»Bin gleich wieder da.« Pearlie griff nach Hut und Mantel. Chessy begleitete ihn.
Zwanzig Minuten später kamen sie mit Patience zurück, die so glücklich war, daß sie unentwegt brabbelte. Das trieb den anderen die Tränen in die Augen, nicht nur, weil es sie freute, Patience glücklich zu sehen, sondern weil jeder von ihnen eines Tages in Patiences Lage geraten konnte. Niemand sieht voraus, was geschieht. Und es geschieht verdammt schnell.
37
Mary Miles Mundis behauptete, sie hätte den sechsten Sinn - eine schicke Vorstellung, da die meisten Menschen noch nicht mal ihre ersten fünf Sinne beisammen haben: Der Mensch nimmt wahr, was er wahrnehmen will.
Bei Chester, dem es nicht gegeben war, Streit zu suchen, um seine Intelligenz unter Beweis zu stellen, gingen solche Denkweisen zum einen Ohr hinein und zum anderen hinaus. Er gehörte zu den Männern, die ihre Frauen dazu treiben, ständig zu fragen: »Hörst du mir überhaupt zu?« Chessy grübelte nicht über den sechsten Sinn nach, aber wenn er ein wenig mehr auf sich und andere geachtet hätte, dann hätte er gewußt, was da um die Ecke gerasselt kam wie ein entgleister Straßenbahnwagen. Vielleicht hätte er sich retten können.
Um fünf verließ er die Eisenwarenhandlung, um seine Mutter zu besuchen. Sie rollte gerade Pastetenteig aus und drohte ihm mit dem Nudelholz. »Du kommst spät.«
Augenbohnen brodelten in einem Topf auf dem Herd, denn an Neujahr, das am kommenden Abend um 0 Uhr 01 begann, mußte sie Augenbohnen essen, weil sie ihr Glück brachten. Mutter Smith kochte sie erst, ließ sie dann bei ganz kleiner Hitze köcheln, gab hin und wieder Wasser und Sirup zu.
Chester erwiderte nichts, sondern ging in den Keller, um nach der Heizung zu sehen. Der Kohlenlieferant hatte die Tür zur Kohlenrutsche offen gelassen, und die eisige Luft wehte herein. Chessy schloß die Tür und schaufelte Kohlen in den Heizkessel. Er klopfte sich den Staub ab, als er die Holztreppe hinaufging, die bei jedem Schritt hallte. »Tommy hat die Tür aufgelassen.«
»Dieser Junge.« Sie schüttelte den Kopf. »Der wird nie imstande sein, das Geschäft seines Vaters zu übernehmen.«
»Er hat sich verpflichtet. Vielleicht ist er reifer, wenn er nach Hause kommt.«
»Tom West hat sich verpflichtet?«
»Zur Armee. Ted Baeckle hat mir erzählt, er hat bei dem Eignungstest so gut abgeschnitten, daß er nach der Grundausbildung auf die Offiziersschule gehen wird.«
»Das ist erstaunlich.«
»Ich weiß nicht, Mutter, vielleicht ist Tommy West einfach nur zur rechten Zeit am falschen Ort. West und Co. kann auch jemand anders leiten.«
»Lächerlich. Wo hast du bloß diese Ideen her? Von Juts?« Sie blinzelte.
»Weißt du, Mutter, ich habe in letzter Zeit viel nachgedacht. Und bin selbst ein wenig erstaunt.« Sein Tonfall war scharf. »Mir ist klar geworden, daß ich nicht dich und Juts zugleich glücklich machen kann. Wenn ich etwas für dich tue, regt sie sich auf. Wenn ich etwas für sie tue oder ihrer Meinung bin, regst du dich auf. Ich habe beschlossen, es mir selbst recht zu machen. Dann ist wenigstens einer glücklich.« Weg war er.
Es schneite wieder, also fuhr Chessy langsam zur Tanzschule und parkte wie immer in der Gasse. Er nahm zwei Stufen auf einmal und stieß die Tür auf. Trudy trug die hübschen goldenen Muschelohrringe.
»Laß uns tanzen.« Er lachte, riß sie in seine Arme und küßte sie. Leidenschaftlich erwiderte sie den Kuß. Eins stand fest, für Chester Smith würde das Jahr 1942 anders aussehen als das Jahr 1941.
38
Yoyo kuschelte sich in die Wolldecke, die Juts sich um die Beine gezogen hatte, als sie sich vor dem lodernden Feuer auf dem Sofa niedergelassen hatte. Buster lag, den Kopf auf den Pfoten, vor Juts auf dem Boden, weil Yoyo ihn nicht aufs Sofa ließ.
