Dienstags abends nach der Tanzstunde verließ er ihre Wohnung, um dann zu Fuß zurückzuschleichen. Manchmal nahm er Buster mit - sein Vorwand für einen Spaziergang. An den Abenden, wenn Juts beim Warndienst eingeteilt war, kam er spät nachts, wenn in Runnymede die Lichter in den Häusern erloschen, und ging vor Sonnenaufgang. Er kannte alle Einsatzpläne für den Warndienst, was seinen Umtrieben zugute kam. Wenn er Glück hatte, konnte er mit einem Mann von der Feuerwache mitfahren, am Wachturm vorbei; Trudy wohnte auf der Pennsylvania-Seite der Grenze. Dann stieg er im Stockdunkeln ein paar Straßen entfernt aus und lief rasch zu ihrer schmucken Wohnung.
Auf Chessys Klopfzeichen an der Hintertür - pa-pompa-pa- pom-pa - sprang Trudy auf. Sie ließ Chester und Buster rasch ein.
»Ich bin so froh, daß du da bist.« Sie schlang die Arme um seinen Hals und küßte ihn, dann führte sie ihn an der Hand ins Badezimmer, wo die mit schillernden Schaumblasen gefüllte Wanne einen außergewöhnlichen Abend verhieß.
Chessy war heute Abend mit der Absicht gekommen, die Affäre zu beenden. Jeden Dienstag wappnete er sich, um ihr zu sagen, es müsse Schluß sein, aber jeden Dienstag schmolz er in ihrer Gegenwart dahin. Dieser Dienstag bildete keine Ausnahme.
Er hatte festgestellt, daß er nicht an Juts dachte, wenn er bei Trudy war. Doch wenn er bei seiner Frau war, tagträumte er oft von Trudy, von ihrem geschmeidigen Körper und ihren grünen Augen. Weil Trudy neu für ihn war, dachte er öfter an sie. Er liebte Juts, obwohl er sich manchmal dermaßen über sie ärgerte, daß er Kopfweh bekam. Was ihn mit ihr verband, war ebenso sehr Loyalität wie Liebe. Juts ertrug die unaufhörlichen direkten und indirekten Beleidigungen seiner Mutter. Zudem war ihm auf Erden kein Erfolg beschieden, und sie fand sich damit ab, jeden Penny zweimal umdrehen zu müssen, was ihr bei ihrer Verschwendungssucht schwer fallen mußte. Sie kochte, putzte und gärtnerte, verrichtete die typischen Hausfrauenarbeiten auf ihre tatkräftige Art. Abgesehen davon, daß sie ihm sagte, was er zu tun und wie er es zu tun habe, fand er an seiner Frau nichts auszusetzen. Sosehr er Trudy begehrte, er konnte sich nicht vorstellen, einen Menschen zu verlassen, der sich nichts hatte zu Schulden kommen lassen. So etwas tat man nicht in Runnymede.
Als er sich in die Wanne gleiten ließ und Trudy ihm ein Glas Whisky reichte, schlug er sich die Sorgen aus dem Kopf.
Man lebt nur einmal, dachte er.
49
Sheriff Wheeler und Sheriff Nordness arbeiteten im Brandstiftungsfall von Noe Mojos Fleischlager eng zusammen. Beide Dienststellen sichteten sorgsam die vorliegenden Beweise und verhörten die Verdächtigen.
Anfangs hatte Harper Wheeler der allgemeinen Ansicht zugestimmt, daß es sich um einen dummen Streich handelte, der von Alkohol ebenso angefacht worden war wie vom Benzin. Harmon Nordness hüllte sich in Schweigen. Nicht, daß er jungen Männern, vom Angriff auf Pearl Harbor angestachelt, eine solche Tat nicht zutraute, doch die Beweise ließen eher auf jemanden schließen, der vorsätzlicher handelte als ein Jugendlicher, der Lumpen mit Benzin tränkte.
Die gemeinsame Arbeit der beiden Sheriffs ergab viele Fragen und wenig Antworten.
Harper saß auf Bumblebee Hill auf einem hochlehnigen Schaukelstuhl vor dem großen Kamin. Sanftes Zwielicht ergoß sich über die wogenden Hügel, aber die Abendtemperatur war unter fünf Grad gesunken. Das Feuer vertrieb die Kälte.
»Cora, danke für den heißen Kaffee. Sie kochen den besten Kaffee in ganz Runnymede.«
»Oh, danke, Harper. Wenn ihr Jungs mich nicht braucht, ich bin in der Küche.« Sie hatte sich vorgenommen, den kleinen Tisch am Fenster abzuschmirgeln und zu streichen. Ein dunkles Jägergrün wäre genau das Richtige, und sie wollte die Kante mit einem gelben Zierstreifen und kleinen Kringeln an den Ecken versehen.
