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Weiße Kaskaden ergossen sich über Juts' Gartenzaun. Die Kreppmyrte blühte. Juts plagte sich damit, ein stabiles weißes Spalier aus 10 x 10 cm großen Quadraten an der Garage zu befestigen. Nickel rannte im Garten herum, dicht gefolgt von Buster.

Das Ende des Spaliers kippte nach vorn.

»Nicky, komm zu Momma.«

»Nein.« Nickel lief schneller.

»Ich brauch dich, du mußt mir helfen.«

Das Wort>helfen< wirkte Wunder. So klein sie war, sie mach­te sich gern nützlich. Sie lief zu Juts.

Juts zeigte auf das Ende des Spaliers. »Kannst du dich an die Mauer lehnen?«

Nickel ging hinüber, stellte sich bäuchlings platt an die Wand und drückte so das Spalier dagegen.

»So ist es gut. Bist ein starkes Mädchen.« Juts schlug auf ihrer Seite rasch einen Nagel ein, dann lief sie dahin, wo Nickel stand, und schlug auch dort einen Nagel ein. »Danke.« Sie klappte die Trittleiter auf und kletterte nach oben, wo sie den nächsten Nagel einschlug. Dann trug sie die Trittleiter ans ande­re Ende und wiederholte die Prozedur. Als sie heruntergeklettert war, bewunderte sie das Spalier. Sie stellte sich muschelrosa Rosen vor, die sich daran hochrankten. Oder wollte sie rubinro­te Rosen? Dann wiederum entlockte ihr die Vorstellung von gelben ein Lächeln. »Ach was, ich pflanze sie alle.«

Schwere Schritte, Nickels Quieken und Busters Freudengebell verkündeten Coras Ankunft. Cora hatte in den letzten paar Jah­ren stark zugenommen. Sie atmete schwer.

»Momma, warum hast du nicht angerufen, ich hätte dich doch abgeholt und hergefahren.«

»Mit welchem Auto?« Cora fächelte sich Luft zu. In ihrer Ge­neration waren Fächer so modisch wie nützlich.

»Ich hätte mir Wheezers geliehen.«

»Von wegen. Hallo, mein wilder Indianer.« Cora bückte sich, um Nickel einen Kuß zu geben.

Als sie die Stimme hörte, kam Yoyo von dem Rotahorn her­untergeklettert. Sie wartete ein paar Sekunden. Rennen war unangemessen. Dann schlenderte sie hinüber und rieb sich am Bein der alten Dame.

»Diese Katze.« Juts lachte. »Sie liebt dich. Möchtest du eine Cola oder eine Limonade?«

Juts lief in die Küche und kam mit einem großen Krug Limo­nade auf einem Tablett zurück. Nickel trug die Servietten. Sie ging zu ihrer Großmutter. Cora gab vor, die verschiedenen Far­ben zu begutachten. Sie suchte sich die rote aus, legte sie dann zurück und zwinkerte. Sie nahm sich eine grüne, weil sie wußte, daß Nickel die rote wollte.

Als Nickel sich setzte, um aus einem Zinnbecher ihre Limo­nade zu trinken, legte Cora ihr die rote Serviette auf den Schoß. »Rot ist deine Farbe.«

Nickel kicherte.

»Julia, du hast einen grünen Daumen. Den hattest du schon immer. Louise hat einen schwarzen Daumen.« Sie deutete ein Lächeln an. »Aber Louise kann gut organisieren.«

»Sie sagt den Leuten, was sie zu tun haben. Komm, Momma, leg die Füße hoch.« Juts stellte ihr Glas auf den Tisch und holte eine angestrichene Milchkiste. »Findest du nicht auch, daß an so einem heißen Tag die Füße anschwellen?«

»Wenn ich noch mehr anschwelle, platze ich wie ein Luftbal­lon.« Sie hielt sich das nasse Glas an die Stirn. »Eine Affenhit­ze.«

»Hundstage.« Julia rief dem Terrier zu, der sich unter der Kreppmyrte zurückgezogen hatte: »Findest du nicht, Buster­knabe?«

Cora atmete ein und wieder aus, schloß die Augen, setzte dann das Glas ab. »Sommer - Glühwürmchen und Angeln, Gewitter und Regenbögen. Hast du gewußt, daß beides nötig ist, Regen und Sonnenschein, damit ein Regenbogen entsteht?«

»Ja.« Juts merkte, daß ihre Mutter auf etwas hinaus wollte.

»Das Leben ist ein Regenbogen. Ich weiß erst, wie sehr ich das Leben liebe, seit ich dem Ende näher gekommen bin.«

»Momma.« Juts war beunruhigt.