»Ich hab dir ja gesagt, du sollst beim Weihnachtssingen, einen Hut aufsetzen.«
Louises Vorhaltungen waren in diesem Augenblick nicht willkommen. »Das sagst du jedes Mal, wenn auch nur ein Tropfen Feuchtigkeit in der Luft liegt, Louise. Du brauchst dir nichts drauf einzubilden, daß du ausnahmsweise mal Recht hattest.«
»Du bist keine brave Patientin.« Louise gab ihr einen heißen Tee. »Komm, Juts, trink einen Schluck davon.«
»Silvester, eine meiner Lieblingsnächte im ganzen Jahr, und ich liege krank zu Hause. Das ist genauso schlimm wie damals, als ich Weihnachten die Masern gekriegt habe.«
»Das war 1909!«
»Na und?« Juts kuschelte sich tiefer in die Decke und schob dabei die Zeitung auf den Boden.
Die Schlagzeile desClarion lautete: »Düsseldorf bombardiert.«
Wheezie hob die Zeitung auf und legte sie ordentlich zusammen. »Jetzt kriegen es die Deutschen wohl heimgezahlt.«
»Man hätte meinen sollen, sie wären so schlau einzusehen, daß, wenn sie London bombardieren, die Engländer über den Kanal fliegen und sie bombardieren.« Sie setzte sich etwas gerade auf und griff nach der Teetasse. »Kannst du dir das vorstellen, Wheezie, du bist hoch in der Luft, und vom Boden her wird auf dich geschossen, und andere Flugzeuge kommen und knallen dich vom Himmel runter? Ich kann es mir eigentlich nicht vorstellen, und dann die kalte Luft, wenn die Bombenklappen aufgehen.« Sie schauderte.
»Ich könnte zu Lande kämpfen, aber ich könnte kein Pilot oder Seemann sein.« Louise verschränkte die Arme. »Ich möchte jederzeit festen Boden unter den Füßen haben. He, wo ist Chessy?« »Ziviler Luftschutz, Dringlichkeitsversammlung. Er lernt das Morsealphabet und Flaggenwinken.«
»Wenn die Japaner Pearl Harbor von Flugzeugträgern aus bombardiert haben, warum können die Deutschen das nicht auch?«, fragte Louise.
»Haben die Deutschen Flugzeugträger?«
»Weiß ich nicht, aber sie haben U-Boote.« Louise blickte ins Feuer.
»Ich glaube, ich sollte ihn mit dir und Pearlie auf die Feier gehen lassen, was meinst du?«
»Hm, er kann nicht tanzen. Dann sitzt er bloß rum und guckt uns zu.«
»Trinken und Konfetti werfen kann er so gut wie ihr alle.« Juts' Lachen ging in Husten über.
Buster bellte, bevor die Ohren der Menschen das Reifengeräusch wahrnehmen konnten. Wenig später hörten Juts und Louise das Auto und sahen die Lichter, die kurz darauf ausgeschaltet wurden.
Chessy stieß die Hintertür auf, den Arm voller Lebensmittel. »Hallo.«
»Hallo, Chess.« Louise ging in die Küche, um ihm die Tüten abzunehmen. »Die Patientin ist« - sie senkte die Stimme - »brummig.«
»Ihr sprecht über mich«, rief Juts aus dem Wohnzimmer. »Ich weiß es.«
Chester ging auf Zehenspitzen ins Wohnzimmer, seine Miene war ernst. »Wir haben über dich gesprochen.« Er schüttelte den Kopf. »Tuberkulose. Das Ende naht.«
Aus der Küche, wo Louise die Lebensmittel wegräumte, erklang ein Choral.
»Du würdest das nicht komisch finden, wenn du am Silvesterabend krank wärst«, schmollte Juts.
Louise kam mit Orangensaft und einer Flasche Gin, Silvesterhütchen und Fähnchen herein. »Juchhu!«
Juts lächelte. »Chester, war das deine Idee?«
»Ja.«
»Ich tu nur einen ganz kleinen Schuß Gin in den Orangensaft, weil du krank bist. Du wirst sturzbesoffen, wenn du nicht aufpaßt.« Louise maß den Gin ab, goß ihn in einen großen Glasbecher, gab den Orangensaft dazu und mischte den Drink. Dann schenkte sie die helle Flüssigkeit in Martinigläser, die Chester zur Feier des Tages herausgeholt hatte.
»Heißt das, ich soll mich betrinken, und du läßt mich dann allein?«, fragte Juts ihren Mann beschwörend.
»Nein, es heißt, wir feiern unser eigenes Fest.« Er setzte ein Hütchen auf.
Louise setzte sich auch eins auf, dann bückte sie sich, um Buster zurechtzumachen, der den Kopf hin- und herschlug und versuchte, das Ding abzuschütteln, was ihm schließlich auch gelang. Yoyo beäugte Louise mißtrauisch. Louise versuchte gar nicht erst, ihr ein Hütchen aufzusetzen.