Das Blatt hatte sich gewendet. Nachdem die Alliierten 1941, 1942 und sogar noch 1943 eine Niederlage nach der anderen eingesteckt hatten, drängten sie nun die Achsenmächte zurück.
Obwohl die Menschen in Runnymede, Spokane und Pueblo - ebenso wie in Medicine Hat, Rostow am Don oder Keswick, in Auckland oder Melbourne, überall, wo Alliierte waren - wußten, daß ihre Seite siegte, fürchtete jede einzelne Menschenseele die Tode, die noch kommen würden. Das Blatt hatte sich gewendet, aber es war immer noch blutrot.
Und so erschien der geringfügige Ehrverlust einer Frau in der Tat winzig klein, sogar für die Frau selbst. Rillma Ryan hatte Mitte März erfahren, daß sie schwanger war, ohne die Segnungen der Ehe. Sie weigerte sich, den Namen des Vaters preiszugeben, allerdings wurde hinter vorgehaltener Hand der Name Ballette genannt. Rillma konnte sich zu keiner Entscheidung durchringen. Sie war glücklich, ängstlich und schrecklich durcheinander. Ihre Mutter und Celeste Chalfonte fuhren gemeinsam mit dem Zug nach Washington. Rillma wollte das Kind behalten, doch Toots und Celeste rieten ihr ab. Sie würde überstürzt heiraten und ein unglückliches Leben mit dem falschen Partner in Kauf nehmen oder sich als ledige Mutter durchschlagen müssen. Das sei der sichere Weg in die Armut. Oder sie könne in den Westen ziehen und einen im Kampf gefallenen Vater erfinden - doch früher oder später komme selbst im entferntesten Winkel der Welt die Wahrheit ans Licht.
Rillma, die ihr Kind trotzdem behalten wollte, lenkte schließlich ein, als Celeste sie an etwas erinnerte. »Du hast einmal gesagt, du würdest alles für mich tun. Weißt du noch?«
»Ja«, erwiderte Rillma erstaunlich gefaßt.
»Dann wünsche ich, daß du Juts das Baby gibst. Chester hat sich mit einer Adoption einverstanden erklärt.«
Erst da brach Rillma zusammen. Doch sie ging auf Celestes Bedingungen ein. Das Merkwürdige war, daß niemand sich fragte, warum Celeste Chalfonte die Sache in die Hand genommen hatte. Sie waren daran gewöhnt, daß Celeste das Kommando führte.
Und so wurde Juts endlich Mutter. Chester betete, das Baby möge die Wunden heilen. Er suchte Rat bei Pastor Neely, weil er fürchtete, aufgrund seines Treuebruchs für die schwere Verantwortung der Vaterschaft ungeeignet zu sein. Pastor Neely erwiderte nur, daß es in einem solchen Fall wenig Väter in Runnymede gäbe.
Louise, die mit sich haderte, ob sie ein uneheliches Kind - das schließlich ein Vetter oder eine Cousine ersten Grades von Marys kleinem Oderuss wäre - in der Familie anerkennen sollte, suchte ebenfalls geistlichen Beistand. Father O'Reilly sagte ihr, die Sünde laste auf den Eltern, nicht auf dem Kind, und mit diesem Segen unterstützte sie von ganzem Herzen den Gedanken, das namenlose Kind gewissermaßen zu einem Hunsenmeir zu machen.
Cora und Hansford strichen fröhlich ein Zimmer in Julias Haus, förderten alte Babysachen zutage und bereiteten alles für die Ankunft vor. Sie strichen das Zimmer in einem hübschen Blaßgelb, was für einen Jungen ebenso angemessen war wie für ein Mädchen.
Mutter Smith kochte vor Mißbilligung. Selbst Rupert empörte sich über sie, obgleich auch er nicht von der Vorstellung erbaut war, daß ein uneheliches Kind den Namen Smith tragen sollte.
Der Engel kam am 28. November 1944 in einem kleinen, abgelegenen Krankenhaus zur Welt. Ein winziges Mädchen. Es war ein regnerischer, kalter Tag, ein Tag der Freude und der Trauer; am Vorabend hatte Celeste Chalfonte, dickköpfig und des Wartens auf das Baby müde, beschlossen, trotz der einbrechenden Dämmerung auszureiten und über Zäune zu setzen. Sie brach sich den Hals und war auf der Stelle tot. Sie bekam das Baby, dessen Adoption sie vorangetrieben hatte, nie zu sehen. Trotz ihrer Erschütterung und ihres Kummers versprach Ramelle Louise, als Patin des Kindes einzuspringen.
Juts weinte doppelt, über den Verlust von Celeste und aus Freude über das Baby.
