»Na also, du Rattengewitter.«
Buster öffnete neiderfüllt ein Auge und seufzte.
Chessy zerkrümelte ein paar leckere Katzenminzeblätter auf dem Fußende des Bettes, während Yoyo mit vor Vorfreude zuckenden Schnurrhaaren zusah. Als das letzte Blatt auf die Zudecke fiel, stürzte sie sich auf den berauschenden Leckerbissen.
Chessy schlüpfte unter die Decke und sah Yoyo bei ihren Kaspereien zu. Von ihrer Raserei erschöpft, ließ sie sich auf die Seite plumpsen, schnippte sacht mit dem Schwanz und atmete voll reiner, tiefer Wonne aus, ehe sie die Augen schloß.
»Es muß wunderbar sein, eine Katze zu sein«, sagte Chester.
»Diese Katze auf jeden Fall.« Juts kuschelte sich an ihn, um sich zu wärmen. »Schatz, wer hat heute Nacht Dienst?«
»Lillian und Caesura, glaube ich.« Er sah zum Fenster, das mit einer Eisschicht überzogen war. »Da draußen ist es arschkalt.«
»Wheezer und ich sind letzte Nacht fast erfroren, und heute ist es noch schlimmer. Nicht, daß ich Caesura nicht ein Quentchen Qualen wünsche, aber vielleicht nicht eine ganze Nacht. Schließlich ist sie nicht mehr die Jüngste.«
Chester stieg aus dem Bett und schob die Füße in seine abgetragenen Lederschlappen. »Pearlie hat Dienst bei der Feuerwache. Ich ruf ihn mal an.«
Als er wiederkam, fragte Juts: »Und?«
»Er geht jede Stunde raus, nach den Mädels sehen. Wir haben den Heizofen da oben.«
Juts unterbrach ihn: »Man muß sich direkt draufsetzen, um was zu fühlen. Ich kann die Kerosindämpfe nicht ausstehen.«
»Ich auch nicht, aber was Besseres haben wir nicht.«
»Es ging so lange gut, bis meine Hände und Füße blau anliefen. Wir konnten uns nicht mal streiten, so haben wir gefroren.«
Seine Augen blitzten. »Wer lange friert.«
»Hm?«
»Nichts. Schatz, gegen das Wetter kann ich nun mal nichts machen. Ich kann mich an keinen so ekelhaft kalten Winter erinnern. Vielleicht werde ich alt.«
»Wirst du nicht. Du bist sechs Monate jünger als ich.«
»Ich weiß nicht, was wir sind. Wir sind nicht mehr jung. Wir sind nicht direkt mittelalt, und alt sind wir erst recht nicht.« »Komisch, nicht?« Sie wartete einen Moment, dann schluckte sie und räusperte sich. »Chess, ich möchte ein Kind.«
Er schwieg einen Augenblick. »Ich auch, aber es hat eben nicht so geklappt, wie wir's geplant hatten.«
»Hm. ich war bei Doc Horning. Er sagt, bei mir sei alles in Ordnung. Ich möchte, daß du dich untersuchen läßt.«
»Ich kann Ärzte nicht ausstehen.«
»Die Zeit läuft uns davon. Ich bin sechsunddreißig.«
»Tja.« Er brach ab.
»Tu's für mich. Du mußt es ja niemandem erzählen. deiner Mutter schon gar nicht. Alles, was sie hervorgebracht hat, ist vollkommen, und damit bist du gemeint. Aber irgend etwas scheint nicht ganz zu funktionieren, verstehst du, was ich meine? Schatz?«
»Hm.«
»Du schiebst es auf die lange Bank. Laß dich untersuchen, Chester. Und wenn das Ergebnis schlecht ist, wissen wir wenigstens, was wir tun können.«
»Was können wir tun?«
»Adoptieren.«
»Ich weiß nicht.«
»Ich will ein Kind, und es ist mir egal, wie ich drankomme.«
»Mir nicht.«
»Dann geh zum Arzt.«
»Ich wünschte, deine Schwester würde die Klappe halten«, murmelte er.
»Louises Mundwerk wird auch ihren Tod noch überleben, aber hiermit hat sie nichts zu tun.«
»Hat sie wohl. Sie reibt es dir bei jeder Gelegenheit unter die Nase. Sogar ich habe ihr Gewäsch von wegenwahre Mutter< satt.«
»Auf alle Fälle brauche ich ein Kind, damit sie die Farm nicht ganz allein für sich kriegt.« Juts meinte dies nur halb im Scherz.
