»Als diese siebzehn escobaranischen Uterusreplikatoren im Kaiserlichen Militärkrankenhaus ankamen«, sagte Henri, »zu uns aus dem Kriegsgebiet geschickt, da war ich echt erschrocken. Warum sollte man diese unerwünschten Föten retten, und noch dazu zu solchen Kosten? Warum hat man sie ausgerechnet an meine Abteilung abgeschoben? Inzwischen halte ich sehr viel davon, Mylady. Ich habe sogar an eine Anwendung gedacht, ein technologisches Nebenprodukt, für Verbrennungspatienten. Jetzt arbeite ich daran, die Zustimmung zu dem Projekt traf vor genau einer Woche ein.« Seine Augen funkelten vor Eifer, als er seine Theorie darlegte, die sich vernünftig anhörte, soweit Cordelia die Prinzipien verstand.
»Meine Mutter ist Ingenieurin für medizinische Geräte im Silica- Hospital«, erklärte sie Henri, als er innehielt, um Atem zu schöpfen und Zustimmung zu ernten. »Sie arbeitet ständig an dieser Art von Anwendung.« Henri intensivierte daraufhin seine technischen Ausführungen.
Cordelia grüßte zwei Frauen auf der Straße mit Namen und stellte sie Dr. Henri vor.
»Sie sind die Ehefrauen von zwei geschworenen Gefolgsleuten von Graf Piotr«, erklärte sie, als sie weitergingen.
»Eigentlich müßten die doch in der Hauptstadt leben wollen, sollte man annehmen.«
»Einige leben dort, einige bleiben hier. Es scheint von ihrer Neigung abzuhängen. Die Lebenskosten sind hier draußen viel niedriger, und diese Burschen sind nicht so gut bezahlt, wie ich es mir vorgestellt hatte. Einige von den Landbewohnern trauen dem Leben in der Stadt nicht, sie scheinen zu denken, daß es hier sauberer ist.« Sie mußte kurz grinsen. »Einer der Kerle hat an jedem Standort eine Frau. Keiner seiner Kameraden hat ihn bis jetzt verpfiffen. Der Haufen hält zusammen.«
Henris Augenbrauen hoben sich: »Wie hübsch für ihn.«
»Eigentlich nicht. Er ist immer knapp bei Kasse und sieht immer sorgengeplagt aus. Aber er kann sich nicht entscheiden, welche Frau er aufgeben soll. Anscheinend liebt er wirklich beide.«
An der Bootsanlegestelle sahen sie einen alten Mann herumwerkeln. Als Dr. Henri zu ihm ging und sich bei ihm nach der Möglichkeit erkundigte, ein Boot zu mieten, trat Droushnakovi zu Cordelia und sprach sie leise an.
Sie schaute verwirrt drein. »Mylady … wie in der Welt ist Sergeant Bothari zu einem Baby gekommen? Er ist doch nicht verheiratet, oder?«
»Glauben Sie, der Storch hat die Kleine gebracht?«, sagte Cordelia leichthin.
»Nein.«
Nach ihrem Stirnrunzeln zu schließen schien Drou diese Frivolität nicht zu billigen. Cordelia konnte es ihr nicht übelnehmen. Sie seufzte. Wie kann ich mich da bloß herauswinden? »Aber so war es fast. Ihr Uterusreplikator wurde mit einem Schnellkurier aus Escobar gebracht, nach dem Krieg. Sie hat ihre vorgeburtliche Zeit in einem Labor im Kaiserlichen Militärkrankenhaus vollendet, unter der Aufsicht von Dr. Henri.«
»Ist sie wirklich Botharis Kind?«
»O ja, genetisch bestätigt. Auf diese Weise identifizierte man …« Cordelia brach den Satz mittendrin ab. Jetzt vorsichtig …
»Aber war da nicht die Rede von siebzehn Replikatoren? Und wie kam das Baby in den Replikator? War … war es ein Experiment?«
»Plazentaübertragung. Eine schwierige Operation, selbst nach galaktischen Maßstäben, aber kein Experiment mehr. Schauen Sie«, Cordelia hielt inne und überlegte schnell, »ich werde Ihnen die Wahrheit sagen.« Aber nicht die ganze Wahrheit. »Die kleine Elena ist die Tochter von Bothari und einer jungen escobaranischen Offizierin namens Elena Visconti. Bothari … liebte sie … sehr. Aber nach dem Krieg wollte sie nicht mit ihm nach Barrayar kommen. Das Kind wurde gezeugt, hm … auf barrayaranische Weise, und später in den Replikator übertragen, als sie sich trennten. Es gab einige ähnliche Fälle. Die Replikatoren wurden alle an das Kaiserliche Militärkrankenhaus geschickt, das mehr über diese Technologie lernen wollte. Bothari befand sich in … medizinischer Behandlung, ziemlich lange Zeit, nach dem Krieg. Aber als er entlassen wurde und sie aus dem Replikator kam, übernahm er das Sorgerecht für sie.«
»Nahmen die anderen auch ihre Babies?«
»Die meisten anderen Väter waren damals schon tot. Die Kinder kamen in das Waisenhaus der Kaiserlichen Armee.«
Das also war die offizielle Version, ganz korrekt und schlüssig.
