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»Schnee und Eis hört man knistern«, begann Juts.

»... weil wir leis' nur noch flüstern.«

Alle drei sangen aus voller Kehle.

O. B. hörte sie und schob das große Tor auf. Als Lillian über den Feldweg galoppiert war, wußte er schon, daß etwas schief gegangen sein mußte. Peepbean war bei ihm.

»Hattet ihr Schwierigkeiten?«

»Bloß ein bißchen.« Louise winkte mit ihrem Muff, als er Monas Zügel nahm.

Peepbean sah zu, wie Louise Nicky zu O. B. herunterhob.

»Runtergefallen, runtergefallen«, trällerte Peepbean.

»Sei still, Kirk, bring sie zum Ofen, daß sie sich wärmen kann«, wies O. B. seinen Sohn an.

»Geh schon, ich komme gleich nach. Ich muß deine nassen Sachen aus dem Schlitten holen. Louise, vergiß deine Tasche nicht.« Juts gab Louise ihre Handtasche, dann holte sie ihre eigene. Sie wollte O. B. ein Weihnachtstrinkgeld geben, sah, daß sie kein Bargeld hatte, und zog ihr Scheckheft heraus.

Peepbean setzte Nickel an den Ofen. Er zog die Zipfel der Decke zurück, Nicky entriß sie ihm und zog sie eng um sich.

»Ich sag's nicht weiter.« »Peepbean, laß mich in Ruhe.«

»Ich weiß, daß du nichts anhast. Komm schon, laß mich gucken.«

»Nein.«

Er zog an der Decke, und Nicky stand auf. »Wenn du mich nicht in Ruhe läßt, sag ich's.«

Er blickte sie finster an. »Ich will dir mal was sagen, du Rotz­nase. Deine richtige Mom ist Rillma Ryan. Kleiner Bankert.«

»Ist mir doch egal.« Nicky nahm die Information in sich auf, wollte sich aber vor ihm nichts anmerken lassen. Sie erinnerte sich an Rillma Ryan. Das war die nette Dame, die einmal zu ihnen zu Besuch gekommen war. »Ist doch egal, wer meine Mom ist - ich kann trotzdem besser reiten als du.«

»Runtergefallen.«

»Ja, aber ich hab keine Angst, wieder aufzusteigen. Angstha­se! Angsthase! Angsthase!«

Er griff die Decke und rangelte mit Nicky. Louise kam herein. »Aufhören!«

Peepbean sah sie an wie ein junger Hund, der dabei erwischt wurde, wie er gerade Essen vom Tisch mopste.

»Wir haben bloß gespielt.«

»Ich hab nichts an. Er will mich sehen.« Nickel sagte die rei­ne, ungeschminkte Wahrheit.

»Die spinnt«, log Peepbean.

»Es ist Weihnachten. Soll ich es deinem Vater sagen, damit er dich verdrischt?«

»Nein.« Angst flackerte in seinem Gesicht auf.

»Dann ist Schweigen mein Weihnachtsgeschenk für dich.« Louise zeigte mit dem Finger auf ihn. »Aber wenn du Nickel noch ein einziges Mal ärgerst, kannst du eine Woche nicht sit­zen, weil dir nicht nur dein Vater den Hintern versohlen wird, sondern ich auch!«

»Nickel!«, rief Juts.

»Ja, Momma.«

»Komm sofort her.«

Nickel zuckte die Achseln und watschelte hinaus. Ihre Mutter hatte ihr mit Kreide aufgewertetes Scheckheft aufgeschlagen.

»Warst du das?« »Ich werde reich«, erklärte Nickel.

»Irgendwas wirst du auf alle Fälle. Hast du in mein Scheck­heft geschrieben?«

»Ja.«

Louise warf einen Blick auf das Scheckheft und brach in La­chen aus.

»Ermutige sie nicht noch.« Aber auch Juts lachte.

Nickel grinste verlegen, doch sie dachte über Rillma nach. Wenn Rillma wirklich ihre Mutter war, was hatte sie dann verbrochen, daß ihre Mutter sie verlassen hatte?

77

Eine bange Ahnung ergriff Nicky. Weihnachten rückte mit je­dem Tag näher, und sie fürchtete, daß der Weihnachtsmann ihre Geschenke unter Rillma Ryans Baum in Portland, Oregon, le­gen würde - falls Rillma tatsächlich ihre Mutter war.

Sie blickte in den goldgerahmten Spiegel in ihrem Zimmer. Sah sie aus wie Juts? Und was war mit Chessy?

