»Louise, Mutter zu sein ist viel schwerer, als ich gedacht hatte, aber Kindererziehung hat nichts mit Abstammung zu tun.« Juts hatte nach diesem Schrecken nicht die Kraft, Louise zusammenzustauchen.
»Siehst du nicht, daß alles, was du jetzt tust, später auf dich zurückfällt? Du kannst das Kind nicht ohne Zügel.«
»Ich hab nur eine Sekunde nicht hingeguckt.«
»Das genügt. Denk dran, was Tadja BonBon passiert ist.« Tadjas kleiner Junge war im Jahr zuvor im Schwimmbad ertrunken. Sie war nur einen Augenblick lang abgelenkt gewesen. Alle hatten ihr die Schuld gegeben, was das Ganze noch schlimmer machte. »Ich möchte nicht, daß du noch mehr Kummer hast, als du ohnehin schon hattest. Sie ist ein eigensinniges kleines Ding, und sie braucht eine starke Hand. Sie sind wie Tiere, Julia, du mußt sie im Griff haben, sonst stellen sie alles auf den Kopf, verpulvern dein Geld und gehen fort, ohne auch nur danke zu sagen. Mein Gott, sieh dir die BittersSippschaft an. Extra Billy ist der Einzige, der sich bemüht hat, etwas aus sich zu machen, und er ist immer noch reichlich ungeschliffen. Du mußt standhaft bleiben.«
Juts erwiderte: »Manchmal habe ich den Eindruck, du hast lauter Perlen ohne Schnur.«
54
Grün wogte das Gras auf den Wiesen. Daß der Frühling sich auch dieses Jahr beeilt hatte, verhieß einen guten Start für die Ernte, und die Bauern prophezeiten, wenn das Wetter sich hielte, würden sie dreimal reichlich Heu einfahren können.
Chester lebte nach der Devise>Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben<. Abends arbeitete er an der Vollendung der Sattelkammer von Harry Mundis. Harry wollte wie ein englischer Lord leben. Freilich hatten die echten englischen Lords in zwei Weltkriegen so viel verloren, daß viele in kalten Häusern froren, um Heizkosten zu sparen. Schlimmer noch, manche teilten ihre großen Güter auf. Harry jedoch verdiente sich dumm und dämlich, zuerst mit Regierungsaufträgen während des Krieges und danach mit dem Abriß derselben Gebäude und dem Verkauf des Materials an Bauunternehmer. Das war nicht ungesetzlich, solange er das Material als gebraucht deklarierte, und das tat er. Da Geld nach dem Krieg knapp war, war mancher froh, Ziegelsteine, Bauholz, Seitenwandungen und Dachrinnen zu reduzierten Preisen zu bekommen. Den Stahl hortete er.
Mundis' Aufstieg zum glanzvollen Konkurrenten der Rifes und Chalfontes rief Bewunderung, Neid und sogar Verwirrung hervor. Mary Miles gehörte zu den Verwirrten. Sie hing an ihren alten Freundinnen, ihren alten Gewohnheiten; auch ihr altes Haus hatte ihr besser gefallen. Sie hatte nichts gegen Geld, im Gegenteil, aber sie sah keinen Grund, mit ihrem Reichtum zu protzen - außer, wenn es um neue Autos ging. Wie die meisten Menschen ihrer Generation, die vor der Erfindung des Verbrennungsmotors geboren waren, schwärmte sie für Autos.
Als die schrägen Sonnenstrahlen lange goldene Schatten warfen, machte Chester Feierabend. Er fuhr über den Platz und hielt an, um sich zu vergewissern, daß die Eisenwarenhandlung abgeschlossen war. Trudy sperrte gerade das Juweliergeschäft ihres Gatten zu. Chester wandte den Blick ab. Seit dem peinlichen Abend des Luftangriffs hatte er nur das eine Mal mit ihr gesprochen, als er die Affäre beendete.
Lange Zeit hatte er sich gefühlt wie ein Toter. Alle hatten sich nur um Juts gekümmert. Niemand hatte seinen Kummer beachtet. Er bezweifelte nicht, daß auch Trudy sich eine Zeit lang schrecklich gefühlt - und ihn wie die Pest gehaßt hatte. Als sie Senior Epstein heiratete, war er zugleich eifersüchtig und erleichtert gewesen. Jacob, ein guter Mensch, war nicht mehr einsam, und Trudy hatte einen zuverlässigen Ehemann.
