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»Ach, Schatz, ich hab so viel im Kopf.«

»Ja, ich weiß, und ich bin scheint's nie drin.«

»Bist du wohl.« Er küßte sie auf den Mund.

47

Die Benzinrationierung tat Mary Miles Mundis' Drang zum Angeben keinen Abbruch. In einem neuen 1941er Pontiac V-8 Torpedo Coupe in sanftem Burgunderrot mit hellbraunem Zier­streifen und hellbrauner Innenausstattung kutschierte sie durch die Stadt. Harold hatte das Auto in Baltimore günstig erstanden, weil es seit Ende 1941 herumstand und der Händler, der für sein Inventar Steuern zahlte, es loswerden wollte. Die Benzinratio­nierung machte Autoverkäufern den Garaus, und die Autoher­steller wandelten ihre Fabriken für Kriegsanstrengungen um. Neue Autos gab es keine.

Freilich fuhr Mary Miles Mundis mit dem Torpedo nur in der Stadt herum. Es gab nicht genug Benzin für weite Strecken, aber das war durchaus in ihrem Sinne. Der Hauptzweck des Automobils bestand nicht darin, als Transportmittel zu dienen, sondern den Neid ihrer Freundinnen zu schüren. Und das war ihr gelungen.

»Sieh mal einer an. Gondelt hier einfach durch die Gegend.« Louise schlug sich mit einem Kamm auf den Schenkel. »Mir würde das Auto besser stehen als ihr. Ihre Haare haben die fal­sche Farbe.«

»Sie wird sie passend färben«, sagte Toots Ryan.

Juts, die neben Louise und Toots am Fenster stand, sah dem schönen Wagen wehmütig nach. »Muß toll sein, so viel Geld zu haben.«

»So reich ist sie gar nicht. Wir sollen bloß glauben, daß sie reich ist. Harold ist Bauunternehmer. Seine Finanzlage muß die reinste Achterbahn sein.«

»Chessy sagt, am Krieg mit allem Drum und Dran wird Ha­rold ein Vermögen verdienen. Er ist im Rennen um Regierungs­aufträge in ganz Maryland, und weil wir so nah an Washington sind, hilft er persönlich mit ein paar Aufmerksamkeiten nach.«

»Das muß man Harold Mundis lassen, er hat Ehrgeiz«, be­merkte Toots.

»Ich wäre froh, wenn Pearlie ein bißchen mehr Biß hätte«, klagte Louise.

»Eins steht fest, mein Mann hat keinen und wird nie welchen haben. Er sagt, sobald man andere Leute einstellt, geht der Är­ger richtig los.« Sie sah Mary Miles bremsen und die Rücklich­ter rot aufleuchten. »Was sind schon ein paar Sorgen gegen so viel Geld?«

»Wir kommen gut zurecht. Wir haben soweit keine Sorgen«, erklärte Louise. »Wir haben Flavius fast vollständig abbezahlt.«

»Frauen sind vernünftig.« Toots fuhr rasch mit der Zunge über die Zähne. »Männer verschwenden ihre Zeit damit, sich vorein­ander aufzublasen. Ich behaupte, sie sind mehr damit beschäf­tigt, sich gegenseitig zu imponieren als uns.«

Louise seufzte. »Ist eben eine Männerwelt.«

»Ja, und deswegen haben wir wieder Krieg«, erwiderte Juts spitz. »Mir ist es völlig schnuppe, wer an welchem Hebel sitzt. Ich meine, wenn man etwas kann, soll man es tun. Warum es in Männersache und Frauensache aufgeteilt ist, geht über meinen Verstand. Ich habe mehr Unternehmungsgeist als Chester. Ich liebe ihn über alles, aber er ist nicht der Typ, der anpackt, stimmt's?« Sie nickten, und sie fuhr fort: »Ich könnte wie Ha­rold Mundis um Regierungsaufträge kämpfen, aber ich bekäme nicht mal einen Fuß in die Tür.«

»Du verstehst nichts vom Baugeschäft.« Louise blähte sich mächtig auf.

»Nein, aber es würde mir auch nichts nützen.«

»Deshalb ist es ja so wichtig, daß man eine gute Partie macht, Julia. Das hast du nie kapiert. Es kommt nicht drauf an, wie klug eine Frau ist. Wenn sie nicht mit dem richtigen Mann ver­heiratet ist, kann sie ihn auch nicht groß rausbringen. Dein gan­zer Ehrgeiz kann Chester Smith kein Feuer unter den Hintern machen. Das habe ich dir schon 1927 gesagt.«

»Richard hat auch kein Feuer im Leib«, sagte Toots. Ihr Mann arbeitete beimClarion an der Laderampe.

»Sein Herz kann man nicht ändern.« Julia gab Louise unbeirrt Kontra.

