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»O Gott.« Julia sprintete den Gang entlang wie Jesse Owens.

Ratlos bemerkte Louise, daß sich Leute unter dem Balkon versammelt hatten. Die umsichtige, damenhafte Louise sah, wie der Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit jetzt auf der Brüstung tanzte. »Ach, du Scheiße«, flüsterte sie. Sie linste rasch nach rechts und nach links, erleichtert, daß niemand ihre ungehobelte Äußerung vernommen hatte. Dann eilte sie ihrer Schwester nach - ohne recht zu wissen, was sie tun sollte.

Juts kam unter dem Balkon abrupt zum Stehen. Nicky bewarf ihre Mutter mit Fächern.

»Nicky, Schätzchen, laß das bleiben. Sonst verletzt du noch jemanden.«

Louise trat hinzu und machte den Mund auf, um eine War­nung zu rufen. Nickel tanzte; sie packte einen Pfosten und dreh­te sich um ihn. Das Kind war sich offensichtlich keiner Gefahr bewußt.

Juts schlug ihrer Schwester die Hand auf den Mund und be­schmierte sie mit ihrem eigenen Lippenstift.

»Nicht.«

»Meine Dame, ist das Ihr Junge?«, fragte ein Mann mittleren Alters, die Stirn besorgt gerunzelt.

»Das ist mein Mädchen.« Juts sprach zu der Menschenmenge: »Erschrecken Sie sie nicht.« Dann wandte sie sich an Louise: »Du gehst die Treppe rauf. Ich spreche mit ihr, während du sie von hinten packst. Wenn sie fällt, versuche ich sie aufzufan­gen.«

»Julia, sie wird dir die Arme brechen.«

»Du machst dir zu viele Gedanken. Geh schon.«

Louise schlich auf Zehenspitzen die Treppe hinauf.

Julia lächelte ihrem hüpfenden Kind zu. »Schätzchen, du bist ein Äffchen. Ich wette, du kannst nicht runtersteigen und dich auf einen Schaukelstuhl setzen.«

»Kann ich wohl.«

»Zeig es mir.« »Nein«, rief sie trotzig. Nickel gefiel es, im Mittelpunkt zu stehen. Es war prickelnd, alle Blicke auf sich gerichtet zu sehen.

Louise schlich leise hinter sie, packte sie um die Taille und hievte sie von der Brüstung. Unten wurde gejubelt.

»Nickel« - Louise zitterte - »du darfst nicht einfach so weg­laufen.«

Polternde Schritte ertönten auf der Holztreppe. Juts kam mit hochrotem Gesicht oben an. »Nicky, du hättest dir den Hals brechen können.«

»Nein.« Nickel schüttelte den Kopf.

Julia nahm ihrer Schwester das Kind ab.

»Für heute hatten wir genug Abenteuer.« Louise sackte in sich zusammen. »Ich habe meine Tüten beim Schinkenstand gelas­sen. Wir sollten unsere Sachen holen und nach Hause fahren.«

»Einverstanden.« Juts drückte das Kind, bevor sie es herunter­ließ. »Versprichst du mir, daß du nicht mehr einfach wegläufst, Nicky?«

Nickel nickte, aber ohne große Begeisterung.

Als sie den Yorker Markt verließen, meinte Juts zu hören, wie Nicky »Rillma Ryan« vor sich hin flüsterte, redete sich jedoch ein, daß sie in Wirklichkeit »Truman« sagte.

58

»Ein Schatz«, pries Juts das alte Nummernschild, das Nickel im Bach hinter Coras Haus gefunden hatte. Es war ein sengend heißer Tag. »Komm, wir waschen die Farbe ab. Das Ding ist ja ganz schwarz.«

»Neunzehneinundvierzig.« Nickel nannte stolz die Jahreszahl.

»Zahlen kannst du prima, Nicky.« Juts gab der Kleinen das Nummernschild, die es unter die Pumpe hielt, während sie den Schwengel herunterdrückte. Als nach wenigen Sekunden das Wasser herausschoß und Nickel naß spritzte, kicherte sie.

Juts nahm ihr das tropfende Nummernschild ab und wischte es mit einem alten Lappen sauber. Cora hatte immer einen Stapel Lappen an der Pumpe liegen.

»Momma, was hast du mit deinem freien Tag angefangen?«, fragte Juts ihre Mutter.

»Einen Eimer Erbsen gepflückt.« Cora zwinkerte Nickel zu. »Ich hatte Hilfe.« Während sie zu dem himmelblauen Haus auf dem Hügel zurückgingen, fügte Cora hinzu: »Rillma hat auch geholfen. Sie hat auf einen Plausch vorbeigeschaut.«

Juts versteifte sich. »Oh.«

Cora wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab. »Mach dir keine Sorgen.«

»Es ist zu verwirrend, vor allem für. « Juts deutete mit dem Kopf auf Nickel.

