Harper erwiderte: »Es ist fraglich, ob die Versicherung zahlt, weil wir nicht herausfinden können, wer das vermaledeite Feuer gelegt hat. Julius und Pole machen mir die Hölle heiß. Man sollte meinen, die hätten genug Geld.«
Hansford zuckte die Achseln. »Ich sehe alles mit den Augen eines Bergmanns. Sie müssen hier tief schürfen, Harper, und wenn ich schürfen sage, meine ich schürfen.«
»Ich werde Ihren Rat beherzigen. Danke, Hansford.« Harper stand auf.
Auf die Armlehne des Sessels gestützt, stemmte sich Hansford hoch. »Versuchen die Rifes, aus Noe Geld rauszuquetschen?«
»Nein.«
»Das ist ungewöhnlich. Wie gesagt, Sie müssen tief schürfen und darauf achten, ob ein Armer plötzlich Geld hat.«
»Ich werde es beherzigen, wie gesagt.« Harper gab ihm die Hand und ging, ohne recht zu verstehen, worauf Hansford hinauswollte.
50
Tage kommen und gehen. Manchmal bleibt einer im Kopf haften wie Kaugummi an der Schuhsohle. Der 29. April war für Julia Ellen so ein Tag. Hitler und Mussolini trafen sich in Salzburg. Gab Julia auch vor, sich für das Tagesgeschehen zu interessieren, so interessierte sie sich doch weit mehr für ihre eigenen Angelegenheiten.
Louise war stolz auf Maizie, die in der Schule inzwischen sehr beliebt war. Die Unbeholfenheit der Vierzehnjährigen war mitunter schwer zu ertragen, doch da ihre gleichaltrigen Freundinnen selbst damit zu kämpfen hatten, fiel es ihnen gegenseitig nicht auf. Maizie war nicht nur bei den Mädchen beliebt, sondern auch bei den Jungen. Außerdem kümmerte sie sich um ihre betrübte Schwester.
Mary, ein hübsches Mädchen, fragte Maizie, was sie so beliebt mache. Maizie erwiderte: »Ich höre allen zu und unterbreche sie nicht.«
Zweifellos hatte sie Zuhören gelernt, weil ihre Mutter, ihre Tante und Mary sich gegenseitig die Redezeit streitig machten, aber das sagte sie nicht.
Wenn Juts gerade keine Kundinnen bediente, strich sie die großen Blumenkästen draußen vor dem Salon, hängte Körbe auf und arrangierte Blumen. Buster buddelte einen Kasten mit blaßgelben Tulpen aus und handelte sich dafür einen Klaps ein. Die beiden Schwestern arbeiteten fleißig an diesem Tag, angespornt durch die Tatsache, daß sie noch eine einzige Zahlung an Flavius Cadwalder zu leisten hatten, bevor sie schuldenfrei waren.
Als Juts sich nach Hause schleppte, war sie fix und fertig. Sie legte sich aufs Sofa und wollte dieTrumpet lesen, als Chester vorzeitig nach Hause kam.
»Hallo, Schatz«, rief sie.
»Hallo«, antwortete er aus der Küche. »Konnte früher weg. Möchtest du was trinken?«
»Nein, ich bin so müde, da würde ich glatt einschlafen.«
Sie hörte ihn Eiswürfel zerkleinern, dann erschien er mit einem Whiskey.
»Ich bin vollkommen erledigt.« Er setzte sich zu ihr aufs Sofa.
»Zieh bloß nicht die Schuhe aus. Das ist schlimmer als Senfgas.«
Er legte die Füße übereinander, seine Schuhe berührten fast ihr Gesicht. »Wir bauen Kampfflugzeuge, aber Stinkefüße können wir nicht kurieren.« Er schluckte. »He, wollen wir heute Abend ins Kino gehen?«
So geschlaucht sie auch war, die Energie für einen Kinobesuch brachte sie immer auf. Sie toupierte sich die Haare, während Chester seinen Whiskey austrank.
Sie kamen gerade rechtzeitig.
Nach der Vorstellung wirbelte ein dünner Nebel um den Runnymede Square.
»Wer ist heute Abend auf dem Turm?«
»Caesura und Pearlie.«
»Wie ist der denn da reingeraten?«
»Mir hat ein Mann gefehlt, da ist er eingesprungen. Schön ist es draußen heute Abend, nicht?« Sie schlenderten an der Bank vorüber, deren korinthische Säulen aus dem Nebel ragten.
»Bißchen feucht.«
Er hakte seine Frau unter. »Meine Untersuchungsergebnisse sind endlich gekommen.« Sie ging schweigend weiter, und er sagte: »Ich bin der Übeltäter. Es liegt an mir, daß wir keine Kinder haben können. Nicht genug Sperma.
