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»Nein.«

»Sie ist sehr von sich eingenommen, das kann ich dir sagen. Maizie hat sich, hm, nach dem kleinen Zwischenfall in der Klo­sterschule auf Musik verlegt.« Der kleine Zwischenfall bestand darin, daß Maizie ihr Zimmer in Brand gesteckt hatte und von der Schule geflogen war. Louise zog es vor, sich nicht näher darüber auszulassen. »Du meine Güte. Jetzt will sie nach New York und im Symphonieorchester spielen. Mit lauter Yankees. Ich habe ihr gesagt, sie würde sich hundsmiserabel fühlen und reumütig nach Hause gekrochen kommen.«

»Sie sind zwar Yankees, aber musikalische Yankees, und wenn sie es schafft, nun, dann hat sie erst recht meinen Re­spekt.«

»Ich will nicht, daß meine Tochter so weit weg ist, in so einer großen lauten Stadt.«

»Hm, in Baltimore ist auch nicht gerade Totenstille.«

»Baltimore ist zivilisiert. Dort gibt es noch Familien.«

Sie wollte damit sagen, daß es dort Menschen mit einwand­freien Ahnentafeln gab, die bis zu Lord Baltimore zurückreich­ten, was Louise auch für sich selbst in Anspruch nahm. Sie verschwieg die Familiengeschichte der Hunsenmeirs, die gera­dewegs zu einem hessischen Soldaten führte, einem Söldner, der sich, da er genug von König Georg hatte und von Maryland angetan war, kurzerhand von der Truppe entfernt hatte.

»In New York gibt es auch Familien. Schließlich haben sie den Colony Club, den Knickerbocker Club und...«

Louise fiel ihr ins Wort. »Das ist nicht dasselbe.«

»Ist es wohl.«

»Nein, ist es nicht. Viele der Leute dort sind auf merkantilem Wege zu Geld gekommen.« Louise bediente sich eines ge­schraubten Vokabulars, um ihren gesellschaftlichen Status zu erhöhen. »Und außerdem stammen viele von Kriegsgewinnlern ab, die noch schlimmer sind als das Rife-Gesindel.«

Juts winkte ab. »Wenn du meinst.«

»Komm mir bloß nicht so. Ich kann's nicht ausstehen, wenn du so bist. Abstammung ist wichtig.« Sie schniefte. »Und New York ist voller Juden.«

»Na und?«

»Julia, wenn Maizie nun mit einer Person jüdischen Glaubens anbändelte? Das geht einfach nicht.«

»Jesus war Jude.«

»Ach, dummes Zeug. Es gibt den einen Wahren Glauben, die eine Wahre Kirche und nur den einen Weg. Früher oder später wirst du deinen Irrweg bereuen. Und Jesus war kein Jude. Er war Christ.«

Juts setzte sich aufrecht hin, ihre Müdigkeit schlug in Verär­gerung um. »Wo warst du heute Morgen, bei der Beichte? Wir kauen diesen frommen Scheiß jetzt einmal die Woche durch. Rund zwei Stunden lang glaubst du, du seiest frei von Sünde.«

Louise verschränkte die Arme. »Ich will mich nicht streiten.«

Juts witterte Unrat. »Louise, was hast du angestellt?«

»Nichts.« Ihre Stimme schwang sich in die Luft wie ein Schmetterling.

»Louise.« Juts zog den Namen ihrer Schwester in die Länge. »Louise Alverta - ich kenne dich.«

»Nichts.« Louise schüttelte den Kopf.

»Eine Affäre?« Juts hoffte auf etwas Aufregendes.

»Wie kannst du so etwas auch nur denken?«

»So was kommt vor.« Julia senkte die Stimme, ihre Hoffnung schwand dahin.

»Du mußt es ja wissen.«

»He, ich war's nicht!«

Wheezie fand selbst, daß ihre Bemerkung gemein war. »Du hast Recht. Aber Julia, du hast nichts als Sex im Kopf.« »Ist ja nicht wahr. Ich höre bloß gern Geschichten. Findest du es nicht faszinierend, wer sich mit wem einläßt?«

»Nein«, log Wheezie, und was für eine Lüge!

»Ach komm.«

»Durchaus nicht.«

»Als ob es dir egal wäre, daß Rob McGrail dauernd mit Pierre und Bob zusammen ist. Jungs unter sich.«

»Bloß weil sie schwul sind, heißt es noch lange nicht, daß sie so sind.«

»Na gut. Mary Miles Mundis nimmt jeden Tag Tennisstunden. Findest du das nicht merkwürdig?«

»Jeden Tag eine?«

»Der Tennislehrer sieht tausendmal besser aus als Harold, auch wenn Harold mehr Geld hat als Gott.«

Louise beugte sich vor, gierig nach Klatsch, sah jedoch ein, daß ihr Eifer Juts nur bestätigen würde. »Ich denke kaum an solche Sachen. Du hast eine schmutzige Phantasie.«

»Hört, hört!«

»Ich geh nach Hause.« Doch sie rührte sich nicht vom Fleck.