Chester hatte sich nie vorgestellt, wie schwierig es war, das Ehegelöbnis zu halten. Er schwankte zwischen Scham und dem Glauben, daß es so verwerflich nicht war, dem Leben mehr Glück abringen zu wollen. Er hatte nicht damit gerechnet, daß dieses Glück entsprechendes Leid verursachen würde.
Doch eins war sicher: Er liebte sein kleines Mädchen. Als er die Tür öffnete, stürmte Buster herbei, Juts rief aus der Küche, und Nicky lief zu ihm, so schnell ihre Beine sie trugen. »Daddy!« Es klang nicht unbedingt wie »Daddy«, aber er wußte, was sie meinte.
»Wie geht's meinem Cowboy? Was macht meine Beste?« Er gab ihr einen Kuß und schwenkte sie herum. Sie quietschte. Buster sah interessiert zu. Chester gab ihr noch einen Kuß und ließ sie herunter, aber sie klammerte sich an sein Bein. So ging er mit dem zweijährigen Klotz am Bein in die Küche. »Hast du schon mal so einen großen Floh gesehen?«
Juts lachte. »Dein großer Floh war heute ein ungezogenes Mädchen.«
»So?« Er schüttelte sein Bein, was abermals entzücktes Quietschen auslöste.
»Sie ist zur Ecke spaziert und hat sich mitten auf die Straße gesetzt, und Chessy, ich schwöre - Louise ist meine Zeugin, sie war dabei -, ich habe sie höchstens ein Sekündchen aus den Augen gelassen.«
»Hast du das wirklich getan?«
Nickel schüttelte den Kopf.
»Sie hat mich so erschreckt, daß ich zwei Aspirin nehmen mußte. Ich hab trotzdem noch Kopfschmerzen. Man muß sie an die Leine nehmen.«
Chester hob Nicky hoch. »Du bist kein großer Floh. Du bist ein Hündchen. Was meinst du, soll ich dir so eine Leine besorgen wie Busters?«
Darauf nickte sie, dann schlang sie die Arme um seinen Hals und legte ihre Wange an seine.
Chester hatte nicht gewußt, daß eine solche Liebe existierte. Er wußte nur, daß das Vatersein sein Leben ein für alle Mal verändert hatte. Endlich fühlte er sich als Mann. Er ging Konflikten aus dem Weg, wenn er konnte, doch wenn es sich nicht vermeiden ließ, rückte er ihnen neuerdings ohne Umschweife zu Leibe. Dies entging weder seiner Frau noch seiner Mutter oder seinen Freunden - so wenig wie sein glückliches Strahlen, wenn irgend jemand Nickys Namen erwähnte: So schnell wie Chester zog kein anderer in Maryland ein Foto seiner Tochter hervor, dem wunderbarsten, schönsten, klügsten kleinen Mädchen auf der Welt. Gelegentlich war sie auch das böseste. Und sie schweißte ihn und Juts wieder zusammen.
»Nicht auf der Straße spielen, Cowboy.«
Sie sah ihn ernst an. »Äh - « Ihre Sprechkünste waren noch nicht so weit gediehen, daß sie hätte erklären können, weshalb sie mitten auf die Straße wollte.
»Wie wär's mit Hühnersuppe zum Abendessen?«
Juts überlegte kurz. »Bißchen warm dafür, oder?«
»Ist mir egal, Schatz, du kennst mich doch. Ich esse alles. Fressen oder gefressen werden.« Er stellte Nicky auf den Boden, aber sie klammerte sich gleich wieder an ihn.
Julia legte den Finger der Länge nach an die Nase, eine eigenartige Geste, die sie Celeste Chalfonte abgeschaut hatte. »Ich brate ein Huhn und.« Das Klingeln des Telefons brachte sie aus dem Konzept. »Mist, ich hab nasse Hände.«
»Ich geh dran.« Er wartete ab, bis es zweimal geklingelt hatte, ihr Signal des Gemeinschaftsanschlusses, dann eilte er zum Treppenabsatz und nahm ab. Er hörte einen Augenblick zu. »Wir sind gleich da.«
»Juts, Hansford ist.« - er wägte seine Worte - »zusammengebrochen.«
Sie trocknete sich die Hände an einem Geschirrtuch ab und warf es sich über die Schulter, stellte rasch den Herd aus, dann sah sie Nickel an. Juts wußte nicht, was sie erwartete, wenn sie zu ihrer Mutter kamen. Was bedeutete »zusammengebrochen«?
»Vielleicht sollten wir das Kind lieber nicht mitnehmen. Ob Ramelle wohl auf sie aufpassen kann?«
Sanft sagte er: »Ich glaube nicht, daß dazu Zeit ist, Schatz.«