40
Der Montagsbetrieb wurde gedämpft durch die Nachricht, daß Singapur an die Japaner gefallen war. General Percival, dem es an Wasser, Nahrung, Treibstoff und Munition fehlte, hatte sich ergeben. Die Leute, die sich bei Cadwalder an der Theke drängten oder zum Frühstück in eine Nische quetschten, fragten sich, wie sie schnell genug mobil machen konnten, um die japanische Dampfwalze und den deutschen Moloch aufzuhalten. DerClarion schätzte, daß sechzigtausend Angehörige der englischen und der Streitkräfte des Empire gefangen genommen worden seien; dieTrumpet dagegen nannte die etwas bescheidenere Zahl von fünfzigtausend. Alle fragten sich, was mit den Gefangenen geschehen würde.
Julia Ellen und Louise, erschöpft vom Dienst beim Zivilen Luftschutz in dieser eisigen Nacht, tranken Kaffee, aßen Hafergrütze, Eier, Speck und Biskuits, und langsam wurde ihnen warm.
»Ich freue mich auf den Frühling«, stöhnte Juts. »Meine Orioles müssen dieses Jahr besser werden.« Juts verweilte nicht gern beim Thema Krieg.
»Es kann nicht schlimmer werden als letztes Jahr«, erklärte Flavius hinter der Theke. »Die Birds haben ein neues Tief erreicht.«
»So viele Baseballprofis wurden eingezogen«, warf Harper Wheeler ein.
Die Nachteulen auf dem Weg nach Hause ins Bett und die Frühaufsteher fanden sich jeden Morgen um halb sechs gemeinsam bei Cadwalder ein. O. B. Huffstetler kam herein und setzte sich zu Harper.
»Morgen, Sheriff.«
»Morgen, O. B. Nehme nicht an, daß Miss Chalfonte heute ausreitet.«
»Nee. Montag haben wir Ruhetag.«
»Wann lassen Sie mich mal in dem protzigen Kombi mitfahren?«, rief Juts aus ihrer Nische.
»Jederzeit.« »Prima. Dann können Sie uns ja nach Hause bringen.«
»Juts, du bist aufdringlich.«
»Ich weiß, aber.«
»Macht überhaupt nichts.« O. B. lächelte.
»Sheriff«, rief Louise.
»Ja.«
»Nichts Neues in Sachen Noe?«
»Hören Sie, Louise, über bestimmte Aspekte dieses Falls kann ich nicht sprechen.«
Juts meldete sich zu Wort. »Sie sollten sich mal mit Hansford unterhalten. Er hat nichts zu tun als Sattelzeug zu reparieren, zu reden und zu denken. Das Denken überrascht mich.«
Sie machten sich wieder über ihr Essen her. Louise las laut aus Walter Winchells Kolumne vor, die in mehreren Zeitungen erschien, und Juts bestellte noch mal Biskuits und Hafergrütze.
Junior McGrail kam hereinmarschiert.
Trudy Archer stürmte herein, in einen langen schokoladenbraunen Mantel mit einem Besatz aus gefärbtem Kaninchenfell gehüllt. Die Männer an der Theke strafften ein wenig die Schultern. Trudy nahm ihren Hut ab, fuhr sich mit den Fingern durchs Haar und knöpfte ihren Mantel auf. Sie zwängte sich zwischen Harper und Junior. Nur gut, daß sie so schlank war.
»Hallo.«
»Hallo. Wie darf s sein heute Morgen?«, fragte Flavius mit breitem Lächeln. Wenn er lächelte, sah er aus wie sein Sohn.
»Knusprig, wie immer.«
Harper säuselte: »Das hör ich gern.«
Juts rief aus ihrer Nische: »Hören Sie nicht auf ihn. Alles leeres Geschwätz.«
Harper lachte, und Trudy drehte sich zu den Schwestern Hunsenmeir um. »Guten Morgen.«
»Was macht die Tanzschule?«, erkundigte sich Louise höflich.
»Blüht und gedeiht.«
»Ich wünschte, Sie könnten meinen Chessy zum Tanzen kriegen.« Julia blickte arglos vom Sportteil auf. »Ihm bricht allein bei dem Gedanken der kalte Schweiß aus.«
Trudy erwiderte ruhig: »Ich würde es Chester gern beibringen. Er hat sicher Talent.«
»Danach suche ich noch immer«, ulkte Juts.
