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»Du sollst den Namen unseres Erlösers nicht mißbrauchen.« Louise trat an einen Stand mit Kattunschürzen. »Ich brauche eine neue Schürze.«

»Du brauchst ein neues Mundwerk.«

Wheezie ging darauf nicht ein. Sie sah zwei kleine Schuhe un­ter der Stoffdrapierung der Holzbude hervorlugen. »Nicky?«

»Sie ist nicht hier«, lautete die entschlossene Antwort.

Louise bückte sich und hob den Zipfel einer bunten Steppdecke an. »Was machst du da drunter?«

»Nachdenken.«

»Tag, Mrs. Stoltz, meine kleine Nichte findet Ihre Steppdecken so schön.« Louise rang sich ein Lächeln ab.

Mrs. Stoltz, die so breit war wie hoch, hob die Decke auf der anderen Seite des Standes an. »Aha.«

»Verzeihung.« Juts trat hinzu, ließ sich auf ein Knie nieder und streckte die Hand aus. »Vorwärts, Trab, Cowboy.«

»Nein.«

»Nickel, du kommst auf der Stelle da raus oder du wirst es be­reuen.« Bei jedem harschen Wort wippte die Zigarette in ihrem Mund auf und ab.

»Nein.«

Juts, die bis zum Äußersten gereizt war, wenngleich sie sich nicht erklären konnte, warum, klemmte ihre Zigarette zwischen Daumen und Zeigefinger und hielt das glühende Ende an Nik­kys Oberarm. Nur eine ganz leichte Berührung, doch sie erzielte die gewünschte Wirkung. Das Kind stürmte heraus - zu ge­schwind für Juts, um es zu packen. Nickel raste durch den Gang.

»Mögen die Heiligen uns behüten.« Louise schüttelte den Kopf. Sie war seit der Volksschule nicht mehr gerannt. Louise fand rennen unweiblich.

»Dazu braucht es mehr als Heilige.« Juts trabte ihrem ent­schwindenden Kind hinterher und rief dabei über die Schulter: »Steh nicht da wie ein Sack Scheiße! Beweg dich!«

»Ich lasse mir solche Grobheiten nicht gefallen.« Murrend be­gab sich Louise in den nächsten Gang und marschierte forsch unter den alten Hängelampen entlang, wobei sie einen Blick in die Buden warf, um nachzusehen, ob das Kind dort unterge­schlüpft war.

Die beiden Schwestern trafen sich am Schinkenstand am Ende der Gänge. Die große Bude erstreckte sich horizontal über die Hauptgänge.

Juts schnippte Glut auf den Boden und trat sie in dem Säge­mehl aus, das vor dem Stand verstreut war. »Ich weiß gar nicht, wie sie so schnell laufen kann.«

»Sie ist hier irgendwo. Versuchen wir's in den zwei Gängen da drüben.«

Nickel war in keiner Bude zu finden. Sicherheitshalber fragte Louise den Aufseher, ob er sie gesehen habe. Er verneinte, wies jedoch darauf hin, daß Kinder draußen spielten, wo Marktkörbe und Abfall hingeworfen wurden. Er sei dort gewesen, um auf­zuräumen und in der Gasse seien vielleicht zehn, fünfzehn Kin­der gewesen. Juts ging hinaus in den milden Septembersonnen­schein; ein Hauch von Herbst lag in der Luft. Sie sah einen Schwarm Kinder, doch ihres war nicht dabei.

Sie ging zu Louise am Süßwarenstand.

»Ich war mir sicher, sie würde hierher kommen. Kinder lieben Süßigkeiten.«

»Wheezie, versuchen wir's im Restaurant. Vorhin war sie auch dort.«

Sie liefen hin, jede besorgter, als sie der anderen gegenüber zugeben wollte. Keine Nickel.

Verzweifelt ließ sich Juts einen Moment auf einen Stuhl fal­len. »Das ist, als würde man mit einem Affen leben. Sie rennt und springt und wälzt sich herum. Sie klettert auf Äste und schaukelt daran. Wenn ich morgens aufstehe, ist sie schon auf. Gestern hat sie alle Schranktüren aufgemacht, jede Einzelne, sogar die über der Anrichte. Sie ist auf die Anrichte geklettert. Sie hat nichts rausgenommen, Gott sei Dank, aber alle Türen standen offen. Sie kann stundenlang in der Vorratskammer sit­zen und die Etiketten auf den Dosen angucken. Sie geht in mei­nen Kleiderschrank. Sie probiert meine Schuhe an. Letzte Wo­che hat sie sich Puder und Lippenstift ins ganze Gesicht ge­schmiert und Chessys beste Fliege ruiniert, weil sie die auch anhatte, einfach um den Hals gebunden. Herrgott im Himmel, was machen bloß die Leute, die mehr als ein Kind haben?« Ehe Louise erwidern konnte, daß ihre beiden nie so waren, warf Juts ihr einen strengen Blick zu. »Das ist deine Schuld.«

»Meine Schuld?« Wheezie fuhr sich mit der Hand an den Hals. Ihr Nagellack paßte zu ihrem Lippenstift.

