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Jedes Mal, wenn das zweijährige Mädchen einen Schmetter­ling haschen wollte, entwischte er ihr flatternd. Yoyo, die dem zweibeinigen Neuzugang inzwischen sehr gewogen war, rekelte sich auf der Seite unter dem Fliederstrauch. Zu träge, um einen Schmetterling zu fangen, sah sie ihnen genüßlich beim Gaukeln zu, während ihre Schwanzspitze wippte, als spiele der Wind mit ihr. Ein übermütiger orangegelber Chrysipusfalter schwirrte an ihrer Nase vorbei. Yoyo schlug lässig nach ihm und verfehlte ihn.

Yoyo und Buster waren die beiden besten Freunde des Kin­des, Louises Doodlebug war der Dritte im Bunde. Sie spielte mit anderen kleinen Kindern: ihrem zwei Jahre älteren Cousin Oderuss, dem kleinen Jackson Frost, der auch zwei Jahre älter war, Robert Marker, ein Jahr älter, und Ursula Vance, ebenfalls ein Jahr älter.

Nickel konnte schon früh laufen. Sie hatte eine außergewöhn­liche Körperbeherrschung. Doch sie sprach kaum, was Juts dermaßen beunruhigte, daß sie mit dem Kind zum Arzt ging, der befand, daß ihr Kehlkopf und ihre Stimmbänder in Ordnung seien und ihre geistigen Fähigkeiten für ihr Alter überdurch­schnittlich schienen. Er kam zu dem Schluß, daß Nicole Smith einfach kein Bedürfnis hatte zu reden. In Wahrheit spielte sie so viel mit Yoyo und Buster, daß Worte sich erübrigten.

»Nein« war ihr allerdings geläufig, und sie machte energisch Gebrauch von diesem Wort, wann immer Juts oder Louise sie zu etwas drängen wollten, das sie nicht interessierte, wie zum Beispiel Puppen. Sie wollte auch keine Babynahrung in Glä­schen zu sich nehmen, die man ihr als kulinarischen Leckerbis­sen anbot. Schlimmer noch, das Kind mochte keine Milch. Julia Ellen fürchtete, sie würde austrocknen, denn sobald sie sie von ihrer Spezialrezeptur entwöhnt hatte, wollte sie nur noch Was­ser trinken. Deshalb gab Juts ihr Coca-Cola ins Babyfläschchen, und Nickel gluckste vergnügt. Wenn andere Mütter ihre unkon­ventionellen Methoden kritisierten, erwidert sie: »Dann seht doch zu, wie ihr mit ihr fertig werdet.«

Nach wenigen Versuchen, der Kleinen ihren Willen aufzu­zwingen, gaben es Mary Miles Mundis, Frances Finster, Lillian Yost und andere passionierte Mütter bald auf, sich mit dem kleinen Lockenkopf zu beschäftigen. Lillian hatte ihr erstes Kind 1943 durch eine Fieberkrankheit verloren, jedoch ein Jahr später einen gesunden Jungen zur Welt gebracht, und sie und Julia sahen ihren ungefähr gleichaltrigen Knirpsen oft gemein­sam beim Herumkrabbeln zu. Millard junior, kurz Mill, war ein süßes Baby mit flammend roten Haaren und so unglaublich vielen Sommersprossen, daß er aussah wie ein Schecke.

Nickel hatte nichts gegen kleine Kinder in ihrem Alter, doch sie fühlte sich mehr zu Tieren und gelegentlich zu Erwachsenen hingezogen. Sie hatte die beunruhigende Angewohnheit, reglos und stumm dazusitzen und mit ihren braunen Augen jede Be­wegung der Erwachsenen zu verfolgen.

Sie liebte Cora, aber Hansford war ihr unheimlich; sein Bart kratzte. Sie himmelte Ramelle an und klatschte jedes Mal in die Hände, wenn die gertenschlanke grauhaarige Schönheit er­schien.

Mary und der inzwischen aufsässigen Maizie schenkte sie kaum Beachtung, doch Pearlie und Extra Billy zockelte sie hin­terher. Sie lächelte, wenn Louise ihr einen Hundekeks gab. Dann ließ sie sich auf die Erde plumpsen und versuchte, den Keks zu mampfen wie Buster oder Doodlebug. Sie brachte auch Oderuss dazu, einen Keks zu essen, was Mary nicht gerade für Nicky einnahm. Geduldig warteten die Hunde, bis sie ihre Tro­phäe Leid war oder Oderuss den Keks hinwarf und liegen ließ, und dann schnappte ihn sich einer von ihnen. Wenn das Kind weinte, warf Buster zu aller, besonders Yoyos Erstaunen den Keks Nickel wieder vor die Füße.

