33
Chessy war überrascht, als er zur Tanzstunde kam und noch zwei Paare antraf, Freunde von Trudy aus Baltimore. Sie sagte, dies sei ihr Weihnachtsgeschenk für ihn. Er habe sich zu sehr daran gewöhnt, mit ihr zu tanzen - er müsse auch mit anderen Frauen tanzen.
Nach ein paar verpatzten Anfängen stellte er fest, daß die Dame ihm folgte, wenn er sie sicher führte.
Nach der Stunde plauderte die Gruppe noch ein wenig. Weil nächste Woche Weihnachten war, war Trudy jeden Abend für Tanzveranstaltungen ausgebucht, entweder als Begleitung oder um Schwung aufs Parkett zu bringen. Die Schwestern von Gettysburg, die Töchter der Konföderation, der Kiwanis Club, der Elks Club, die Söhne von Cincinnatus, der Pilot Club, der Country Club von Nord-Runnymede... alle feierten.
Bevor er ging, gab Chessy ihr ein kleines Geschenk, in Goldpapier verpackt und mit einem roten Band umwickelt.
»Machen Sie es nicht vor Weihnachten auf.«
»Wie lieb von Ihnen!«
»Frohe Weihnachten allerseits.« Er winkte den anderen zu, als er die Tür aufmachte.
Trudy folgte ihm in den Flur. »Ich habe auch ein Geschenk für Sie.«
Er lächelte. Dies war die zweite Überraschung des Abends.
Sie sauste zurück in den Tanzsaal und kam mit einer schmalen, fast meterlangen Schachtel zurück. In der Mitte saß eine große Schleife, die aussah wie eine Papierchrysantheme mit geringelten Ranken. »Frohe Weihnachten, Mr. Smith.«
Er lachte über die förmliche Anrede. »Muß ich mit dem Öffnen bis Weihnachten warten?«
»Nein, aber wenn Sie nicht warten, sind Sie undiszipliniert.«
»Also gut.« Er trat auf die oberste Treppenstufe. »Ich beherrsche mich.«
Sie beugte sich vor und küßte ihn auf die Wange. »Frohe Weihnachten.«
Er wollte etwas sagen, errötete aber nur, worauf er sich umdrehte und die Treppe hinuntereilte.
34
Mary begutachtete ihre Schwester. Das Chiffonkleid stand Maizie ausgezeichnet. Mary war kein bißchen neidisch.
Sie hatte eine Postkarte erhalten. »Vermisse dich. Dein Billy.« Seinen spärlichen Worten entnahm sie Wogen glühender Liebe.
Der Schnee schimmerte bläulich im Zwielicht. Die Lichter der Häuser warfen goldene Sprenkel in den Schnee. In heller Aufregung fragte Maizie immerzu: »Ist er schon da?«
Louise antwortete: »Du hast noch eine Stunde Zeit, Maizie.«
»Momma, bis dahin fällt meine Frisur zusammen.«
»Nein, aber wenn du nicht still sitzt, zerknitterst du dein Kleid.«
»Wann kommt Tante Juts?«
»Wenn sie kommt. Sie muß vorher noch zur Kirche. Heute Abend werden die Lebensmittelkörbe ausgeteilt.«
»Und wann machen wir das, Mom?«, fragte Mary, obwohl sie mit den Gedanken in Billys Ausbildungslager in South Carolina war.
»Morgen. Es wäre praktischer, wenn alle Kirchen ihre Körbe für die Armen am selben Abend verteilen würden. Deine Tante bindet die Schleifen für die meisten, weil sie das so gut kann. Maizie, sitz still!«
»Mutter, die Zeit vergeht so langsam.«
»Warte, bis du so alt bist wie ich. Dann rast sie.«
Doodlebug kam hereinspaziert, auf der Suche nach etwas Eßbarem oder nach Gesellschaft, wobei das Eßbare Priorität hatte.
»Maizie, hast du deinen Dankesbrief an Mrs. Chalfonte schon geschrieben?«
»Wie kann ich mich bei ihr bedanken, bevor ich auf dem Ball war? Ich muß ihr doch erzählen, wie's war.«
Louise nahm ein Blatt Papier und einen Umschlag aus dem kleinen Sekretär in der Ecke. »Schreib wenigstens schon mal die Adresse auf den Umschlag. Ich kenne dich. Du schiebst das Schreiben vor dir her, und ich bin dann blamiert.«
»Nein, tu ich nicht.« Maizie setzte sich an den Sekretär.