»Oh, keine Bange. Ich bin nicht krank, aber ich bin alt, Schätzchen. Mein Leben liegt größtenteils hinter mir. Es ist so schnell vergangen. Wenn ich morgens aufstehe, tun mir die Knie weh, und ich weiß nicht, warum. Dann guck ich in den Spiegel und seh dieses alte Gesicht. Ich muß darüber lachen. Ich wach jeden Morgen auf und meine, ich bin zwanzig und hab zwei kleine Kinder, die auf Bumblebee Hill rumlaufen. Bin wohl selbstsüchtig. Ich will nicht, daß es irgendwann aufhört.«

Juts hatte einen dicken Kloß im Hals. »O Momma, du hast noch ein langes Leben vor dir.«

»Das will ich hoffen.« Sie trank, dann streckte sie die Hand nach ihrer Tochter aus. »Genieße jede Minute, Julia, und freu dich an der Kleinen. Hör zu, ich war vorige Woche bei Edgar Frost und hab dir und Louise das Haus überschrieben. Wir ha­ben es so geregelt, daß ich bis zu meinem Tod dort wohnen kann, und er hat mir nicht einen Penny berechnet. Ich kann mich nicht erinnern, daß er vor dem Krieg so großzügig war.«

»Er war ziemlich großzügig.«

»Muß wohl an mir liegen. Ich finde, alle sind verändert zu­rückgekommen. Die, die zurückgekommen sind.«

»Vaughn ist erstaunlich.«

»Ja.«

Vaughn Cadwalder, dessen Beine unterhalb der Knie ampu­tiert waren, wies jegliches Mitleid zurück und kam erstaunlich gut zurecht. Man sagte, es sei ein Glück für ihn, daß er noch Knie hatte, weil er sich Holzbeine anschnallen und mit Stöcken gehen konnte. So konnte man es auch sehen. Die Ärzte bastel­ten fortwährend am Sitz der Holzbeine herum. Sie taten oft weh und verursachten Geschwüre an den Stümpfen. Er beklagte sich nicht. Wenn er schnell vorwärts kommen wollte, benutzte er den Rollstuhl.

»Momma, ich liebe Bumblebee Hill - aber ich liebe es mit dir, und ich wünschte, du würdest nicht so reden. Du hättest doch mit der Überschreibung des Hauses und der fünfzig Morgen noch warten können.«

»Warten, worauf? Wenn ich erst weiß, daß es mit mir zu Ende geht, ist es zu spät.« Julia schwieg, und Cora fuhr fort: »Ich sage es Louise heute Abend. Sie ist in Littlestown. Hat sie ir­gendwas zu dir gesagt?«

»Worüber?«

»Darüber, wie sie ihren Vater behandelt hat?«

Nickel streckte die Beine von sich. »Auf-auf, Mamaw, auf­auf.«

»Nicky, still.«

»Laß sie doch, Julia, sie hat so ruhig gesessen, ich dachte schon, sie ist ein Mäuschen.« Cora sagte zu dem Kind: »Wenn du spielen willst, Liebes, geh nur. Mamaw und Mommy haben hier was durchzukauen.«

Nickel sah ihre Mutter an.

Juts griff Coras Vorschlag auf. »Hol dir doch dein Auto!«

»Nein.« Nickel hüpfte von ihrem Stühlchen, ging zu dem Spa­lier und ahmte ihre Mutter nach, begutachtete es, ging zum ei­nen Ende, dann zum anderen und hämmerte in die Luft.

Juts kam auf die Frage ihrer Mutter zurück. »Wheezie sagt nichts. Gewöhnlich redet sie ja wie ein Wasserfall, aber über Hansford.«

»Diese Gefühle mit sich rumzutragen, ist so, als würde man einen Stein mit sich rumtragen. Ich weiß nicht, warum ich nichts gemerkt habe.«

»Louise sieht die Dinge schwarzweiß. Das weißt du doch. Hansford hat uns verlassen, also ist er von Grund auf böse. Vielleicht schmerzt so was mehr, wenn man klein ist. Ich weiß es nicht, Momma, ich kann mich kaum erinnern.«

»Du warst nicht viel größer als Nickel.« Sie leerte ihr Glas. »Ist Josephine Smith schon mal vorbeigekommen?«

»Nein. Sie läßt sie nicht mal ins Haus, davon abgesehen ver­suchen wir es auch gar nicht erst. Chessy geht jeden Dienstag hin, bleibt zwei Stunden und kommt wieder nach Hause. Seine Brüder schauen heimlich bei uns herein, wenn sie sie besuchen kommen, was sie immer seltener tun. So eine grauenhafte Frau.«

»Überlasse sie Gott, Julia. Sonst trägst auch du noch einen schweren Stein mit dir herum. Böse Menschen handeln so, weil in ihnen etwas blutet.«