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Aber Juts war einsam. Nickel brauchte sie nicht, und sie woll­te gebraucht werden. Natürlich brauchte das Kind Nahrung, Kleidung und Obdach - und jedes Buch, das sie in die Finger bekommen konnte -, aber Juts schien sie nicht zu brauchen. Das nagte an Juts.

Auch Maizies nervlicher Zustand machte ihr Angst. Maizie hatte sich erholt, aber sie wußte noch immer nicht, was sie mit sich anfangen sollte. Louise, die ewige Zuchtmeisterin, hatte ihr gesagt, sie werde nicht für ihren Unterhalt aufkommen; Maizie sei kräftig, gesund und intelligent genug, um für sich selbst zu sorgen. Das brachte Maizie zum Weinen und Louise in Panik. Trotzdem ließ sie nicht von ihrer Forderung ab, Maizie solle arbeiten. Die schlimmste Schmach in Runnymede war, als Faul­pelz zu gelten.

Juts fragte sich, welche Arbeit Nickel einmal finden würde. Der einzige Beruf, der ihr bislang in den Sinn kam, war Tierärz­tin. Sie wußte nicht, wie sie und Chester dem Kind das College ermöglichen sollten. Aber bis dahin war ja noch viel Zeit.

Heute wehte eine leichte Brise, die die sahnigen Wolken am blauen Himmel segeln ließ; es war bisher der vielleicht schönste Tag in diesem Herbst. Julia lehnte am Lattenzaun vor Celestes Stall. O. B. Huffstetler hatte Nickel auf Rambunctious gehoben, und Peepbean, sein Sohn, der inzwischen sieben war, ritt auf General Pershing. Nickel, zu klein für einen Sattel, ritt ohne. Schon übertraf sie Peepbean an Kunstfertigkeit zu Pferde.

O. B. dem die Reitkunst über alles ging, war über seinen Sohn so empört, wie er von Nickel entzückt war.

Ramelle, die wegen eines Bandscheibenleidens neuerdings am Stock ging, stand neben Juts unter einer riesigen Kastanie, die einem Teil des Reitplatzes Schatten spendete.

»Mit einem Kind auf dem Rücken ist Rambunctious der sanf­teste Bursche, den man sich denken kann, aber mit einem Er­wachsenen ist er ein Teufelskerl. Er hat Celeste so in Rage ge­bracht, daß sie ihr Schimpfwortvokabular erweitern mußte. Sie hätte ein ganzes Schimpfwörterbuch schreiben können.«

»Sie fehlt mir.« Juts schnupperte an den Blättern. »Sie hat den Herbst geliebt.«

»Manchmal glaube ich, sie ist in der Nähe. Klingt verrückt oder?«

»Für mich nicht.« Julia glaubte an Geister, verlor aber kein Wort darüber.

»Nickel wird mal eine Reiterin.«

»Sie ist besessen.«

»Als Spotts in Nickys Alter war, beschloß sie, die Königin von England zu sein. Weißt du noch? Sie hat ein ganzes Jahr lang ein Diadem getragen.«

Juts schüttelte den Kopf. »Sie mußte einfach Schauspielerin werden, das steht fest.«

»Sie hat langsam genug davon. Ich glaube, ihre Arbeit im Krieg hat ihr besser gefallen als die Schauspielerei. Sie sagt, daß sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben nützlich vorge­kommen ist.«

»Ich weiß, was sie meint. Ich habe die Arbeit beim Luftschutz geliebt.«

»Die Nacht, als die Sirene losheulte, werde ich nie verges­sen.«

»Ich auch nicht«, erwiderte Juts trocken.

»Guck mal, Momma!« Nickel streckte die Arme hoch; Ram­bunctious ging in langsamen Trab.

»Großartig«, rief Juts, dann fragte sie Ramelle: »Sind Sie gern Mutter gewesen?«

»Nicht pausenlos. Eigentlich fand ich es wunderbar, bis Spotts vierzehn wurde. Dann hätte ich sie mit Freuden nach Sibirien geschickt.«

Juts zuckte zusammen. »Ja, Mary ist in diesem Alter auch auf­sässig geworden. Aber Maizie nicht.«

»Das holt sie jetzt nach.«

»Und es führt kein Weg dran vorbei?«

»Ich glaube nicht, Julia, aber du hast noch Zeit, bevor sie al­lem widerspricht, was du sagst, die scheußlichsten Sachen an­zieht, die sie finden kann, und nur für ihre Freunde lebt.«

»Soweit ich mich entsinne, hab ich das nie getan.«

»Ach, Julia.« Ramelle brach in Lachen aus, dieses silberhelle Lachen, mit dem sie wieder wie einundzwanzig klang. »Du hast nie aufgehört damit.«

Auf dem Reitplatz hob O. B. Peepbean am Gürtel hoch, da der Junge von General Pershings Rücken gerutscht war. Peepbean fing an zu heulen. Nickel starrte ihn ungläubig an. Sie hatte kein Mitgefühl, und O. B. leider auch nicht.

