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»Aber nicht so einen.« Louise hob das Fernglas an die Augen. »O nein.« Dann nahm sie die Leute ins Visier. »O Gott!«

Die Menschen taumelten aus Hintertüren, kamen aus Haustü­ren gestürmt. Einige, die nach dem Runnymede-Tag vielleicht noch immer in Watte gepackt waren, sprangen aus dem Fenster.

Caesura Frothingham, die im Nachthemd mehr von sich ent­hüllte, als irgend jemand sehen wollte, kreischte: »Die bringen uns um«, just als Wheezie mit dem Flakgeschütz in die Luft schoß, um eine Attacke auf den Feind vorzutäuschen.

Mutter Smith wies zum Himmel, als Rupert sie zu Boden stieß.

Verna BonBon nahm erstaunlich ruhig jedes Haus in ihrer Straße ins Visier. Wenn sie keine bedrohlichen Gerausche hör­te, würde sie sich nicht ins taunasse Gras legen.

Nachdem sie die Salve abgefeuert hatte, betrachtete Louise wieder mit dem Fernglas das Getümmel. Ein blecherner Ton schlich sich in ihre Stimme. »Juts - Juts, guck mal.«

In der Sekunde, da sie ihrer Schwester das Fernglas reichte und nach unten zeigte, wurde Louise klar, daß sie einen schrecklichen Schnitzer begangen hatte. Sie hätte diese Entdeckung für sich behalten sollen. Zu spät.

Juts richtete das Fernglas auf die Menschen unten, dann erfaß­te sie, was Louises Blick auf sich gezogen hatte. Chessy kam von der Pennsylvania-Seite her die Straße heruntergerannt, be­gleitet von Buster. Etwa einen halben Häuserblock entfernt stand Trudy Archer in einem Spitzennachthemd und sah ihm nach. Juts gab ihrer Schwester das Fernglas zurück und stürzte zu dem großen Scheinwerfer. Unter Aufbietung aller Kräfte schwenkte sie den Strahl vom Himmel hinunter auf die Straßen, er streifte Lillian Yost, die Haare auf rosa Lockenwickler ge­rollt, und ließ Runnymede im schönsten Durcheinander erstrah­len.

»Hab ich ihn erwischt?«

»Haarscharf!«

»Auf frischer Tat«, sagte Juts mit zusammengebissenen Zäh­nen.

»Schwenk das Ding lieber wieder zum Himmel.«

»Ich will, daß er schmort.«

»Das wird er, aber wenn du es nicht wieder hoch schwenkst, schmoren auch wir.«

Juts stützte sich ab, indem sie einen Fuß gegen die Turmmau­er stemmte, und wuchtete den heißen Scheinwerfer wieder gen Himmel. Das Gänsegeschrei erstarb, während das Geschrei unten an Lautstärke zunahm.

Die Erste, die sich am Fuß des Turmes einfand, war Fannie Jump Creighton, die gar nicht ins Bett gegangen war, oder rich­tiger, die nicht schlafen gegangen war. Der junge Mann an ihrer Seite war garantiert keinen Tag älter als achtzehn. Bei näherem Hinsehen entpuppte er sich als Roger Bitters, zwei Jahre jünger als sein Bruder Extra Billy.

»Was ist los?«, schrie Fannie hinauf.

»Stukas«, schrie Louise hinunter, »fliegen in etwa zehntau­send Fuß, schätzungsweise.«

»Okay.« Fannie lief zur Feuerwache, um zu telefonieren. Harmon, dem heute Nacht kein Schlaf vergönnt war, hielt an, als sie ihm winkte. Sie steckte ihren Kopf durchs Fenster und teilte ihm mit, was Louise berichtet hatte. Er meldete es über Polizeifunk. Wohlweislich ließ er seine Scheinwerfer ausge­schaltet.

Verwirrt standen die Leute mitten auf der Straße. Caesura verharrte kauernd neben ihrem Wagen, um ja kein Risiko ein­zugehen. Die dicke weiße Cremeschicht, die sie sich aufs Ge­sicht geklatscht hatte, würde herumfliegende Trümmer absor­bieren, ohne Caesura dadurch zu schaden.

Louise, nach ihrem Fauxpas nun wieder geistesgegenwärtig, kurbelte die Sirene und gab Entwarnung.

Sobald sie fertig war, kletterte Harper auf den Turm. »Was war los?«

Louise machte den Mund auf, der aber so trocken war, daß sie keinen Ton herausbrachte.