Tante Dimps prophezeite, das Kind werde später einmal Tier­dompteuse. Ramelle trug Nickel in den Stall, setzte sie auf ein Pferd und hielt sie fest. Nickel zeigte keine Furcht, worauf Ra­melle erklärte, das Kind würde einmal eine so gute Reiterin wie Celeste. Louise sagte, Nickel werde Schriftstellerin, worauf alle lachten, da Julia Ellen schon beim Schreiben eines Einkaufszet­tels Zustände bekam. Das einzige Buch im Hause Smith war die Bibel, von der Julia keinen Gebrauch machte. Cora erklärte allen, Nickel werde, was sie werden wolle. Sie habe ihren eige­nen Willen.

Die Einzige, die sich jeglicher Vorraussagen enthielt, war Mutter Smith. Sie weigerte sich, die Kleine zu sehen, auch ließ sie Chessy mit dem unehelichen Kind nicht in ihr Haus. Rupert schien sich so oder so nicht für dieses Thema zu interessieren, doch er rauchte stärker und kippte ein paar Whiskey mehr als sonst. Chester besuchte seine Mutter weiterhin gehorsam jeden Dienstag, aber ansonsten zu keiner anderen Zeit, ungeachtet ihrer flehentlichen Bitten und gelegentlichen Wutausbrüche. Mutter Smith wurde immer verbitterter, doch da sie in diesem Leben keine Freundschaften gepflegt hatte, kümmerte es nie­manden.

Zwei Soldaten, die 1945 auf Urlaub durch Runnymede kamen, verliebten sich in die Stadt. Sobald Pierre und Bob aus der Ar­mee entlassen waren, erwarben sie den SalonCurl 'n' Twirl von den Hunsenmeirs. Juts steckte ihre Hälfte des Geldes in Sparob­ligationen für Nickel; es war das einzige Mal in ihrem Leben, daß sie Vernunft bewies. Zur allgemeinen Überraschung schlug Louise über die Stränge und kaufte sich ein eigenes Auto. Pear­lie wäre fast gestorben. Erst recht, als er mit ihr mitfuhr. Loui­ses Buick Coupe, in einem schönen Jagdgrün, erregte sie wie kaum etwas in ihrem Leben.

Eines Nachmittags, als Juts es satt hatte, hinter Nickel herzu­laufen, ließ sie sich in den weißen Liegestuhl fallen. Louise hielt in der Einfahrt und stieß den Zweisigpfiff aus.

»Ich bin im Garten«, antwortete Juts auf das Signal, das sie seit ihrer Kindheit benutzten.

Buster eilte hinaus, um Doodlebug zu begrüßen. Yoyo blieb, wo sie war. Kein Hund lohnte die Anstrengung.

Louise, die Handtasche am Arm - Schuhe, Tasche, Hand­schuhe und Hut waren aufeinander abgestimmt -, trippelte in den Garten und rief beim Anblick der Schmetterlingswolke: »So etwas habe ich ja noch nie gesehen.«

»Ich auch nicht.«

»Das mußt du fotografieren.«

»Ich bin zu müde, um den Apparat zu holen.«

»Ich hol ihn.« Louise huschte in die Vorratskammer, wo Juts die kleine schwarze Rollfilmkamera aufbewahrte. Als sie zu­rückkam, machte sie Schnappschüsse von Nickel, wie sie nach Schmetterlingen haschte und sich mit Buster und Doodlebug im Gras wälzte. Auf einer Aufnahme, von der sie hoffte, daß sie gelungen sei, sprang das Kind in die Luft, den großen Zebra­Schwalbenschwanz, der mit voll ausgebreiteten Flügeln auf den großen Papaubaum hinter dem Fliederstrauch zusteuerte, eben außer Reichweite.

Juts klatschte rhythmisch in die Hände. »Tanz, Nicky, tanz für Tante Wheezer.«

Nickel ließ von der Schmetterlingsjagd ab und drehte sich zu den Erwachsenen um. Sie stemmte die Hände in die Hüften.

Louise animierte sie ebenfalls und sang: »Backe backe Ku­chen.« Juts sang mit.

Das Kind hob die Hände über den Kopf und machte ein paar Ausfallschritte; Doodlebug und Buster jaulten und kläfften, einer rechts von ihr, einer links.

Yoyo, entrüstet über dieses Getue, blieb reglos unter dem Flieder liegen. Nach dem Tanz warf sich Nickel auf die Erde und gurrte: »Miezekätzchen.«

Yoyo gähnte.

Nickel kroch vorsichtig zur Katze und legte sich hin, den Kopf auf den Händen, um es Yoyo gleichzutun, deren pelziger Kopf auf den Vorderpfoten ruhte.

Louise knipste drauflos. Dann setzte auch sie sich hin und leg­te den Fotoapparat auf den niedrigen weißen Holztisch. »Diese Energie. Wo haben sie die her?«

»Ich weiß nicht. Aber ich könnte was davon gebrauchen. Wenn wir nicht eingespannt wären - ich meine, wenn wir tun könnten, was unser Körper will -, dann wären wir bestimmt mehr wie sie.«

»Wer weiß.« Louise zog ihre Schuhe aus. »Maizies Konzert ist Ende Mai. Nicht vergessen.«