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Dr. Ritter, der Chirurg, war groß und dunkelhaarig, mit olivbrauner Haut und langen, schlanken Händen. Cordelia hatte seine Hände von dem ersten Augenblick an gemocht, als sie sie sah. Sie waren zuverlässig.

Ritter und eine medizinisch-technische Assistentin nahmen über dem Operationtisch ihre Plätze ein und schoben das Schwebebett unter ihr weg, Dr. Ritter lächelte ihr beruhigend zu. »Sie sind in großartiger Verfassung.«

Natürlich bin ich in guter Verfassung, wir haben ja noch nicht mal angefangen, dachte Cordelia gereizt. Dr. Ritter war spürbar nervös, obwohl die Spannung irgendwie an seinen Ellbogen aufhörte. Der Chirurg war ein Freund von Vaagen, den Vaagen zur dieser Aufgabe gedrängt hatte, nachdem sie einen ganzen Tag damit verbracht hatten, eine Liste erfahrener Männer durchzugehen, die es abgelehnt hatten, diesen Fall anzunehmen.

Vaagen hatte es Cordelia erklärt: »Wie bezeichnet man vier riesige Schläger mit Knüppeln in einer dunklen Gasse?«

»Wie denn?«

»Kunstfehlerprozeß eines Vor-Lords.« Er hatte dabei gekichert. Vaagens Humor war ätzend und rabenschwarz. Cordelia hätte ihn dafür umarmen können. Er war der einzige gewesen, der in den letzten drei Tagen in ihrer Gegenwart Witze gemacht hatte, möglicherweise war er der vernünftigste und ehrlichste Mensch, dem sie seit dem Weggang von Kolonie Beta begegnet war. Sie war froh, daß er hier zugegen war.

Man rollte sie auf die Seite und berührte ihr Rückgrat mit dem medizinischen Betäuber. Ein Krabbeln, und ihre kalten Füße fühlten sich plötzlich warm an. Ihre Beine wurden abrupt schlaff, wie Beutel mit Schweineschmalz.

»Können Sie das spüren?«, fragte Dr. Ritter.

»Was spüren?«

»Gut.« Er nickte der Assistentin zu, und sie legten sie wieder in die Ausgangslage. Die Assistentin machte Cordelias Bauch frei und schaltete das Sterilisierfeld ein. Der Chirurg tastete sie ab und überprüfte mit Hilfe der Holovid-Monitore die genaue Lage des Kindes im Mutterleib.

»Sind Sie sicher, daß Sie während der ganzen Sache nicht lieber schlafen möchten?«, fragte Dr. Richter sie zum letztenmal.

»Nein. Ich möchte zusehen. Da wird mein erstes Kind geboren.«

Vielleicht wird mein einziges Kind geboren.

Er lächelte matt: »Tapferes Mädchen.«

Mädchen, zum Teufel, ich bin älter als Sie. Sie spürte, daß Dr. Ritter allerdings lieber unbeobachtet wäre.

Dr. Ritter hielt inne und blickte sich noch einmal in der Runde um, als ob er in Gedanken auf einer Prüfliste seine Geräte und Leute als bereit abhakte. Und seinen Willen und seine Nerven, vermutete Cordelia.

»Los, Ritter, guter Mann, bringen wir’s hinter uns«, sagte Vaagen und klopfte ungeduldig mit seinen Fingern. Sein Ton war eine eigenartige Mischung, ein leichter sarkastischer anstachelnder Klang über der zugrundeliegenden Wärme echter Ermutigung. »Meine Untersuchungen zeigen, daß die Auflösung der Knochen schon im Gange ist. Wenn sie zu weit fortschreitet, dann bleibt mir keine Gewebesubstanz mehr für den Neuaufbau übrig. Schneiden Sie jetzt und kauen Sie an Ihren Nägeln später.«

»Kauen Sie an Ihren eigenen Nägeln, Vaagen«, sagte der Chirurg freundlich. »Stupsen Sie noch einmal meinen Ellbogen, und ich lasse meine Assistentin Ihnen ein Spekulum in den Rachen stecken.«

Sehr alte Freunde, urteilte Cordelia. Aber der Chirurg hob seine Hände, holte Atem und griff nach seinem Vibra-Skalpell und dann schnitt er mit einer perfekt geführten Bewegung ihren Bauch auf. Die Assistentin folgte seiner Bewegung geschmeidig mit dem chirurgischen Handtraktor und klemmte die Blutgefäße ab, es entwich nur sehr wenig Blut. Cordelia fühlte Druck, aber keinen Schmerz. Weitere Schnitte legten ihre Gebärmutter frei.

