Выбрать главу

»Wetten, Tante Louise weiß es. Tante Louise sagt, sie weiß alles.«

»Tante Louise weiß es nicht.«

»Und Momma?«

»Nein«, antwortete Ramelle.

»Muß ich Momma lieb haben?«

»Du hast sie lieb - im Herzen.« Cora seufzte, als sie an die Gespräche dachte, die sie mit Juts und dann mit Louise würde führen müssen, bevor Juts auf Louise losging und ein neuer Krieg ausbrach.

»Wie kann man jemand lieb haben, wenn man ihn nicht leiden kann?«

»Man erinnert sich an die schönen Zeiten«, erwiderte Cora. »Und dann betet man, daß Gott einem den Weg weist. Weißt du, die Menschen brauchen Liebe, wenn sie am wenigsten lie­benswert sind.«

»Wie Momma?«

»Hm - ja.«

»Mrs. Chalfonte, haben Sie schon mal wen lieb gehabt, den Sie nicht leiden konnten?«

»Schon oft.«

Ein Klopfen an der Tür und ein »Ich bin's« kündigte Juts an.

»Denk dran.«, flüsterte Ramelle, doch bevor sie ihren Satz zu Ende sprechen konnte, war Juts bei ihnen. Sie nahm die Sze­ne in Augenschein, dann brach sie in Tränen aus. »Es tut mir Leid, Nicky, es tut mir so Leid.«

Nicky sah ihre Mutter schluchzen. Cora stand leise auf und umarmte ihre Tochter.

»Juts, wenn du bloß nachdenken würdest, bevor du den Mund aufmachst.« »Ich weiß.« Juts schluchzte weiter.

Ramelle dachte an die Worte Paul Valerys: »Ich habe mich geliebt, ich habe mich gehaßt, und dann sind wir zusammen alt geworden.«

79

Das Weihnachtsfest bescherte Nicky ihren Roy-Rogers­Revolver mit Halfter und Mutter Smith eine Angina. Sie über­stand sie. Juts fragte sich, wie viele Jahre sie noch mit ihrer Schwiegermutter aushalten mußte. Sie tat so, als freute sie sich, daß sie überlebt hatte.

Chester raste bis zur Erschöpfung zwischen Krankenhaus und Zuhause hin und her. Seine Brüder, die über die Feiertage zu Hause waren, waren keine große Hilfe. Er zog sich eine schwe­re Erkältung zu. Juts packte ihn ins Bett.

Nicky beschloß, nicht auf Jackson Frosts Weihnachtsfeier zu gehen. Juts wählte die Nummer für sie, und Nicky sagte Jack­son am Telefon, sie müsse sich um ihren Dad kümmern. Was sie auch tat. Sie brachte ihm Orangensaft, Tabletten und Wick VapoRub. Sie las ihm auch vor. Er hörte viermal hintereinander >Es war am Heiligen Abend und beteuerte, daß sie mit jedem Mal flüssiger las.

Einmal schlief er ein, und als er wirr aufwachte, saß Nicky auf der Bettkante und bewachte ihn. Sie tätschelte seine Hand, als wäre es Yoyos Pfote.

»Daddy, ich mach dich gesund.«

Er nieste. »Bestimmt.«

»Daddy, ich würde meine Weihnachtsgeschenke hergeben, wenn es dir davon besser geht.«

»Das brauchst du nicht.«

»Würde ich aber.« Sie küßte seine Hand und kuschelte sich neben ihn. »Du verläßt mich nicht, oder?«

»Nie.« Er fragte sich, was in dem Lockenkopf vorging.

»Du würdest mich nicht wieder zu Rillma Ryan bringen, oder?«

»Was?« Chester, der von den Ereignissen der letzten Tage nichts wußte, wurde schlagartig hellwach.

»Ich hab Angst, wenn Momma mal böse auf mich ist, gibt sie mich ab.« »Zerbrich dir nicht dein hübsches Köpfchen, Schatz.« Er konnte es nicht erwarten, Juts in die Mangel zu nehmen. »Du gehörst hier zu mir, für immer und ewig.«

Sie schmiegte den Kopf in seine Armbeuge. »Ich hab dich lieb.«

»Ich hab dich auch lieb.« Er nieste.

»Ich hol dir noch Orangensaft. Mom sagt, du mußt ganze Ba­dewannen davon trinken.«

»Danke. Ich hatte genug. Aber du kannst mir einen großen Gefallen tun. Geh zu Momma und bitte sie, herzukommen und mir Gesellschaft zu leisten.«

»Okay.«

Als Juts' Schatten über die Schwelle schwebte, hatte er seine Fragen parat. Sie schickten Nicky in die Küche hinunter, um Yoyo und Buster zu füttern, was hieß, daß sie ungefähr eine Viertelstunde für sich hatten.

