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»Ich hätte nie gedacht, daß es so sein würde - das Leben.«

»Mein Problem ist, ich habe überhaupt nie gedacht.« Paul sah seinem besten Freund in die Augen. »Jetzt denke ich. Ich denke für meine Familie. Ich denke, daß ich meine Töchter nicht be­schützen kann, wenn sie die falschen Männer heiraten. Ich kann nicht mal meine Frau beschützen, wenn wir bombardiert wer­den. Und ich denke für dich, Mann. Du denkst, wir sind schon mitten im Unwetter - da hast du dich aber schwer geschnitten.«

»Was soll ich denn tun?«

»Liebst du sie?«

Chester stützte den Kopf in die Hände. »Ja.«

»Mist.«

»Es ist einfach passiert. Sie hält mich für das Beste seit Erfin­dung des Schnittbrots. Ich kann ihr nicht wehtun, Paul, ich kann nicht.«

»Es wird allen wehtun, nicht nur ihr. Wenn du jetzt mit ihr Schluß machst, wird es nicht so schlimm, wie wenn du wartest - es sei denn, du willst dich von Juts scheiden lassen.«

Er zwang sich zu einem Lächeln. »Sie würde mich umbrin­gen.«

»Liebst du sie noch?«

»Ja, aber anders.«

»Die wilde Anfangsphase, das ist wie ein Rausch. Am Anfang konnte ich meine Finger nicht von Wheezie lassen.

Das gibt sich. Aber ich liebe sie. Wir haben gemeinsam einen weiten Weg zurückgelegt. Ich kann mir ein Leben ohne sie nicht vorstellen.« Er legte Chester seine Hand auf die Schulter. »Du mußt Verantwortung übernehmen. Wie gesagt, ich bin kein Richter. Wenn du eine Flamme in Baltimore oder York hättest, würdest du vielleicht damit durchkommen, aber in Runnyme­de?« Er schüttelte den Kopf.

45

Die leuchtenden Nagellackfarben hoben sich von dem dumpfen Grau draußen ab. Juts hatte eine Vorliebe für knallige Rottöne. Viele Kundinnen liebten Pastellfarben oder gar Mauve. Mauve empfahl sie immer den Damen, die ihre Haare blau tönten. Toots, die ein Gespür für Farben besaß, hatte noch keiner Kun­din jenen Lavendelton verpaßt, der bei Junior McGrail und ihrer Generation so beliebt war. Louise und Juts hatten da keine Skrupel. Manche Damen wünschten es eben.

Junior McGrail war gestorben, und ihr Sohn Rob war am Bo­den zerstört. In kurzer Zeit ließ er den Schönheitssalon für an­spruchsvolle Damen verkommen. Zu Robs Verteidigung sei gesagt, daß er wenig Neigung bewies, Haare blau zu tönen, zu bleichen und zu wickeln. Digby Vance verschaffte ihm eine Stelle als stellvertretender Kapellmeister, was ihm wieder etwas Halt gab.

Tante Dimps hatte den Salon gemietet und in ein Blumenge­schäft verwandelt. Sie ließ sich wohlweislich von Dingledines beliefern, obwohl sie etwas teurer waren als die Blumenverstei­gerungen in Baltimore. Dafür schickten sie ihr viele Kunden.

Die Klatschzentrale quoll über von Nachrichten von Söhnen, Ehemännern und Freunden im Ausbildungslager. Vaughn Cad­walder hatte bei der Abschlußprüfung als bester seiner Einheit abgeschnitten. Darunter standen so aufregende Dinge wie »Or­rie versteht nicht, wie irgend jemand in Washington, D.C. Auto fahren kann. Noe wurde zum Hauptmann ernannt und arbeitet rund um die Uhr.« Schließlich wurden in die rechte untere Ecke mit pfirsichfarbener Kreide Mitteilungen gekritzelt: »Fluffy hat sechs süße Kätzchen. In gute Hände abzugeben. Patsy Bon­Bon.«

»Ich hab den Winter so satt«, klagte Mary Miles. »Harold nimmt jeden Winter sechs Kilo zu. Die Knöpfe springen von seinem Hemd, und wenn ich ihm taktvoll vorschlage, seinen Appetit zu zügeln, sagt er, das mußt ausgerechnet du sagen. Ich finde mich nicht dick.«

Juts massierte M. M.s Hände mit einer lindernden Lotion; in der trockenen Luft der Häuser wurden Hände und Lippen rissig. »Du warst nie dick.«

Mary Miles strahlte. »Du auch nicht.«

»Weil ihr nie Kinder hattet.« Wheezie beteiligte sich an dem Gespräch, während sie Tante Dimps' Locken schnitt. »Ich war dick wie eine Tonne, und ich habe ein ganzes Jahr gebraucht, bis ich das wieder los war. Ich weiß nicht, wann ich mich je so mies gefühlt habe.«

»Oh, da fallen mir etliche Male ein«, bemerkte Julia trocken.

