»Ich brauch keine Brille.«
»Tatsächlich? Mir ist aufgefallen, daß du die Zeitung so weit vom Gesicht hältst, wie deine Arme reichen.«
»Das tun doch alle.«
Mary schlich auf Zehenspitzen nach oben.
Louise schleppte Juts in die Küche, wo Juts den Kühlschrank aufmachte und sich vom Käse ihrer Schwester bediente. Sie setzten sich an den Tisch.
Louise runzelte die Stirn. »Weißt du, ich hab so ein schlechtes Gewissen. Ich habe Maizie heute Abend einen Schwachkopf genannt.«
»Das hat sie längst vergessen. Sie ist viel zu aufgeregt.«
»Julia, manchmal sage ich was und meine es gar nicht so. Es rutscht mir einfach so raus.«
»Ich weiß.«
»Was soll das heißen?«, fragte Louise verärgert.
»Das heißt, ich weiß - mir geht es genauso.«
»Aber ich frage mich, woran werden sich Mary und Maizie mal erinnern? Werden sie mich als garstige Mutter in Erinnerung behalten? Manchmal bringen sie mich einfach auf die Palme, und ich habe das Gefühl, wenn ich ihre Stimmen oder das Wort>Mutter< noch einmal höre, fang ich an zu schreien. Und dann flutscht mir irgendeine Gemeinheit aus dem Mund.«
»So geht es doch allen.«
»Pearlie nicht.«
»Männer zählen nicht.«
Darauf mußte Louise lachen. »Das ist mal was Neues. Zumal, wenn's von dir kommt.«
»Du weißt, was ich meine. Sie werden anders erzogen. Sie fressen mehr in sich hinein. Sie denken vermutlich genauso viel gehässiges Zeug wie wir, aber sie sprechen es nicht aus.«
»Also, ich weiß nicht. Paul kommt oft nicht mal auf die naheliegendsten Dinge. Ganz einfache Sachen, wie zum Beispiel den Mädchen zu sagen, daß sie hübsch aussehen. Das ist kein gutes Beispiel, aber du verstehst, was ich meine.«
»Chester ist genauso.«
»Ihnen fehlt ein Teil im Gehirn. Ich weiß nicht genau, welches, aber sie haben irgendwo da oben ein Vakuum. Ich fürchte manchmal, daß Paul alles in sich verschließt, und dann macht es bumm.« Louise hob beide Hände. »So war es mit Hansford.«
»Ja, er ging hoch wie eine Rakete und kam runter wie ein Stock.« Juts hielt einen Augenblick inne. »Glaubst du wirklich, Pearlie könnte Wut oder Eifersucht oder sonst was in sich verschließen und eines Tages explodieren?«
»Ich weiß nicht.«
»Mir kommt er ziemlich ausgeglichen vor. Mach dir keine Sorgen. Du hast schon genug im Kopf.«
»Ich bin vierzig. Vor dir geb ich's ja zu«, flüsterte sie. »Du weißt es sowieso, aber ich wünschte, du würdest in der Öffentlichkeit nichts über mein Alter sagen. Warte nur, bis du so weit bist. Ich werde dich nicht damit aufziehen.«
»Versprochen?«
»Versprochen. Aber hier stehe ich mit vierzig, und ich habe das Gefühl, ich müßte etwas wissen, aber ich weiß nicht, was.« Louise drehte hilflos die Handflächen nach oben.
»Vielleicht gibt es nichts zu wissen, Wheezie. Vielleicht legen wir uns alles auf dem Weg zurecht.«
»Nein. Es muß mehr dahinter stecken.«
»Das glaube ich nicht. Das Leben ist ein Scheißspiel - der Schuß für 25 Cents. Wenn dir kalt ist, ist dir kalt, und wenn dir heiß ist, ist dir heiß.«
Sie saßen eine Weile still da, dann sagte Louise: »Ich habe Angst, daß das Leben an mir vorüberzieht.«
Juts stand auf und umarmte ihre Schwester. »Nein. Das Leben kann nicht an uns vorüberziehen. Wir sind das Leben.«
35
Jedes Jahr zogen die Weihnachtssänger in vier Gruppen auf den Hauptstraßen Hanover Street, Baltimore Street, Frederick Road und Emmitsburg Pike zum Platz. Wer über Schlitten, Heuwagen, Karren, Einspänner, Zweispänner oder andere Pferdefuhrwerke verfügte, war den Fußgängern voraus. Decken für Menschen und Tiere, Weidenkörbe bis obenhin voll mit Lebensmitteln, Krügen mit Flüssignahrung unterschiedlicher Ausprägung, Äpfeln und Mohrrüben für die Pferde, wurden auf den Wagen geladen.
Engelchen, meist von einem berittenen Erwachsenen begleitet, saßen rittlings auf ihren Ponys. Viele Häuser in Runnymede hatten auf ihrer Rückseite einen Stall, der aus demselben Material gebaut war wie das Haupthaus.