»Ändern.Ignorieren. Männer sind wie Straßenbahnen, der nächste kommt bestimmt um die Ecke.« Theatralisch hielt sie inne. Sie senkte die Stimme. »Die Liebe spielt dabei die gering­ste Rolle - wirklich.«

»Bei dir.«

»Ich liebe meinen Mann, aber ohne Aussichten hätte ich ihn nicht geheiratet.« Sie kniff die Lippen zusammen. »Ich hatte Mommas Beispiel vor Augen. Ich wollte keinen Nichtstuer heiraten.«

»Ich habe eher den Eindruck, daß Hansford zu viel getan hat«, versetzte Juts bitter.

»Wir werden es nie erfahren. Sie halten alle dicht«, sagte Louise höhnisch. »Ach, wen kümmert's? Mich nicht. Bloß ein Haufen alte Leute, die rumsitzen und in Erinnerungen schwel­gen. Erinnerungen sind das Einzige, was sie haben.«

»Louise, niemand weiß, was die Zukunft bringt. Es ist leich­ter, zurückzublicken.« Juts verschränkte die Arme.

»Das ist wahr.« Toots nickte. »Rillma sagt, manchmal fragt sie sich, ob Washington bombardiert wird. Man kann nie wis­sen.«

»Die Männer in Washington stehen doch bei ihr bestimmt Schlange.« Für einen flüchtigen Augenblick hätte Louise gern mit ihr getauscht.

»Sie hat ein Mitglied derFreien Franzosen kennengelernt. Er sieht gut aus, sagt sie. Bullette. Pierre? Louis? Ich hab's ver­gessen. Sie sagt, sie arbeitet rund um die Uhr, und Francis ist ein guter Chef. Er erinnert sie an Miss Chalfonte.>Mach es richtig oder mach es gar nicht.<«

»Da kommt sie wieder.« Juts lachte, als Mary Miles vorüber­glitt.

»Wie oft ist sie heute Morgen wohl schon durch die Frederick Road gefahren?« Louise reckte den Hals. »Wenn sie in unsere Straße kommt, weiß man, sie fährt die Baltimore Street raus, kürzt durch die Gasse ab, kommt die Hanover Street runter und dann raus auf den Emmitsburg Pike. Sie sorgt dafür, daß sie von jedem einzelnen Menschen in dieser Stadt gesehen wird.«

Juts winkte für den Fall, daß Mary Miles zu ihnen hereinsah - was sie tatsächlich tat. Sie mußte einen Schlenker machen, um wieder auf die Straße zu gelangen. »Komisch, über Nacht ist der Frühling gekommen«, sagte Juts.

»Der Frühling und ihr neuer Pontiac.« Louise wischte die al­ten Nachrichten auf der Klatschzentrale ab. »Ich gebe wohl bekannt, daß Mary Miles ein neues Auto hat.«

»Lieber nicht«, riet Toots ihr.

»Ja, soll sie's doch selber tun«, meinte Juts. »Junge, heute ist aber auch gar nichts los. Fannie Jump hat sogar ihr Kartenspiel abgesagt. Frühlingsgefühle, nehme ich an.«

»Kommt überhaupt jemand?«, fragte Louise.

Juts ging zu dem großen Terminkalender und fuhr mit dem Finger die Spalte hinunter. »Keine Menschenseele. Ich würde sagen, nehmen wir uns den Rest des Tages frei. Ich habe auch Frühlingsgefühle.« Juts strich die Kalenderseite glatt. »Laßt uns irgendwohin fahren.«

»Wohin?«

»Ich weiß nicht. Irgendwo.«

»Wir haben kein Auto.«

»Wir brauchen uns nur an die Ecke zu stellen. Mary Miles kommt bestimmt wieder vorbei. Wir fahren per Anhalter.«

»Sie wird Doodlebug und Buster nicht im Auto haben wol­len.«

Juts sah zu den aufwärts gewandten Hundegesichtern hinun­ter. »Ach, was soll's, machen wir einen Spaziergang.«

Sie bewunderten die Narzissen, die am Sockel des Konföde­riertendenkmals aus der Erde lugten. Sie marschierten die Ha­nover Street hinunter, entschlossen, sich einen großen Appetit fürs Mittagessen zu holen. Buster bellte, drehte sich ein paar Mal im Kreis und setzte sich vor den Eingang zu Trudy Archers Tanzschule.

»Ist das nicht süß. Er möchte tanzen.« Julia Ellen lachte. Als sie pfiff, folgte er ihr und drehte sich noch einmal nach Trudys Tür um.

48

Ein Pappmond, eine Flasche Scotch und ein großes grünes Glas mit Badeschaum standen auf Trudy Archers Tisch. Den Mond und den Whisky hatte Chester ihr geschenkt. Das Schaumbad war ihre Idee gewesen.