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»Das stimmt«, sagte der Kaufmann mit einer Herzlichkeit, die Anvar, der ihnen zuhörte, merkwürdig falsch vorkam. »Aber es ist nichts Geheimes dabei. Ihre Schwester lebt irgendwo an der Küste in der Nähe von Wyvernesse. Dulsina wollte es mir zunächst nicht erzählen – ich glaube, sie nahm an, daß ich gleich hingehen und Krach schlagen würde.« Er seufzte. »Ich vermisse sie, weißt du – vor allem Zanna –, aber Dulsinas Schwester wird gut für sie sorgen. Es wird ihnen guttun, eine Zeitlang aus der Stadt heraus zu sein, und ich muß zugeben, daß es angenehm ist, wenn Sara und Zanna sich nicht die ganze Zeit herumzanken. Wenn man etwas darüber nachdenkt, dann hat Dulsina ganz richtig gehandelt – ich hätte wissen sollen, daß sie im besten Interesse aller gehandelt hat.«

»Ich möchte wetten, daß Sara froh ist, Dulsina wieder im Haus zu haben!« Aurians Augen strahlten frech, und Anvar spitzte seine Ohren.

»Das magst du wohl sagen!« erwiderte Vannor. »Wir sind in Wahrheit alle froh, daß sie zurück ist – ohne sie löste sich der Haushalt langsam in seine Bestandteile auf. Selbst Sara hat gesagt …« Als das Gespräch diesen Punkt erreicht hatte, ging Anvar einen neuen Krug Ale holen. Vannor zuzuhören, wenn er von Sara als seiner Frau redete, war zu schmerzlich. Er kehrte gerade zu den anderen an ihren Lieblingstisch neben dem Kamin zurück, als eine bleiche, taumelnde Gestalt im Eingang der Taverne erschien. Anvar verschlug es vor Schreck die Sprache. D’arvan! Was wollte der hier?

»Aurian, dank den Göttern, daß du hier bist!« Der junge Magusch kam an den Tisch getaumelt und ließ sich Aurian, die sich inzwischen erhoben hatte, in die Arme sinken. »Miathan hat mich hinausgeworfen! Und Davorshan – er …«

»D’arvan!« Aurian hatte wie automatisch dem verzweifelten Magusch die Arme um die Schultern gelegt. Anvar sah, wie sie zurückschreckte, als ob sie etwas gestochen hätte, und als sie ihre Hände zurückzog, waren sie blutverschmiert. Die Magusch erholte sich schnell von ihrem Schrecken. »Schnell«, zischte sie Anvar zu. »Hilf mir, ihn hier herauszubringen, bevor irgend jemand etwas davon merkt!«

»Soll ich euch helfen?« fragte Vannor, aber Aurian schüttelte den Kopf. »Nein, Vannor – gib nur acht, daß niemand Verdacht schöpft, wenn das möglich ist. Ich möchte nicht, daß bekannt wird, daß ein Magusch Opfer eines Überfalls geworden ist.«

»Wir kommen sofort nach«, flüsterte Maya, die sofort begriff, was zu tun war. Anvar half der Magusch, den zusammenbrechenden D’arvan aufzufangen. Hastig verabschiedeten sie sich von Parric und Maya. Auf dem Weg zur Tür nahmen sie D’arvans steifen Körper in ihre Mitte. »Also ganz ehrlich«, sagte Maya mit lauter Stimme zu Vannor, damit jeder es hören konnte, der vielleicht neugierig war. »Sie hat ihm doch wieder und wieder gesagt, daß er nicht soviel trinken soll!«

Aurian war erleichtert, als sie schließlich den Eingang von Forrals Quartier erreicht hatten. D’arvan atmete immer angestrengter, obwohl sie nicht glaubte, daß die Wunde allzu schlimm war, denn dann hätte er es nicht geschafft, von der Akademie zum Einhorn zu kommen. Sie hatte in der Schänke sehr entschieden gehandelt und ihn fortgeschafft, bevor andere Gäste Gelegenheit hatten, sich für ihn zu interessieren, aber jetzt forderte der Schrecken seinen Tribut, und außerdem hatte es sie ermüdet, D’arvan durch die glatten, mit Schneematsch bedeckten Straßen halb zu ziehen und halb zu tragen, dazu noch auf einem Umweg über die Hintergassen, um den Blicken der Passanten zu entgehen.

»Aurian! Was zur Hölle ist passiert?« Ein müde wirkender Forral öffnete die Tür und blieb mit vor Staunen geöffnetem Mund stehen. Ohne zu antworten, half Aurian Anvar, D’arvan auf die Couch zu legen. Forral legte den Arm um sie, und an seine Schulter gelehnt, entspannte sie sich für einen Augenblick. »Bist du in Ordnung, Liebes?« fragte er sie. Aurian richtete sich auf und küßte ihn, froh, daß er da war.

