Als es leise an ihrer Tür klopfte, legte sie schnell ihr Chemiebuch auf den Umschlag.
»Herein.«
»Es schneit wieder. Wollen wir zum Teich? Wir könnten Schlittschuh laufen.«
Mary sah aus dem Fenster in die Dunkelheit. »Hmm, ich weiß nicht.«
»Ach komm, Mary, die Feuerwehr hat große Fackeln aufgestellt, damit wir was sehen können. Alle gehen hin. Das ist doch toll!«
»Geh du nur.«
»Du hast bestimmt wieder an Billy geschrieben. Wenn du mit mir Schlittschuh laufen kommst, kannst du ihm alles darüber erzählen. Er ist ein guter Schlittschuhläufer.«
Mary, die sich gerne bitten ließ, wurde ein wenig schwach. »Na ja.«
»Du kannst ihm erzählen, wer dort war, was sie anhatten, wer hingefallen ist und wie sehr du ihn vermißt.«
»Ich kann ohne ihn nicht leben. Ich denke jede Minute an ihn.«
Maizie nickte ausdruckslos.
»Du verstehst das nicht«, sagte Mary mürrisch.
»Ah - Mensch, Mary, das ist nicht fair.« Maizie zog eine Schublade auf.
»He, das sind meine Socken.«
»Wenn du nicht mitkommst, brauche ich sie.«
»Nimm deine eigenen Socken, verdammt noch mal.«
»Ich sag Momma, daß du Schimpfwörter benutzt. Wenn du Schlittschuh laufen würdest, hättest du bessere Laune und brauchtest nicht zu fluchen.« Sie zog ihre Söckchen aus und ließ sich auf die Bettkante fallen.
»Leg sie zurück!« Mary schnellte von ihrem Stuhl hoch, um sich die Socken zu schnappen.
Maizie versteckte sie hinter ihrem Rücken. »Nee.«
»Ich hab nicht gesagt, daß ich nicht mitkomme. Du hast nicht richtig zugehört.«
Maizie setzte sich auf die dicken Socken. »Lies mir deinen Brief vor, dann geb ich dir deine Socken - aber nur, wenn du wirklich Schlittschuh laufen gehst.«
»Ha!«, schnaubte Mary. »Ich les dir gar nichts vor.«
»Wie soll ich dann lernen, was es heißt, verliebt zu sein?«
Mary, die darauf brannte, ihre neu entdeckten Gefühle mitzuteilen, hob verstohlen ihr Chemiebuch hoch. »Nur zum Teil. Ich les dir nicht alles vor.«
»Okay.«
»Lieber Bill<« - sie räusperte sich -»>alles ist grau ohne dich...<«.
Maizie unterbrach sie. »Im Winter ist es immer grau.«
Hochmütig zuckte Mary die Achseln. »Du hast kein Gespür für - Poesie.« Mary faltete ihren Brief zusammen. »Ich les dir nichts mehr vor.«
»Ach komm. Ich schleif auch deine Kufen.«
Mary faltete das Blatt wieder auseinander, das Papier knisterte leicht.»>Ich denke an dich, wenn ich den Himmel sehe. Ich denke an dich, wenn ich Misteln sehe. Ich denke an dich, wenn Doodlebug bellt - immerzu. Ich denke...<«.
Fünfzehn Minuten später war Mary mit dem Vorlesen ihrer glühenden Epistel fertig.
»Wie romantisch.« Maizie ließ sich verträumt rücklings aufs Bett sinken.
Mary sprang rasch vom Stuhl und schnappte sich eine Socke, die unter Maizies Po hervorlugte. »Ätsch.«
»Da.« Maizie warf ihr die andere zu und setzte sich auf. »Was schreibt Billy?«
Mary zog einen Brief aus Parris Island, South Carolina, hervor. Die Handschrift war ein riesiges Gekrakel.
»Liebe Mary, der Ausbilder scheißt mich zusammen. Die Milben sind schrecklich. Es ist furchtbar hier. In Liebe, Bill.<«
Maizie wartete einen Moment, dann schwenkte sie die Füße auf den Boden. »Das ist alles?«
»Männer sind keine großen Briefeschreiber«, verteidigte Mary ihren lakonischen Ehemann.
Erstaunliche Reife an den Tag legend, schloß Maizie: »Wenigstens weißt du, daß er an dich denkt. Komm, wir gehen zum Teich.«
32
Tabakflecken sprenkelten Hansford Hunsenmeirs bläuliche Lippen. Trotz seiner Atembeschwerden konnte er von dem lindernden Nikotin nicht lassen. Wenn er schon sterben mußte, dann jedenfalls nach seinem eigenen Gusto.