Eine Plazentaübertragung war weitaus schwieriger als ein ganz normaler Kaiserschnitt. Die empfindliche Plazenta mußte chemisch und hormoneil dazu gebracht werden, sich aus der an Blutgefäßen reichen Gebärmutter zu lösen, ohne daß dabei zu viele ihrer zahlreichen winzigen Zotten beschädigt wurden, dann mußte sie von der Gebärmutterwand in einem laufenden Bad einer stark mit Sauerstoff angereicherten Nährlösung losgeschwemmt werden. Danach mußte der Replikatorschwamm zwischen die Plazenta und die Gebärmutterwand geschoben und die Plazentazotten zumindest teilweise dazu angeregt werden, sich mit ihrer neuen Matrix zu verbinden, bevor das Ganze aus dem lebendigen Körper der Mutter gehoben und in den Replikator gelegt werden konnte. Je weiter fortgeschritten die Schwangerschaft, desto schwieriger die Übertragung.

Die Nabelschnur zwischen Plazenta und Kind wurde überprüft und bei Bedarf wurde zusätzlicher Sauerstoff per Hypospray injiziert. Auf Kolonie Beta machte dies ein raffiniertes kleines Gerät, hier stand ein besorgter Medizintechniker bereit.

Der Techniker begann damit, das klare, hellgelbe Lösungsbad in Cordelias Gebärmutter einfließen zu lassen. Es füllte sie an und lief über, tröpfelte rosa gefärbt an ihren Seiten herab und in das Auffangbecken. Der Chirurg arbeitete nun tatsächlich unter Wasser. Keine Frage, eine Plazentaübertragung war eine glitschige Operation.

»Den Schwamm«, rief der Chirurg sacht, und Vaagen und Henri rollten den Uterusreplikator an ihre Seite und hoben den Matrixschwamm an seinen Versorgungsleitungen heraus. Der Chirurg fummelte endlos mit einem winzigen Handtraktor herum, seine Hände befanden sich außerhalb Cordelias Sichtbereich, als sie über ihre Brust zu ihrem gerundeten — so gerade noch gerundeten — Bauch hinunterschielte. Sie zitterte. Dr. Ritter schwitzte.

»Doktor …« Ein Techniker zeigte auf etwas auf einem VidMonitor.

»Mm«, sagte Ritter, blickte auf und fuhr dann mit dem Herumgefummel fort. Die Techniker murmelten, Vaagen und Henri murmelten, ruhig, professionell, beruhigend … ihr war so kalt …

Die Flüssigkeit, die über den weißen Damm ihrer Haut sickerte, änderte sich abrupt von rosagetönt zu hellrot, plätscherte und floß viel schneller als die zugeführte Nährlösung.

»Das hier abklemmen«, zischte der Chirurg.

Cordelia erhaschte gerade einen flüchtigen Blick von etwas, das unter einer Membran auf den behandschuhten Händen des Chirurgen zappelte, mit winzigen Armen, Beinen und einem nassen dunklen Kopf, nicht größer als ein halbertränktes Kätzchen.

»Vaagen! Nehmen Sie Ihr Ding jetzt, wenn Sie es wollen!« stieß Ritter hervor.

Vaagen tauchte seine behandschuhten Hände in ihren Bauch, als dunkle Wirbel Cordelias Sicht trübten, ihr Kopf schmerzte und barst in plötzlichen, Funken sprühenden Blitzen. Die Schwärze dehnte sich aus, überwältigte sie. Das letzte, was sie hörte, war die verzweifelte zischende Stimme des Chirurgen: »O Scheiße …«

Ihre Träume waren verschwommen vor Schmerz. Das Schlimmste war das Ersticken. Sie würgte und würgte und weinte vor Luftmangel. Ihre Kehle war ganz verstopft, und sie kratzte daran, bis ihre Hände gebunden wurden. Sie träumte dann von Vorrutyers Foltern, die vervielfacht und in wahnsinnige Komplikationen ausgedehnt waren und Stunden um Stunden dauerten. Ein verrückter Bothari kniete auf ihrer Brust, und sie konnte überhaupt keine Luft mehr bekommen.

Als sie endlich mit klarem Kopf aufwachte, war dies wie der Ausbruch aus einer unterirdischen Gefängnishölle in Gottes eigenes Licht. Ihre Erleichterung war so tief, daß sie wieder weinte, ein stummes Wimmern und Feuchtigkeit in ihren Augen. Sie konnte atmen, obwohl es wehtat, sie war wund, fühlte Schmerzen und konnte sich nicht bewegen. Aber sie konnte atmen. Das reichte.

»Pst, pst.« Ein kräftiger warmer Finger berührte ihre Augenlider und wischte die Feuchtigkeit hinweg. »Es ist alles in Ordnung.«

»Isses?« Sie blinzelte und schielte. Es war Nacht, künstliches Licht bildete warme Bereiche in dem Zimmer, Arals Gesicht schwankte über dem ihren.