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Als sie noch einen Häuserblock vom Platz entfernt waren, konnten die Weihnachtssänger auf der Frederick Road die ande­ren hören, die auf den verschiedenen Straßen herangezogen kamen. Ein Kribbeln fuhr Juts über den Rücken, als sie die Stimmen aus den drei anderen Richtungen nahen hörte. Sie erinnerte sich, wie sie es als Kind zum ersten Mal gehört hatte. Mit fünf hatte sie mit den Weihnachtssängern mitziehen dürfen, hatte aber erschöpft aufgegeben und mußte von ihrer Mutter auf den Schultern getragen werden. Damals war ihr die Nacht ma­gisch erschienen, und sie war heute magisch. Groß glitzerten die Sterne am kristallklaren schwarzen Himmel. Der Mond, von einem pulsierenden Schein umgeben, lächelte zu ihnen herun­ter. Die gebogenen Straßenlaternen warfen einen warmen Schimmer auf den festgestampften Schnee.

Als die Gruppen den Platz erreichten, stimmten alle »Adeste Fideles« an, wobei sie sich gegenseitig zu übertreffen suchten, und näherten sich so dem riesigen symmetrischen Baum. Dar­unter saß Patience Horney, stocktaub, und jaulte nach Herzens­lust. Sie hatte ihren Brezelkarren neben sich.

Der dicke Digby Vance, Kapellmeister der High School von Süd-Runnymede - hinter seinem Rücken Tonne und von Cele­ste Tonneau genannt - trat vor und hob seinen Taktstock. Alle verstummten.

»Adeste Fideles<«, sagte er.

Hunderte von Stimmen erschallten synchron:»Adeste fideles, Laeti triumphantes...<«.

Die kleine Barbara Tangerman schrie, als ihr Pony durchging. Sie war nicht in Gefahr, aber das Pony hatte genug - nicht so sehr von dem Gesang als von Barbara. Bucky Nordness, der auf seinem braven Target ritt, setzte ihr nach. Nur gut, daß er im Sattel geblieben war. Alle anderen waren abgesessen und hiel­ten ihre Pferde am Zügel. Bucky holte Toothpaste vor dem Bon-Ton ein, wo das Pony stehen geblieben war, um die großen Schaufenster zu bewundern, die mit dem Weihnachtsmann und seinen Rentieren geschmückt waren. Barbara Tangerman war in den Schnee geplumpst und heulte, aber ihr war bei ihrem Aben­teuer nichts passiert. Toothpaste, angetan von den Rentieren, wollte Target nicht folgen. Mit Äpfeln gelockt, fügte er sich schließlich.

Als sie>The First Noel< und>God Rest Ye Merry, Gentlemen sangen, fiel Julia auf, daß einige Männer schon in Uniform wa­ren. Die im Ersten Weltkrieg gedient und sich dank besonderer Qualifikationen wieder hatten verpflichten können, trugen ihre Uniformen. Die jungen Männer, die bald aufbrechen sollten, beneideten sie.

Rillma Ryan, die über die Feiertage zu Hause war, sang mit der Gruppe auf der Baltimore Street - und brachte durch ihre bloße Anwesenheit die Männer in Wallung.

Während Juts das ganze Glück in sich aufsog, fiel es ihr schwer zu glauben, daß jemand in dieser Gruppe oder in einem der behaglichen Häuser Noe Mojos Betrieb niedergebrannt hatte. Sie verdrängte den Vorfall, doch er tauchte immer wieder auf, wie Kopfweh. Sie würde die Menschen nie verstehen. Die­se Erkenntnis vertrieb das Kopfweh.

Andere Gedanken an den Krieg schlichen sich ein. Wie feierte man wohl das Fest in Paris? Oder London? Und wie stand es in Berlin - feierte man dort Weihnachten in dem Glauben, im Recht zu sein? Sie hatten schließlich den verfluchten Krieg angefangen. Warum mußten sie in Polen oder in die Tschecho­slowakei einmarschieren? Dachte Hitler wirklich, die westli­chen Mächte würden nicht kämpfen?

Sagte man der deutschen Bevölkerung die Wahrheit? Viel­leicht wußten sie da drüben nicht Bescheid?

