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Die Damen brachen in Gelächter aus, was sowohl an der An­spannung lag als auch an der Tatsache, daß Julia Ellen wieder die Alte war.

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Die kühlen, glatten Karten fühlten sich vertraut an in Juts' Hän­den. Von Kind an hatte sie Kartenspiele geliebt. Sie hatte sich ausgemalt, wie sie als Karodame verkleidet war, einen Buben als Diener, einen König als Gemahl. Sie konnte sich gut mer­ken, welche Karten ausgegeben und welche im Stapel geblieben waren. Obwohl vier Jahre jünger als Louise, schlug sie sie schon mit sechs Jahren in Memory, Mau Mau und schwarzer Peter, was jedes Mal Geschrei, Gerangel und Tränen zur Folge hatte. Louise war eine schlechte Verliererin.

Yoyo hatte es sich auf Juts' Schoß gemütlich gemacht und schlief, und Buster schnarchte unter dem Kartentisch. Die alte Wanduhr in der Küche tickte; es war so still im Haus, daß Juts es hören konnte, obwohl sie im Wohnzimmer saß, eine Woll­decke um die Beine, um sich vor der Kälte zu schützen.

Sie hatte selten einen ruhigen Abend für sich. Gewöhnlich wollten Louise, Mary, Maizie oder Chessy etwas von ihr, und wenn nicht, riefen Freunde an oder kamen vorbei. Juts war gern unter Menschen, ganz besonders, wenn sie im Mittelpunkt stand, doch gelegentlich war sie sich selbst genug. So wie jetzt.

Sicher, sie war egozentrisch, aber sie war auch schlau genug zu wissen, daß die Welt sich nicht um sie drehte, so lieb es ihr auch gewesen wäre. Zucker, Kaffee und Benzin waren rationiert worden, eine Mahnung an sie und alle Übrigen, daß kleine Op­fer gebracht werden mußten, damit andere Menschen größere bringen konnten. Letzte Woche hatte die Schlacht in der Java­see diese Opfer deutlich gemacht. Am 27. Februar, vergangenen Freitag, hatte ein kleines Geschwader von Schiffen der Alliier­ten die japanische Flotte angegriffen, die einen Invasionskonvoi schützte. Die zahlenmäßig unterlegenen Alliierten hatten den Kampf mit den Japanern aufgenommen. Am 1. März waren die alliierten Streitkräfte ausgelöscht. Die Evakuierung von Rangun schien so gut wie sicher.

Als Juts ihre Karten in einer Siebenerreihe für eine Patience auslegte, einem ihrer Lieblingsspiele, stellte sie sich vor, an Deck eines Zerstörers zu sein. Torpedos krachten in die Schiffsseiten, überall war der Geruch von Rauch und Flammen, ein Schiff hatte schwere Schlagseite, Männer schrieen, Kanonen feuerten, und über allem die entsetzliche Erkenntnis, daß sie untergingen, alle Mann an Deck. Sie fragte sich, ob die Angst die Oberhand gewann oder ob man so wütend wurde, daß man beschloß, so viele Feinde wie möglich mit in den Tod zu reißen.

Sie wollte den Tod nicht erkennen. Sie hoffte, er würde sich unverhofft an sie heranschleichen. Sie wollte sein Gesicht nicht sehen. Die armen Männer auf dem Grund der Javasee hatten dem Tod ins Auge geblickt.

Sie legte die Karovier auf eine Kreuzfünf. Dies würde eine lange Partie werden.

Über ihre Karten gebeugt, verscheuchte sie die Gedanken an den Tod. Sie dachte an Hansford. Sie hatte ihn rundheraus ge­fragt, was mit Josephine Holtzapple gewesen sei.

»Nichts.«

Mehr konnte sie nicht aus ihm herausquetschen, und Coras Antwort lautete: »Laß die Vergangenheit ruhen.«

Sie zog das Pikaß und das Herzaß. Sie hatte den Stapel in ih­rer Hand noch gar nicht gebraucht. Das Spiel ließ sich gut an.

Yoyo drehte sich auf den Rücken, streckte eine Pfote in die Höhe, schlug die Augen auf und machte sie laut schnurrend wieder zu.

»Als ich das letzte Mal eine Patience gelegt habe, bist du auf den Tisch gesprungen und hast mir das Spiel verdorben.«

Yoyo schnurrte nur noch lauter.

Juts zog den Herzkönig, nachdem sie eine Karte plaziert hatte. Sie legte ihn an die Stelle links außen, die gerade frei geworden war, weil sie eine schwarze Sieben auf eine rote Acht hatte le­gen können.

