»Hätten, könnten, sollten, würden. ich behaupte trotzdem, daß es keinen erdenklichen Grund für dich oder sonst jemanden gibt, auf den Turm zu klettern und in der Kälte zu sitzen, worauf wartet ihr - auf Bomber?« Mit dem Fuß aufstampfend stand sie vor der Beifahrertür.
Chester öffnete den Wagenschlag, half ihr hinein, ging auf die andere Seite und rutschte hinters Steuer. »Soll ich dich bei Tante Dimps absetzen? Ich habe einen Termin. Ich könnte dich so gegen halb vier wieder abholen.«
»Wo gehst du hin?«
»Zu Dr. Horning.«
»Bist du krank?« Besorgnis schlich sich in ihre Stimme.
»Nein. Es ist Zeit für eine gründliche Untersuchung.«
»Mir siehst du gesund aus.«
»Bin ich auch, aber ich bin auch in einem Alter, in dem ich mich nicht unbedingt darauf verlassen sollte.«
»Papperlapapp, du bist noch keine Vierzig.«
»Wo soll ich dich absetzen, Mutter?«
»Nicht bei Tante Dimps. Daß wir zusammen zur Schule gegangen sind, heißt noch lange nicht, daß ich mir auf ihrem Klavier Bach anhören will. Ich könnte deinen Vater besuchen. Er ist erkältet, aber er wollte unbedingt zur Arbeit gehen.«
»Juts war furchtbar lange erkältet.«
Sie überhörte das und verschränkte die Arme. »Fahr schon, Chester.«
»Okay.« Er drehte den Zündschlüssel herum und fuhr auf die Straße; sirrend senkten sich die Schneeketten in die festgefahrene Schneedecke.
»Fehlt dir etwas? Ich habe Johnny sterben sehen. Wenn dir etwas fehlt, will ich es wissen.« Chesters älterer Bruder war gestorben, als Chester sechs war. John war Josephines Liebling gewesen. Sie sprach selten von ihm, aber seine Fotografie stand neben ihrem Bett.
»Ich sterbe nicht. Ich lasse mich untersuchen.«
»Juts steckt dahinter. Ich weiß es.« Als er nicht antwortete, ging sie zum Angriff über. »Verdorbenes Blut. Das ist das Zepp'sche Erbe, sage ich dir - und die Buckinghams hatten auch einen wüsten Zug, wie jeder weiß. Also, dieser Vorfall mit Otto Tangerman.« Sie hielt inne, senkte die Stimme. »Ich meine Günther, Ottos Vater, also das war unverzeihlich.« Sie starrte vor sich hin, als würde Chessy sie an etwas erinnern, das vor seiner Geburt geschehen war.
»Ah. welcher, Mutter, es gab so viele Vorfälle.«
»Das meine ich, das verdorbene Blut.«
»Und was war mit Günther Tangerman?«
»Hans, Coras Vater, hat den Leichnam aus der Leichenhalle gestohlen, ihm seine Uniform angezogen und ihn auf George Gordon Meades Statue gehievt. Das hab ich dir schon mal erzählt«, brummte sie, dann fuhr sie fort: »Er hat ihn rittlings hinter Meade gesetzt, die Arme um die Taille des Generals. Am nächsten Morgen sind alle furchtbar erschrocken. Die alte Priscilla McGrail ist bei dem Anblick in Ohnmacht gefallen. Hans hat die Angelegenheit, wie er es nannte, nie verwunden, obwohl er und Günther Freunde waren.«
Die Angelegenheit bestand darin, daß Günther bei den Unionisten gekämpft hatte, während Hans auf Seiten der Konföderation gewesen war.
»Was meinte Major Chalfonte dazu?«
»Daß Günther tot fester im Sattel saß als lebendig. Oh, es war ein furchtbarer Schock.« Sie faltete die behandschuhten Hände. »Wohin fährst du mich?«
»Zu Dad, oder hast du eine bessere Idee?«
»Hab ich dir gesagt, du sollst mich zu ihm fahren?« Ihre Augenbrauen schnellten fragend in die Höhe.
