»Ich fühle mich heute schon viel weniger träge. Ich habe gestern mit Hauptmann Vaagen per Vid gesprochen. Er meint, er hat schon die ersten Anzeichen für molekulare Rekalzifizierung beim kleinen Piotr Miles gesehen. Das ist sehr ermutigend, wenn man weiß, wie man Vaagen zu interpretieren hat. Er macht einem keine falschen Hoffnungen, aber auf das wenige, was er sagt, kann man sich verlassen.«
Drou schaute von ihrem Schoß auf und setzte als Antwort ein Lächeln in ihr bedrücktes Gesicht. Sie schüttelte den Kopf. »Uterusreplikatoren erscheinen mir so seltsam. So fremdartig.«
»Nicht so seltsam wie das, was die Evolution uns auferlegt hat, improvisiert aus der Erfahrung.« Cordelia grinste zurück. »Gott sei Dank für Technologie und rationale Planung. Ich weiß jetzt, wovon ich spreche.«
»Mylady … wie haben Sie zuerst erfahren, daß Sie schwanger waren? Blieb die Regel aus?«
»Die Menstruation? Nein, eigentlich nicht.« Sie versetzte sich in Gedanken in den vergangenen Sommer. Hier in diesem Zimmer, tatsächlich in diesem ungemachten Bett. Sie und Aral würden hier bald wieder Intimitäten austauschen können, allerdings mit einem gewissen Verlust an Pikantheit ohne Fortpflanzung als einem Ziel. »Aral und ich glaubten im Sommer, wir hätten es uns hier schön eingerichtet. Er hatte sich vom Dienst zurückgezogen, ich war aus meinem Dienst ausgeschieden … es gab keine Hindernisse mehr. Ich war schon nahe daran, zu alt zu sein für die organische Methode, die hier auf Barrayar die einzige verfügbare zu sein schien, oder genauer, er wollte bald beginnen. Als wir also ein paar Wochen verheiratet waren, ließ ich mein empfängnisverhütendes Implantat entfernen. Ich kam mir dabei ganz schön verrucht vor, denn bei mir zu Hause hätte ich es nicht herausnehmen lassen können, ohne zuvor eine Lizenz zu erwerben.«
»Wirklich?« Drou lauschte fasziniert mit offenem Mund.
»Ja, so verlangen es die betanischen Gesetze. Man muß sich zuerst für eine Elternlizenz qualifizieren. Ich hatte mein Implantat, seit ich vierzehn war. Ich hatte damals eine Menstruation, wie ich mich erinnere. Wir schalten sie ab, bis sie gebraucht wird. Ich bekam mein Implantat, mein Hymen wurde aufgeschnitten und meine Ohrläppchen durchlöchert, und ich feierte meine Debütantinnenparty …«
»Sie haben doch nicht … mit Sex angefangen, als Sie vierzehn waren, oder?« Droushnakovis Stimme klang sehr leise.
»Ich hätte können. Aber dazu braucht es zwei, nicht wahr. Ich fand erst später einen richtigen Liebhaber.« Cordelia schämte sich, einzugestehen, wieviel später. Sie war damals gesellschaftlich so ungeschickt gewesen …
Und du hast dich nicht viel geändert, gestand sie sich sarkastisch ein.
»Ich dachte nicht, daß es so schnell gehen würde«, fuhr Cordelia fort. »Ich dachte, wir brauchten dafür einige Monate ernster und vergnüglicher Versuche. Aber wir bekamen das Baby beim ersten Versuch. So habe ich hier auf Barrayar noch keine Menstruation gehabt.«
»Beim ersten Versuch«, wiederholte Drou. Sie biß sich bestürzt auf die Lippe. »Wie wußten Sie, daß Sie es … bekamen? An der Übelkeit?«
»Müdigkeit, noch vor der Übelkeit. Aber es waren die kleinen blauen Flecken …« Ihre Stimme stockte, als sie die verzerrten Züge des Mädchens betrachtete. »Drou, sind all diese Fragen theoretischer Natur, oder haben Sie ein eher persönliches Interesse an den Antworten?«
Drous Gesicht war von tiefen Falten durchzogen. »Persönliches Interesse«, stieß sie hervor.
