»Niemand.«
»Laß mich in Ruhe.«
»Na schön.« Cora wandte sich zur Tür. »Aber wenn du nicht zurückkommen kannst, Jo, tu den Kindern nicht weh, sei nicht so kalt zu ihnen. Sie brauchen dich.«
»Niemand braucht mich!«, entfuhr es Josephine voller Wut und Gram.
Cora schloß leise die Tür, froh über den Sonnenschein, und war es noch so schwül.
In jenem Sommer geschah noch mehr. Cora las Louise wegen ihres abscheulichen Verhaltens Hansford gegenüber die Leviten, am Abend desselben Tages, an dem sie sich Josephine Smith vorgeknöpft hatte. Louise blähte sich auf wie ein vergifteter Hund. Sie wollte Bumblebee Hill nicht mit Julia teilen. Sie war durchaus selbstsüchtig, was sie natürlich nicht zugab, doch ihr Einwand war, daß Julia eine Verschwenderin und es der sicherste Weg in den Bankrott sei, das Eigentum mit ihrer jüngeren Schwester zu teilen. Cora sagte, sie müßten lernen, sich zusammenzuraufen. Schließlich hätten sie das als Besitzerinnen desCurl 'n' Twirl auch getan. Louise entgegnete, nur, weil sie die Bücher geführt habe. Schön, erklärte Cora, dann solle sie sie wieder führen. Immerhin konnte Cora Louise das Versprechen abringen, wenn sie ihrem toten Vater nicht vergeben könne, wenigstens zu vergessen. Es tue nicht gut, Haß mit sich herumzutragen. Louise wollte es versuchen.
Alle steckten in Geldnöten, abgesehen von den ganz Reichen wie Ramelle, den Rifes, den Falkenroths und den funkelnagelneureichen Mundis. Die Lebenshaltungskosten stiegen sprunghaft um mehr als dreißig Prozent an. Heimkehrende Soldaten, endlich entlassen, fanden keine Arbeit, obwohl die Frauen, die während des Krieges eingesprungen waren, in Scharen den Laufpaß erhielten.
Nachdem Extra Billy sich mit einer eigenen Farm abgemüht hatte, erklärte er sich einverstanden, in Pearlies Geschäft einzusteigen. Wie so viele Kriegsteilnehmer wachte er Nacht für Nacht aus gräßlichen Albträumen auf. Mary nahm eine Arbeit bei der Telefongesellschaft an, wurde aber im Nu wieder schwanger.
Tante Dimps stellte Doak Garten, der von der Marine zurück war, in ihrem Blumengeschäft ein. Zwar wurde eisern gespart, doch bei Begräbnissen, Hochzeiten, Jubiläen und Geburten waren Blumen unerläßlich.
Alle Welt bekam Kinder.
Nickel, entschieden einsilbig, durfte jetzt mit Chester und Julia Ellen Dienstagabends Josephine und Rupert Smith besuchen. Man erzählte sich, daß Josephine so manchen Nachmittag im Gebet und Zwiegespräch mit Pastor Neely verbrachte. Er riet ihr, auf die Worte Jesu zu hören: »Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.« Sie rang innerlich mit sich, doch sie sah das Licht. Zwar wurde sie dadurch nicht freundlicher oder wärmer, aber sie mußte krabbeln, bevor sie laufen konnte. Nickel war bei den Smiths noch schweigsamer als zu Hause. Sie saß in der Ecke und sah sich die Bilder imNational Geographic an. Sie wollte unbedingt lesen. In Gesellschaft von Yoyo und Buster kletterte sie am Regal hoch, um die Familienbibel zu holen, schlug sie auf und tat so, als läse sie der Katze und dem Hund laut vor. Die beiden waren schwer beeindruckt.
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Der>Wechsel< war Gegenstand verstohlener, tief schürfender Gespräche zwischen Louise und ihren besten Freundinnen. Ev Most und Juts kicherten über dieses Thema. Juts und Ev, ehemalige Schuldkameradinnen, spürten noch keinerlei Anzeichen. Nachdem sie vor wenigen Jahren leise die vierzig überschritten hatten, waren sie durchaus nicht in Eile.
Hitzewallungen, unerwartete Blutungen, Reizbarkeit und Verwirrung machten der etwas älteren Truppe zu schaffen. Juts hatte den weiblichen Organen nie das geringste Interesse entgegengebracht. Wenn sie ihre eigenen Röhren und Innereien nicht scherten, dann scherten sie die anderen erst recht nicht. Das hinderte Louise nicht daran, sich in ausführlichen Schilderungen zu ergehen.