Juts merkte nicht, daß Nicky noch stiller war als sonst. Die Weihnachtszeit verwandelte Juts in einen wirbelnden Derwisch, und außerdem war sie nicht besonders empfänglich für die Ge­fühle anderer Menschen. Da sie sich überwiegend mit sich selbst beschäftigte, entging ihr oft, was andere bewegte.

Juts' Baum, eine große Douglastanne, war geschmückt mit großen, glänzenden Kugeln in kräftigen Farben, Lametta, gül­denen Girlanden und hier und da handgeschnitztem Holz­schmuck aus Europa. Da der Krieg noch so frisch in Erinnerung war, wollte man es lieber nicht genauer wissen.

Als sie das weiße Laken um den Baum herum ausbreitete, zupfte Juts hier und dort, konnte aber ihre künstlerische Vision nicht verwirklichen. Der>Schnee< wollte nicht richtig liegen. Verärgert kroch sie unter den Baum, gefolgt von Yoyo.

»Wag es ja nicht, eine Kugel vom Baum zu schlagen.«

Yoyo saß auf dem Hinterteil und sah der ächzenden, stöhnen­den Juts zu. Dann krabbelte Juts rückwärts unter dem Baum hervor. Immer noch nicht richtig. Sie kroch wieder drunter. Flach auf dem Bauch liegend, knüllte sie das Laken, daß es Hügel und Täler bildete. Dann krabbelte sie wieder rückwärts hervor. Müde stützte sie den Kopf auf die Hände.

Yoyo blieb unter dem Baum. Juts döste ein Viertelstündchen, und als sie die Augen öffnete, blickte sie in den Kamin. Ein leichter Luftzug blies von oben herunter. Sie stand auf, ging zum Kamin und bückte sich, um den Abzug zu schließen. Sie hatte ihn absichtlich offen gelassen, hatte dann aber vor lauter Arbeit vergessen, Feuer zu machen. Als sie in den Kamin griff, erblickte sie einen kleinen Zettel, der an die Innenmauer geklebt war.

Sie riß ihn ab, hielt sorgsam die rußige Hand von ihrem Kleid fern.

In kindlicher Krakelschrift stand auf dem Zetteclass="underline"

Weihnachtsmann ich won hier Nicky.< Schreib- und Komma­fehler ignorierend, zerknüllte sie den Zettel und warf ihn in den Kamin, gerade als Nickel die Treppe hinunterkam, gefolgt von Buster, der mehr Lärm machte als sie.

»Momma!« Nickel rannte zum Kamin, um ihren Zettel zu ret­ten.

»Und wenn ich Feuer gemacht hätte?«

Nickel strich das Briefchen glatt.

Wütend riß Juts es ihr aus der Hand. »Du brauchst keinen Brief, verdammt noch mal! Der Weihnachtsmann weiß, wo du wohnst.«

»Sicher ist sicher«, erwiderte Nickel zaghaft. »Er kommt viel­leicht durcheinander.«

»Nicht er ist durcheinander, sondern du.«

»Ich wünsche mir so, daß er mir ein Roy-Rogers-Halfter bringt.«

»Hör auf mit deinen Geschenken. Weihnachten ist mehr als Geschenke.«

Aber nicht für eine Sechsjährige. Wäre Juts nicht so aufge­bracht gewesen, hätte sie sich darauf besonnen.

»Ich bin brav gewesen und.«

»O Nickel, der Weihnachtsmann ist eine fromme Lüge. Mach dir keine Sorgen wegen deiner Geschenke. Die wirst du schon kriegen.«

Nickel trat einen Schritt zurück, aschfahl im Gesicht. »Mom, du hast gesagt, der Weihnachtsmann findet mich.«

»Es gibt keinen Weihnachtsmann, Herrgott noch mal. Es ist ein Märchen, das erzählen die Leute den Kindern, damit sie Ruhe geben. Es gibt keinen, der oben am Himmel mit Rentieren fährt. Vergiß es.«

Nickys Augen trübten sich. »Und der Osterhase?«

»Hast du schon mal einen Hasen gesehen, der größer ist als ein Brotkorb? Auch so eine faustdicke Lüge. Fang nicht an zu heulen, Nicky. Um Gottes willen, das sind Märchen. Du kriegst deine Geschenke. Das ist doch die Hauptsache für dich.« »Gar nicht wahr!«, schrie Nickel und erschreckte damit Julia Ellen und sich selbst.

Yoyo kletterte vorsichtshalber auf den Baum. Buster bellte.

»Ich hab keine Zeit für diese Albernheiten.« Juts machte kehrt und steuerte auf die Küche zu.

»Du hast mich angelogen!« Wie ein Racheengel wies Nicky mit dem Finger auf Juts.

Juts drehte sich blitzschnell um. »Sprich nicht so mit mir, verwöhntes Blag. Ich bin deine Mutter.«