Juts gab rasch Auskunft: »Ein Geschwader deutscher Flug­zeuge, in ungefähr zehntausend Fuß Höhe.«

»Konnten Sie sie erkennen?«

Louise nickte. »Stukas.«

Julia fügte hastig hinzu: »Ein Glück für uns, daß die Leute kein Licht gemacht haben, sobald wir Alarm schlugen. Die Verdunkelung hat uns gerettet.« Sie hörte ein Klappern unter sich, und als sie über die Kante lugte, sah sie, wie sich ihr Mann die Leiter hinaufhievte. Sie griff sich eine Thermoskanne und zielte direkt auf seinen Kopf. »Du elender Mistkerl!«

Harper blickte über die Kante. »Juts, er kann nichts dafür, daß er geschlafen hat. Beruhigen Sie sich. Der Anblick eines feindlichen Geschwaders bringt jeden aus der Fassung. Gut gemacht, meine Damen.«

Louise lächelte matt, aber Julia hatte eine Mission: Sie wollte ihren Mann umbringen.

Sie griff nach dem Fernglas. Louise entriß es ihr, Juts zog ih­ren Schuh aus und schlug ihn Chessy auf den Kopf.

»Julia«, rief er und klammerte sich an die Leiter. »Ich kann alles erklären.«

»Erklär es dem lieben Gott.« Sie zog den anderen Schuh aus.

Mit beunruhigender Schnelligkeit hatte sie zwei und zwei zu­sammengezählt: die Muschelohrringe und Chesters Tanz mit seiner Mutter.

Unten hatte sich eine Menschenmenge versammelt. Louise packte ihre Schwester am Arm. »Das müssen Sie verstehen, Julia ist eine Kämpfernatur. Sie ist wütend, weil ich ihr mit dem Abfeuern des Flakgeschützes zuvorgekommen bin, stimmt's?« Eine bessere Geschichte fiel Louise nicht ein.

Juts blinzelte. »Ah.« Sie wandte sich an Harper. »Wir hatten sie, Harper. Wir hatten sie im Visier, aber die Wolken haben es uns vermasselt!«

Harper beugte sich herunter, hielt die Hände als Trichter an den Mund und rief: »Deutsche Flugzeuge. Es ist vorbei. Gehen Sie nach Hause.«

»Woher wissen wir, daß nicht noch mehr kommen?«, erwider­te Millard besonnen.

»Wissen wir nicht.« Louise beugte sich über die Kante, als Pearlie mit Mary und Maizie zum Turm gerannt kam. »Aber wir sind nicht ihr Ziel.«

Popeye Huffstetler, der seinen großen Durchbruch witterte, einen in mehreren Blättern erscheinenden Artikel mit seinem Namen unter der Überschrift, rief von unten so viele Fragen hinauf, daß Louise schließlich brüllte: »Popeye, ich werde Ihre Fragen alle beantworten, aber erst, wenn ich dem Chef vom Zivilen Luftschutz Bericht erstattet habe. Gehen Sie jetzt alle nach Hause.« Sie sah zu Chester hinunter. »Du kommst am besten mit mir, meinst du nicht?«

»Doch.«

Sie wandte sich an Juts. »Du mußt auch Bericht erstatten.«

»Mach ich.« Juts' Mund zitterte. Sie wußte nicht, ob sie schluchzen oder morden sollte.

Als sie die Leiter hinuntergeklettert waren und sich einen Weg durch die Menge zu Harpers Streifenwagen bahnten, ließ sich Julia nicht von Chester anfassen. Popeye folgte in seinem 1937er Chevy.

Louise erstattete pflichtschuldigst Bericht nach Hagerstown, wo sie Oberst Froling aufweckte. Dann beantworteten sie und Juts Popeyes hartnäckige Fragen. Buster saß geduldig neben Frauchens Knie. Chester stand hinter den Frauen. Louise war es gelungen, Pearlie zuzuflüstern, was geschehen war, daher hatte sich Pearlie neben Chester gestellt - für alle Fälle. Mary und Maizie hatte er nach Hause geschickt.

Millard Yost übernahm mit Roger Bitters, der sich freiwillig dazu erboten hatte, die Wache auf dem Turm. In Zeiten wie diesen durfte man den Turm nicht unbesetzt lassen.

Um halb sechs Uhr morgens waren die Berichte abgeschlos­sen.

»Komm, ich fahr dich nach Hause, Schatz.« Chester griff nach Julias Hand.

Sie zuckte zurück. »Ich gehe zu Fuß. Ich brauche Zeit zum Nachdenken.«

»Ich bring dich nach Hause«, sagte Louise und warf Chester einen bösen Blick zu. »Wir treffen uns dort.« Zu allen Übrigen sagte sie: »Wir sind erledigt, und ich müßte lügen, wenn ich sagen wollte, daß wir keine Angst hatten.«

Als die Gruppe ihnen Platz machte, atmete Juts tief durch und sagte: »Ich komme mir vor wie das Räderwerk schwerer Zei­ten.«

Die Geschichte wurde zusammen mit Bildern der Hunsen­meir-Schwestern über die Nachrichtenagenturen UPI, AP und Reuters verbreitet. Am nächsten Tag wurden Juts und Louise so belagert, daß sie ihre Türen abschlossen.