»Oh.« Drou blickte mit gerunzelter Stirn auf ihre Füße. »Das ist überhaupt nicht … es ist schwer, sich Bothari vorzustellen … Um ganz ehrlich zu sein«, sagte sie in einem Anfall von Offenheit, »ich glaube nicht, daß ich auch nur eine Katze der Obhut von Bothari anvertrauen würde. Kommt er Ihnen nicht ein bißchen seltsam vor?«
»Aral und ich haben ein Auge auf ihn. Bothari macht sich bis jetzt sehr gut, glaube ich. Er hat Frau Hysopi auf eigene Faust gefunden, und er stellt sicher, daß sie alles bekommt, was sie braucht. Hat Bothari — das heißt, sind Sie wegen Bothari beunruhigt?«
Droushnakovi schaute Cordelia an, als bezweifelte sie die Ernsthaftigkeit ihrer Worte. »Er ist so groß. Und häßlich. Und er … führt an manchen Tagen Selbstgespräche. Und er ist so oft krank, tagelang, wo er dann nicht aus dem Bett kommt, aber er hat dann kein Fieber oder so etwas. Der Kommandant von Graf Piotrs Leuten meint, er sei ein Simulant.«
»Er simuliert nicht. Aber es ist gut, daß Sie das erwähnen, ich werde Aral sagen, er soll mit dem Kommandanten reden und die Sache klären.«
»Aber haben Sie denn überhaupt keine Angst vor ihm? Zumindest an seinen schlechten Tagen?«
»Ich könnte über Bothari weinen«, sagte Cordelia langsam, »aber ich habe keine Angst vor ihm. Nicht an den schlechten Tagen, und nicht an anderen Tagen. Und auch Sie sollten keine Angst vor ihm haben. Es wäre … es wäre eine schlimme Beleidigung für ihn.«
»Tut mir leid.« Droushnakovi scharrte mit ihrem Schuh über den Kies.
»Es ist eine traurige Geschichte. Kein Wunder, daß er nicht über den Escobar-Krieg redet.«
»Ja, ich wäre Ihnen … dankbar, wenn Sie nie die Rede darauf bringen. Für ihn ist das sehr schmerzlich.«
Ein kurzer Sprung mit dem Leichtflieger von dem Dorf über eine Landzunge des Sees brachte sie zum Landgut der Vorkosigans. Vor einem Jahrhundert war das Haus ein vorgeschobener Wachposten des Forts auf der Landzunge gewesen. Die moderne Waffentechnik hatte oberirdische Befestigungen überflüssig gemacht, und die alten Steingebäude waren einer friedlicheren Nutzung zugeführt worden. Dr. Henri hatte offensichtlich mehr Pracht erwartet, denn er sagte: »Es ist kleiner, als ich erwartet habe.«
Piotrs Haushälterin hatte für sie auf einer mit Blumen geschmückten Terrasse am Südende des Hauses bei der Küche ein hübsches Mittagessen vorbereitet. Während sie die Gäste dorthin führte, nahm Cordelia Graf Piotr beiseite.
»Danke, daß wir hier bei dir einfallen durften.«
»Bei mir einfallen, also wirklich! Das ist dein Haus, meine Liebe. Du kannst hier ganz nach Belieben alle Freunde einladen, die du möchtest. Dies ist das erstemal, daß du es getan hast, verstehst du?« Er blieb mit ihr in der Tür stehen. »Weißt du, als meine Mutter meinen Vater heiratete, da hat sie Palais Vorkosigan völlig umdekoriert. Meine Frau tat das gleiche zu ihrer Zeit. Aral hat so spät geheiratet, daß ich fürchte, eine Renovierung ist schon längst überfällig. Würdest du nicht … auch mögen?«
Aber es ist dein Haus, dachte Cordelia hilflos, nicht einmal das von Aral, wirklich …
»Du bist so leicht bei uns gelandet, daß man fast fürchtet, du wirst wieder wegfliegen«. Piotr lachte leise, aber in seinen Augen war Besorgnis zu lesen.
Cordelia klopfte auf ihren sich rundenden Bauch. »Oh, ich bin jetzt durchaus schwer auf dem Boden, Herr Graf.« Sie zögerte. »Um die Wahrheit zu sagen, ich dachte, es wäre hübsch, in Palais Vorkosigan eine Liftröhre zu haben. Wenn man Basement, Subbasement, Dachgeschoß und Dach dazuzählt, dann gibt es jetzt acht Stockwerke im Hauptgebäude. Zu Fuß ist das ein ganz schöner Weg!«