Ein Frösteln durchfuhr sie.Vielleicht wissen wir auch nichts. Sagt man uns die Wahrheit?

Wenn Popeye Huffstetler ein Musterbeispiel der freien Presse ist, dann gnade uns Gott, dachte sie.

Dann dachte sie an das große Plakat im Postamt. Es zeigte Menschen beim Schwatzen in einer Rüstungsfabrik, hinter ih­nen ein von Torpedos getroffenes sinkendes Schiff.>Pst, Feind hört mit<, stand als Warnung darunter.

Die Sänger hatten>It Came upon a Midnight Clear< ange­stimmt, Juts' liebstes Weihnachtslied.

Sogar Mutter Smith auf der anderen Seite des Baumes schien sich zu freuen.

Maizie fragte Cora, ob sie glaube, daß die Menschen in Deutschland Weihnachtslieder sängen.

»Das nehme ich an.« Cora gab ihr einen Doughnut mit rotem Zuckerguß. Diese Sorte hatten die Yosts eigens zu diesem An­laß gebacken.

»Ich versteh das nicht.« Maizie blinzelte.

»Was?« Cora behielt den Taktstock im Auge.

»Dann sind sie wie wir.«

»Mehr oder weniger.« Cora war startbereit für>Good King Wenceslas.<

Maizie sang mit ihrer Großmutter. Die Erwachsenen machten das Leben kompliziert. Wenn sie in der Welt zu sagen hätte, würde es keine Kriege geben, das stand für Maizie fest.

Nach dem Gesang tauschten die Menschen Nettigkeiten, Küs­se, Umarmungen, Speisen und Getränke aus. Die bittere Kälte wurde mit innerem Feuer bekämpft. Für einen Abend wurden häusliche Querelen beiseite geschoben, finanzielle Nöte vergessen, zerbrochene Liebschaften übergangen und alte Feindschaf­ten unterdrückt. Der Heilige Abend in Runnymede war dem Himmel so nahe, wie es menschenmöglich war.

Juts schwebte auf einer Wolke nach Hause, bis sie die Tür öffnete und entdeckte, daß ihre Dekorationen zerfetzt, die Ge­schenkpäckchen unter dem Baum zerrissen und die Kugeln, bis zu einer Höhe, die Yoyo erreichen konnte, in glitzernden bunten Splittern auf dem Boden zerschellt waren.

Dies war der schlüssige Beweis dafür, daß Katzen keinen Sinn für Weihnachten haben - ja vielleicht nicht einmal Christen sind.

36

Beim Weihnachtsessen bei Cora aßen alle wie die Scheunendre­scher.

Juts hob ihr Glas. »Auf 1942, Louise. Bis Mai haben wir Fla­vius alles zurückgezahlt.«

»Bis auf den letzten Penny.« Chessy stieß mit seiner Frau an.

»Auf das Ende dieses Krieges, bevor - ihr wißt schon.« Mary hob ihr Glas.

Alle tranken und plauderten und beschenkten sich. Juts erging sich in Oohs und Aahs über das schöne goldene Armband, das sie von Chester bekam. Sie vermutete, daß die Ohrringe, die sie gern gehabt hätte, für seine Mutter bestimmt waren, die blöde Kuh. Ihr würden sie viel besser stehen. Trudy hatte Chester einen Spazierstock geschenkt. Er hatte ihn im Laden ausge­packt. Chester hatte Trudy die goldenen Muschelohrringe ge­schenkt. Er wußte nicht genau, ob es sich schickte, ihr Ohrringe zu schenken - vielleicht hätte er Parfüm nehmen sollen -, aber die Ohrringe paßten zu ihr.

Pearlie stand auf. »Ich geh Patience Horney holen.«

»Ach ja?« Louise roch den herrlichen Duft von Kirschholz im Kamin.

»Ihre Angehörigen sind alle tot, und sie ist allein. Ist mir ge­rade eingefallen.«

»Wirklich? Ist Rollie Englehard dieses Jahr gestorben?« Juts verlor den Überblick über die Zeit. »War das dieses Jahr?«

Rollie war Patiences letzter noch lebender Cousin gewesen.

»Ich glaube schon«, erwiderte Cora.