»Nein, du hast gesagt, er hat sich erkältet.«
»Oh.« Sie überlegte. »Das hab ich wohl, oder? Chester, ich möchte Rupert nicht sehen. Er ist nicht ganz auf der Höhe. Vielleicht bringst du mich besser nach Hause.«
»Wollen wir ins Bon-Ton? Bestimmt haben sie gerade eine weiße Woche; Julia spricht immer davon.«
»Ich brauche keine Bettwäsche.«
»Vielleicht sind auch Kleider heruntergesetzt.«
»Ich habe keine Zeit für diesen modernen Firlefanz, wo man alles durchsieht. Wenn ich Frauen mit so dünnen Fähnchen am Leib sehe, frage ich mich wirklich, was für ihre Ehemänner noch zum Anschauen übrig bleibt. Die Jugend von heute hat keinen Anstand.«
»Wir könnten zum Mittagessen zu Cadwalder gehen.«
»Davon kriege ich Blähungen.«
»Schön, dann bringe ich dich nach Hause.« Er fuhr langsam, weil er sich trotz der Schneeketten nicht auf die Griffigkeit der Reifen verließ. »Mutter, Julia möchte ein Kind.«
»Das habe ich schon mal gehört.«
»Sie ist besorgt wegen ihres Alters. Sie fürchtet, wenn wir noch warten, ist sie zu alt, um ein Kind zu bekommen.«
»Deine Frau ist selbst ein Kind. Sie könnte kein Kind erziehen.«
»Bei Buster hat sie es prima gemacht, als er noch klein war.«
»O Chester« - sie hob in gespielter Belustigung die Stimme -, »Kinder und Hunde sind durchaus nicht dasselbe. Deine Julia Ellen taugt nicht zur Mutter. Du dagegen wärst ein wunderbarer Vater.«
Nichts geht über Küsse und Schläge zur gleichen Zeit.
Chester erwiderte gelassen: »Kinder verändern die Menschen. Ich glaube, Julia hätte genug Verantwortungsbewußtsein.«
»Verdorbenes Blut. Hör auf mich. Was habe ich dir gesagt?«
»Wie steht es mit Hansfords Seite?« Er änderte seine Taktik.
»Von Hansford oder seinem Geschlecht kann nichts Gutes kommen.« Sie klappte den Mund zu wie eine Schildkröte.
Chester hatte begriffen, daß Angehörige einer Generation sich auf eine Weise kannten, die die jüngere Generation erst ergründen konnte, wenn auch sie älter geworden war. Es war ihm nicht in den Sinn gekommen, seine Mutter oder seinen Vater je nach Hansford zu fragen, weil ja niemand gewußt hatte, daß er noch am Leben war. Nachdem er aufgetaucht war, wurden allmählich Fragen laut, bei Chester und auch bei anderen.
»Mutter, was meinst du, was mit ihm passiert ist, in all den Jahren, die er fort war?«
Sie starrte aus dem Fenster. »Er hat bekommen, was er verdient hat, das ist passiert.«
»Was meinst du damit?«
»Nichts.«
»Vielleicht kanntest du ihn besser, als ich dachte.« Chester wagte es ausnahmsweise, sie zu reizen.
»Was soll das nun wieder heißen? Ich habe meinen Söhnen nicht beigebracht, unverschämt zu sein.«
»Ich bin nicht unverschämt«, sagte er ruhig, »nur neugierig.«
»Neugierde brachte die Katze um.« Sie hielt inne. »Besucht eure noch den Gottesdienst in der Christuskirche?«
»Nein. Sie betet jetzt zu Hause.«
Mutter Smith drehte den Kopf und sah ihren Sohn an. Er hatte einen ausgeprägten Sinn für Humor, und da sie gar keinen hatte, war er ihr zuweilen ein Rätsel, was sie natürlich nie zugeben würde. Es gehörte zu ihrem Rüstzeug, ihren Söhnen und ihrem Mann sowie jedem, der das Pech hatte, in ihr Kreuzfeuer zu geraten, zu erzählen, daß sie ihre Söhne in- und auswendig kannte.
Sie kamen zum Haus. Die schneebestäubte Blaufichte davor hätte einer Postkarte zur Zierde gereichen können.
Er begleitete seine Mutter zur Tür. »Mutter, wenn Julia und ich keine Kinder bekommen können.«
»Unsinn. Es liegt an ihr, nicht an dir.«
»Das spielt keine Rolle. Zum Ringelpiez gehören zwei.«
»Du sollst in meiner Gegenwart nicht ordinär sein.«
»Wenn sich herausstellt« - er blieb unbeirrt bei seinem Anliegen -, »daß wir keine Kinder bekommen können, erwägen wir eine Adoption. Würdest du ein Adoptivkind als Enkelkind anerkennen?«
»Niemals.«
43
»Meinst du, Louise setzt ihren weißen Luftschutzhelm je wieder ab? Vielleicht ist er auf ihren Kopf gepfropft.« Celeste zog an ihrer Zigarre, einer Montecristo Nr. 3, ein Laster, das sie vor allen außer Cora und Ramelle verbarg.