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Vorkosigan war jetzt von seiner Befragung abgelenkt. »Ist das der niedrigste Lebensstandard, den du dir vorstellen kannst, wenn man keine Kommunikationskonsole hat?«, sagte er verwundert.

»Der erste Artikel in der Verfassung lautet: ›Der Zugang zu Informationen darf nicht beschränkt werden.‹«

»Cordelia … diese Leute haben kaum Zugang zu Nahrung, Kleidung und Unterkunft. Sie haben ein paar Lumpen und Kochtöpfe, und sie nisten sich in Gebäuden ein, deren Renovierung oder Abriß sich noch nicht lohnt, während der Wind durch die Mauerritzen pfeift.«

»Gibt es dort keine Klimaanlagen?«

»Keine Heizung im Winter ist da das größere Problem.«

»Das denke ich mir. Hier bei euch gibt es ja keinen wirklichen Sommer … Wie rufen sie Hilfe herbei, wenn sie krank oder verletzt sind?«

»Was für eine Hilfe?«, sagte Vorkosigan grimmig. »Wenn sie krank sind, dann werden sie entweder wieder gesund oder sie sterben.«

»Sie sterben, wenn wir Glück haben«, murmelte Piotr, »die Würmer.«

»Macht ihr Witze?« Sie schaute abwechselnd Vater und Sohn an. »Das ist ja schrecklich … also, denkt an all die Begabungen, die euch da verloren gehen.«

»Ich bezweifle, daß uns da viele verloren gehen, von der Karawanserei«, bemerkte Piotr trocken.

»Warum nicht? Sie haben das gleiche genetische Potential wie ihr«, wies Cordelia auf das hin, was ihr einleuchtend erschien.

Der Graf erstarrte. »Mein liebes Mädchen! Das haben sie auf jeden Fall nicht! Meine Familie gehört sein neun Generationen zu den Vor.«

Cordelia hob ihre Augenbrauen: »Wie weißt du das, wenn ihr vor achtzig Jahren noch keine Gentypisierung hattet?«

Der Wachkommandant und der Diener nahmen einen eigentümlich starren Gesichtsausdruck an. Der Diener biß sich auf die Lippe.

»Außerdem«, fuhr sie mit ihrer Argumentation fort, »wenn ihr Vor nur halb soviel Erfolg hattet, wie die Geschichten andeuten, die ich gelesen habe, dann müssen neunzig Prozent der Bewohner dieses Planeten inzwischen Vor-Blut in sich haben. Wer weiß, wer eure Verwandten auf der väterlichen Seite sind?«

Vorkosigan biß zerstreut in seine Leinenserviette, sein Gesichtsausdruck erstarrte wie bei dem Diener, und er murmelte: »Cordelia, du kannst doch nicht … also wirklich, du kannst nicht hier am Frühstückstisch sitzen und andeuten, meine Vorfahren seien Bastarde gewesen. Das ist hierzulande eine tödliche Beleidigung.«

Wo sollte ich denn sitzen? »Oh, das werde ich vermutlich nie verstehen. Ach, mach dir nichts draus. Was ist mit Koudelka und Bothari?«

»Ganz recht. Fahren Sie fort, Kommandant.«

»Jawohl, Sir. Also, Sir, sie waren, wie man mir sagte, auf dem Rückweg, etwa eine Stunde nach Mitternacht, als sie von einer Bande lokaler Schläger überfallen wurden. Offensichtlich war Leutnant Koudelka zu gut gekleidet, und außerdem hat er diesen Gang und den Stock … jedenfalls hat er die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Ich kenne die Details nicht, Sir, aber es gab vier Tote und heute früh wurden drei ins Krankenhaus eingeliefert, abgesehen von denen, die davonkamen.«

Vorkosigan pfiff leicht durch die Zähne. »Welche Verletzungen haben Bothari und Koudelka?«

»Sie … ich habe keinen offiziellen Bericht, Sir. Ich weiß es nur vom Hörensagen.«

»Dann sagen Sie schon.«

Der diensthabende Offizier schluckte leicht. »Sergeant Bothari hat einen Arm gebrochen, einige Rippen gebrochen, innere Verletzungen und eine Gehirnerschütterung. Leutnant Koudelka hat beide Beine gebrochen und eine Menge … hm … Schockbrandwunden.« Seine Stimme verlor sich.

»Was?«

»Offensichtlich — so hörte ich — hatten die Angreifer einige Hochspannungsschockstöcke, und sie entdeckten, daß sie damit einige … besondere Effekte an seinen Nervenprothesen erzielen konnten. Nachdem sie ihm die Beine gebrochen hatten, verwendeten sie … ziemlich viel Zeit darauf, ihn zu bearbeiten. Das ist der Grund, warum Oberstleutnant Illyans Männer sie eingeholt haben. Sie sind nicht rechtzeitig abgehauen.«

Cordelia schob ihren Teller weg und saß zitternd da.