»Julia, woher weiß Nickel von Rillma?«

»Peepbean hat es ihr gesagt.«

»Warum hast du's mir nicht erzählt?«

»Hab ich vergessen.«

»Scheiße.« Er setzte sich aufrecht, sein Kopf brummte. »Du erzählst ihr ohne mich, daß sie adoptiert ist. Sie erfährt von Rillma Ryan. Wer bin ich denn hier, verdammt noch mal, der Türsteher? Du hast kein Recht, mir das zu verschweigen.«

»Chester, du hast Fieber.«

»Weich mir nicht aus!«

»Tu ich gar nicht.«

»Du hättest es mir sagen sollen.«

»Ich nehme an, Nicky hat's dir erzählt.«

»Gerade eben. Sie wollte wissen, ob du sie Rillma Ryan zu­rückgibst, wenn du böse auf sie bist. Das ist eine verteufelte Last für ein Kind, so zu empfinden.«

Juts wischte die Angst mit einer Handbewegung fort. »Sie wird es vergessen. Du weißt doch, wie Kinder sind.«

»Nein, weiß ich nicht. Aber ich weiß, wie du bist.«

»Deine Mutter kam ins Krankenhaus, und alles ist so schnell gegangen, ich wollte darauf zu sprechen kommen, hab ich aber nicht. Es tut mir Leid.« »Ich will die ganze Geschichte hören.«

»Nicht jetzt, Schatz, Nicky kann jede Minute wiederkommen. Ich verspreche dir, ich werde es dir erzählen. Alles.«

Er ließ sich aufs Kissen zurückfallen. Schweiß tropfte von seiner Stirn. Juts tupfte ihm das Gesicht ab.

»Ich hol dir einen Waschlappen mit Eiswürfeln. Das dürfte helfen.«

Sein Blick wanderte zu ihrem Hochzeitsfoto.Vergaßen alle Frauen Wesentliches oder bloß Juts? Er fragte sich, ob es eine weltweite Frauenverschwörung gab, um die Männer zu beherr­schen, sie dämlich dastehen zu lassen.

Juts und Nicky kamen zurück.

»Ich hab noch was vergessen«, sagte Juts.

»Was?« Er blinzelte, weil sein Kopf so schmerzte; sogar die Augen taten ihm weh.

»O. B. schickt Peepbean auf eine katholische Schule. Wenn er Aushilfsküster wird, bezahlt St. Rose die Schule. Popeye gibt das Küsteramt auf.«

»Der Junge ist irgendwie einfältig.« Chester schloß die Au­gen. Der kalte Waschlappen auf seiner Stirn tat gut.

Nickel wiederholte eine Redensart, die sie gehört hatte. »Er ist eine neue Feder an einem alten Hut.«

Chessy und Juts lachten. Irgendwie traf es die Situation genau.

80

Ein nebliger Apriltag im Jahre 1952 scheuchte Juts und Louise zum Arbeiten ins Haus. Ungeduldig suchte Juts ihre Schnittmu­ster heraus; das dünne Papier knisterte.

»Die gefallen mir nicht.« Louise rümpfte die Nase.

»Mir auch nicht.«

»Ich brauche einen neuen Hut. Laß uns nach Hagerstown fah­ren.«

»Ich kann dir einen Hut machen.«

Nicky, die an dem Küchentisch mit der Keramikplatte ihre Rechenaufgaben machte, sah Juts hinausgehen und mit einer BH-Schaumgummieinlage zurückkommen.

»Und was, wenn ich fragen darf, hast du damit vor?«, fragte Louise trocken. »Ich bin gepolstert.«

»Ich überzieh das Ding mit Satin, mach eine Schleife dran und einen kurzen Schleier. Schwarz oder vielleicht marineblau. Echt Tats.« So nannte Juts die berühmte Putzmacherin Gräfin Tatia­na.

»He.« Louise erwärmte sich für die Idee. »Schwarz, schwar­ze Schleife, mit Rot durchflochten.«

»Toll.« Begeistert kramte Juts in ihrem Weidenkorb, wo sie ihre Stoffreste aufbewahrte.

»Momma, ich will dieses Jahr beim Seifenkistenrennen mit­fahren, dann kann ich direkt vor Tante Wheezies Haus gewin­nen. Ich bin alt genug.« Mit sieben fand sie sich für alles alt genug.

Durch eine Wolke von Zigarettenqualm antwortete Juts: »Mädchen können nicht beim Rennen mitfahren.«

»Warum nicht?«

»Weiß ich nicht.«

Louise, eine Autorität auch auf diesem Gebiet, verkündete: »Weil du dabei deine Eierstöcke durcheinander rüttelst, und das gibt später Probleme.«