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»Ist mir egal, wenn sie verblutet.« »Halte die andere Wange hin.«

»Momma, das kann ich nicht. Ich bin keine so gute Christin - allerdings hab ich auch nie vorgegeben, eine zu sein.«

»Wenn der Herr gewollt hätte, daß wir bessere Menschen sind, dann hätte er die Gebote vielleicht etwas leichter ge­macht.« Cora lächelte. »Aber wir können uns bemühen. Wenn du ihr nicht vergeben kannst, dann vergiß sie einfach.«

»Ich könnte ihr möglicherweise vergeben, wie sie mich be­handelt. Nicht, daß es mir leicht fiele, aber was sie Nickel an­tut. Am liebsten würde ich sie mit dem Traktor überfahren, den Celeste dir vermacht hat. Ja, ich würde die Zicke gern platt walzen.«

»Aber nicht doch, Juts.« Cora drohte ihrer Tochter mit dem Finger. Sie verriet ihr wohlweislich nicht, weshalb sie wirklich in die Stadt gekommen war.

56

Es war ein weiter Weg bis zu Josephine Smith, und das in der brütenden Hitze - um fünf Uhr war es so sengend heiß wie zur Mittagszeit. Cora hatte Juts nicht gesagt, wohin sie ging, als sie sich verabschiedete. Zum Glück waren die Bürgersteige von den ausladenden Ahornbäumen, Eichen, Ulmen und Robinien beschattet, die Runnymedes hübsche Straßen säumten.

Als sie bei der schlichten schwarzen Tür der Smiths ankam, schnappte sie keuchend nach Luft. Die Haustür war offen, die Fliegentür geschlossen. Cora öffnete sie und bediente den glän­zenden Messingklopfer.

»Wer ist da?«, hallte Josephines Stimme durch die Fliegentür. Dort angelangt, blieb Josephine wie angewurzelt stehen. »Was willst du hier?«

»Dich besuchen.«

»Ich habe dir gesagt, daß ich nie wieder mit dir sprechen wer­de.«

»Das war vor der Jahrhundertwende.«

»Jetzt haben wir 1947. In meinen Augen siehst du heute kein bißchen besser aus«, keifte Josephine.

Cora überhörte die Bemerkung und sprach geduldig weiter: »Das ist so lange her. Laß uns den Streit, den wir damals hatten, nicht auf die jungen Leute abwälzen.«

»Das tue ich gar nicht. Ich konnte Chester nicht davon abhal­ten, Julia zu heiraten.«

»Auch das ist lange her, Josephine. Sie haben 1927 geheiratet. Ich spreche von heute.«

»Heute?«, echote Josephine schnaubend, offensichtlich in dem Glauben, sie habe sich in letzter Zeit nichts zuschulden kommen lassen.

»Dein Sohn liebt sein kleines Mädchen. «

»Sie ist nicht sein kleines Mädchen.« Josephines Stimme trief­te von Gehässigkeit. »Sie ist Rillma Ryans Balg, wie wir alle wissen. Die ganze Stadt weiß es.«

»Rillma hat sich zur falschen Zeit in den falschen Mann ver­liebt. Das sollte dir bekannt vorkommen.« »Was willst du damit andeuten, Cora?«

»Daß das Kind nichts dafür kann. Daß Chester glücklich ist und es nur noch an dir fehlt. Du solltest das Baby annehmen.«

»Sie ist kein Baby. Sie ist zweieinhalb. Ich habe sie gese­hen.«

»Von weitem.«

»Cora Zepp« - Josephine nannte sie bei ihrem Mädchenna­men -, »geh bloß deiner Wege. Ich will kein Enkelkind, das in Schande geboren ist.«

»Nickel ist jedenfalls so geboren. Du hast an deiner Schande hart arbeiten müssen.«

»Raus hier!«

»Du bist am Ende, Josephine. Du tust mir Leid.«

»Verlaß meinen Grund und Boden, sonst rufe ich den She­riff.«

Cora ging, blieb auf dem Bürgersteig stehen, der öffentliches Eigentum war und brüllte zurück, was gänzlich uncharakteri­stisch für sie war, aber inzwischen hatte sie den Siedepunkt erreicht: »Er hat dich nie geliebt, Josephine, und das hast du dir selbst eingebrockt, verflixt noch mal.«

Das war zu viel. Josephine riß die Fliegentür auf. Sie stürmte zum Bürgersteig und blieb an der Grenze ihres Grundstücks stehen. »Verschwinde!«

»Dieser Bürgersteig gehört zu York County, Pennsylvania.«

»Verschwinde! Er hat mich geliebt. Du hast ihn dir zurückge­stohlen.«

»Du hast ihn verstoßen. Als er hierher zurückgekrochen kam, hättest du Frieden schließen können. Wir hätten alle Frieden schließen können. Aber du wolltest nicht mal mit ihm spre­chen.«

