»Paul, es muß Ihnen doch klar sein, daß alles, was die Leute in dieser Stadt tun oder sagen, von Interesse ist und daß ich den Bürgern gegenüber die Verantwortung für.« Als er zurückwich, fiel er über einen Baumstamm.
Paul stellte sich rittlings mit geballten Fäusten über ihn. »Ich trete keinen Mann, der am Boden liegt, was ich von Ihnen nicht sagen kann.«
Popeye rappelte sich hoch. »Es geht um Informationen«, wiederholte er. »Die ganze Stadt weiß Bescheid. Liefern Sie mir Ihre Seite der Geschichte.«
Pearlie holte zu einem linken Haken aus; seine Hände waren flink für einen Amateur. Popeye duckte sich und wich seitwärts aus.
Harper, der es nicht eilig hatte, einzugreifen, schlenderte gemächlich zu Pearlie. »Pearlie, überlassen Sie das mir.«
Chessy stand jetzt neben seinem Schwager. »Komm, Pearlie. Ich fahr dich nach Hause.«
»Gib's ihm, Onkel Pearlie!« Nickel klatschte begeistert in die Hände.
Mit Tränen in den Augen ließ Pearlie es sich gefallen, daß Chester seinen Arm um ihn legte und ihn zum Auto führte.
Fannie wartete beim Wagen.
Keiner hörte, was Harper zu dem Reporter sagte, aber alle hörten Popeyes lautes »Jawohl, Sir«.
Der Sheriff trat wieder zu der Gruppe. »Noe, ich habe Popeye gesagt, er kann kommen, wenn wir um Ihre Fabrik herum buddeln. Ist Ihnen das recht?«
»Seit wann buddeln wir um meine Fabrik herum?« Noe legte verwundert den Kopf schief.
»Seit mir eingefallen ist, was Hansford zu mir gesagt hat.« Er hakte die Finger in seinen Gürtel, zwinkerte Nickel zu und stolzierte davon.
61
»Ich bin nicht verrückt.«
»Hab ich auch nicht gesagt.« Mary sah auf ihre kleine Armbanduhr, als sie die von Bäumen gesäumte Straße entlang schlenderten.
»Wenn ich so langweilig bin, geh doch nach Hause.«
»Sei nicht so empfindlich. Billy hat bald Feierabend.«
»Ich bin aber empfindlich. Alle glotzen mich an. Schön, ich hab mich ausgezogen und bin um den Parkplatz gelaufen. Ich hab niemanden erschossen.«
»Nein.«
»Also.« Maizie bemerkte, daß die Fensterläden von Orrie und Noe Tadjas Haus dunkelgrün gestrichen waren. Schräge Sonnenstrahlen fielen auf das verlockende Grün des Rasens. »Wann haben sie das gemacht?«
»In der Woche, als du in New York warst. Billy hat ihnen die Läden gestrichen, als Ausgleich für die paar Mal, die er zu spät gekommen ist.« Mary seufzte. »Daddy geht ihm manchmal auf die Nerven, und er geht Daddy auf die Nerven.«
»Er hat alle überrascht«, stellte Maizie fest, ohne näher zu erklären, womit Billy alle überrascht hatte.
»Nicht so sehr wie du.«
Maizie zuckte die Achseln, machte auf dem Absatz kehrt und ging zurück.
Mary holte sie im Eilschritt ein und nahm ihre Schwester am Arm. »Ich wollte nicht schroff sein. Großer Gott, hoffentlich höre ich mich nicht an wie Mom.«
»Nein. Sie stopft mir dauernd diese Tabletten in den Rachen. Ich spucke sie aus, sobald sie aus dem Zimmer ist. Junge, schmecken die bitter.«
»Es gibt nichts Schlimmeres als Magnesiamilch.«
»Wohl wahr.«
Ein Blauhäher kreischte über ihnen.
»Ich liebe diese Jahreszeit. Billy und ich gehen gern im Mondschein spazieren und riechen die Blätter, wenn sie sich bunt färben.« »In mich wird sich nie einer verlieben.« Maizie schlug die Augen nieder.