An diesem Freitag im September 1948 gönnten sich die Hunsenmeir-Schwestern auf dem Yorker Markt einen ausgiebigen Einkaufsbummel. Reihenweise fleischige Kürbisse - leuchtend weiße Patissons, gelbe Gartenkürbisse, runde grüne Ölkürbisse - lockten sie. In Kisten glitzerten prachtvolle späte Brombeeren, Hirnbeeren und Blaubeeren. Auf gestoßenem Trockeneis lagen durchwachsene Filetstücke, ganze Schinken und saftige Lammkoteletts, durch Petersiliensträußchen voneinander getrennt.
Die Amish-Frauen trugen Hauben und Schürzen; die Männer nickten den Schwestern zu, wenn sie sich ihren Ständen näherten. Kartoffeln, Mais, Möhren, Radieschen so rot wie Rubine, Okra, Bohnen aller Sorten und Erbsen füllten Körbe über Körbe. Nickel konnte die Auslagen nicht sehen, aber sie konnte die Waren riechen. Wenn ihr Blick gelegentlich auf eine Katze fiel, die an einem Stand arbeitete, blieb sie stehen und schwätzte mit ihr. Irgendwann merkte Juts, daß die Kleine abhanden gekommen war und ging denselben Weg zurück, bis sie sie fand, meist auf der Erde hockend und ein Kätzchen streichelnd.
»Ach, da bist du. Verzeihung, Mrs. Utz, Nicky liebt Katzen.«
Mrs. Utz lächelte. »Ich auch.«
»Du kommst jetzt mit mir.«
Nickel gewahrte den Befehlston und auch Tante Wheezie, die an der Ecke des Gangs wartete. Den Lockenkopf gesenkt, folgte Nickel ihrer Mutter.
Kaum waren sie bei Louise angelangt, ließ sie wieder eine Schilderung ihres Zustands vom Stapel. ». wie gesagt, da saß ich mit Paul am Tisch und urplötzlich - also, das war einfach zu viel. Keine Vorwarnung, kein Garnichts und der arme Pearlie - du weißt ja, wie die Männer sich bei solchen Sachen anstellen, ich dachte, er wird ohnmächtig. Wie gut, daß sie keine Kinder kriegen. Bei dem vielen Blut würden sie glatt sterben.«
»Da fragt man sich, wie sie einen Krieg überstehen können, nicht?«, warf Julia trocken ein.
»Ja. Oh, das hab ich ganz vergessen, dir zu erzählen. Frances Finster sagt, als sie in meinem Alter war, hatte sie Ohnmachtsanfälle.«
»Von dem vielen Formaldehyd im Bestattungsinstitut.«
»Julia, das ist nicht wahr. Eines Tages wirst du das auch durchmachen.«
»Wenn, dann wirst du's nicht erfahren.«
»Was soll das heißen?«
»Daß ich nichts von den Wechseljahren hören will. Warum sollte ich dann darüber sprechen?«
»Weil es eine neue Erfahrung ist. Ich möchte andere an meinen Erfahrungen teilhaben lassen.«
»Du läßt mich nicht teilhaben, du schwallst mich zu.«
»Und worüber sprichst du? Julia Ellen Hunsenmeir. Julia Ellen Hunsenmeir. Julia Ellen Hunsenmeir.«
Juts zuckte die Achseln. »Ich bin eben interessant.« Sie drehte sich um. Keine Nickel. »Wo ist das Kind schon wieder hin? Sie ist wie ein kleines Wiesel, witscht einfach weg. Mary und Maizie waren meines Wissens nicht so.«
»Nein.« Louises Antwort war schnippisch.
»Dieser Ton gefällt mir nicht.«
»Meine Mädchen haben sich wie Mädchen benommen. Sie waren folgsam. Und Marys Jungen - hören auf ihre Mutter. Nickel hat entschieden zu viel Freiheit. Du bringst ihr keine Disziplin bei.« »Von wegen. Sie steht jeden Morgen um dieselbe Zeit auf und geht jeden Abend um dieselbe Zeit ins Bett, und sie ißt zur selben Zeit wie Chessy und ich. Sie lernt Recht und Unrecht unterscheiden, so weit sie es jetzt schon versteht. Sie wird nicht ausfallend. Sie gehorcht recht gut.«
»Sie trägt Jeans und T-Shirts. Das schickt sich nicht.«
»Ach, du meine Güte.« Aufgebracht brach Juts das Gespräch ab, um ihre Tochter zu suchen. Sie ging den Gang entlang. Keine Nickel. Sie ging zum Mittelgang des Marktes zurück. Keine Nickel. Sie ging an der Seite entlang, wo sich ein kleines Restaurant mit Wachstuchtischdecken befand. Nickel stand auf einem Stuhl, die Hände auf dem Tisch und>las< die Rückseite desYork Dispatch, während ein älterer Herr die Titelseite las. Seine Besucherin störte ihn nicht im Geringsten. Sein breitkrempiger schwarzer Hut lag auf dem Holzstuhl neben ihm.