Chessy rieb sich das Kinn. »Deine Mutter würde Bumblebee Hill nie Louise allein vermachen. Keine Bange.«
»Und wenn Hansford zustimmt? Sein Name steht auf der Urkunde.« »Wird er nicht. Er mag Louise nicht besonders. Ihre Bettelei, die Farm doch den Enkelkindern zu vererben, macht keinen Eindruck auf ihn.«
Juts kicherte. »Sie ist ziemlich gräßlich zu ihm. Gestern hat sie gesagt, sein Bart sähe aus wie ein altes Vogelnest. Und das vor allen Leuten.«
»Wo war das?«
»Im Laden. Er ist vorbeigekommen.«
»Gut, daß deine Schwester in einer Stadt lebt, wo jeder jeden und seine Mucken kennt.«
Juts schüttelte den Kopf. »Ich habe keine Mucken. Louise schon. Ich bin normal.« Er lachte. Dann bat sie ihn noch einmal leise: »Chester, gib mir dein Wort, daß du vor Ende des Monats zu Doc Horning gehst.«
Er seufzte. »Ich versprech's.«
42
Mutter Smith ließ sich zum Runnymede Square chauffieren. Sie war in einer Zeit geboren, da livrierte Kutscher auf dem Bock saßen. Sie hatte einmal gehört, daß verwegene Damen im Londoner Hyde Park ihre Karossen eigenhändig kutschierten, aber das würde sie ganz bestimmt nicht tun.
Mutter Smith wähnte sich als Herzogin, die dazu verdammt war, in einer Demokratie zu leben, noch dazu in einer genesenden Demokratie. Franklin D. Roosevelt, der seine dritte Amtszeit ausübte, hatte Washingtons Warnung in den Wind geschlagen, daß zwei Amtszeiten für einen Präsidenten genug seien. Mutter Smiths Wahn festigte sich mit den Jahren, bis er die Konsistenz von Beton besaß, welche nur zu oft auch die Konsistenz ihrer intellektuellen Fähigkeiten zu sein schien. Die Holtzapples, ihre Familie, hatten weder großen Reichtum noch großes Talent noch große Ländereien besessen. Einige erwiesen sich als annehmbare Zeitgenossen, doch selbst bei großzügigster Auslegung konnte man sie nicht als vornehme Familie bezeichnen. Die Smiths auch nicht, die der Dunker-Sekte angehörten und in bescheidenen Verhältnissen lebten, eine Familie, in die Josephine 1889 eingeheiratet hatte. Immerhin konnten sie einen Staatssekretär vorweisen, der Millard Fillmore, dem 13. Präsidenten der Vereinigten Staaten, gedient hatte. Rupert war genau wie seine Söhne ein gut aussehender Mann, und er betrieb ein einträgliches Bauunternehmen, aber reich war er nicht. Als Josephine Rupert heiratete, hatte sie geglaubt, ihn mit der Zeit verändern, ihn an ihren Lebensstandard heranführen zu können. Die Jahre hatten sie von dieser Illusion ebenso geheilt wie von ihrer Liebe zu Rupert.
Leute in ihrem Alter erinnerten sich, daß Josephine schon immer eine hohe Meinung von sich hatte, die mit zunehmendem Alter an Höhe gewann. Sie hatte keine Freundinnen, tat aber, als sei es ihr egal. Sie lebte für ihre Familie, was bedeutete, daß ihre Söhne Gefangene ihrer Tyranneien waren; zwei waren entkommen, und Chester war zu Hause geblieben. Ein Masochist. Obwohl er ihre Sticheleien und Schikanen an sich abprallen ließ, gab es Tage, da er sich, gefangen zwischen dem eisernen Willen seiner Mutter und der Unberechenbarkeit seiner Frau, wie ein heißes Hufeisen auf einem Amboß vorkam.
Heute war ein solcher Tag.
Als seine Mutter zu dem Wachturm hinter der St.- Pauls-Kirche hochsah, den Bisammantel eng um sich gerafft, murrte sie: »Warum tust du dir diese Strapazen an? Selbst wenn die Deutschen uns angriffen, würden sie sich nicht mit Runnymede abgeben.«
»DieHindenburg ist drübergeflogen.« Er erinnerte sie an den letzten verhängnisvollen Flug des Zeppelins, der über Runnymede kreuzte, während er darauf wartete, daß der Wind in New Jersey, wo das Luftschiff festmachen sollte, abflaute.
»Chester, widersprich mir nicht.« Die Kälte machte sich bemerkbar, und sie tippelte mit kleinen Schritten zum Auto zurück.
»Wenn wir im Pazifik bessere Beobachtungsposten hätten, wären wir vielleicht für den japanischen Angriff gewappnet gewesen. Wir hätten möglicherweise Zeit gehabt, unsere Schiffe aus Pearl Harbor zu entfernen.«