»Du wolltest, daß ich ein Kind habe.«

»Was, ich?«

»Ist doch wahr, Louise. Morgens, mittags und abends hast du mir eingehämmert, ich sei keine richtige Frau, weil ich keine Mutter sei, und da siehst du mal, wie blöd ich war, ich habe dir geglaubt! Ich will keine Mutter sein. Das ist Schwerstarbeit, und zwar ununterbrochen.«

Louise, die gewöhnlich keinen Augenblick zögerte, sich zu verteidigen und ihre Schwester zu verhöhnen, überlegte, wägte ihre Worte. »Manche Tage sind besser als andere.«

»Tage? Ich wäre zufrieden, wenn ich nachts mal durchschla­fen könnte. Sie steht morgens um halb sechs auf. Ich höre sie, aber weil ich am Tag davor dauernd hinter ihr her war, bin ich so müde, daß ich gleich wieder einschlafe.«

»Wenigstens macht sie keinen Krach.«

»Nein, aber eines Tages steckt sie wahrscheinlich das Haus in Brand. Sie ist zu allem fähig!«

»Das wächst sich aus«, prophezeite Louise zuversichtlich.

»Hätte ich bloß nicht auf dich gehört.«

Louise beugte sich über sie. »Du bist erledigt. Zugegeben, sie ist ein kleiner Wildfang, aber sie ist ruhig.«

»Ruhig - sie ist praktisch stumm. Sie spricht kaum drei zu­sammenhängende Worte, und das ist mir unbegreiflich, denn das Kind ist klug, Wheezie. Manchmal ist sie so klug, daß es mir Angst macht. Wenn diese braunen Augen mich betrachten - da komme ich mir vor, als würde mich ein Tiger beobachten.« »Sie lernt. Als Maizie klein war, ist sie mir von einem Zim­mer zum anderen nachgelaufen und hat auf alles gezeigt, weil sie lernen wollte, wie Stuhl und Lampe heißen. Du mußt beden­ken, sie sieht die Welt zum ersten Mal.«

»Ja, zum Donnerwetter, und ich hab das Gefühl, ich sehe sie zum letzten Mal. Ich weiß nicht, ob ich das überlebe.«

»Überlasse sie Chessy für einen Tag.«

»Sie würde den Laden demolieren.«

»Er kann sie samstags oder sonntags einen halben Tag neh­men.«

»Kann ich sie nicht zurückgeben?« Juts rang sich ein blasses Lächeln ab.

»Das ist nicht dein Ernst.« Louise richtete sich gerade auf. »Es gab Tage, da wollte ich meine zurückgeben - natürlich gab es niemanden, dem ich sie hätte zurückgeben können, aber ich hätte allen beiden mit Freuden den Hals umgedreht.«

»Du - die perfekte Mutter?«

Ein schiefes Lächeln huschte über Louises hübsches Gesicht. »Zeige du mir eine Mutter, die nicht wenigstens einmal im Le­ben davon träumt, ihre Kinder zu Engeln zu machen, und ich zeige dir eine schamlose Lügnerin.«

»Ja - aber im Ernst, ich bin dieser Aufgabe nicht gewachsen.«

»Das ist niemand.«

»Warum hast du mich dann dazu getrieben?«

»Hab ich nicht. Nun ja - vielleicht habe ich ein, zwei Mal von Mutterschaft gesprochen.«

»Ein, zwei Mal - pro Tag!«

»Hat sie dich und Chester nicht wieder zusammengebracht?«

»Schon, aber jetzt haben wir nie Zeit für uns. Wenn wir ins Bett gehen, sind wir sogar zum Reden zu müde.« Juts fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, das nur eine winzige Spur Grau aufwies. »Wir müssen sie suchen.«

Sie verließen das Restaurant. In einer Ecke der zweigeschos­sigen Markthalle war ein Balkon. Er war dunkelgrün gestrichen und beherbergte hölzerne Schaukelstühle und eine Damentoilet­te. Wenn eine Dame sich mitten im Gemüse verausgabt hatte, konnte sie die Treppe hinaufsteigen, die Füße hochlegen, ein bißchen schaukeln und von einem kleinen Rattanfächer Ge­brauch machen. Auf dem Tisch vor der Toilette lag stets ein Stapel Fächer bereit. Juts hob gerade rechtzeitig den Blick, um zu sehen, wie Nickel einen Fächer über die Balkonbrüstung trudeln ließ. Das Kind stand auf der Brüstung.