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»Verzeihen Sie bitte.«

Er sah auf. »Wir leisten einander Gesellschaft.«

Nickel zog ihre Mutter an der Hand und zeigte auf die Schlag­zeile. »Truman.«

»Schätzchen, komm jetzt. Tante Wheezie ist heute ungedul­dig.« Sie wandte sich wieder an den Herrn. »Nett, daß Sie ihr ein neues Wort beigebracht haben.«

»Ich habe es ihr nicht beigebracht. Sie hat es von der Schlag­zeile abgelesen.«

»Truman.« Nickel zeigte wieder auf die Zeitung.

»Sie muß es von jemandem gehört haben.« Julia lächelte und hob Nickel an einem Arm vom Stuhl.

»Nein.« Nickel trat nach ihrer Mutter.

Juts stellte sie unsanft auf den Boden. »Mach das noch einmal, und ich erteile dir eine Lektion, die du nie vergessen wirst, jun­ge Dame.« Sie nickte dem Mann zu, der seine Nase schon wie­der in die Zeitung gesteckt hatte, und zerrte das bekümmerte, aber schweigende Kind mit sich.

Als sie Wheezie erblickte, die Hände in die Hüften gestemmt, sagte Juts: »Sie hat Zeitung gelesen.«

»Klar, Mike.« Wheezie benutzte einen alten Ausdruck, der bei ihnen>nie im Leben< oder >du hast Recht< oder je nach Tonfall alles Mögliche bedeutete.

»Nickel, Momma findet es wunderbar, daß du Wörter lesen kannst, aber du darfst nicht weglaufen, ohne es mir zu sagen.« Sie wandte sich an Louise. »Ich glaube, sie hat das WortTru­man aufgeschnappt. Sie hat ständig auf die Zeitung gezeigt und >Truman< gesagt. Sie ist ein neugieriger kleiner Floh.«

»Na klar, zumal du in deinem ganzen Leben kein einziges Buch ganz durchgelesen hast. Aber« - Louise atmete ein, ein bedeutungsschwangerer Hauch von Überlegenheit - »das war ja zu erwarten.«

»Was soll das denn nun wieder heißen, Wheezie?«

»Ach« - sie hob in gespielter Arglosigkeit die dünnen Augen­brauen und die Stimme - »nichts.«

»Scheißdreck.«

»Julia, sprich nicht so in der Öffentlichkeit.«

»Runde Gebilde.« Juts rang sich ein schmallippiges Lächeln ab. »Rund wie Ködel.«

»Hörst du wohl auf - und das vor deinem Kind.«

»Sie wird nichts sagen. Man kriegt ja kaum zwei Piepser aus diesem Kind heraus.«

»Du brauchst ein zweites Kind. Sie braucht eine Schwester oder einen Bruder.«

»Nein«, kam die ziemlich laute Antwort von Nickel.

»Widersprich Tante Wheezie nicht, sie weiß, was gut ist für kleine Mädchen.«

»Ich will kein kleines Mädchen sein.«

Dieser vollständige Satz verschlug den beiden Frauen die Sprache. »Wie bitte?«, brachte Louise schließlich heraus.

»Truman. Ich will Truman sein.« Sie stand da, mit gespreizten Beinen und vor der Brust verschränkten Armen.

Juts sah auf das kleine Biest hinunter. »Ich glaube, sie will Präsident sein.« Dann brach sie in Lachen aus.

»Du darfst sie nicht ermutigen, Juts, sonst kommst du in Teu­fels Küche.«

»Sei doch nicht immer so ernst. Wenn sie Präsident sein will, Herrgott, dann laß ihr den Traum.«

Louise lächelte süßlich. »Nicky, Mädchen können nicht Präsi­dent sein. Du kannst Krankenschwester werden. Das wäre schön. Viele kleine Mädchen werden später Krankenschwester. Du würdest Menschen helfen. Oder du könntest ein Instrument spielen. Maizie spielt Klavier.«

»Nein!«

Juts nahm ihre Hand. »Komm, Kind, wir haben noch eine Menge Einkäufe zu erledigen. Diesen Kram besprechen wir später.«

Als sie an einem Stand mit einem großen Schild vorbeikamen, auf demFletchers Früchte< zu lesen war, zeigte Nickel nach oben. »Früchte.« Es klang allerdings mehr wie »Früü-te«.

