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Juts suchte sich ein lila Hütchen mit einer kleinen knallgrünen Quaste aus. »Junior McGrails Farben«, ulkte sie. Sie hob ihr Glas. »Prost.«

»Auf ein frohes, gesundes neues Jahr.« Louise hob ihr Glas, aus dem sie nicht trank, um ihrem Ruf, keinen Alkohol zu trin­ken, gerecht zu werden. Gelegentlich vergaß sie es, doch heute hatte sie ihren tugendhaften Abend.

»Louise.« Juts forderte sie mit einer Handbewegung zum Trinken auf.

»Nein, ich glaube, ich schenke mir ein Glas Orangensaft ein.«

»Dann brauchst du den hier ja nicht.« Chester kippte ihren Drink herunter.

Als es draußen hupte, sprang Louise auf. »Mach's gut, Schwesterherz, frohes neues Jahr, gute Besserung.«

»Bis Freitag geht es mir wieder so gut, daß ich arbeiten kann, keine Sorge.«

»Okay.«

»Frohes neues Jahr, Chester.« Louise küßte ihn auf die Wan­ge, bückte sich und gab Juts einen Kuß, dann schwirrte sie aus der Tür.

»Gehst du nicht mit?«

Chester schüttelte den Kopf. »Ohne dich macht es keinen Spaß.«

»Im Ernst?«

»Im Ernst.« Er schaltete das alte Radio ein. Sie sangen mit, schwenkten ihre Lärminstrumente, worauf Buster zu bellen anfing. Yoyo ignorierte die ganze würdelose Prozedur. Chester fühlte sich nicht wie ein untreuer Ehemann. Es war eigenartig, aber irgendwie liebte er Juts mehr als vorher.

Um Mitternacht ging er mit einem großen Topf und einer Kel­le nach draußen, um das neue Jahr einzuläuten. Juts brüllte »Frohes neues Jahr« und schlief danach prompt ein.

39

Von Pearl Harbor abgesehen schien der Krieg noch weit ent­fernt, aber wenn Juts über die rutschigen Wege auf dem Platz schlitterte oder, mit eingezogenen Schultern die Kälte abweh­rend, bei Yosts Doughnuts kaufte, sah sie immer weniger junge Männer.

Albert Barnhart, Lillian Yosts jüngerer Bruder, war der Letz­te, der eingezogen wurde. Er ging zur Küstenwache. Im Scherz sagte er zu den Hunsenmeir-Schwestern, er tue das nur, damit er einen kostenlosen Haarschnitt und Lillian ihre Fingernägel ma­nikürt bekäme.

Weil sie nicht weniger patriotisch dastehen wollten als der Dickmops auf der anderen Seite des Platzes, hatten Juts und Louise eine große, kostspielige Anzeige in denClarion und in dieTrumpet gesetzt und einen kostenlosen Haarschnitt für Sol­daten und eine Maniküre zum halben Preis für deren Ehefrauen, Mütter, Schwestern und Freundinnen angeboten. Der Laden brummte.

Von beiden Bürgermeistern schwer bedrängt, erklärte sich Ce­leste bereit, sich beim Roten Kreuz zu engagieren, was endloses Spendensammeln bedeutete. Chessy übernahm dafür weitere Pflichten beim Zivilen Luftschutz. Seine Tanzstunden am Dienstagabend behielt er bei. Gelegentlich ging er, wenn er Buster ausführte, in Trudys kleine Wohnung, aber das konnte er nicht zur Gewohnheit machen.

Der Zivile Luftschutz gewann Louise, Fannie Jump Creigh­ton, Lillian Yost, Agnes Frost und die ganze Familie BonBon, soweit sie über achtzehn waren, für sich. An Männern schlossen sich Digby und Zeb Vance sowie O. B. Huffstetler an. Chessy mußte auch Runnymedes zwei Sheriffs ausbilden. Celeste ließ ihre Verbindungen in Washington spielen, um an die neuesten Instruktionsfilme zu kommen.

Die Ausbildung war härter, als die Freiwilligen erwartet hat­ten. Juts und Louise erlernten das Morsealphabet mühelos, aber Lillian Yost hatte schwer damit zu kämpfen.

In ihren Armee-Uniformen, Restbestände aus dem Ersten Weltkrieg, exerzierten sie mit Holzgewehren, bis sie Blasen bekamen. Fannie Jump nörgelte, das Exerzieren sei absurd. Ihre Aufgabe sei es, Flugzeuge zu identifizieren und die Bewohner im Falle einer Bombardierung in Sicherheit zu bringen. Wütend warf sie ihr Holzgewehr hin. Chester befahl ihr mit seiner tief­sten Baritonstimme, es aufzuheben. Sie gehorchte und mar­schierte weiter. Alle waren beeindruckt von der Art und Weise, wie Chester Fannie anherrschte.

