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»Zwei Monate meine Arbeit umsonst.«

Celeste reichte ihr über den Ecktisch die Hand. »Abgemacht!« Sie konnte es nicht erwarten, Ramelle davon zu berichten!

44

Pearlie war für Lillian Yost eingesprungen, die sich eine schwe­re Erkältung zugezogen hatte. Er kauerte vor dem kleinen Kero­sinheizofen, während Chester mit seinem Fernglas den dunklen Himmel absuchte. Ein beschichtetes Schaubild von feindlichen Flugzeugen, wie man sie von unten sah, lehnte an einer Wand des Turms.

Große, tiefschwarze Kumuluswolken wälzten sich von We­sten heran.

»Da kommt wieder eins.« Pearlie zündete sich eine Zigarette an und bot Chessy eine an.

»Schon mal was anderes probiert als Lucky Strike?«, fragte Chessy. Er selbst rauchte Pall Mall.

»Wenn, würde ich's dir nicht sagen.« Er klopfte auf das Päck­chen, so daß eine Zigarette weiter herausrutschte als die Erste.

Chester hockte sich neben Pearlie, um sich seine Zigarette an Pearlies anzuzünden. Er tat einen tiefen Zug. »Komisch, wie man sich an eine Marke gewöhnt. Julia und ihre Chesterfield. Sie hat damit angefangen, als sie zwölf war. Man kann sie nicht dazu kriegen, mal was anderes zu probieren, und wenn ich ver­gesse, nach der Arbeit ein Päckchen mit nach Hause zu bringen, krieg ich Ärger. Sie hat angefangen, mit Fanny Jump Creighton um Zigaretten zu pokern. Sie sagt, so gewinnt sie sie haufen­weise und spart Geld.«

»Wird nicht lange dauern, bis Fannie sie rumkriegt, um Cents zu spielen und dann um Dollars.«

»Sie sagt, es vertreibt die Zeit.«

»Das Geld auch«, schnaubte Pearlie.

»Ich hätte dem Salon keine Chance gegeben. Ich dachte, du und ich würden früher oder später bei Rife arbeiten.«

»Ich auch.« Pearlie sah zum Winterhimmel hoch, der zur Hälfte klar war, mit Sternen wie große Eisbrocken, während die andere Hälfte aussah wie ein schwarzer Kessel. »Stell dir vor, du fliegst in so was rein.«

»Ich würd's gern mal probieren«, sagte Chessy.

»Ich habe einen Krieg miterlebt. Noch einen brauche ich nicht.«

Pearlie hatte ein falsches Alter angegeben, als er sich mit fünf­zehn freiwillig zum Militär gemeldet hatte, und war wenige Wochen später nach Frankreich verschifft worden. Seine Erin­nerungen an das Land bestanden aus Schlamm, zerbombten Städten und aufgeblähten Leichen. »Ich habe die amerikani­schen Zigaretten lieben gelernt. Das französische Zeug ist so, als würde man Maisfasern lutschen, und wenn du richtig kotzen willst, mußt du bloß das türkische Kraut probieren.«

»Zu jung für den ersten Krieg und zu alt für diesen - so ein Mist.« Chessy spuckte einen Tabakkrümel aus. »Ich glaube nicht, daß ich zu alt bin. Ich bin heute kräftiger als mit zwan­zig.«

»Und klüger. Sag einem Zwanzigjährigen, er soll zum Angriff aus dem Deckungsgraben springen, während aus allen Richtun­gen Maschinengewehrsalven fliegen, und er macht's. In deinem Alter überlegt man sich das zweimal.«

»Was nicht heißt, daß ich es nicht trotzdem tun würde«, sagte Chessy.

»Weißt du, die Politiker rufen den Sieg aus, bevor wir über­haupt drüben angekommen sind. Ich habe gegen die Deutschen gekämpft. Sie sind zäh, und sie sind schlau. Deine Chance könnte noch kommen, Chessy.«

»Meinst du, es wird so schlimm für uns?«

»Ja, das meine ich.«

»Glaubst du nicht, die Deutschen werden langsam mürbe?«

»Wenn sie genug Gebiete erobern, können sie ihren Nach­schub aufstocken. Sie können auf der ganzen Linie siegen. Das Geheimnis ist Sprit. Im Ernst. Wenn sie ihre Treibstoffvorräte schützen, können sie den Sieg nach Hause tragen.«

»Und die Japaner?«

»Keine Chance. Der Krieg im Pazifik hat bei uns nicht Priori­tät, und trotzdem können wir sie schlagen.«

