»Mach ich.«
Juts hatte das Radio leise gedreht, um mithören zu können. »Was hast du für eine Ahnung?«
»Es ist verrückt, Schatz, aber ich habe das Gefühl, daß das Nummernschild was mit dem Brand bei Noe zu tun hat. Fannie Jump hat gesagt, sie konnte das Nummernschild an dem Auto nicht erkennen, weil es übermalt war.«
59
Maizies zahlreiche Klavierkonzerte in ihrem Heimatstaat waren samt und sonders ein Erfolg gewesen. In New York reichte musikalisches Talent allein nicht aus, um ganz nach oben zu kommen. Ihr Abstecher dorthin war von gnadenlos kurzer Dauer. Tausende wie sie strömten in die Hängenden Gärten des Neon, allesamt hoch talentiert. Auch fehlte es diesen viel versprechenden jungen Menschen nicht an Ehrgeiz. Doch ein besonderer Funke, etwas, das sich nicht erlernen ließ, trennte die Stars von den lediglich Begabten.
Diese Erkenntnis traf Maizie mit der Wucht einer Kugel. Zerknirscht gab sie auf und nahm den nächsten Zug nach Runnymede. Vier Stunden später trat sie auf den vertrauten Bahnsteig. Ein schwacher Geruch nach Teer und abgestandenem Wasser, der vom Dampf kam, hing über den Gleisen.
Es war, als sähe sie den Bahnhof von Runnymede mit neuen Augen. Die geschrubbten Böden, an den Türpfosten hauchdünn abgetreten, das Eisengitter über den Fahrkartenschaltern, der Trinkbrunnen an der Seitenmauer zwischen den Damen- und den Herrentoiletten - alles kam ihr kleiner vor. Sie selbst fühlte sich auch kleiner.
Sie hatte ihre Eltern nicht verständigt. Niemand wußte von ihrer traurigen Ankunft.
Ihr brummte der Kopf. Sie schleppte sich durch die Haupthalle und stieß die Eingangstür auf. Kein Auto erwartete sie, kein Geschwätz von Patience Horney, die frühmorgens und abends ihre Brezeln verkaufte. Am Nachmittag legte sich Patience zu Hause hin.
Prachtvolle Tigerlilien, die in diesem Jahr erst spät blühten, bedeckten die Böschung gegenüber dem Parkplatz. DasKlakkerdiklack des abfahrenden Zuges nahm Maizies Träume mit sich. Maizie Trumbull, ganze einundzwanzig Jahre alt, fühlte sich als Versagerin, als sie durch die Gasse zumClarion- Gebäude stapfte. Ihr schwerer Koffer schleifte über den Boden. DasBumpedibump machte sie noch niedergeschlagener. Sie dachte daran, ein Taxi zu rufen, aber sie hatte kein Geld. Zwar kannte sie alle Taxifahrer in Runnymede und hätte nur bis vor die Haustür zu fahren und sich das Geld von ihrer Mutter zu leihen brauchen, doch sie brachte es nicht über sich, zuzugeben, daß sie vollkommen pleite war.
Sie war so überwältigt von dem, was sie verloren zu haben glaubte, daß sie nicht erkannte, was sie gewonnen hatte. Eine Schlappe kann so wertvoll sein wie ein Sieg, wenn man sie zu nutzen weiß. Und Runnymede war voller Leben, Musik und Dramatik, in seinem eigenen Tempo. Jeder Weiler, jedes Städtchen, jedes Dorf und jede Großstadt hatte ein bestimmtes Tempo, eine eigene Persönlichkeit. Maizie gehörte hierher. Sie hatte die Heimat ihres Herzens gefunden.
In diesem Augenblick fand sie darin keinen Trost. Sie setzte sich auf ihren Koffer und weinte. Dann zog sie sich aus und rannte um denClarion-Parkplatz. Sie kollerte wie ein Truthahn, bis Harper Wheeler, von Walter Falkenroth gerufen, in seinem Streifenwagen angefahren kam. Harper forderte sie auf, sich wieder anzuziehen. Kaum hatte er ihr den Rücken zugekehrt, hatte sie sich wieder ausgezogen. Schließlich fesselte er die halb Entkleidete mit Handschellen an die Innenseite der Autotür. Mit einer Hand konnte sie nicht viel machen, sie konnte sich lediglich die Bluse aufknöpfen. Und sie schaffte es, mit den Schuhen nach ihm zu werfen.
Sie kreischte auf dem gesamten Weg zu Louise. Harper hatte sie vorher verständigt. Sicherheitshalber rief er auch Pearlie an, für den Fall, daß Maizie außer Kontrolle geriet. Er wollte eine Frau nicht schlagen.
Als er in die Zufahrt einbog, wurde er von Juts und Chessy empfangen. Louise hatte ihre Schwester benachrichtigt, die wiederum ihren Mann angerufen hatte.
