, sah Anvar sich die Stelle noch einmal genau an. Sie befand sich hoch oben an der Seite des Kristalls, aber er konnte keine Schramme in der makellosen Oberfläche entdecken. Dann lenkte ein kleiner Blutfleck seinen Blick auf die richtige Stelle. Er tastete sie noch einmal ab, vorsichtiger diesmal, und fand eine Aushöhlung: einen Platz, an dem eine einzige Facette fehlte, deren Fehlen jedoch von den inneren Reflexionen des Edelsteins verborgen wurde. Anvar runzelte die Stirn. »Da fehlt ein ganzes Stück. Ich frage mich …«