»Ach so.« Cordelia lehnte sich zurück. »Wollen Sie … darüber sprechen?«
»Nein … ich weiß nicht …«
»Ich nehme an, das heißt ja«, seufzte Cordelia. Ach ja. Das war genau wie Mama Captain zu spielen für sechzig betanische Wissenschaftler, damals, bei den Erkundungsflügen, nur daß Ungewißheit über Schwangerschaft vielleicht das einzige zwischenmenschliche Problem war, das sie ihr nie in den Schoß gelegt hatten. Aber angesichts der wirklichen dummen Geschichten, mit der jene vernunftorientierte und ausgewählte Gruppe sie von Zeit zu Zeit behelligt hatte, wäre diese barbarische barrayaranische Version wohl nur … »Wissen Sie, ich freue mich, Ihnen auf jede Weise zu helfen, die ich kann.«
»Es war in der Nacht des Soltoxin-Attentats«, schniefte Drou. »Ich konnte nicht schlafen. Ich ging hinunter in die Küche des Speisesaals, um mir etwas zu essen zu holen. Auf dem Weg zurück nach oben bemerkte ich ein Licht in der Bibliothek. Leutnant Koudelka war da drinnen. Er konnte auch nicht schlafen.«
Kou, sieh an. Ach, gut, gut. Es ist vielleicht endlich alles in Ordnung.
Cordelia lächelte in aufrichtiger Ermunterung. »Ja?«
»Wir … ich … er … küßte mich.«
»Ich hoffe, Sie küßten zurück?«
»Es klingt, als wären Sie einverstanden.«
»Bin ich auch. Ihr gehört zu denen, die ich am liebsten habe, Sie und Kou. Wenn ihr nur eure Köpfe beisammen hättet … aber fahren Sie fort, da muß noch mehr kommen.« Es sei denn, Drou war noch unwissender, als Cordelia es für möglich hielt.
»Wir … wir … wir …«
»Haben gevögelt?«, schlug Cordelia hoffnungsvoll vor.
»Ja, Mylady.« Drou wurde knallrot und schluckte. »Kou schien so glücklich zu sein … ein paar Minuten lang. Und ich war so glücklich über ihn, so aufgeregt. Es machte mir nichts aus, wie weh es tat.«
Ach ja, die barbarische barrayaranische Sitte, ihre Frauen in den Sex einzuführen mit dem Schmerz einer Defloration ohne Betäubung.
Allerdings, wenn man in Betracht zog, wieviel mehr an Schmerz ihre Fortpflanzungsmethode später im Gefolge hatte, dann stellte dies vielleicht eine faire Warnung dar. Aber Kou war bei den wenigen Malen, wo sie ihn gesehen hatte, auch nicht so glücklich erschienen, wie ein frischgebackener Liebhaber eigentlich sein sollte. Was taten diese beiden einander an? »Fahren Sie fort.«
»Ich dachte, ich sah eine Bewegung im Hintergarten, aus der Tür von der Bibliothek heraus. Dann kam der Krach im Obergeschoß — o Mylady! Es tut mir so leid! Wenn ich Sie bewacht hätte, anstatt das zu tun …«
»Halt, Mädchen! Sie hatten dienstfrei. Wenn Sie nicht das getan hätten, dann wären Sie schlafend im Bett gelegen. Auf keinen Fall ist das Soltoxin-Attentat Ihre Schuld oder die von Kou. Tatsache ist, wenn Sie nicht aufgewesen und mehr oder weniger angezogen gewesen wären, dann wäre der Attentäter vielleicht entkommen.« Und wir würden nicht einer weiteren öffentlichen Enthauptung oder was auch immer entgegensehen, möge Gott uns helfen. Ein Teil von Cordelia wünschte, die beiden wären für Sekunden weg gewesen und hätten nie aus dem verdammten Fenster geschaut. Aber Droushnakovi mußte sich gerade jetzt mit genügend Konsequenzen auseinandersetzen ohne diese tödlichen Verwicklungen.
»Aber wenn doch nur …«
»Mit ›wenn doch nur‹ war die Luft hier diese letzten Wochen übervoll. Ich denke, es ist Zeit, wenn wir jetzt statt dessen sagen: Jetzt machen wir weiter, offen gesagt.« Cordelias Denken holte sie selbst endlich wieder ein. Drou war eine Barrayaranerin, deshalb hatte sie kein empfängnisverhütendes Implantat. Es klang auch nicht danach, als hätte dieser Idiot Koudelka eine Alternative angeboten. Drou hatte deshalb die letzten drei Wochen damit zugebracht, sich zu fragen … »Würden Sie ein paar von meinen kleinen blauen Flecken versuchen wollen? Ich habe noch jede Menge davon übrig.«