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Sie fuhren zu Cora. Später hatte Juts überhaupt keine Erinne­rung an die Fahrt. Sie fühlte sich, als sei sie unter Wasser, aber sie wußte nicht, warum. Sie hatte gedacht, sie mache sich nichts aus Hansford. Daß Louises Auto schon da war, beruhigte und ängstigte sie zugleich.

Chester trug Nickel hinein. Ihre Augen weiteten sich. Sie spürte die aufgewühlte Stimmung. Chester überließ das Kind Mary, die mit Extra Billy, dem kleinen Oderuss und Maizie im Wohnzimmer saß, und folgte seiner Frau in das kleine Schlaf­zimmer. Hansford saß im Bett und atmete mühevoll. Cora tupf­te ihm mit kalten Tüchern die Stirn ab. Juts setzte sich an die andere Bettseite, Louise stand am Fußende, mit dem Gesicht zu Hansford.

Sein qualvolles Röcheln vibrierte im Raum. Trotz der Schmerzen und der Atemnot war bei er klarem Verstand. Er streckte Julia Ellen seine Hand hin; sie nahm sie und brach in Tränen aus. Er tätschelte ihr die Hand.

»Hab keine Angst, Pop«, weinte sie. »Du wirst wieder ge­sund.«

Er lächelte sie an. Es war das erste Mal, daß sie ihn Pop ge­nannt hatte.

Chester stand neben Juts. Paul trug die Wasserschüssel in die Küche und kam mit einer anderen zurück, in der Eiswürfel schwammen. Louise rührte sich nicht vom Fleck.

»Die Kinder!«, japste Hansford.

Endlich kam Louise zu sich. Sie holte Mary, Maizie, Oderuss und Nickel.

Maizie kniete sich neben Cora zu ihrem Großvater. Er berühr­te ihren Kopf, als würde er sie salben. Mary mochte nicht nie­derknien, aber er griff nach ihrer Hand, und sie überließ sie ihm. Oderuss versteckte das Gesicht hinter seinen Händen. Als Nickel zu wimmern anfing, nahm Chester sie Mary ab. Hansford deutete auf das Kind, und Chester ließ sich auf ein Knie nieder. Die Kleine hockte auf dem anderen Knie, so daß Hansford sie anfassen konnte. Er berührte ihre weiche Wange.

»PopPop geht Heia machen.« Er lächelte in ihr trauriges Ge­sicht.

»Nein!« Ihre Lautstärke schreckte alle auf.

»Sch-sch.« Chessy schaukelte sie auf seinem Knie, aber sie ließ sich nicht beruhigen.

»Nein! PopPop dableiben.« Sie brach in Tränen aus. Sie konn­te zwar PopPops Bart und seinen Kautabakgeruch nicht leiden, aber ihn selbst hatte sie gern.

Zum ersten Mal liefen Hansford Tränen über die Wangen; sie verschwanden in seinem Bart, den Cora sorgfältig gekämmt hatte. Er schüttelte den Kopf, ließ seinen Blick über seine Lie­ben schweifen. Er hatte sein Leben verschwendet. Er hatte Co­ra, Louise und Julia verlassen. Bei seiner Rückkehr hatte er, verzehrt von Not und unterdrücktem Kummer, erfahren, was wahre Liebe wert war, aber auch, daß sich manches nicht wie­der gutmachen ließ. Und nun war es zu spät, um es jemand an­derem zu sagen, einem anderen Mann, der vor der einengenden Verantwortung geflohen war. Ein Mann mußte nicht nur den Mut aufbringen, im Kampf zu bestehen, sondern auch, zu Hause zu bestehen. Als junger Mann war es Hansfords größte Furcht gewesen, in dieser abgelegenen Stadt gefangen zu sein, die Welt zu verpassen. Statt dessen war er in seiner Selbstsucht gefangen gewesen und hatte die Liebe verpaßt.

»Hansford, ich bring dich ins Krankenhaus«, sagte Chester.

Pearlie flüsterte Chessy zu: »Dazu ist keine Zeit.«

Hansford winkte Louise, aber sie wollte nicht näher treten.

»Louise, um Gottes willen«, flehte ihre Mutter.

»Wem gehört dieses Land wirklich?«, fragte Louise kalt.

Hansford deutete auf Cora.

»Louise«, sagte Cora streng, »mach deinen Frieden mit dei­nem Vater, sonst lastet es schwer auf dem Herzen bis ans Ende deiner Tage.«

»Meinem Vater?« Louises Stimme triefte vom Gift der alten Wunde. »Mein Vater hätte für uns gesorgt, Momma. Hast du die Zeit vergessen, da wir nicht genug zu essen hatten?«

»Celeste hat uns nicht verhungern lassen.« »Du hast nicht gleich angefangen, bei Celeste zu arbeiten.«

»Dies ist nicht der Zeitpunkt für solche Diskussionen. Erlöse ihn von seinem Leiden und vergib ihm. Eines Tages muß auch dir vielleicht vergeben werden, Tochter.« Cora wrang das Tuch aus.