»Ich schon, aber D’arvan nicht«, sagte sie. »Er ist verletzt. Forral, kannst du noch eine Lampe anmachen und uns etwas Wein besorgen, während ich nach ihm schaue? Anvar wird dir erzählen, was passiert ist.«

Sie setzte sich auf den Rand der Couch und entfernte die Reste von D’arvans zerrissenem Umhang, um seinen Rücken freizulegen. Als sie die Wunde sah, war sie erleichtert und verblüfft zugleich. Es war ein langer Schnitt, blutig, aber nicht besonders tief. Offensichtlich durch ein Messer verursacht. Den Göttern sei Dank, daß es nichts Ernstes ist, seufzte Aurian im stillen – aber wer um alles in der Welt hat versucht, den Magusch zu erstechen? Sie wußte durchaus, daß die meisten der Magusch bei den Stadtbewohnern höchst unbeliebt waren, aber so etwas war undenkbar!

Aurian war inzwischen eine wohlgeübte Heilerin geworden. Als sie ihre Kräfte konzentrierte, überzog sich die Wunde mit einem schwachen violettblauen Schimmer, und sie konnte befriedigt zusehen, wie das durchtrennte Gewebe vor ihren Augen zu verwachsen begann, die Blutung aufhörte und sich der Schnitt langsam schloß. Als D’arvans Schmerzen nachließen, spürte sie, wie sein Körper sich unter ihren Händen entspannte. Dann öffnete er die Augen. Sie half ihm, sich aufzurichten, und legte Kissen unter die heilende Wunde. Forral reichte D’arvan ein Glas Wein.

Genau in diesem Augenblick kam Maya mit dem Kavalleriehauptmann herein. »Ihr braucht euch keine Sorgen zu machen«, versicherte Parric. »Wer immer ihn angegriffen hat, er ist euch nicht hierher gefolgt.«

»Geht es ihm gut?« fragte Maya besorgt. »Hat er euch erzählt, was passiert ist?«

»Noch nicht.« Die Magusch wirkte ernst. »Ich wollte ihn gerade fragen.«

D’arvans feingeschnittenes Gesicht war noch bleicher als sonst, aber er war bei Bewußtsein und wirkte ziemlich aufmerksam. »Du wirst schlafen wollen«, erklärte Aurian ihm, »aber trink besser deinen Wein, bevor du dich ausruhst.« Sie setzte sich neben ihn und nahm ebenfalls dankbar ein Glas Wein von Forral entgegen. »Du bist jetzt in Sicherheit«, sagte sie. »Wir sind in der Garnison. Kannst du mir erzählen, was geschehen ist?«

D’arvan bebte. »Miathan«, flüsterte er. »Er hat mich kommen lassen. Er hat mir gesagt, daß ich niemals von Nutzen sein werde, und mir befohlen, die Akademie zu verlassen.« Seine Hände zitterten so stark, daß der Wein aus seinem Glas schwappte. »Er hat mich von den Wachen vor das obere Tor werfen lassen. Ich – ich wußte nicht, was ich tun sollte, also habe ich mich aufgemacht, um euch zu finden. Und dann, als ich über den Damm ging, kam Davorshan hinter der Mauer hervorgesprungen und hat versucht, mich zu erstechen.«

Aurian hielt den Atem an. Davorshan? Ein Magusch, der einen anderen Magusch überfällt? Und noch dazu seinen eigenen Bruder? Eins war sicher, dachte sie grimmig: Irgendwie mußte Eliseth dahinterstecken.

»Ich wußte, daß er dort war«, fuhr D’arvan fort. »Wir sind immer noch eng miteinander verbunden, und das hat mich gerettet. Ich habe in seinen Gedanken die Absicht erkannt, mich zu ermorden, und bin ihm ausgewichen, aber er hat mich trotzdem mit dem Messer erwischt. Dann haben wir gekämpft, und ich konnte fliehen. Die Wachen am unteren Tor hatten den Lärm gehört; deshalb mußte er von mir ablassen und ihnen erklären, was los war. Wir waren immer so innig verbunden, Aurian – wie konnte er so etwas tun?« Er ließ das Glas sinken und vergrub sein Gesicht in den Händen.

Aurian legte die Arme um ihn. »Du sagst, daß du wußtest, was er vorhat«, forderte sie ihn vorsichtig auf, als er sich beruhigt hatte. »Weißt du, warum er es getan hat?«

D’arvan nickte. »Er – er arbeitet mit Eliseth zusammen und macht einige Fortschritte beim Wasserzauber«, sagte er. »Er hat sich überlegt, daß wir beide wahrscheinlich zusammen nur die magische Kraft für einen einzigen Magusch in uns haben, und nachdem Miathan mich nun verbannt hat, wollte er mich umbringen, damit die ganze magische Kraft auf ihn übergeht.«