»Hörensagen, wie? Nun gut. Sie können gehen. Sorgen Sie dafür, daß Oberstleutnant Illyan sofort zu mir geschickt wird, wenn er eintrifft.« Vorkosigans blickte grimmig vor sich hin.

Piotr zeigte mürrische Genugtuung. »Würmer«, knurrte er, »man sollte sie alle ausräuchern.«

Vorkosigan seufzte. »Es ist leichter, einen Krieg zu beginnen, als ihn zu beenden. Nicht diese Woche, Sir.«

Innerhalb einer Stunde erschien Illyan bei Vorkosigan in der Bibliothek und erstattete mündlich einen vorläufigen Bericht. Cordelia gesellte sich zu ihnen, setzte sich nieder und hörte zu.

»Bist du sicher, daß du das hören willst?«, fragte Vorkosigan sie leise.

Sie schüttelte den Kopf. »Nach dir sind sie meine besten Freunde hier. Ich möchte lieber wissen als raten.«

Die Zusammenfassung des diensthabenden Offiziers erwies sich als leidlich genau, aber Illyan hatte mit Bothari und Koudelka im Kaiserlichen Militärkrankenhaus gesprochen, wohin sie gebracht worden waren, und konnte jetzt in ungeschminkten Worten eine Menge Details liefern.

»Ihr Sekretär war anscheinend vom Verlangen nach einer heißen Nummer gepackt«, begann er. »Warum er sich Bothari als einheimischen Führer ausgesucht hat, ist mir schleierhaft.«

»Wir drei sind die einzigen Überlebenden der General Vorkraft«, erwiderte Vorkosigan. »Es ist eine Bindung, vermute ich. Allerdings kamen Kou und Bothari immer gut miteinander aus. Er spricht vielleicht Botharis latente Vaterinstinkte an. Und Kou ist ein anständiger Junge — sagen Sie ihm nicht, daß ich das gesagt habe, er würde es als eine Beleidigung auffassen. Es ist gut zu wissen, daß es solche Leute noch gibt. Ich wünsche mir allerdings, er wäre zu mir gekommen.«

»Nun gut, Bothari tat sein Bestes«, sagte Illyan. »Nahm ihn in diese düstere Spelunke mit, die von Botharis Standpunkt aus einige Pluspunkte für sich hat. Es ist billig dort, es geht schnell, und niemand spricht mit ihm. Außerdem ist es weit entfernt von Admiral Vorrutyers alten Kreisen. Also keine unangenehmen Assoziationen. Er hat eine strikte Routine.

Nach Kous Aussage ist die Frau, deren Stammkunde Bothari ist, fast so häßlich wie er. Bothari mag sie, scheint es, weil sie nie Geräusche von sich gibt. Was das bedeutet, darüber möchte ich nicht nachdenken.

Sei es, wie es mag, Kou hatte Probleme mit einer der anderen Angestellten, die ihm einen Schrecken einjagte. Bothari sagt, er habe das beste Mädchen für Kou verlangt — kaum ein Mädchen, eine Frau, was auch immer —, und anscheinend wurden Kous Bedürfnisse mißdeutet. Jedenfalls war Bothari schon fertig und wartete ungeduldig, während Kou noch versuchte, höfliche Konversation zu machen und ein Sortiment von Vergnügungen für abgestumpfte Geschmäcker angeboten bekam, von denen er noch nie zuvor gehört hatte. Er gab auf und floh schließlich über die Treppe nach drunten, wo Bothari zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich vollgetankt war. Wie es scheint, nimmt er gewöhnlich nur einen Drink und geht dann.

Kou, Bothari und diese Hure gerieten dann in einen Streit über die Bezahlung: er habe soviel Zeit verbraucht wie sonst vier Kunden, sagte sie, dagegen hielten die Männer — das meiste hiervon wird nicht im offiziellen Bericht enthalten sein, ist das in Ordnung? —, sie habe seinen Motor nicht in Gang gebracht. Kou blechte dann eine Teilzahlung — Bothari brummt immer noch darüber, wieviel das war, soweit er mit seinem Mund in diesem Zustand heute überhaupt sprechen kann —, und sie machten einen unordentlichen Rückzug, nachdem es für alle Beteiligten miserabel verlaufen war.«

»Die erste offensichtliche Frage, die sich stellt«, sagte Vorkosigan, »ist: Wurde der Angriff von irgend jemandem aus jenem Etablissement befohlen?«