»Du bist verwirrt.«

»Gar nicht wahr!« Juts warf das Nummernschild hin.

Nickel hob es auf, wischte mit der Hand den Staub ab und sah ihre Mutter an.

»Wir müssen alle miteinander auskommen, Julia.«

»Sie gehört mir.«

»Blut bleibt Blut.«

»Halt den Mund.«

»Sei nicht frech zu mir, Juts. Ich bin immer noch deine Mut­ter.«

Juts ließ sich auf die Verandastufe sacken. Cora sah ihrer Tochter ins Gesicht, doch die untergehende Sonne stach Julia in die Augen, weshalb sie sie mit der rechten Hand beschattete.

»Ein Kind ist kein Spielzeug, Julia, du kannst sie nicht ganz für dich allein haben.«

»Sie gehört mir!«

»Sie gehört sich selbst, jawohl, genau wie du dir selbst ge­hörst. Laß den Dingen ihren Lauf. Laß den Menschen ihren Lauf. Sonst bekommst du Probleme. Wenn nicht jetzt, dann später.«

»Probleme?« Juts war fassungslos. »Das einzige Problem ist, daß alle sagen, was ich als Mutter zu tun habe. Du sagst dies, Louise sagt das - Herrgott noch mal.«

»Das kriegt jede Mutter zu hören. Ich hab's von meiner zu hö­ren gekriegt. Das geht zu einem Ohr rein und zum anderen raus.«

Juts sah Nickel an, betrachtete dann beide. »Nicky, geh dir die Hände waschen, dann fahren wir nach Hause.«

»Nein.«

»Tu, was ich dir sage.«

»Nein.«

Juts sprang auf und gab Nickel einen Klaps auf den Hintern. »Los, setz dich ins Auto. Auf der Stelle.«

Mit dem Nummernschild in der Hand verzog sich Nickel ins Auto.

»Mutter, sie ist trotzig. Vielleicht wäre sie das nicht, wenn sie wirklich mein Kind wäre.«

»Das spielt keine Rolle - und sie ist dein Kind.«

»Warum reiben mir dann alle unter die Nase, daß sie's nicht ist? Daß ich nicht ihre leibliche Mutter bin.«

»Ich sage so etwas nicht, und ich bindeine Mutter. Auf wen willst du nun hören?«

»Du hast Recht - ich bin so erledigt, Momma.«

»Mach dir nicht so viel Sorgen. Dann kommst du auch wieder zu dir.«

Als Chessy später nach Hause kam, lief Nickel ihm mit dem Nummernschild entgegen. Er sagte, das sei ja ein toller Fund, und half ihr, es vorn an ihrer roten Spielzeugkiste zu befestigen.

Der Abend war schwül. Chester setzte sich hin, um Radio zu hören. Juts machte sich in der Küche zu schaffen, wo sie ihre Geschirrtücher ordnete.

»Komm her. Ich hab Sehnsucht nach dir.«

Mit Geschirrtüchern beladen setzte sie sich neben ihn aufs So­fa. »Die sehen aus wie Schweizer Käse.« Sie bohrte ihren Fin­ger durch ein Loch in einem Handtuch. »Ich kann sie flicken.« Sie bemerkte seinen abwesenden Blick. »Hörst du mir über­haupt zu?«

»Verzeih, Schatz. Mit kommt da ein Gedanke.« Beim letzten Wort hob er unsicher die Stimme.

»Na, so was, ich ruf gleich Popeye Huffstetler an, damit das morgen in der Zeitung steht.«

»Bin gleich wieder da.« Er ging auf Zehenspitzen nach oben, gefolgt von Yoyo, und notierte sich die vier Ziffern des Num­mernschilds. Dann beugte er sich über Nickel und küßte sie auf die Wange. Als Nächstes rief er Harper Wheeler an. »He, altes Haus.«

»Chessy, was gibt's?«, fragte der Sheriff.

»Nicht viel. Tust du mir einen Gefallen?«

»Kommt drauf an.«

»Nickel hat bei Cora ein übermaltes Nummernschild aus dem Bach gefischt. Es ist ein 1941er Kennzeichen aus Maryland, die Ziffern sind neun drei eins drei. Kannst du rauskriegen, wem das gehört hat?«

»Klar. Kann ein, zwei Tage dauern.«

»Ich hab da so eine Ahnung - weiß nicht, wieso, aber - ich sag's dir, sobald du's rausgekriegt hast.«

»Kein Problem. Grüß mir deine Frau.«