Er zog an seiner Zigarre, und graublauer Rauch kräuselte sich zur Decke von Celestes Küche. Hansford, einen kleinen Berg Sattelzeug vor sich auf dem großen Holztisch, besaß flinke Finger. O. B. Huffstetler, Celestes Stallbursche, war mit seinen Verrichtungen im Rückstand. Der junge Mann war geschafft von seinem sechs Monate alten Kind, einem Jungen, den sie Kirk getauft hatten, aber Peepbean nannten. Peepbean, der mit einer kräftigen Lunge auf die Welt gekommen war, machte die Nacht hindurch reichlich Gebrauch davon. Niemand hatte O. B. oder seine Frau gewarnt, daß Babys die Gesundheit ebenso gefährden wie den Charakter.
Zu Hansfords Linken war das Lederreparaturwerkzeug säuberlich angeordnet, zu seiner Rechten lagen Stücke aus wertvollen englischen Leder in Havannabraun. Niemand stellte besseres Sattelleder oder besseren Stahl für Gebisse her als die Engländer.
»Julia, weißt du noch, wie du früher Pennys und Fünfer gespart hast?«, fragte ihr Vater. »Du warst noch keine drei, aber du wußtest, daß Geld etwas Besonderes ist, und hast jeden Penny aufgehoben, den dir jemand für ein Eis gegeben hat. Dann bist du über den Platz ins Bon-Ton marschiert und hast dir einen kleinen eisernen Sparelefanten mit erhobenem Rüssel gekauft. Louise hat dich ausgelacht, weil dein ganzes Geld für die Spardose draufgegangen war und du nichts mehr übrig hattest, um es reinzutun. Du hast geweint und geweint. Ich hab dir einen Penny für deine Spardose gegeben, und da hast du aufgehört zu weinen. Dann weinte Louise, weil sie meinte, ich hätte dich lieber als sie. Da gab ich ihr einen Penny, und sie war still. Du hast ihr deine Spardose zur Aufbewahrung für ihren Penny angeboten.« Er legte seine Zigarre auf einem großen Aschenbecher ab und machte sich an einem zerrissenen Kehlriemen zu schaffen. »Sie hat abgelehnt, weil sie meinte, wie solle sie dann ihren Penny von deinem unterscheiden.«
»An Louises Penny erinnere ich mich nicht.« Juts nahm sich einen geflochtenen Zügel vor, aus dem sich ein Strang gelöst hatte. Auch sie hatte geschickte Hände. »Aber die Spardose habe ich noch, und der erste Penny ist noch drin - als Glücksbringer.«
»Ist schon verrückt, was für Sachen einem plötzlich einfallen.« Er griff sich das gewachste Garn. »Maizie wünscht sich ein Kleid für eine Weihnachtsfeier. Louise will es ihr nicht kaufen. Wie wär's, wenn ich dir das Geld gebe und du kaufst dem Kind das Kleid. Wird Louise allerdings nicht freuen.«
»Louise kommt drüber weg.« Juts bemerkte einen flammend roten Kardinal, der von einem Stechpalmenstrauch im Garten aufflog. Celestes Küche war ihr Lieblingsraum in dem prachtvollen Haus. »Mir tut das Kind Leid. Sie spielt immerzu die zweite Geige nach Mary. Zum ersten Mal ist sie auf einen großen Ball eingeladen. Sie hat eine ganz andere Figur als Mary, also kann sie Marys alte Kleider nicht tragen.« Sie atmete durch die Nase aus.
Er führte den Faden durch ein Loch, das er mit einer Ahle gestochen hatte.
Cora kam herein und setzte Teewasser auf. »Ihr habt wohl was Wichtiges zu besprechen, ihr zwei.«
»Maizies Ballkleid«, sagte Hansford ohne nähere Erläuterung.
Cora nickte ihrer jüngeren Tochter zu. Sie hatte bereits drei Seiten der Geschichte gehört: Louises, Maizies und jetzt Juts'. Maizie war auf einen Ball eingeladen und hatte bei Bon-Ton das ideale Kleid gefunden, aus grünem Samt mit weißem Pelzbesatz. Juts war dabei gewesen, als sie es anprobierte, und hatte ihr gesagt, wie schön es aussehe. Aber das Kleid kostete einunddreißig Dollar, und Louise hatte sich geweigert, es auch nur in Erwägung zu ziehen.
Celeste, die einen Kimono in kräftigem Marineblau trug, stieß die Schwingtür auf.
»Ich brauche etwas Heißes.«
»Schon aufgesetzt.«
»Hmmm.« Sie betrachtete den Kessel.
»Wenn man zuguckt, kocht das Wasser nie«, sagte Cora.