Chessy wirkte in letzter Zeit reserviert. Sie schrieb dies sei­nem Termin bei Dr. Horning zu. Auch sie war nervös. Sie fühlte sich unvollständig ohne Kind. Um so schlimmer, daß Louise es ihr dauernd unter die Nase rieb. Juts hatte gedacht, die Ehe würde sie vollständig erfüllen. Sosehr sie Chessy liebte, die Ehe war nicht das allein Seligmachende, von dem sie geträumt hatte, als sie jung war.

Die Ehefrau mußte sie erst noch finden, die nicht für ihren Mann dachte. Manche Frauen mußten ihre Männer hintergehen, andere mußten sie sabotieren. Wieder andere verbrachten Tage, Wochen und Monate damit, ihren Männern weiszumachen, daß ihnen ein bestimmter Gedanke ganz von selbst gekommen sei, wenn er ihnen in Wirklichkeit von der Ehefrau eingepflanzt worden war. Das kostete sehr viel Energie. Chester konnte sie wenigstens direkt herumkommandieren.

Sie fragte sich, ob Männer unfähig waren, vorauszudenken, oder ob ihre Gedanken sich einfach vollkommen von denen der Frauen unterschieden. Sie dachte daran, ihr Haus abzuzahlen, Geld für den Notfall beiseite zu legen - nur tat sie es nie -, und dann dachte sie an ihre Freunde, ihre Feinde und schließlich an Kleider. Kleider machten Frauen. Daran glaubte sie fest, und sie war überzeugt, daß Louise von den maßgeblichen Leuten nie Ernst genommen würde, weil sie zu viel Mode schmuck trug. Caesura Frothingham trug ganz sicher zu viel Schmuck - dicke Klunker vor Sonnenuntergang. Wirklich schauerlich. Aber Louise fuhr für ein klirrendes Armband nach Baltimore und zurück. Um so besser, wenn auch die Ohrringe Töne von sich gaben.

Heute im Salon hatten Halskette, Armband, Ohrringe und Brosche einen solchen Lärm gemacht, daß Georgine Dingledine sie gebeten hatte, den Schmuck abzunehmen, solange sie sich an ihrem Kopf zu schaffen machte. Mit gequältem Lächeln hatte Louise das Armband vom Handgelenk gestreift - und dabei das Gummiband zerrissen, worauf kleine bemalte Holz- und Metallstückchen auf die Erde flogen. Das hatte ihr die Lau­ne gründlich verdorben.

Juts konnte sich nicht erinnern, daß Chester jemals auf Klei­dung geachtet hätte. Sie mußte ihn ins Bon-Ton schleppen, um ein Sakko oder eine Krawatte zu kaufen.

Tatsächlich konnte sie sich an keinen Mann erinnern, der Wert auf Kleidung legte. Sogar Millard Yost, der immer wie aus dem Ei gepellt aussah, wurde von Lillian eingekleidet.

Worüber sprach sie mit ihrem Mann? Hausarbeit, Geld, die Leute in der Stadt und ihren jeweiligen Tagesablauf. Sie fand das ausreichend, aber vielleicht sollte sie die Mühe auf sich nehmen, etwas über Stockcar-Rennen zu lernen. Chester und Paul waren beide begeisterte Anhänger der Rennen. Autos im Kreis herumfahren zu sehen, machte sie schwindlig, aber die beiden konnten sich stundenlang über das Thema auslassen.

Vielleicht fände er sie anziehender, wenn sie etwas über Stockcars lernte. Sie hatte gehört, daß die sexuelle Begierde von Männern mit solchen Taktiken neu entfacht werden konnte. Vielleicht hatten sie deswegen kein Kind.

Die Patience war aufgegangen, als er zur Hintertür hereinkam. Buster rappelte sich auf, um ihn zu begrüßen.

»Hallo, Schatz.«

»Hallo.« Sie hielt ihm ihre Wange zum Kuß hin. »Weißt du was, ich kann mit Zwischengas fahren.«

Er blinzelte. »Tatsächlich?«

»Ich kann auch eine Kurve auf zwei Rädern nehmen. Ich mei­ne, ich sollte an Stockcar-Rennen für Damen teilnehmen.«

»Juts, du kannst Stockcar-Rennen nicht ausstehen.«

Sie sah auf ihre Karten, die jetzt in vier säuberlichen Häuf­chen lagen. »So - und was muß ich tun, um - hm - begehrens­wert für dich zu sein?«

»Du bist begehrenswert für mich.«

»Schwarzer Unterrock?«

»Du brauchst keinen schwarzen Unterrock.« Er lächelte. »Was hat dich auf diesen Trichter gebracht?«

»Ich weiß nicht.« Sie hob die Karten auf und richtete die Kan­ten, indem sie mit dem Stapel auf die Tischplatte klopfte. »Du bist in letzter Zeit sehr abwesend.«