»Haltet die Klappe! Da kommt Lord Vorkosigan!«, zischte ein anderer Wächter. Die Männer drehten sich um und traten vor ihm zurück.
»Wie ist er hereingekommen?«, begann Vorkosigan und hielt dann inne.
Der Mann trug die schwarze Arbeitsuniform des Militärs. »Sicherlich keiner von Ihren Leuten, Illyan!« Seine Stimme knirschte wie Metall auf Stein.
»Mylord, wir mußten ihn lebend bekommen, damit wir ihn verhören können«, sagte Illyan unsicher neben Vorkosigans Schulter, halb hypnotisiert durch denselben Blick, vor dem die Wachen zurückgewichen waren. »Vielleicht steckt mehr in dieser Verschwörung. Man kann nicht …«
Der Gefangene drehte sich um und wendete seinen Fängern das Gesicht zu. Einer der Wächter sprang vor, um ihn wieder in die Stellung an die Wand zu schieben, aber Vorkosigan winkte ihm, beiseite zu treten. Da Cordelia in diesem Augenblick hinter ihrem Mann stand, konnte sie Vorkosigans Gesicht nicht sehen, aber seine Schultern verloren ihre mörderische Spannung und der Zorn verschwand aus seinem Rückgrat und hinterließ nur ein Rinnsal von Schmerz. Das verzerrte Gesicht über dem schwarzen Kragen gehörte Evon Vorhalas.
»Ach, doch nicht sie beide«, stöhnte Cordelia.
Haß ließ Vorhalas stoßweise atmen, als er sein beabsichtigtes Opfer wütend anstarrte. »Du Scheißkerl, Du schlangenkalter Scheißkerl. Sitzt da kalt wie Stein, während sie ihm den Kopf abschlagen. Hast du da was gefühlt? Oder haben Exzellenz es genossen? Ich habe mir damals geschworen, ich werde dich umlegen.«
Es herrschte ein langes Schweigen, dann lehnte sich Vorkosigan nahe neben ihn und stützte sich mit einem Arm neben Vorhalas Kopf auf der Wand ab. Er flüsterte heiser: »Du hast mich verfehlt, Evon.«
Vorhalas spie ihm ins Gesicht, der Speichel war blutig von den Verletzungen seines Mundes. Vorkosigan machte keine Anstalten, sich abzuwischen. »Du hast meine Frau verfehlt«, fuhr er in einem langsamen, weichen Tonfall fort. »Aber du hast meinen Sohn getroffen. Hast du von süßer Rache geträumt? Du hast sie. Schau auf ihre Augen, Evon. Ein Mann könnte ertrinken in diesen meergrauen Augen. Ich werde für den Rest meines Lebens jeden Tag auf sie schauen. Also verschlinge deine Rache, Evon. Trinke sie. Hätschle sie. Hüll dich in sie während der Nachtwachen. Sie gehört dir. Ich vermache sie dir ganz. Ich habe mich an ihr schon vollgefressen bis zum Überdruß und habe jede Lust daran verloren.«
Vorhalas schaute da zum erstenmal an Vorkosigan vorbei auf Cordelia.
Sie dachte an das Kind in ihrem Leib, dessen zartes Skelett aus jungen, noch knorpeligen Knochen vielleicht schon jetzt zu faulen, sich zu krümmen und aufzulösen begann, aber sie konnte Vorhalas nicht hassen, obwohl sie es einen Augenblick lang versuchte. Sie konnte ihn nicht einmal als rätselhaft empfinden. Sie hatte ein Gefühl wie das zweite Gesicht, daß sie direkt in seinen verwundeten Geist schauen konnte, wie Ärzte mit ihren diagnostischen Sichtgeräten in einen verwundeten Körper schauen. Jede Verzerrung und Träne und emotionale Schramme, jedes junge Geschwür von Groll, das aus ihnen wuchs, und vor allem die große, klaffende Wunde von seines Bruders Tod erschienenen rot gesäumt vor ihrem geistigen Auge.
»Er hat es nicht genossen, Evon«, sagte sie. »Was hätten Sie denn von ihm gewollt? Wissen Sie das überhaupt?«
»Ein bißchen menschliches Erbarmen«, knurrte er. »Er hätte Carl retten können. Selbst dann hätte er es noch gekonnt. Ich dachte zuerst, deshalb sei er gekommen.«
»O Gott«, sagte Vorkosigan. Er wirkte todunglücklich angesichts der aufblitzenden Vision von Aufstieg und Fall der Hoffnungen, die diese Worte hervorriefen. »Ich spiele nicht Theater mit dem Leben von Menschen, Evon!«
Vorhalas hielt seinen Haß wie einen Schild vor sich: »Fahr doch zur Hölle!«
Vorkosigan seufzte und stieß sich von der Wand ab. Der Arzt drückte sich bei ihnen herum, um sie in das wartende Fahrzeug zu bugsieren, das sie zum Kaiserlichen Militärkrankenhaus bringen sollte. »Führen Sie ihn ab, Illyan«, sagte Vorkosigan müde.