»Oh-ha«, bemerkte Juts.

»Der Junge wird am Ende Pferde meiden wie die Pest.« Ra­melle trat unter der Kastanie hervor und klopfte mit ihrem Stock an den Zaun. »O. B. kommen Sie mal einen Moment her.«

Als O. B. zu ihr ging, stellte sich Nickel auf Rambunctious' Rücken, winkte mit den Armen und rief: »Momma, komm mit mir reiten.«

»Nein.«

Ramelle, die auf leicht erhöhtem Grund stand, beugte sich zu O. B. hinüber. »Wir müssen anders mit Peepbean vorgehen.«

»Ihn festbinden.«

»Nein. Verbieten Sie ihm für eine Weile das Reiten. Wenn er muß, widerstrebt es ihm. Wenn Sie ihn nicht beachten, wird er es von sich aus wollen - glaube ich.«

»Momma, bitte!«, rief Nickel.

»Nur zu, Miz Smith. Probieren Sie's. Pershing ist das faulste Pferd, das Gott je erschaffen hat.«

»Ich kann nicht reiten.«

»Wenn Sie tanzen können, können Sie auch reiten.«

»Wickel dir deinen Rock um die Beine, sonst scheuerst du dich wund«, riet ihr Ramelle.

Juts, die kein Angsthase war, sprang über den Zaun und schwang sich auf Pershing.

Vor lauter Begeisterung, daß ihre Mutter mit ihr ritt, klatschte Nickel in die Hände, was Rambunctious bewog, ein paar Schrit­te zu gehen. Nickel stellte sich wie eine Akrobatin auf den Pfer­derücken.

Juts ritt neben Nicky. Sie umrundeten den Reitplatz, und zum ersten Mal plapperte Nicky wie ein Blauhäher. Sie erzählte ihrer Mutter, daß Pershing gern Pfefferminz aß und Rambunctious Äpfel mochte, aber man müsse sie ihm schneiden. Sie sprudelte, plätscherte und quiekte geradezu vor Glück, so sehr, daß Juts lachen mußte.

»Momma, ich hab dich lieb«, sagte Nickel, als ihr Ritt zu En­de war.

»Ich hab dich auch lieb.« Juts glitt hinunter und fing Nickel auf, die sich vom Pferd katapultierte und fest damit rechnete, entweder auf den Füßen zu landen oder sich abzurollen. Das Kind kannte keine Furcht. Was ihre Mutter gleichermaßen freu­te und ängstigte.

»Laß mich!« Nickel langte hinauf nach Rambunctious' Zü­geln; O. B. warf sie ihr zu. Er hielt Pershing, und zusammen führten sie die Pferde in den Stall.

»Muß ich Pershing abbürsten?«, jammerte Peepbean, der ih­nen folgte.

»Nein«, antwortete O. B.

»Ich mach das. Bitte, Mr. Hoffy.« Nickel konnte nicht »Huff­stetler« sagen.

»Schön.« O. B. lächelte. Er mußte ihr eine Satteltruhe heran­ziehen, und sie stellte sich darauf.

Ramelle und Juts warteten unter der Kastanie. Nur wenige Kastanien waren an der Ostküste übrig geblieben, nachdem sie um die Jahrhundertwende von einer schrecklichen Fäule heim­gesucht worden waren. Aber diese eine, weit entfernt von den anderen Bäumen, breitete ihre langen Äste aus und wurde mit jedem Jahr mächtiger.

»Sie hat mir gesagt, sie hat mich lieb.« Noch immer verblüfft, schüttelte Juts die Pferdehaare von ihrem Rock.

»Kinder merken nicht, daß wir Gefühle haben. Sie wissen, wann wir böseauf sie oder zufriedenmit ihnen sind, aber sie wissen nicht, daß wirunabhängig von ihnen Gefühle haben. Ich kann mir denken, daß du dich manchmal ungeliebt gefühlt hast. Mir ist es jedenfalls so ergangen«, sagte Ramelle. Ihre Men­schenkenntnis war einer der Gründe, weshalb Celeste sie geliebt hatte. Celestes Menschenkenntnis war im Allgemeinen von Zynismus geprägt gewesen.

»Meistens bin ich erschöpft. So hatte ich mir das nicht vorge­stellt.«