Die Mitglieder des Zivilen Luftschutzes sahen die Filmvor­führungen mit entschlossener Konzentration. Sie prägten sich deutsche, japanische und italienische Flugzeuge ein. Die Filme zeigten die Maschinen von allen Seiten, auch von unten und oben.

An den Wänden ihres kleinen Büros in der evangelischen Kir­che waren Plakate mit Flugzeugsilhouetten angebracht, wie man sie vom Boden aus sah. Chessy stellte anhand von kleinen Tests fest, was sie gelernt hatten, wozu auch die feindlichen Kennzei­chen gehörten, das schwarze Kreuz mit weißen Rändern für die deutschen Flugzeuge und die rote Sonne auf japanischen Flug­zeugen.

Jede Nacht schoben zwei Personen Wache. Tagsüber war es einfacher, weil man die Flugzeuge sehen konnte. Chessy, der von Frauen überrannt wurde, die ihren Teil beitragen wollten, stellte fest, daß die Leute ihn respektierten. Sie wollten mit ihm arbeiten. Er war überrascht und erfreut.

Trotz aller Übung war es schwierig, am Nachthimmel ein Flugzeug allein anhand seiner Form zu identifizieren.

Chester trieb bei einer Schrotthandlung in Philadelphia ein großes Flakgeschütz und einen Flugabwehrscheinwerfer auf. Sie stammten aus dem Ersten Weltkrieg und funktionierten noch. Das Eintreffen der Flugabwehrausrüstung war ein trium­phaler Moment für Chessy und seine Leute vom Warndienst. Im Kellergeschoß der evangelischen Kirche, wo die Versammlung stattfand, entbrannte ein hitziger Streit darüber, ob man sie beim Turm der Feuerwache oder auf dem Runnymede Square aufstel­len sollte. Louise wollte den Flugabwehrscheinwerfer und die Kanone auf dem Platz haben, weil der Weg dorthin für sie kürzer war; sie erklärte allerdings, so sei es für alle eine Mahnung an den Krieg.

Caesura und Agnes wollten sie am Wachturm haben, näher bei sich zu Hause.

Schließlich stand Digby auf, hob seinen Taktstock und bat um Ruhe. Er schlug vor, den Flugabwehrscheinwerfer mit einem Kran in den Feuerturm zu heben; auf diese Weise könnten die beiden, die Geschütz und Scheinwerfer bedienten, zusammen sein, was hilfreich wäre, sollte der Ernstfall eintreffen. Er sei sicher, daß ein feindliches Flugzeug zu dem Scheinwerfer hin­unterschnellen und versuchen würde, ihn zu zerstören, deshalb müsse das Geschütz ebenfalls dort aufgestellt sein. Falls einer verwundet würde, könne der andere einspringen.

Louise beharrte darauf, daß ihr Vorschlag besser sei. Wenn ein Flugzeug den Turm angriffe, müßten beide Leute dran glau­ben. Wenn sie getrennt wären, würde einer von beiden viel­leicht überleben. Sie wies auch darauf hin, daß der Feuerturm ein Dach hatte, wodurch ein Teil des Lichtstrahls ausgeblendet würde.

Chessy besänftigte die Gruppe schließlich, indem er sagte, wenn ein Flugzeug sie überflöge, wäre es höchstwahrscheinlich ein Aufklärungsflugzeug. Ihre Aufgabe sei es, dies unverzüg­lich Colonel Frank Froling in der Waffenmeisterei in Hager­stown zu melden.

Louise polterte, es könnte mehr sein als nur ein Aufklärer - man sehe ja, was soeben in Hawaii passiert sei. Und was tat die Luftabwehr in der Waffenmeisterei?

Chester erklärte geduldig, in der Waffenmeisterei gebe es Sondertelefonleitungen nach Baltimore und Washington. Ein­gedenk der Erschütterung, die das Land soeben erlitten hatte, war der Zivile Luftschutz gut organisiert, auch wenn sich sein Hauptquartier in einer Waffenmeisterei befand.

Louise wollte den großen Scheinwerfer trotzdem auf dem Platz haben. Die Auseinandersetzung zog sich bis in die Nacht hinein. Digby Vance, müde und aufgebracht, schlug vor, die Entscheidung Colonel Froling zu überlassen.

Chester widersprach, weil der Colonel sonst das Vertrauen in sie verlieren würde. Sie müßten die Angelegenheit selbst regeln. Um ein Uhr morgens erreichten sie einen Kompromiß: Sie wür­den auf dem freien Grundstück hinter der episkopalischen Kir­che St. Paul einen neuen Turm ohne Dach bauen. Bis der errich­tet war, würden der Scheinwerfer und das Geschütz mitten auf dem Platz aufgestellt, rittlings auf der Mason-Dixon-Grenze. Die große Luftangriff-Sirene blieb im Feuerturm, solange der neue Turm gebaut wurde. Chester betete, er möge schnell fertig werden, was zum Glück auch geschah. Sodann wurde alles in den Turm geschafft.