Dieser 28. November sollte sich als denkwürdiger Tag erweisen, befrachtet mit Ereignissen und Bedeutungen, die sich erst mit den Jahren herausschälen würden. Rillma Ryan stahl sich mitten in der Nacht aus dem Krankenhaus und flüchtete mit ihrem noch namenlosen Kind.
In Wut und Verzweiflung machten sich Juts, Chessy, Louise und Toots auf die Suche nach dem Kind. Als Rillma schließlich drei Wochen später zur Vernunft kam, kam sie nach Hause gekrochen und erklärte, sie habe das Kind in einem katholischen Waisenhaus in Pittsburgh zurückgelassen. Alle legten ihre Bezugscheine für das rationierte Benzin zusammen, und Chessy und Louise fuhren hin, um das Baby abzuholen. Sie gaben sich als Ehepaar aus; sie habe ihn bei einer Affäre erwischt - dies war die Geschichte, die sie auftischten -, sei aber willens, sein Kind anzunehmen.
Julia hatte sich infolge der Aufregungen eine Lungenentzündung zugezogen und mußte in Busters, Yoyos, Marys, Maizies und Pearlies Obhut zu Hause bleiben.
Auf der Rückfahrt von Pittsburgh setzte ein tosender Schneesturm ein. Der Säugling wog nur viereinhalb Pfund. Dies war mit ein Grund, weshalb die braven Nonnen froh waren, die Kleine fortzugeben. Quer durch den Staat Pennsylvania hielten Chessy und Louise an, wo immer ein Licht brannte, an Tankstellen, an Bauernhöfen, um für den Säugling Milch zu ergattern und aufzuwärmen. Nicht einer wies sie ab, und viele schenkten ihnen Benzingutscheine, damit sie sicher nach Runnymede zurückkehrten.
Dort angekommen, brachten sie das Kind auf der Stelle zu Dr. Horning. Erschöpft brach Louise in heftiges Schluchzen aus, als der Arzt sie bat, Juts das Baby nicht zu bringen. Warum sollte sie Liebe für ein Kind entwickeln, das mit Sicherheit sterben würde?
Chester, mit dunklen Ringen unter den Augen, nahm Dr. Horning mit zitternden Händen das Baby ab und gelobte: »Dieses Kind wird nicht sterben. Sagen Sie mir, was ich zu tun habe.«
Und so stand Chester Smith in den folgenden sechs Monaten jede Nacht alle drei Stunden auf, um das magere Ding mit einer bestimmten Rezeptur zu füttern. Julia Ellen genas binnen eines Monats, und auch sie fütterte das Baby rund um die Uhr. Sie beklagten sich nie über den Mangel an Schlaf. Manchmal standen beide zur gleichen Zeit auf, obwohl einer die Gelegenheit zum Schlafen hätte nutzen sollen. Sie hielten das Mädchen gern zusammen im Arm. Bis zum 8. Mai war Nicole Rae Smith, von allen Nickel genannt, schließlich so dick, daß sie aussah wie ein Sumoringer. Sie war so gesund, daß sie in Daddys Armen mit ganz Runnymede den Tag des Sieges feiern konnte. Die Leute weinten, schrieen und tranken. Bestimmt würde die Welt von jetzt an eine Bessere sein.
Und Julia Ellen kehrte ins Reich der Lebenden zurück. Julia, die Chesterfield im Mundwinkel, Julia, die immer eine dicke Lippe riskierte, Julia, die ungehorsam war und bis zum Morgengrauen tanzte - Julia Ellen war endlich Mutter.
TEIL DREI
53
Die Fliederzweige bogen sich unter dem Gewicht zahlloser bunter Schmetterlinge, die sich auf den nahrhaften Blüten niedergelassen hatten: rot gefleckte Schillerfalter, deren knalliges Blau sich fächerförmig über die schwarzen Flügelspitzen ausbreitete; gelbe und schwarze Schwalbenschwänze, die wie elegante Tänzer über den duftenden blaßlila Blüten schwebten; ein riesengroßer Ritterfalter mit einem schmalen gelben Band, das sich waagerecht von Spitze zu Spitze über die schwarzen Flügel zog. Eckenfalter, bescheidener in der Farbgebung, nicht aber in der Musterung, flogen so dicht an Nickels kleinen Ohren, daß der Lufthauch der Flügel sie kitzelte. Es wimmelte von schwefelgelben Schmetterlingen, von blauen Faltern in allen Schattierungen, von Dickkopffaltern und Postillions, Bläulingen, Pfauenaugen, Weißlingen und Schachbrettfaltern, Weidenbohrern und winzigen seidengewächsfarbenen Schmetterlingen.