Bei so vielen Menschen, die durch den knirschenden Schnee zogen, war es ein Wunder, daß überhaupt noch jemand zu Hause geblieben war, um die Sänger zu empfangen. Die kleinen Ziegelhäuser, die vereinzelten Holzhäuser und die prächtigeren Steinhäuser hatten große Kränze an den Türen und Mistelzweige in den Torwegen hängen; Kerzen in den Fenstern hießen die Sänger willkommen.
Jedes Jahr trieb Mary Miles Mundis ihren Mann Harry an, einen Baum weiß zu sprühen. Noch Tage danach lief er mit weißen Farbklecksen auf Gesicht und Händen in der Stadt herum. Dann hängte Mary Miles, von allen M.M. genannt, riesige glänzende rote Kugeln und rote Girlanden an die Zweige. Der Baum erregte Aufsehen und spornte Junior McGrail und Caesura Frothingham, die Nachbarinnen zur Rechten und zur Linken, zum Wettstreit an. Auch sie drangsalierten Ehemänner, Söhne, Arbeiter und Freunde, Bäume weiß zu sprühen. Junior schmückte ihren mit dem Smaragdgrün Irlands; schließlich war sie eine McGrail, wenn auch nur durch Heirat. Caesura verzierte ihren Baum mit königsblauen Kugeln und goldenen Girlanden, sehr unionsgemäß.
Julia Ellen behängte ihren Baum mit allem, was sie finden konnte, wogegen Louise, die sich für die Stardekorateurin der Weihnachtsbaumwelt hielt, einen Laubbaum mit weißer Watte umhüllte, dann bunte Kugeln, Preiselbeerstränge als Girlanden und ganze Ladungen Lametta daran hängte und das Ganze mit einem großen Engel krönte.
Bei Celeste, die die höchsten Räume in Runnymede hatte, prunkte der größte Baum - Stützdrähte waren nötig, um ihn aufrecht zu halten -, abgesehen von dem, der genau in der Mitte vom Runnymede Square stand.
O. B. Huffstetler hatte Celestes zwei identische Reitpferde gestriegelt. Sie spannte sie gern ein, weil es sie an die prächtigen Karossen erinnerte, die sie als kleines Kind in der Rotten Row im Londoner Hyde Park gesehen hatte. So herrlich die Pferde aus der Zucht der Hanover Shoe Farm waren, sie unternahm die strapaziöse Reise nach Kentucky, um Reitpferde zum Fahren zu kaufen. Diese beiden graubraunen Stuten hießen Minnie und Monza. Minnie hatte einen Stern auf der Stirn, Monza eine Blesse im Gesicht.
Bei Sonnenuntergang herrschte in den kleinen und großen Ställen rund um Runnymede fieberhafte Geschäftigkeit.
Zwei lange Übergurte mit Glocken verschiedener Größe wurden Minnie und Monza übergestreift. An ihren Brustblättern klingelten Glocken. Die Rosetten, wo die Stirnriemen mit den Genickstücken zusammenkamen, trugen kleine Glöckchen, ebenfalls die Schweifriemen bis zum Kammdeckel. Auch auf jeder Seite des Schlittens hingen zwei Silberglocken. Celeste kutschierte, Ramelle saß neben ihr. Julia, die liebend gern Schlitten fuhr, hatte sich neben Chester und Louise gekuschelt. Pearlie saß ihnen gegenüber.
Mary und Maizie, die es für unter ihrer Würde hielten, mit ihren Eltern gesehen zu werden, sangen in der Gruppe, die über den Emmitsburg Pike zog.
Celeste und ihre Gesellschaft fuhren auf der Frederick Road.
Cora und Hansford trafen sich mit Walters Vater, Martel Falkenroth, einem Jugendfreund von Hansford. Martel fuhr einen Schlitten, den er zur Zeit des Spanisch-Amerikanischen Krieges bei den Amish gekauft hatte.
Als die einzelnen Gruppen an ihren jeweiligen Treffpunkten eintrafen, war das Geschrei der Kinder über die gesamte Mason-Dixon-Grenze zu hören.
Die Weihnachtssänger, die an jedem Haus anhielten, wurden mit Essen, Getränken und Jubel überhäuft. Oft packten sich die Bewohner warm ein und schlossen sich ihnen an, so daß die Stimmen weiter anschwollen, je näher sie dem Platz kamen.
Maizie, die auf dem Ball den Vogel abgeschossen hatte, tauchte nicht nur aus dem Schatten ihrer Schwester auf, sie schoß darunter hervor. Von Freunden umringt, viele von ihnen Jungen und im Kreis der Mädchen besonders willkommen, glühte Maizie vor Verzückung. Mary, die im Beisein ihrer Freundinnen stets geschickt ein paar Tränen um Billy verdrückte, nahm diese Verwandlung zunächst gar nicht wahr. Als sich der Umzug jedoch auf dem Pike nach Osten bewegte, wurde ihr schließlich klar, daß ihre kleine Schwester die Ballkönigin war. Es wollte ihr nicht in den Kopf, daß dieses Würmchen zu einem Schmetterling erblüht war. Mary fing sich wieder. Maizie war kein Schmetterling, sie war eine Motte. Sie, Mary, war der Schmetterling. Maizie mochte wohl eine von den hübschen Motten sein. Andererseits, was nützte es, ein Schmetterling zu sein, wenn es niemand merkte?