»Das ist nicht wahr.«
»Würdest du dich in eine Frau verlieben, die nackt um den Clarion gelaufen ist?«
»Ich weiß nicht.« Mary zögerte. »Warum hast du das getan?«
»Mir war danach.« Sie machte einen Riesenschritt nach vorn. »Weißt du, was los ist, Mary? Es hängt mir alles zum Hals raus. Seit ich zurückdenken kann, heißt es tu dies, sag das, mach dein Kleid nicht schmutzig, wasch dir die Hände, sprich nicht mit vollem Mund, häng deine schmutzigen Sachen nicht öffentlich zum Lüften raus, küsse nicht bei der ersten Verabredung, pflege keinen schlechten Umgang, blablabla - ich hab's satt. Ich hab's satt, mir anzuhören, was die alten Ärsche von früher erzählen. Gibt es einen Quadratzentimeter in Runnymede, der nicht mit Erinnerungen von irgendwem getränkt ist?«
Mary, die selten Dinge hinterfragte, war erstaunt über den Ausbruch ihrer Schwester. »Mann, darüber hab ich nie nachgedacht.«
»Tausend unsichtbare Fäden binden mich fest.«
»Wenn dich nichts festbindet, schwebst du davon.« Mary lachte nervös.
»Du hast Billy und die Jungs.«
»Ja. ich wünschte nur, wir hätten mehr Geld.«
»Auch das hab ich bis obenhin satt. Geld, Geld, Geld. Seit ich zurückdenken kann, hat Momma Geldsorgen. Und als sie den verflixten Friseursalon hatte, hat sie jeden Tag das Geld aus der Registrierkasse abgeschleppt. Weißt du noch? Sie hat die Fünfcentstücke in rote Pappröhrchen und die Geldscheine in Leinentüten gesteckt und ist zur Bank gerannt. Geld, Geld, Geld!«
»Du weißt doch, wie Momma ist.«
»Sie will, daß ich so werde wie sie.«
»So ist sie mit allen. Es liegt nicht an dir.«
»Aber ich hab's satt.«
»Maizie, du kannst es satt haben, aber du mußt dich deswegen nicht ausziehen, und du mußt nicht kollern wie ein Truthahn.«
Maizie brach in Lachen aus. »Das tu ich, um sie zum Wahnsinn zu treiben. Es macht ihr Angst.«
Abrupt blieb Mary stehen. Sie war schockiert. »Das ist gemein.«
»Wie du mir, so ich dir.«
»Warum bist du so wütend auf Mom?«
»Weiß ich nicht.«
»Vergiß es. Nimm sie dir nicht so zu Herzen.«
»Du hast leicht reden. Du wohnst ja nicht mehr bei ihr.«
»Das müßtest du auch nicht, wenn du eine richtige Arbeit hättest.«
»Was soll ich denn in Runnymede machen, verdammt noch mal?«
»Du könntest Unterricht geben.«
»Ich habe keine Ausbildung.«
»Arbeite bei Yosts. Sie brauchen noch jemanden in der Bäckerei.«
»Millard ist ein Lüstling.«
»Ist das wahr?«
»Ja.«
»Irgendwas muß es doch geben.«
»Du hast keinen Grund zur Sorge.«
»Ich hab aber Sorgen«, widersprach Mary. »Wir haben so wenig Geld. Ich arbeite halbtags im Bon-Ton.«
»Das meine ich nicht. Ich meine, du weißt, was du tust. Ich weiß überhaupt nichts. Ich fühle mich irgendwie verloren, auch wenn ich weiß, wo ich bin.«
Als sie sich dem Haus näherten, wurde Marys Schritt beschwingter, denn Billys verbeulter roter Lieferwagen kam um die Ecke gebogen.
»Was sagt er über mich?«, fragte Maizie düster.
»Nichts. Billy ist nicht so.« Mary überlegte einen Moment, dann sagte sie rasch, bevor er den Bordstein erreichte: »Was immer er in Okinawa gesehen hat.« Sie drehte die Handflächen nach oben, eine unwillkürliche Geste, und ließ den Gedanken unvollendet. »Kleinigkeiten prallen an ihm ab.«
»Nicht mehr so ein Draufgänger?«
»Er ist voller Tatendrang, aber er ist anders, seit.«
»Du hast Glück.«
»Deins wird noch kommen.«Maizie kollerte, dann kicherte sie. »Das ist gräßlich!«
62
Louise schlief in einem Korbsessel auf ihrer umzäunten Veranda. DasPlitschplatsch des Regens auf der Glyzine, die sich an den Verandapfosten hochrankte, hatte sie eingelullt. Doodlebug döste zu ihren Füßen.
Julia sah zu ihr herein, mit Nickel an ihrer Seite.
»Momma«, flüsterte Nickel, »soll ich ihr was vorsingen?«
Das Kind, eine Frühaufsteherin, kroch immer zu Juts und Chester ins Bett und weckte sie mit »Hoppe, hoppe, Reiter«. Sie sang mit ihrer hübschen Stimme selbst ausgedachte Reime über Yoyo, Buster, Vögel, Raupen und Pferde, die mit »Guten Morgen!« endeten.