Sie bemerkte Trudys Ohrringe, die gleichen, die Chessy vor Weihnachten bei Epstein in der Hand gehalten hatte. Sie fragte sich, ob Trudy sie gekauft oder ob ein Verehrer sie ihr geschenkt hatte. Ihr gefiel zwar das Armband, das sie von Chessy zu Weihnachten bekommen hatte, aber diese Ohrringe hatten es ihr einfach angetan. Sie überlegte, ob Epstein wohl noch so ein Paar besorgen könnte, allerdings konnte sie es sich sowieso nicht leisten.
»Hier.« Trudy bekam eine Tasse Kaffee.
»Guten Morgen, beisammen.« Senior Epstein wickelte sich den Wollschal vom Hals. »Ist es zu fassen, daß die Japsen Singapur eingenommen haben?«
Jacob Epstein, ein mitteilsamer Mann mit durchdringender Stimme, nannte sich selbst Senior, seit er einen Sohn hatte. Er gehörte zu den Menschen, die man einfach gern haben mußte. Er begrüßte alle, ließ sich auf einem Hocker an der Theke nieder und bestellte French Toast. Seine Frau war vor drei Jahren an Leukämie gestorben, und Jacob nahm seine Mahlzeiten meistens in Restaurants ein. Er fing gerade an, sich wieder nach Frauen umzusehen, und was er an Trudy Archer sah, gefiel ihm.
Als er sich mit Louise und Juts über den Dienst beim Zivilen Luftschutz unterhielt, bemerkte er Trudys Ohrringe. Rasch warf er einen Blick auf Juts' Ohren. Keine Ohrringe. Er sah Juts' Armband, als sie für einen Moment den Arm hob, um zu essen. Die goldenen Kettenglieder wurden unter ihrem Pulloverärmel sichtbar. Augenblicklich erfaßte Epstein die Situation, denn dies waren die einzigen goldenen Muschelohrringe, die er vor Weihnachten in seinem Geschäft gehabt hatte. Er wurde knallrot.
»Senior, geht es Ihnen nicht gut?«, fragte Harper, jederzeit bereit, seine Erste-Hilfe-Manöver anzuwenden.
»Doch, doch«, murmelte der dunkelhaarige Mann.
Als sie hinausgingen, beugte sich Louise zu ihrer Schwester. »Hast du gesehen, wie Senior Trudy angestarrt hat? Mmm, Mmm.«
Juts nickte. »Das Feuer kann man verbergen, aber was macht man mit dem Rauch?«
41
Buster drehte sich dreimal im Kreis und ließ sich dann ans Fußende des Bettes fallen. Yoyo hatte sich schon unter der Bettdecke verkrochen, und als Juts, deren Füße vom kalten Fußboden eisig waren, ins Bett schlüpfte, knabberten kräftige Fangzähne an ihren Zehen.
»Yoyo, laß das, ich mag das nicht.«
Chessy rief aus dem Badezimmer: »Hast du denn den Knubbel unter der Zudecke nicht gesehen?«
»Ich suche in meinem Bett nicht nach Murmeltieren.« Juts schauderte. »Yoyo, komm hierher.«
Diese Aufforderung wurde mit einem trotzigen Miauen beantwortet. Juts zog sich die Decke über den Kopf und robbte zu der Katze. Sie wollte die Decke nicht abwerfen, da es zu kalt war. Der heulende Wind hatte die Winterkälte in jede Ritze des alten Hauses getragen.
Chester kam aus dem Bad und erblickte einen Berg unter der Zudecke. »Juts, was hast du der Katze zu fressen gegeben?«
Yoyo fand das gar nicht komisch. Sie liebte das Fußende des Bettes nicht nur, weil es warm war, sondern auch, weil Buster nicht unter die Decke kriechen konnte. Das Winseln, das er von sich gab, wenn sie unter den Laken verschwand, war Musik in ihren Ohren.
»Sie will nicht rauskommen. Sie entwischt mir, wenn ich sie fassen will, das raffinierte Stück.«
Chessy zog die obere Kommodenschublade auf, ein Hort für Katzenminze, Schlüsselketten, Kleingeld und Krawattenhalter auf seiner Seite, für Haarklämmerchen, Taschentücher und verzierte Haarspangen auf Juts' Seite. Er klapperte mit dem Deckel einer kleinen Hornschachtel. Yoyo verharrte und wägte die Situation ab: Entweder sie ließ sich Juts' ungeschickte Versuche, sie herauszuziehen, gefallen, oder sie kam freiwillig heraus und wurde mit Katzenminze belohnt. Sie entschloß sich zu Letzterem und schoß unter der Bettdecke hervor.