Doc Horning meint, es könnte daher kommen, daß ich als Kind Mumps hatte.«
Julia sagte nichts. Sie blieben stehen, um die Auslagen im Schaufenster des Bon-Ton zu bewundern, eine Golfausrüstung vor einem täuschend echten Grün, wo die Flagge mit der Nummer 16 hing.
Als sie endlich sprach, war ihre erste Reaktion: »Hast du es deiner Mutter gesagt?«
»Nein. Das würde ich nie tun.«
»Ich kann nicht behaupten, daß ich überrascht bin, Chessy.« Sie drückte seinen Arm. »Irgendwas konnte nicht stimmen. Schließlich sind wir lange genug verheiratet, da hätte es ja mal klappen müssen, findest du nicht? Ich meine, es ist nicht so, daß wir's nicht geahnt hätten, aber jetzt haben wir Gewißheit.«
»Ja.«
»Wir können ein Kind adoptieren.«
»Das ist - nehmen wir es, wie es kommt, Julia. Meine Familie wird ein Adoptivkind nicht anerkennen.«
»Na und?«, entgegnete sie kampflustig.
»Meinst du nicht, daß ein Kind es dadurch sehr schwer hätte?«
»Das Lebenist schwer.«
»Du weichst mir aus.«
»Das Leben ist schwer. Das wird das Kind früh genug erkennen. So sehe ich das. Wenn wir das Kind lieben, wird es einen guten Start ins Leben haben. Wir müssen unser Bestes tun. Es ist mir schnurzegal, was deine Mutter denkt. Sie hat vom ersten Tag an kein gutes Haar an mir gelassen. Wir müssen ein Kind haben, Chester. Wenn es nicht bald geschieht, sind wir zu alt, um ein Kind aufzuziehen - dann sind wir zu festgefahren in unseren Gewohnheiten.«
»Schatz, gib mir etwas Zeit.«
»Wie viel Zeit?« Sie sah ihm ins Gesicht.
»Ich werde wissen, wann ich so weit bin.«
»Was ist das für eine Antwort?«
»Es ist die Einzige, die ich habe. Herrgott noch mal, Julia. Ich fühle mich abscheulich. Es ist alles meine Schuld. Ich muß das erst mal verkraften.«
»Es ist nicht deine Schuld. Es ist etwas in deinem Körper.«
»Ich habe aber das Gefühl, daß es meine Schuld ist.« Er hob ruckartig den Kopf. »Ich sage nicht nein, ich sage, ich brauche.« Er zuckte die Achseln. Gefühle auszudrücken lag ihm nicht. Er empfand viel, sagte aber wenig.
»Also gut.« Sie sprach nüchtern, als hätten sie eine Abmachung getroffen. »Hoffen wir, daß du es weißt, bevor ich die Geduld verliere.«
Er legte seinen Arm um sie, als sie die Straße überquerten und auf den Platz gingen. Der Nebel hatte George Gordon Meade eine Triefnase verpaßt.
51
Alle Jungs, die nach dem Angriff auf Pearl Harbor eingezogen worden waren, hatten ihre Grundausbildung absolviert. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die meisten von ihnen nach Übersee abkommandiert würden.
Rob McGrail und Doak Garten hatten die Schlacht um die Midway-Inseln verpaßt, zu ihrem großen Verdruß, denn die Zeitungen meldeten einen entscheidenden Sieg der Amerikaner; allerdings nahm man Kriegsnachrichten jetzt mit Vorbehalt auf. Sie waren zwar Kleinstädter, aber sie waren nicht dumm.
Der>Reichsprotektor von Böhmen und Mähren<, Reinhard Heydrich, war ermordet worden. Die Besatzungsmacht kündigte an, man werde das tschechische Dorf Lidice zerstören, als Vergeltung für die Ermordung eines Mannes, den die Deutschen selbst nicht leiden konnten. Die Engländer wurden in der Wüste überrollt, als die Deutschen nach Tobruk stürmten.
Unruhe ergriff die Amerikaner. Sie wollten jetzt kämpfen. Die Prozedur, Männer auszubilden, ausreichend Material aufzutreiben und über den Atlantik und den Pazifik zu schaffen, zog sich endlos hin.
Die Menschen tanzten länger, lachten lauter und waren ausgelassener denn je. Sie drehten dem Tod eine Nase, indem sie das Leben feierten. Julia tanzte am meisten von allen. Chester hatte seine Frau noch nicht mit seinen Tanzkünsten überrascht. Louise entdeckte Tanzveranstaltungen für sich; nicht, daß sie sie früher gemieden hätte, doch nun nahm sie vollen Herzens daran teil, weil sie, wie sie behauptete, die Moral hoben. Eigentlich tue sie es für die Jungs.