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»Habt ihr euch gestritten?«

»Er hat gestritten. Ich habe nur zugehört.«

Aral kehrte in sein eigenes Zimmer zurück und bat Koudelka und den Sekretär, auf dem Korridor zu warten. Cordelia saß auf seinem Bett und sah zu, wie er die Codes an seiner Kommunikationskonsole eintippte.

»Hier spricht Lord Vorkosigan. Ich möchte simultan mit dem Sicherheitschef im Kaiserlichen Militärkrankenhaus und mit Oberstleutnant Simon Illyan sprechen. Bringen Sie bitte beide auf die Leitung.«

Er mußte kurz warten, bis die beiden Männer ausfindig gemacht waren.

Aus dem verschwommenen Hintergrund auf dem Vid-Monitor zu schließen, war der Mann vom Militärkrankenhaus in seinem Büro irgendwo im Krankenhauskomplex. Illyan wurde in einem forensischen Labor im Hauptquartier des Kaiserlichen Sicherheitsdienstes aufgespürt.

»Meine Herren!« Arals Gesicht war völlig ausdruckslos. »Ich möchte eine Sicherheitserlaubnis widerrufen.« Beide Männer bereiteten sich aufmerksam vor, sich an ihren jeweiligen Konsolen Notizen zu machen.

»General Graf Piotr Vorkosigan wird der Zutritt zu Gebäude 6, Biochemische Forschung, im Kaiserlichen Militärkrankenhaus bis auf weiteres verweigert. Anweisung von mir persönlich.«

Illyan zögerte. »Sir — General Vorkosigan hat absolute Erlaubnis, auf kaiserlichen Befehl. Und zwar schon seit Jahren. Ich brauche einen kaiserlichen Befehl, um diese Erlaubnis zu widerrufen.«

»Genau darum handelt es sich hier, Illyan.« Eine Spur von Ungeduld klang in Vorkosigans Stimme an. »Auf meinen Befehl, Aral Vorkosigan, Regent Seiner Kaiserlichen Majestät Gregor Vorbarra. Ist das offiziell genug?«

Illyan pfiff leise, aber als Vorkosigan die Stirn runzelte, wurde sein Gesicht ausdruckslos. »Jawohl, Sir. Verstanden. Gibt es noch etwas anderes?«

»Das ist alles. Nur dieses eine Gebäude.«

»Sir …«, sagte der Sicherheitskommandant des Krankenhauses, »was ist, wenn … General Vorkosigan sich weigert, auf Befehl anzuhalten?«

Cordelia konnte es sich gerade vorstellen: ein paar junge Wachen, die geradezu niedergemäht wurden von all der Historie …

»Wenn Ihre Sicherheitsleute wirklich von einem einzigen alten Mann so überwältigt werden, dann können sie Gewalt anwenden bis einschließlich Betäuberschüsse«, sagte Aral müde. »Das war’s. Ich danke Ihnen.«

Der Mann vom Militärhospital nickte vorsichtig und schaltete die Verbindung ab.

Illyan blieb noch einen Augenblick dran, voller Zweifel. »Ist das eine gute Idee, bei seinem Alter? Betäubung kann schlecht für das Herz sein. Und er wird es ganz und gar nicht mögen, wenn wir ihm sagen, daß es da einen Ort gibt, wo er nicht hingehen darf. Übrigens, warum …?« Aral blickte ihn nur kalt an, bis er schluckte: »Jawohl, Sir«, salutierte und abschaltete.

Aral lehnte sich zurück und schaute nachdenklich auf die leere Stelle, wo die Vid-Bilder geleuchtet hatten. Er blickte zu Cordelia auf und seine Lippen verzogen sich in einer Mischung von Ironie und Schmerz. »Er ist ein alter Mann«, sagte er schließlich.

»Der alte Mann hat gerade versucht, deinen Sohn umzubringen. Das, was von deinem Sohn übrig ist.«

»Ich verstehe seine Sichtweise. Ich verstehe seine Ängste.«

»Verstehst du meine auch?«

»Ja, beide.«

»Wenn es hart auf hart kommt — wenn er versucht, wieder dort hinzugehen …«

»Er ist meine Vergangenheit.« Er begegnete ihrem Blick. »Du bist meine Zukunft. Der Rest meines Lebens gehört der Zukunft. Das schwöre ich bei meinem Ehrenwort als Vorkosigan.«

Cordelia seufzte und rieb ihren schmerzenden Hals, ihre schmerzenden Augen.

Koudelka klopfte an der Tür und streckte verstohlen seinen Kopf herein, »Sir? Der Sekretär des Ministers möchte gerne wissen …«

»In einer Minute, Leutnant.« Vorkosigan schickte ihn wieder hinaus.

»Hauen wir doch von hier ab«, sagte Cordelia plötzlich.