Louise starrte sie mit einem seltsamen Ausdruck in ihrem ern­sten Gesicht an. »Woher kennt sie das?«

»Ich weiß es nicht.« Juts zuckte die Achseln. »Ich erzähle ihr andauernd Geschichten.«

»Sie ist dreieinhalb. Kinder lernen erst mit sechs lesen.«

»Hm - ich nehme an, sie ist ein bißchen voraus. Außerdem wird sie im November vier.«

Louise legte ihre Hand unter Nickels Kinn und sah in die braunen Augen, die ihren Blick unerschrocken erwiderten. »Schweig lieber, Nicky. Manchmal ist es besser, nicht so, äh, klug zu sein.«

»Laß sie in Ruhe, Louise.« Juts kniete nieder. »Nicky, du darfst lesen, was du willst, falls du wirklich lesen kannst. Ich glaube, Tante Louise meint, es ist unhöflich, auf Dinge zuzei­gen und ein Wort zu rufen. Komm jetzt weiter.«

»Das habe ich nicht gemeint«, brummte Louise. »Sie wird da­durch zum Außenseiter. Du mußt bedenken, wie sie mit anderen Kindern auskommt. Sie sammelt Minuspunkte, bevor sie über­haupt loslegt.«

»Kinder denken nicht so.«

»Das lernen sie schnell genug von ihren Eltern.«

»Müssen wir uns denn immer Gedanken darüber machen, was in einem Jahr sein wird oder in zehn Jahren? Was Lillian sagen wird oder Fannie Jump oder Caesura, die alte Schachtel? Was Father O'Reilly denken wird und he, der Papst könnte sich fürchterlich aufregen. Morgen kann uns ein Hurrikan von der Erdoberfläche pusten, und wenn der es nicht schafft, wie wäre es im nächsten Frühjahr mit einer Sintflut von Noahs Ausmaß? Wenn ihre kleinen Freunde ihr Dinge vor den Latz knallen, wird sie schon herausfinden, daß manche Menschen Kotzbrocken sind. Und sie wird hoffentlich so gescheit sein, sich mit denen nicht abzugeben.«

Louise wirbelte zu ihr herum. »Du tust dem Kind keinen Ge­fallen, wenn du ihm Flausen über seinen Status in den Kopf setzt. Es ist nicht gut für ein Mädchen, so auffallend klug zu sein. Klug sein kann man in der Ehe, nicht vorher.«

»Mein Gott, sie ist noch keine vier Jahre alt, und du hast sie schon verheiratet.«

»Jemand muß ja vorausdenken. Du bist wie die Heuschrecke. Ich bin wie die Ameise.«

»Jetzt sind wir auf einmal Insekten.«

»Ich weiß, was gut ist. Habe ich dir nicht gesagt, daß Chester Smith auf keinen grünen Zweig kommt? Ihr zwei werdet bald kein fahrendes Auto mehr haben, ihr werdet eure alte Karre schieben müssen. Habe ich Mary nicht dasselbe gesagt? Wenn Pearlie Extra Billy nicht eingestellt hätte, würden sie auf der Straße betteln gehen. Habe ich es ihr nicht gesagt?«

»Das hast du allerdings.« Julia wurde langsam wütend.

»Und habe ich Maizie nicht gesagt, sie soll nicht nach New York gehen? Sie soll so eine Dummheit gar nicht erst in Be­tracht ziehen? Nein, sie wollte nicht auf mich hören. Und was schreibt sie mir jetzt? Daß sie aufs College gehen will, aber keines, das der Kirche angegliedert ist. Was ist denn das für ein Wunsch? Was würde mich das kosten? Ich weiß, was gut für sie ist.« Sie hielt inne. »Nicky muß lernen, wo sie hingehört. Das Leben ist viel leichter, wenn man das weiß. Sie wird eine zweite Rillma Ryan, wenn du dies nicht im Keim erstickst.«

Als sie an leckeren gebackenen Pasteten vorbeikamen, sagte Julia leise: »Und, Louise, wo gehörst du hin?« Vor lauter Wut hatte sie gar nicht gemerkt, daß Louise in Nickels Beisein den Namen ihrer Mutter preisgegeben hatte.

»Dumme Frage.«

Juts' Stimme nahm einen drohenden Ton an. »Was Nickel an­geht, halt die Klappe. Halt einfach die Klappe. Sag ihr nicht, wo sie hingehört. Sie wird es selbst herausfinden; denn die Welt ist weiß Gott voll von Leuten wie dir, die ihr wegen etwas, das jemand anders getan hat, einen Platz im Leben absprechen!«

Nickel, die das Gezerre satt hatte, stahl sich unbemerkt davon.

»Ich habe die Welt nicht geschaffen, ich lebe bloß auf ihr!«

»Aber du tust nicht das Geringste, um sie besser zu machen.«

»Ich für mein Teil halte nichts davon, wenn Menschen ohne die Segnungen der Ehe körperliche Beziehungen pflegen.«

»Jesus Christus steh mir bei!«