Sie schrieb: »Mrs. Ramelle Chalfonte.«
Ehe sie die Anschrift hinzufügen konnte, hielt Mary das Ende ihres Federhalters fest. »Falsch.«
»Was ist falsch?« Maizie runzelte die Stirn.
»Mom, sie muß>Mrs. Curtis Chalfonte< schreiben, nicht?«
Louise beugte sich über Maizies Schulter. »O Maizie, du weißt doch, wie es sich gehört.«
»Wie denn?« Maizie, ohnehin schon kribbelig, wurde gereizt.
»Man spricht eine Dame mit ihrem Ehenamen an. >Mrs. Ramelle Chalfonte < würde man nur schreiben, wenn ihr Mann tot wäre.«
»Mutter, Ramelle ist das egal.«
»Ob ihr Mann tot ist oder nicht?«, zog Mary sie auf.
»Du weißt genau, was ich meine.« Maizie knallte den Federhalter auf den Sekretär. Tinte spritzte auf die lederne Schreibunterlage.
»Du Schwachkopf!« Louise schnappte sich den Federhalter. »Wenn was auf das Kleid kommt, krieg ich das nie wieder raus.«
»Entschuldigung.« Maizie ließ den Kopf hängen. Sie zog einen neuen Umschlag aus dem Fach und schrieb die korrekte Anschrift. »Da.«
»So, und morgen früh schreibst du ihr als erstes einen Dankesbrief, verstanden?«
»Ja.«
»Wieso hat Ramelle Celestes Bruder geheiratet?«, fragte Mary unbefangen.
»Weil sie Celeste nicht heiraten konnte«, antwortete Maizie ungeniert.
»Maizie, wie kommst du nur auf solche Ideen?« Louise war entrüstet.
»Das ist doch kein Geheimnis.« Maizie zuckte die Achseln.
»Fräulein Allwissend. Du hast keine Ahnung von der Beziehung zwischen Celeste und Ramelle. Niemand weiß, was hinter geschlossenen Türen vorgeht.«
»G-Mom schon.« Maizie schob trotzig das Kinn vor.
Louise seufzte. »G-Mom sollte die Klappe halten.«
»Mom, das schert doch keinen«, sagte Mary.
»Halt du dich da raus.« Louise schürzte die Lippen, die heute weihnachtsrot geschminkt waren. »Maizie, zappel nicht so herum. Du ruinierst sonst das Kleid. Wenn du einen Tropfen Saft auf das Kleid spritzt, dreh ich dir den Hals um, bis dir die Augen rausquellen. Hast du mich verstanden?«
»Ja.«
Juts steckte den Kopf zur Hintertür herein und stieß den Zweisigpfiff aus.
Maizie eilte in die Küche. »Tante Juts, wie findest du's?«
»So was Hübsches habe ich noch nie gesehen.« Juts warf ihren Schal über einen Stuhl. »Psst.« Juts drückte Maizie einen hellen Lippenstift in die Hand. »Laß das deine Mutter nicht sehen.«
»Danke.« Maizie zog vor Entzücken die zierliche Nase kraus.
»Und versuch nicht, ihn ohne Spiegel aufzutragen. Für den Trick braucht man Jahre.«
Ein Gepolter draußen, gefolgt von einem Klopfen an der Tür, verkündete die Ankunft von Maizies Begleiter. Angus trug eine rote Fliege und einen Kummerbund zu seinem gemieteten Frack. Louise begrüßte ihn.
»Da.« Er reichte Maizie ein Anstecksträußchen aus Orchideen.
»Soll ich es ihr anstecken?«, erbot sich Mary.
Angus nickte, und Louise winkte seinem Vater zu, der den alten Oldsmobil fuhr.
Juts reichte Angus Maizies Mantel. Er half ihr hinein, alle verabschiedeten sich höflich, und Louise lehnte sich an die Tür, als Maizie die Zufahrt hinunterzockelte.
»Seit letztem Weihnachten bin ich um zehn Jahre gealtert. Zwei Töchter. Probleme im Doppelpack. Warum gerade ich, o Herr?«
»WeilEr die Schnauze voll von dir hatte«, antwortete Juts.
»Das ist nicht komisch.« Louise trat ans Fenster und winkte, bis das Auto um die Ecke verschwand.
Mary, die keine Lust hatte, sich eine Litanei ihrer Verfehlungen anzuhören, verzog sich. »Ich geh nach oben, lernen.« »Lüg mich nicht an. Du gehst nach oben, um Billy wieder einen Roman zu schreiben. Der Junge wird noch blind vom Lesen deiner Briefe. Ich kann deine Handschrift kaum entziffern.«
»Es hilft, wenn du eine Brille aufsetzt.« Juts hatte Hunger.