»Deinetwegen«, schoß Wheezie zurück.

»Ich erinnere mich, wie ihr zwei bei einer Parade am 4. Juli um ein Haar die ganze Stadt in Brand gesteckt hättet.« Mary Miles lachte.

»Das ist so lange her, das hatte ich ganz vergessen«, tat Loui­se das Thema nonchalant ab.

»Komisch, wir nicht.« Tante Dimps kicherte. »Es war 1912, und Donald und ich waren frisch verliebt.« Donald war Dimps' verstorbener Mann. Er war bei einem entsetzlichen Zugunglück nördlich von Philadelphia ums Leben gekommen.

»Das kann doch nicht so lange her sein.« Louise vermied es, die Jahreszahl auszusprechen.

»Also, nach deinen Berechnungen warst du 1912 noch gar nicht auf der Welt.« Juts hielt den Blick fest auf Mary Miles' Daumen gerichtet.

»Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen.« Wheezie hob trotzig das Kinn.

»Wirf jetzt bloß nicht mit Sprichwörtern um dich. Es war 1912, und Idabelle McGrail, Juniors Mutter, ging vor unserem Festwagen her und spielte auf ihrem Akkordeon America the Beautiful<. Ihr Sohn und ihr Enkel haben ihr mu­sikalisches Talent geerbt.«

»Die Ärmsten«, murmelte Mrs. Mundis.

»Sie hat das Maultier erschreckt, das unseren Wagen zog«, flunkerte Juts.

»Ha! Du hast den Wagen in Brand gesteckt, Julia Ellen.« Louise erinnerte sich lebhaft an das Ereignis, auch wenn sie es vorzog, über die Jahreszahl hinwegzugehen.

»He, ich war nicht die Freiheitsstatue. Du hast die blöde Fackel gehalten. Du hast sie fallen lassen. Ich war ein kleiner Schlepper im Hafen von New York.«

»Ein kleiner Schlepper, der die Freiheitsstatue vom Sockel ge­stoßen hat.« Tante Dimps lachte. »Das Maultier erschrak, als der Wagen Feuer fing, und schoß mitten durch die Parade da­von. O Gott, das werde ich nie vergessen. Donald hat mich ge­packt und aus der Gefahrenzone geschoben. Das Maultier konn­te er nicht stoppen. Und der alte Lawrence Villcher - wißt ihr noch, der Chef der Feuerwehr von Nord-Runnymede - hat die weiße Feuerspritze gewendet, und Increase Martin - damals haben sie bei der Feuerwehr noch Pferdewagen benutzt - hat die Feuerspritze von Süd-Runnymede gewendet, und die Was­serladung hat das Maultier gestoppt und das Feuer gelöscht.« Sie leckte sich die Lippen. »Das sauberste Maultier beider Staa­ten.«

»Und du hast in aller Öffentlichkeit geflucht.« Julia wollte von ihrer Missetat ablenken, egal, wie lange es her war.

»Ich fluche nicht«, entgegnete Louise eisig.

»An dem Tag schon.«

»Das Gedächtnis spielt den Menschen Streiche.« Louise zog ihre Erhabenheitsnummer ab, was Juts nur aufstachelte.

»Ich hab wenigstens eins.«

»Mein Gedächtnis ist scharf wie eine Reißzwecke.«

»Ja, und genauso spitz.« Juts unterdrückte ein Kichern.

Louise hielt eine nasse Haarsträhne zwischen Zeige- und Mit­telfinger, die Schere verharrte in der Luft, was ihr einen leicht bedrohlichen Anstrich verlieh. »Du wirst mich nicht in Rage bringen. Ich hab genug Sorgen, ohne mich auch noch mit dir herumzuärgern.«

»Schon gut.« Juts war enttäuscht. Sie hatte Lust auf eine Kab­belei.

Mary Miles blickte angestrengt in die Ferne und versuchte sich zu erinnern. »Hat eure Mutter dabei nicht Aimes Rankin kennen gelernt?«

»Herrje, das weiß ich nicht.«

»Doch, stimmt«, bestätigte Louise.

»Wie geht's Hansford denn so?« Tante Dimps sprang von ei­nem Mann in Coras Leben zum anderen, was für alle Anwesen­den durchaus plausibel war.

»Besser. Er sollte arbeiten gehen«, antwortete Louise.

»Er sieht gesünder aus. Allmählich sollte man mal seinen Bart stutzen.« Juts hatte Mary Miles' Fingernägel vorbereitet und wählte nun die Farbe. »Wie wär's mit Kirsche?«