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»Lassen Sie mich meinetwegen Bauer werden und das Land bestellen; ich will Ihnen einen tüchtigen Jahreszins zählen. Lassen mich Euer Gnaden auch lieber Soldat werden! Thun Sie es nicht, so könnte leicht ein Unglück geschehen!«

Den Gutsherr gerieth in Zorn.

»Kerl, was fällt Dir ein? Du unterstehst Dich, mir solche Dinge zu sagen? Erstens mußt Du wissen, daß man mich mit ›Excellenz‹ anredet und nicht bloß mit ›Euer Gnaden‹; zweitens bist Du schon zu alt, um noch als Soldat verwendet werden zu können, Du hast auch gar nicht die Figur dazu, und schließlich – was ist das für ein Unglück, mit dem Du zu drohen wagst. Hast Du Dir etwa vorgenommen, mir das Haus über dem Kopfe anzustecken?«

»Nein, Excellenz, an Brandstiften habe ich nicht gedacht.«

»Du willst mich also ermorden?«

Iwan schwieg einen Augenblick.

»Ich bin nun einmal kein Diener für Sie,« sagte er dann.

»Nun, ich will es Dich schon lehren! Du sollst schon erfahren, ob Du mir dienen kannst, oder nicht,« brüllte der Herr.

Er ließ Iwan streng bestrafen und befahl dann, daß ihm das Wiatka'sche Dreigespann übergeben und er als Kutscher angestellt werde.

Iwan schien sich dem Befehle zu fügen und that seinen Kutscherdienst. Da er in diesem Fache wirklich Meister war, so gefiel er seinem neuen Herrn immer mehr, und dies auch deswegen, weil er in seinem Benehmen still und bescheiden war und die Pferde bei seiner Art der Behandlung sichtlich gediehen. Die Gäule wurden mit der Zeit rund wie »Gurken« und es war ein Vergnügen sie zu betrachten.

Der Gutsherr zog ihn schließlich allen andern Kutschern vor und fuhr am liebsten mit ihm.

Einmal sagte er zu ihm: »Denkst Du noch an unsere erste Unterredung, Iwan? Damals schien es kaum, daß wir so gut zu einander passen. Nun, ich hoffe doch, daß Dir die tollen Ideen aus dem Kopfe gegangen sind.«

Iwan hatte kein Wort der Erwiderung.

Einmal, es war um den Tag der heiligen drei Könige, fuhr der Herr wieder mit Iwan in die Stadt; der Schlitten war mit Teppichen ausgelegt und hell klingende Schellen schmückten die drei Pferde. Als man sich einem Hügel näherte und die Fahrt allmälig bergan ging, trabten die Gäule nicht mehr, sondern schritten nur langsam vorwärts. Iwan sprang von seinem Kutschersitz ab und ging hinter dem Schlitten her, als suche er etwas, das er bei der Fahrt verloren.

Es herrschte eine grimmige Kälte. Der Herr saß in Pelze gehüllt und hatte eine Bibermütze bis fast auf die Augen herabgezogen. Da zog Iwan ein Beil hervor, welches er bisher unter seinem Rocke verborgen gehalten hatte, näherte sich seinem Herrn von hinten, schlug ihm die Pelzmütze vom Kopfe und sagte: »Peter Petrovitsch! Ich habe Dich gewarnt, als es noch Zeit war; jetzt hast Du keinem Andern die Schuld zuzuschreiben, als Dir selbst!«

Dann ließ er das Beil auf seinen Herrn niederfallen und spaltete ihm mit einem einzigen Schlage den Schädel. Darauf hielt er die Pferde an, setzte seinem nunmehr todten Herrn wieder die Mütze auf, und nachdem er seinen Platz auf dem Kutscherbock wieder eingenommen hätte, fuhr er weiter nach der Stadt und zwar geraden Weges zum Gericht. »Hier,« sagte er zu den Beamten, »bringe ich Euch den General Suchich, meinen Herrn, den ich erschlagen habe. Ich habe es ihm vorher angekündigt und habe nun mein Versprechen eingelöst. Jetzt bindet mir meinetwegen die Hände.«

Iwan wurde festgenommen; er kam vor die Richter und wurde zur Knute sowie zur Zwangsarbeit verurtheilt. Der einst so lustige Tänzer, der gemüthliche Spaßvogel mußte in die Bergwerke hinabsteigen – und da ist er verschollen und für alle Zeiten verschwunden.

Ja, bei solchen Erinnerungen muß man unwillkürlich Alexis Sergejewitsch Telegins Ausspruch wiederholen: Die alten Zeiten waren doch schön. Nur daß wir es in einem andern Sinne sagen.

Der Verzweifelte.

I.

Wir saßen unserer acht im Zimmer; das Gespräch drehte sich um die jüngsten Tagesereignisse und um die Menschen, die mit ihnen verbunden waren.