»Ich bin wohl doch nicht so eine gute Katholikin, wie ich dachte.« Louise machte auf dem Absatz kehrt und ging hinaus.

Erschüttert küßten Mary und Maizie rasch Hansfords Hand, dann folgten sie ihrer Mutter.

»Es tut mir Leid«, sagte Pearlie zu dem Mann, der vor seinen Augen zusammenschrumpfte. »Sie ist durcheinander. Sie meint es nicht so.«

Cora wischte ihm mit einem trockenen Tuch Wangen und Bart ab. Hansford blinzelte und nahm Pearlies Hand, der seine drückte und sie dann losließ.

Pearlie ging zu seiner Frau ins Wohnzimmer. Er hatte alle Hände voll mit ihr zu tun.

Hansford nahm Julias Hand. »Verzeihst.?«, war alles, was er krächzend herausbrachte.

»Ich verzeihe dir, Pop. Ich wünschte, du hättest uns nicht ver­lassen, aber ich verzeihe dir.«

Er drückte noch einmal ihre Hand und ließ sie dann los. Er lä­chelte ihr zu, streckte dann die Hand nach Chester aus, der das Kind auf einem Arm hielt. Er nahm Hansfords Hand mit seiner anderen.

»Sie. braucht. dich.« Hansford zeigte auf das Kind. Er stach ein paarmal mit dem Finger in die Luft, versuchte, noch mehr zu sagen.

»Ich werde mein Bestes tun, Sir. Ich sterbe für die beiden, wenn es sein muß.« Chester fing ebenfalls an zu weinen.

Hansford lächelte noch einmal und sprach seine letzten Worte. »Lebe. für. sie.«

Dann setzte er sich mit jäher Anstrengung kerzengerade auf. Er streckte die Hand nach Cora aus, die ihn mit aller Kraft hielt, während er seinen Geist jedwedem Abenteuer empfahl, das im Jenseits lockte.

»Gute Reise«, schluchzte Cora.

Juts und Chessy ließen sie ein paar Minuten mit ihm allein. Juts ging an der zornigen, würgenden Louise vorbei, die sich bereits rechtfertigte. Juts beachtete sie so wenig wie eine meckernde Ziege. Chessy folgte seiner Frau und drückte Nickel an sich, die wieder weinte.

Die Sonne ging unter. Nahe dem Haus klopfte ein Rotkopf­specht an eine Baumrinde, in der es von saftigen Insekten wimmelte, und holte sich eine letzte Mahlzeit vor dem Feier­abend.

Julia hatte die flüchtige Vorstellung, daß der Specht per Mor­sezeichen verkündete:Hansford Hunsenmeir ist tot. Juts hat ihren Vater verloren - zum zweiten Mal. Sie schüttelte den Kopf und barg von Schmerz überwältigt das Gesicht in den Händen. Sie suchte Trost bei ihrem Mann, und er war da.

Spät in der Nacht, als der Bestattungsunternehmer gegangen war, nachdem Wheezie alle angeschrieen und beschimpft hatte, nachdem Cora sich mit bemerkenswerter Würde gefaßt hatte, nachdem Mary und Maizie ihre Mutter nach Hause begleitet hatten, Juts endlich eingeschlafen war und das Kind in seinem Gitterbettchen träumte, Yoyo an sie gekuschelt, ging Chester unruhig auf und ab.

Er fand keinen Frieden. Schließlich schnalzte er Buster zu, warf einen Mantel über seinen Schlafanzug und ging nach draußen, die eine Seite der baumbestandenen Straße hinauf und die andere hinunter.

Er dachte über das Leben nach. Als Junge hatte er von Hel­dentaten, Kriegsruhm und schnellen Autos geträumt. Er träumte immer noch von schnellen Autos, aber er war reif genug, um zu wissen, daß Kriege keinen Ruhm bringen und Heldentaten äu­ßerst selten sind. Die beharrliche Weigerung, der Verzweiflung oder der Maßlosigkeit nachzugeben, erschien ihm jetzt helden­haft. Für diejenigen zu sorgen, die einen brauchten, schien ihm heldenhaft. Er würde auf dieser Erde leben und sterben und, wie Hansford, vergessen sein, wenn diejenigen, die ihn gekannt hatten, ebenfalls tot waren. Als junger Mensch hätte er diese Erkenntnis furchtbar gefunden. Jetzt war es einfach eine Tatsa­che. Ruhm, Vermögen und Macht, diese Jugendträume waren ihm nicht beschieden. Er zehrte nicht von einer täglichen Kost großer Siege. Das Leben war nicht so. Er ging weiter und wei­ter, Buster an seiner Seite, und als der Morgenstern hell und klar leuchtete, sagte er laut: »Das Leben ist nicht so - es ist besser.«