»Du bist so viel klüger als ich. Ich kümmere mich nicht viel um die Welt da draußen. Ich weiß, ich sollte es tun, aber.« Er hielt inne. »Ich habe hier schon genug am Hals.« Er drückte den Stummel aus. »Aber ich hab meine Landkarten studiert. Wenn die Deutschen Flugzeugträger haben, können sie uns angreifen, wo sie wollen. Oder sie können Neufundland einnehmen.«

Sein Schwager unterbrach ihn. »Keine gute Idee. Sie könnten es nicht halten, nicht mal lange genug, um Luftstützpunkte ein­zurichten.«

»Dann Kuba.«

»Ja, das würde funktionieren, wenn sie dafür genug Streitkräf­te einsetzen wollen. Doch ja, das würde gehen.«

»Es heißt, Argentinien ist für Deutschland, obwohl es sich neutral gibt. Das ist ein reiches Land.«

»Reich und weit weg.« Pearlie hielt seine Füße an den Heiz­ofen. »Schon merkwürdig, was im Kopf vorgeht, wenn man Landkarten liest und anfängt, wie ein General zu denken. Ir­gendwann denkt man, die Länder mit ihren verschiedenen Far­ben seien wie Fannies Pokerchips. Man hebt sie auf und steckt sie in die Tasche. Und all die Tausende, ja Millionen von Men­schen, die an diesem Pokerchip dranhängen - sind bloß noch Ameisen.«

Die erste Schneeflocke trudelte träge herab, eine Vorankündi­gung dessen, was noch kommen würde. Die Männer zogen die Plane über die Turmöffnung. Die Plane war gerollt wie eine Jalousie, aber horizontal statt vertikal. So viele Freiwillige vom Zivilen Luftschutz hatten sich einen Schnupfen geholt, weil sie vom Regen durchnäßt oder von Schnee umhüllt gewesen waren, daher hatte Chessy die Plane angebracht. Jetzt konnte man, wenn Flugzeuge schlechtem Wetter trotzten, in der Sekunde, da man sie hörte, die Plane zurückrollen und den Suchscheinwerfer einschalten. Der zweite Mann konnte die Sirene ankurbeln. Sie setzten sich wieder vor den Heizofen. Der Schnee wurde dich­ter. Als der Wind zunahm, schwankte der Turm leicht.

»Mein Gott, Chessy.«

»Wird schon halten.«

»Erst versuchst du, mich tiefzukühlen, und jetzt werde ich un­ter einer Masse von Brettern begraben, mit einem dicken Such­scheinwerfer als Grabstein.«

»Nein, wir können den Scheinwerfer runterrollen, dann kracht er auf St. Rose.«

Pearlie lachte. Er schwieg eine Weile, bevor er sagte: »Du hast Glück, mein Lieber.«

»Hm?« Chesters blonde Bartstoppeln sprießten.

»Dienstags abends bei deiner Mutter.« Er hielt inne. »Und hin und wieder Schicht bei der Feuerwache, damit es unverfänglich aussieht.«

Der Schein beleuchtete Chesters erstauntes Gesicht; »Ich be­suche tatsächlich dienstags meine Mutter.«

»Sie ist nicht die Einzige, die du besuchst.«

Chester spannte seine Gesichtsmuskeln an. Als er schließlich sprach, war seine Stimme so leise, daß man fast die Schneeflocken auf die Plane fallen hören konnte. »Nein. Ich nehme Tanz­stunden. Ich möchte Juts überraschen.«

»Das dürfte dir gelingen.«

»Komm, Pearlie.«

»Ich bin kein Blödmann. Ich bin auch kein Richter. So was passiert eben. Ich sag dir bloß, daß du Glück hast. Deine Frau und deine Mutter können sich nicht riechen, also werden sie sich nicht austauschen, aber das heißt nicht, daß nicht irgend­wann eine Panne passiert.«

»Ich sagte doch, ich nehme Tanzstunden.«

»Herrgott, Chester.« Pearlie funkelte ihn wütend an.

Ein leiser Seufzer, ein Stöhnen entfuhr Chester, der die Kälte jetzt arg spürte. »Ich weiß nicht, wie ich da reingerutscht bin.«

»Ich schon. Wir sind beide mit Frauen verheiratet, die lieber Befehle erteilen als entgegennehmen.« Paul zog eine Grimasse, die sich dann in einem Lächeln auflöste. »Ich könnte Louise umbringen. Wenn ich jedes Mal, da ich ihr den Hals umdrehen will, fünf Cent bekäme, wäre ich reicher als alle Rifes zusam­men, aber.« Er zuckte die Achseln. »Ich habe zwei tolle Kin­der. Ich hätte nie gedacht, daß ich.« Er hielt inne, weil er seine Liebe zu seinen Kindern nicht beschreiben konnte. »Und ich liebe Louise sogar, wenn ich sie hasse. Verrückt.«