»Ich verstehe diese Leute und ihren Charakter gar nicht mehr,« sagte Einer der Anwesenden; »sie handeln so wild, so unberechenbar – sie benehmen sich gerade wie Verzweifelte. Ich glaube, so lange die Welt steht, ist etwas Aehnliches nicht erhört gewesen.«

»O, es ist doch schon dagewesen,« warf P. ein, ein alter Mann, dessen Haare schon silbergrau glänzten – er war in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts geboren. »Es gab auch in früheren Zeiten verzweiflungsvolle Menschen, nur glichen sie denjenigen nicht, welche wir heute als Verzweifelte ansehen. Gelegentlich eines Gespräches über den Dichter Jasykow bemerkte einmal Jemand, daß seine Begeisterung eine ganz eigenthümliche war – sie hatte nämlich nichts Bestimmtes zum Objekt; gerade so könnte man auch von den Leuten, welche ich bei meiner Bemerkung im Sinne habe, sagen, daß ihre Verzweiflung eine gegenstandslose gewesen sei. Wenn es Ihnen recht ist, will ich Ihnen die Geschichte meines Großneffen Mischa Poltew erzählen. Sie mag Ihnen als Probe dafür dienen, welcher Art die damaligen Verzweifelten waren.

Er kam, wenn ich mich recht erinnere, im Jahre 1828 zur Welt, und zwar wurde er auf dem Erbgute seines Vaters geboren im fernsten Winkel eines von jedem Verkehr abgelegenen Steppen-Gouvemements. An Mischa's Vater, Andrej Nikolajewitsch Poltew, kann ich mich noch recht gut erinnern – er war ein richtiger Steppenjunker, ein Gutsbesitzer vom alten Schlage, brav und fromm, ziemlich unterrichtet – wenigstens im Verhältniß für die damalige Zeit – im Großen und Ganzen aber, um es gerade heraus zu sagen, waren seine Geistesgaben nicht eben die bedeutendsten. Nebenbei bemerkt, er litt etwas an Epilepsie. Es ist ja eine alte Geschichte, daß in vielen unserer Adelsgeschlechter diese Krankheit erblich ist – man kann auch von ihr sagen, daß sie von altem Schlage sei. Die Anfälle, denen Andrej Nikolajewitsch unterworfen war, waren übrigens nicht heftiger Art; sie endeten gewöhnlich mit furchtbarer Abspannung, der ein tiefer Schlaf folgte. Andrej's Wesen war liebenswürdig und freundlich; man konnte ihm auch eine gewisse Würde nicht absprechen. So, wie ich ihn kannte, habe ich mir immer den Czar Michael Feodorowitsch [Michael Feodorowitsch Romanow begründete im Jahre 1613 die jetzt in Rußland herrschende Dynastie.] vorgestellt.

Andrej Nikolajewitsch's ganzes Dasein wurde ausgefüllt durch die strenge Beobachtung und Innehaltung aller von Alters her bestehenden Sitten und Gebräuche, den Sitten und Gebräuchen des strenggläubigen »alten heiligen Rußlands«. Wenn er aufstand und sich niederlegte, wenn er speiste und trank, ins Bad ging, sich belustigte oder sich ärgerte (das Eine geschah übrigens so selten wie das Andere), wenn er die Pfeife rauchte und Karten spielte (zwei große Neuerungen!), so handelte er nicht etwa nach persönlicher Laune oder nach eigenem Gutdünken, sondern nur mit geziemender Strenge so, wie seine Vorfahren zu handeln vorgeschrieben hatten.

Er war von hoher Figur und ziemlich wohlbeleibt, hatte eine sanft und etwas heiser klingende Stimme, wie man sie bei fast allen frommen Russen hört. In Wäsche und Kleidung war er peinlichst auf Sauberkeit bedacht; er trug gewöhnlich eine weiße Halsbinde, einen tabacksfarbigen Ueberrock mit langen Schößen. Aber seine adlige Abstammung kam doch, trotz dieser unscheinbaren Hülle, bei ihm immer zum Vorschein; Niemand würde ihn für einen Priestersohn oder für einen Kaufmann gehalten haben. Immer, aber wirklich in allen Lebenslagen und unter allen nur erdenklichen Umständen wußte Andrej Nikolajewitsch aufs Genaueste, was er zu thun hatte, wie er sprechen mußte und in welcher Weise er sich am besten ausdrücken sollte; bei Unfällen konnte er Medizinen und sonstige Heilmittel verschreiben und ihre Anwendung näher bestimmen; er verstand sich auf die Deutung von äußeren Anzeichen, er wußte, welche Glück oder Unglück im Gefolge haben und welchen keine Aufmerksamkeit weiter zu schenken ist – mit einem Worte: er wußte, was in jedem einzelnen Fall zu thun war. ›Unsere Altvordern‹, pflegte er zu sagen, »haben schon Alles vorausgesehen und bestimmt und wir haben nur nöthig, uns an sie als an unsere Führer zu halten. Die Hauptsache allerdings ist, daß wir stets auf Gott vertrauen und daß wir nichts ohne festen Glauben an seine Hülfe unternehmen.«