»Warum bist du hergekommen?«

»Um meine Schwester zu sehen.«

»Natürlich.« Juts blickte um sich. »Wo ist Nickel?«

»Sie muß hinter die Garage gegangen sein. Hier ist sie nicht.«

»Dann ist sie wohl ins Haus spaziert.«

»Sie ist zu klein, um an den Türknauf zu kommen.«

»Wo sie auch ist, Buster und Doodlebug sind bei ihr.«

Wheezie stand auf und ging ums Haus, Juts schaute in die Nachbargärten. Louise kam zurück. »Juts, ich weiß nicht, wo sie ist.«

»Weit kann sie nicht sein. Die kleinen Beinchen können nicht so schnell laufen.« Julia rannte zum Bürgersteig und dort, mit­ten auf der Straße, spielte Nickel. »Nicky«, rief sie, »bleib, wo du bist«, und stürmte los.

»Sag ihr, sie soll von der Straße runtergehen!« Louise sprinte­te hinter ihrer Schwester her. Juts langte bei der Kleinen an und nahm sie auf den Arm; die Hunde sprangen an ihr hoch. »Nicky, du darfst nicht weggehen, ohne es Mummy zu sagen - und geh nie auf die Straße.«

Louise kam hinzu, aufgeschreckt, mit rotem Gesicht. Sie drohte mit dem Finger. »Daß du das nie wieder tust!«

Nickel drohte ihrer Tante unerschrocken zurück.

»Juts, du mußt das Kind bestrafen, und zwargleich.«

»Sei nicht patzig zu Tante Wheezie, Kind.« Juts zog ihre Zi­garetten aus der Tasche ihres Hauskleids. Sie zündete sich eine an und gab Nickel eine zum Spielen.

»Nein, Julia, du mußt ihr den Hintern versohlen. Dasselbe sa­ge ich Mary wegen Oderuss. Sei streng. Sei konsequent. Nicky ist weggelaufen. Sie ist trotzig. Sie hätte umkommen können!«

»Ich versohle sie erst, wenn sie es noch einmal tut.«

»Du ziehst einen Satansbraten groß. Du hast nicht die leiseste Ahnung von Mutterschaft«, klagte Louise, immer noch aufge­wühlt, als sie zum Haus zurückgingen. »Aber was sollte ich auch anderes erwarten?«

»Was soll das denn bitte heißen?«

»Nun ja, du hast das Kind nicht in dir getragen. Es ist etwas anderes, wenn Kinder in einem wachsen.« Louise zog ihren letzten Trumpf aus dem Ärmel.

»Schwachsinn.«

»Siehst du, eine richtige Mutter würde vor einem Kind nicht fluchen.«

Julia lief rot an und zischte: »Halt deine gottverdammte Klap­pe.«

»Ich muß doch sehr bitten.« Louises Stimme klang hohl.

»Du wirst mich noch um was ganz anderes bitten. Du hast deine Kinder auf deine Art erzogen, und ich erziehe mein Kind auf meine Art. Und komm mir bloß nicht noch einmal mit die­sem Mist von wegen es muß in einem wachsen, sonst helfe mir Gott, ich schlag dir deine gesamten Goldfüllungen in die Gur­gel.«

»Sei doch nicht so empfindlich.«

»Wenn du denken würdest, bevor du den Mund aufmachst, kämst du nicht halb so oft in Schwierigkeiten.« Juts rempelte Louise mit der Schulter an und zwang ihre Schwester, das Ge­wicht zu verlagern.

»Wer im Glashaus sitzt.«

»... soll nicht mit Steinen werfen.«

»Der Spatz in der Hand.«

». ist besser als die Taube auf dem Dach. Gleich und Gleich.«

».gesellt sich gern.«

»Ein rollender Stein.«

». setzt kein Moos an.« Wheezie lächelte, als sie das Latten­tor aufstießen. Sie betrachtete Nickel, die nicht wie eine Hun­senmeir aussah, obwohl Rillma mütterlicherseits, von der irisch-maurischen Seite her, mit Cora verwandt war. Ihr kam der Gedanke, daß es für ein braunäugiges Kind womöglich be­fremdlich war, mit Eltern aufzuwachsen, die beide blonde Haa­re und strahlend graue Augen hatten. Wenn Louises Töchter sie ansahen, konnten sie gewissermaßen sich selbst wiedererken­nen; das Gefühl würde Nickel nie kennen. Louise war über­zeugt, daß dies ins Gewicht fiel. Es kam ihr gar nicht in den Sinn, daß sich das Kind ohne solche Bindungen und Erwartun­gen unter Umständen freier fühlte.