»Warten Sie«, sagte Cordelia. »Ich muß es wissen — ich muß ihn etwas fragen.« Vorhalas betrachtete sie düster. »Haben Sie dieses Ergebnis beabsichtigt? Ich meine, als Sie diese spezielle Waffe auswählten? Dieses besondere Gift?«
Er blickte von ihr weg und sprach zu der Wand am anderen Ende: »Es war das, was ich mitnehmen konnte, als ich das Waffenlager durchsuchte. Ich dachte nicht daran, daß ihr es identifizieren und das Gegenmittel rechtzeitig vom Kaiserlichen Militärkrankenhaus bekommen könntet …«
»Sie befreien mich von einer großen Last«, flüsterte sie.
»Das Gegenmittel kam von der Kaiserlichen Residenz«, erklärte Vorkosigan. »Nur ein Viertel der Entfernung. Die Krankenstation des Kaisers dort hat alles. Und was die Identifikation angeht … Ich war damals dabei, bei der Niederschlagung der karianischen Meuterei. Etwa in deinem Alter, glaube ich, oder noch etwas jünger. Der Geruch brachte mir alles in Erinnerung, gerade jetzt. Jungen, die ihre Lungen in roten Klumpen heraushusteten …«
Er schien in sich selber zurückzuweichen, in die Vergangenheit.
»Ich hatte Ihren Tod nicht speziell beabsichtigt. Sie waren nur im Weg, zwischen mir und ihm.« Vorhalas wies blind auf ihren sich wölbenden Unterleib. »Das war nicht das Ergebnis, das ich beabsichtigte. Ich hatte vor, ihn zu töten. Ich wußte nicht einmal sicher, daß ihr nachts im gleichen Zimmer schlaft.« Er schaute jetzt überallhin, nur nicht in ihr Gesicht. »Ich dachte nie an den Tod Ihres …«
»Schauen Sie mich an«, sagte sie heiser, »und sprechen Sie das Wort laut aus.«
»Babys«, flüsterte er und brach plötzlich in heftiges Schluchzen aus.
Vorkosigan trat zurück. »Ich wünsche, du hättest das nicht getan«, flüsterte er. »Das erinnert mich an seinen Bruder. Warum bin ich der Tod dieser Familie?«
»Willst du immer noch, daß er seine Rache verschlingt?«
Er lehnte seine Stirn kurz auf ihre Schulter. »Nicht einmal das. Du machst uns alle leer, lieber Captain. Aber, oh …« Er streckte seine Hand aus, als wollte er sie über ihrem Leib wölben, zog sie aber dann zurück, als er sich des Kreises schweigender Zuschauer um sie herum bewußt wurde. Er richtete sich auf. »Bringen Sie mir am Morgen einen kompletten Bericht, Illyan«, sagte er, »ins Krankenhaus.«
Er nahm sie beim Arm, als sie sich umwandten, um dem Arzt zu folgen. Sie konnte nicht unterscheiden, ob er damit sie oder sich selbst stützen wollte.
Sie war im Komplex des Kaiserlichen Militärkrankenhauses von Helfern umgeben und wurde dahingetragen wie auf einem Fluß. Ärzte, Krankenschwestern, Sanitäter, Wachen. Aral wurde von ihr an der Tür getrennt, und das machte sie unsicher und allein in der Menge. Sie sprach sehr wenig mit ihnen, nur leere Höflichkeitsfloskeln, die sie automatisch benutzte wie irgendwelche Hebel. Sie wünschte sich, daß ein Schock ihr das Bewußtsein nähme, oder Betäubung, wirklichkeitsverneinender Wahnsinn, Halluzinationen, irgend etwas. Statt dessen fühlte sie sich nur müde.
Das Baby bewegte sich in ihr, flatternd, in knetenden Wendungen, offensichtlich war das teratogene Gegenmittel ein sehr langsam wirkendes Gift. Ihnen beiden war noch ein bißchen Zeit zusammen vergönnt, so schien es, und sie liebte ihr Kind durch ihre Haut hindurch, ihre Fingerspitzen bewegten sich in einer langsamen Massage über ihrem Unterleib. Willkommen, mein Sohn, auf Barrayar, dein Wohnsitz von Kannibalen, diese Welt hat nicht einmal die üblichen achtzehn oder zwanzig Jahre gewartet, um dich aufzufressen. Dieser gefräßige Planet.
Sie wurde in ein luxuriöses Privatzimmer gelegt, in einem VIP-Flügel, der hastig für ihren exklusiven Gebrauch geräumt worden war. Sie war erleichtert, als sie entdeckte, daß Vorkosigan genau auf der anderen Seite des Korridors einquartiert worden war. Schon in den grünen Armeeschlafanzug gekleidet, kam er sofort herüber, um zu beobachten, wie sie ins Bett gesteckt wurde. Sie lächelte ihm verhalten entgegen, versuchte aber nicht, sich aufzusetzen. Die Macht der Schwerkraft zog sie hinab in den Mittelpunkt der Welt. Nur die Festigkeit des Bettes, des Gebäudes, der Kruste des Planeten hielt sie gegen die Schwerkraft hoch, keineswegs ihr eigener Wille.