»Mylady?«

»Kaiserliches Militärkrankenhaus und Kaiserlicher Sicherheitsdienst und Kaiserliches Dies und Das, ich bekomme bald einen schlimmen Anfall von Kaiserlicher Klaustrophobie. Gehen wir doch ein paar Tage hinaus nach Vorkosigan Surleau. Du selbst wirst dich dort besser erholen, es wird für alle deine eifrigen Chargen«, sie ruckte mit ihrem Kopf in Richtung auf den Korridor, »dort schwieriger sein, an dich heranzukommen. Nur du und ich, mein Freund.« Würde das funktionieren? Angenommen, sie zogen sich in die Szenerie ihres sommerlichen Glücks zurück, und es gab sie nicht mehr? Versunken in den herbstlichen Regenfällen … Sie konnte die Verzweiflung in sich selbst spüren, auf der Suche nach ihrer beider verlorenem Gleichgewicht, nach einer festen Mitte.

Seine Augenbrauen hoben sich zustimmend. »Ausgezeichnete Idee, lieber Captain. Wir nehmen den alten Herrn mit.«

»Oh, müssen wir — ach. Ja, ich verstehe. Völlig. Unbedingt.«

KAPITEL 10

Cordelia erwachte langsam, streckte sich und zog die großartige federngefüllte Seidensteppdecke zu sich. Die andere Seite des Bettes war leer — sie berührte das eingedrückte Kissen —, kalt und leer. Aral mußte zeitig auf den Zehenspitzen hinausgeschlichen sein. Sie schwelgte in dem Gefühl, endlich genügend Schlaf zu haben und nicht mehr zu jener lähmenden Erschöpfung zu erwachen, die ihren Geist und ihren Leib so lang gefangengehalten hatte. Das war jetzt schon die dritte Nacht hintereinander, die sie gut geschlafen hatte, gewärmt vom Körper ihres Mannes, und beide glücklicherweise befreit von den irritierenden Sauerstoffleitungen in ihren Gesichtern.

Ihr Eckzimmer im ersten Stock der alten, umgewandelten Steinkaserne war an diesem Morgen kühl und ganz still. Das Vorderfenster ging auf den hellen grünen Rasen hinaus, der in dem Nebel verschwand, in den der See und das Dorf und die Hügel des jenseitigen Ufers gehüllt waren. Der feuchte Morgen vermittelte ihr ein Gefühl von Behaglichkeit, er stand in rechtem Kontrast zu der Federsteppdecke. Wenn sie sich aufsetzte, dann verursachte die neue blaßrote Narbe auf ihrem Unterleib nur ein leichtes Stechen.

Droushnakovis Kopf erschien im Türrahmen. »Mylady?«, rief sie sanft, dann sah sie, wie Cordelia sich aufsetzte und ihre bloßen Füße über den Rand des Bettes hängen ließ. Cordelia schwang versuchsweise ihre Füße vorwärts und rückwärts, um so den Kreislauf anzuregen. »Oh, gut, daß Sie wach sind.« Drou stieß mit der Schulter die Tür auf und brachte ein großes und vielversprechendes Tablett herein. Sie trug eines ihrer bequemeren Kleider mit einem weiten, schwingenden Rock und einer warm gefütterten bestickten Weste. Ihre Schritte klangen auf den breiten hölzernen Bodenbrettern und wurden dann von dem handgewebten Bettvorleger gedämpft, als sie das Zimmer durchquerte.

»Ich bin hungrig«, sagte Cordelia verwundert, als die von dem Tablett aufsteigenden Düfte ihre Nase reizten, »Ich glaube, das ist das erste Mal in drei Wochen.« Drei Wochen, seit jener Nacht der Schrecken in Palais Vorkosigan.

Drou lächelte und setzte das Tablett auf dem Tisch am Vorderfenster ab.

Cordelia zog Bademantel und Hausschuhe über und steuerte auf die Kaffeekanne zu. Drou blieb in ihrer Nähe, sichtlich bereit, sie aufzufangen, falls sie hinfallen sollte, aber Cordelia fühlte sich heute nicht annähernd so wackelig. Sie setzte sich und langte nach der dampfenden Hafergrütze mit Butter und einem Krug mit heißem Sirup, den die Barrayaraner aus eingekochtem Baumsaft herstellten. Eine wundervolle Nahrung.

»Haben Sie schon gegessen, Drou? Wollen Sie etwas Kaffee? Wie spät ist es?«

Die Leibwächterin schüttelte den blonden Kopf. »Ich habe schon gegessen, Mylady. Es ist ungefähr elf.«

Droushnakovi hatte die letzten paar Tage hier in Vorkosigan Surleau zum selbstverständlichen Hintergrund gehört. Cordelia wurde sich bewußt, daß sie jetzt das Mädchen fast zum erstenmal wirklich anschaute, seit sie das Militärhospital verlassen hatte. Drou war aufmerksam und wachsam wie immer, aber mit einer zugrunde liegenden Spannung, als sei sie verstohlen auf der Hut vor etwas Schlimmem — vielleicht lag es nur daran, daß Cordelia sich selbst besser fühlte, aber sie hatte das selbstsüchtige Verlangen, daß die Leute um sie herum sich auch besser fühlten, und wenn auch nur deshalb, damit sie sie nicht wieder hinunterzogen.