Maizie öffnete die Autotür und schwenkte die nackten Füße heraus. Sie schrie: »Ich bin zu Hause, verfluchter Pöbel, ihr. Ich bin zu Hause, und ich hasse euch alle.« Sie fing wieder an, sich auszuziehen.
Louise lief zu ihr, um sie zu bändigen. Maizie schlug sie mit der freien Hand mitten ins Gesicht.
»Wirst du wohl deine Mutter nicht schlagen.« Juts packte ihre rechte Hand, als Harper die Handschellen aufschloß.
»Maizie.« Erschüttert legte Pearlie die Arme um seine Tochter, die kreischend um sich schlug. Chester packte sie an den Armen. Zur Belohnung biß sie ihn.
»Louise« - Harpers Stimme war auffallend sanft -, »ich rufe auf der Stelle Doc Horning.«
Mit kreidebleichem Gesicht nickte Louise stumm, als Harper zu seinem tragbaren Funkgerät griff. »Wagen zwölf, Wagen zwölf. Esther, treiben Sie Dr. Horning auf. Sofort. Zehn-vier.« Er wartete. »Doc, Harper. Können Sie gleich zu Louise Trumbull kommen? Maizie braucht Hilfe, bringen Sie ein Beruhigungsmittel mit. Beeilen Sie sich. Keine Sorgen wegen eines Strafzettels.« Danach hängte er das handliche Funkgerät wieder an einen kleinen Haken unter dem Armaturenbrett.
»Ich geh nie wieder zur Messe«, verkündigte Maizie mit triumphierender Stimme.
»Schaffen wir sie hinein.« Harper packte Maizie an den Füßen; sie hatte sich auf die Erde geworfen.
Doc Horning kam an, als die Männer sie durch die Haustür trugen. Sie hielten sie fest, während er sie mit einem Beruhigungsmittel außer Gefecht setzte. Sie schrie Zetermordio, als die Injektionsnadel zustach. Sie wurde aufs Sofa getragen; das Mittel wirkte rasch.
Louise zitterte so stark, daß Juts sie in die Arme nahm.
»Hat sie sich schon jemals so aufgeführt?«, fragte der Doktor. Seine randlose Brille war ihm von der Nase gerutscht.
»Nein«, antwortete Pearlie. Louise schüttelte den Kopf.
»Keine rebellische Phase? Schlechter Umgang?«
»Widerworte, aber mehr nicht. Mary war die Schwierige.« Louise ließ sich von Julia zu einem Sessel führen. Sie erwähnte auch den Brand in der Klosterschule nicht, aber Doc Horning wußte natürlich Bescheid. Dergleichen ließ sich schwerlich über Jahre verschweigen.
»Also, das passiert eben mit den jungen Leuten. Sie muß die Tabletten die nächsten zwei Tage nehmen.« Er gab Louise ein kleines Röhrchen. »Bringen Sie sie am Dienstag zu mir, wenn sie einverstanden ist, und dann führe ich ein paar Untersuchungen durch. Wenn sie sich sträubt, werde ich sie mit Ihrer Erlaubnis zu Dr. Lamont in Hagerstown bringen.«
Beide Eltern nickten.
»Was fehlt ihr?« Juts blieb dicht bei Louise.
Er verschränkte die Hände, drehte sie einwärts und ließ unabsichtlich die Knöchel knacken. »Ich weiß es nicht. Meinem Eindruck nach ist sie bei guter Gesundheit, nur etwas durcheinander. Der Verstand kann aussetzen wie ein überlasteter Motor - Sie kennen das bestimmt, wenn manche Dinge stehen bleiben, bevor sie den Geist aufgeben? Sie wird sich höchstwahrscheinlich fangen. Ich würde Ihnen raten, sie nicht zu bedrängen. Stellen Sie ihr keine Fragen. Lassen Sie sie schlafen, und wenn Sie sie anschreit, gehen Sie nicht darauf ein. Sie wissen, wo Sie mich finden.«
»Danke«, sagten Pearlie und Louise wie aus einem Munde.
Chester ging mit Harper zum Streifenwagen, Pearlie begleitete Dr. Horning hinaus.
»Chester, der Klatsch wird euch zwangsläufig zu Ohren kommen. Maizie hat sich ausgezogen und ist splitternackt um den Clarion-Parkplatz gelaufen. Walter Falkenroth hat mich angerufen. Bring du es Louise bei. Ist vielleicht weniger peinlich, wenn sie's von dir erfährt.«
»Du meinst, sie ist übergeschnappt?«
»Ich weiß es nicht. Je länger ich lebe, desto weniger weiß ich und desto mehr sehe ich.«
»Ja, das Gefühl kenne ich.« Chester wischte sich mit der Hand über die Stirn, eine unbewußte Geste der Besorgnis.