»Er war ein heruntergekommener alter Blutsauger, und er hat bekommen, was er verdient hat.«

Cora, deren Rock ein willkommenes Lüftchen zauste, war jetzt ganz ruhig. »Am Ende, Josephine, bekommen wir alle, was wir verdienen.«

»Ich bin froh, daß er tot ist.« Josephine wollte durchaus nicht hören, daß sie bekommen würde, was sie verdiente. Sie hatte es schon. Sie war ungeliebt, einsam, gerade mal geduldet von ih­rem Mann und ihren Söhnen. Immerhin hielt sich Rupert an sein Ehegelöbnis, in guten wie in schlechten Zeiten. Er hatte nur schlechte erwischt.

Cora richtete sich zu ihrer vollen Größe auf, die nicht mehr als 1,57 betragen konnte, doch sie hatte etwas an sich, das sie grö­ßer erscheinen und Josephine schrumpfen ließ. »Er hat seine Sünden bereut. Im Sterben hat er zuerst an andere gedacht und zuletzt an sich selbst. Er starb als Mensch. Du hast ihn einmal geliebt. Er war es wert.«

»Du hast ihn nie geliebt.«

»Nicht so, daß es dir aufgefallen wäre.« Cora lächelte matt. »Aber ich habe ihn geliebt.«

Josephines Knie gaben nach. Ihre Wut verwandelte sich in ei­nen furchtbaren Schmerz, den sie sich ein halbes Jahrhundert lang vom Leib gehalten hatte. Sie schob das Gefühl von sich, doch es kam mit derartiger Wucht zu ihr zurück, daß es sie umwarf. »Er hat sich mir aufgedrängt«, wimmerte sie.

»Nein, hat er nicht. Du hast es dir so oft vorgelogen, daß du es glaubst. Hansford hatte es nicht nötig, sich einer Frau aufzu­drängen, das weißt du genau.«

Josephine war so aufgewühlt, daß ihr der Mund offen blieb. Als hätte sie eine 38er-Kugel von hinten getroffen, sank sie auf die Knie.

Cora eilte hinzu, griff ihr unter die Arme und richtete sie auf. Josephine bewegte die Lippen, ohne einen Ton herauszubrin­gen. Sie sah aus wie ein Fisch.

»Komm, Jo, es ist heiß hier draußen. Ich bring dich ins Haus.«

Als Cora ihre erbittertste Feindin zur Haustür schleppte, liefen die Telefondrähte schon heiß. Caesura Frothingham, die in ih­rem schicken Wagen vorbeiführ, erfaßte das Drama, und auf der gegenüber liegenden Straßenseite hatte Frances Finster alles beobachtet.

Mühsam setzte Josephine einen Fuß vor den anderen. Cora half ihr ins Haus, fand die Küche und schenkte ihr kaltes Was­ser ein. Die Hand am Hals, krümmte sich Josephine in Ruperts Sessel zusammen.

»Hier, ein kleiner Schluck wird dir gut tun.«

Mit zitternden Händen nahm Jo, die einst so hübsche Frau, das Glas; Wasser tropfte ihr aufs Kinn. Sie zögerte, trank dann noch einen Schluck. Ein blechernes Quietschen - wie eine ungeölte Bremse - war der einzige Laut, der sich ihr entrang, als sie Cora das Glas zurückgab. Cora stellte es auf den Tisch.

»Jo, wir sind alt, aber es ist noch viel Leben in uns. Es ist leichter, glücklich zu sein, als unglücklich zu sein. Der liebe Gott hat uns nicht zum Unglücklichsein erschaffen.«

»Ich bin schon vor langer Zeit gestorben«, flüsterte Josephine.

»Hm - du kämpfst um deine Wiedergeburt.« Cora wollte ihr das Glas reichen, doch Josephine wies es zurück, weil es ihr schon besser ging. »Ich war schon immer der Ansicht, daß Jesu Auferstehung von den Toten genau das bedeutet. Nicht, daß sich Gräber öffnen, sondern daß wir ins Leben zurückkehren können. Kannst du dir nicht vorstellen, daß ich mich genauso gefühlt habe wie du?«

»Das kann nicht sein.« Josephine erstickte fast an ihrer eige­nen Stimme.

»Vielleicht nicht aus denselben Gründen, aber so gut wie alle, denen man in Runnymede begegnet, haben furchtbares Leid erfahren oder sich dem Tode nahe gefühlt. Sie sind zurückge­kommen.«

»Wer bist du, mir zu sagen, wie ich zu leben habe?« Ein jäher Zorn beflügelte sie.