Harper verschränkte die Hände wie im Gebet. »Hansford, ich stecke in einer Sackgasse. Ich rechne nicht damit, daß Sie mir helfen können, aber Sie sind der Letzte in Runnymede, den ich noch befragen muß.« Er kam ohne Umschweife zur Sache. »Wo waren Sie, als die Fleischfabrik brannte?«
»Hier - im Haus, bei Cora.«
»Ich wollte nicht andeuten, daß Sie es getan haben.«
»Hab ich auch nicht so verstanden. Es ist schließlich Ihre Aufgabe, jeden zu verdächtigen.« »Tja - allerdings.«
Gewitzt stellte Hansford seinerseits eine Frage: »Kennen Sie die Geschichte des Hauses, Sheriff?«
»Klar. Cassius Rife hat es vor dem Bürgerkrieg gebaut, und nach seinem Tod hat Brutus es weitergeführt.«
»Als Kaffeefabrik.« Hansford hustete und hielt sich ein frisch gebügeltes Taschentuch vor den Mund.
»Ja.«
»Kaffee ist wie die Börse, er hat Konjunkturen. Mit einer einzigen Ernte in Kolumbien kann man ein Vermögen verdienen oder verlieren. Ich nehme an, Cassius hat ein weiteres Vermögen verdient.«
»Ich dachte, es wäre bloß eine Kaffeefabrik gewesen, Sie wissen schon, wo die Bohnen gemahlen und verpackt werden.«
»Oh, war es auch. Aber er hat die grünen Bohnen in einem Eisenbahnwagon herbeigeschafft. Auf dem Gelände gibt es ein Nebengleis.«
»Das Gleis ist seit Ende der dreißiger Jahre stillgelegt.«
Hansford lehnte sich zurück und legte die Füße auf einen Schemel aus Strohgeflecht. Er ließ noch Platz für Harpers Füße. »Cassius hat die Fabrik lange vor meiner Geburt - 13. Februar 1869, der Vollständigkeit halber - gebaut. Als ich klein war, herrschte dort Hochbetrieb.
Ganz Runnymede war vom Duft nach frisch geröstetem Kaffee durchzogen. Entschieden besser als das Leben in Spring Grove, kann ich Ihnen sagen.« Er lachte. Spring Grove war eine Kleinstadt an der Route 116 nordöstlich von Runnymede, wo eine Papierfabrik den typischen Gestank kochender Pulpe verbreitete. »Das Geschäft florierte bis 1929, und dann war der alte Herr ja nicht mehr da. Er starb, hm« - er hob die Stimme - »Cora, wann ist Cassius Rife vor seinen Schöpfer getreten?«
»Muß um die Zeit von Julias Geburt gewesen sein. Vielleicht etwas nach 1905.«
»Hm« - Hansford zuckte die Achseln - »sagen wir mal irgendwann zwischen 1905 und 1908. Ich war jedenfalls noch hier, als er starb, also muß es spätestens 1908 gewesen sein. Brutus hat den Betrieb übernommen, die Konservenfabriken und natürlich die Rüstungsfabrik. Die Kaffeefabrik hat er verkauft, als die Marktpreise mal wieder im Keller waren.«
»Er hat sie 1915 an Van Düsen verkauft.«
»Carlottas Mann. Sah gut aus in einem Hemd von Arrow.« Damit wollte Hansford ausdrücken, daß in dem Hemd nicht viel drinsteckte.
»Dann hat Brutus sie fünf Jahre später zurückgekauft, für ein Zehntel des Preises, zu dem er sie losgeschlagen hatte; denn Van Düsen war nicht mehr ganz richtig im Oberstübchen.« Harper lächelte. »Alles ganz legal.«
Hansford machte die Augen zu und wieder auf. »Brutus hat das kommen sehen, Sheriff, glauben Sie mir. Das gibt's nicht, daß ein Rife einen Profit nicht wittert. Die haben ja sogar am Tod verdient - überlegen Sie mal. Die sehen Geld, wo wir es gar nicht suchen.«
»Ich glaube nicht, daß Pole und Julius so schlau sind.«
Harper sprach von Napoleon Bonaparte Rife und seinem Bruder Julius Caesar Rife, die das Konglomerat gemeinsam leiteten. Ein dritter Bruder, Ulysses S. Grant Rife, hatte sich das Leben genommen, und der älteste Bruder, Robert E. Lee Rife, geboren 1899, war als Leiter der Stagecoach Bank nach San Francisco gezogen. Auch Julius und Pole hielten sich so wenig wie möglich in Runnymede auf, da sie die Verlockungen von New York City vorzogen.
»Jetzt habe ich ein bißchen in der Vergangenheit herumgestochert und ein paar Brocken zutage gefördert.« Mit seiner langsamen Sprechweise lullte Hansford Harper ein, der den Mann unterschätzte.