»Blaue Flecken?«
»Ja, ich hatte angefangen, Ihnen davon zu erzählen. Ich habe ein Päckchen von diesen kleinen Diagnosestreifen. Hatte sie in Vorbarr Sultana im letzten Sommer in einem Importladen gekauft. Sie pinkeln auf so einen Streifen, und wenn der Fleck blau wird, dann sind Sie dran. Ich habe nur drei davon verbraucht, im Sommer.« Cordelia ging zu ihrer Kommodenschublade und durchwühlte sie nach dem überholten Vorrat.
»Hier.« Sie reichte Drou einen Streifen. »Gehen Sie und erleichtern Sie sich. Und Ihre Gedanken.«
»Funktioniert das so bald schon?«
»Nach fünf Tagen.« Cordelia hielt ihre Hand hoch: »Ich verspreche es.«
Beunruhigt auf den kleinen Papierstreifen starrend verschwand Droushnakovi in Cordelias und Arals Bad, neben dem Schlafzimmer. Sie kam nach ein paar Minuten wieder. Ihr Gesicht war niedergeschlagen, und sie ließ die Schultern hängen.
Was bedeutet das? fragte sich Cordelia wütend. »Also?«
»Der Streifen blieb weiß.«
»Dann sind Sie nicht schwanger.«
»Ich glaub nicht.«
»Ich weiß nicht, ob Sie sich freuen oder ob es Ihnen leid tut. Glauben Sie mir, wenn Sie ein Baby bekommen wollen, dann sollten Sie besser noch ein paar Jahre warten, bis man hier mehr medizinische Technologie zur Verfügung hat.« Obwohl die organische Methode eine Zeitlang faszinierend war …
»Ich will nicht … ich will … ich weiß nicht … Kou hat kaum mit mir gesprochen seit jener Nacht. Ich wollte nicht schwanger sein, das würde mich zerstören, und doch dachte ich, er würde … würde … vielleicht so aufgeregt und glücklich darüber sein wie er über den Sex war. Vielleicht würde er zurückkommen und — oh, es ging alles so gut, und jetzt ist alles verdorben.« Ihre Hände ballten sich zu Fäusten, ihr Gesicht war weiß und ihre Zähne knirschten.
Weine, Mädchen, dann kann ich atmen. Aber Droushnakovi gewann ihre Selbstbeherrschung zurück. »Es tut mir leid, Mylady. Ich hatte nicht vor, Ihnen all diese Dummheiten zu erzählen.«
Dummheiten, ja, aber nicht Dummheiten nur einer Seite. Etwas so Verkorkstes erforderte ein ganzes Komitee. »Was ist also mit Kou los? Ich dachte, er litte nur an Soltoxin-Schuld, wie jeder andere im Haushalt.« Mit Aral und mir angefangen.
»Ich weiß es nicht, Mylady.«
»Haben Sie schon einmal etwas wirklich Radikales versucht, wie zum Beispiel ihn zu fragen?«
»Er versteckt sich, wenn er mich kommen sieht.«
Cordelia seufzte und wandte ihre Aufmerksamkeit dem Ankleiden zu. Heute waren wirkliche Kleider dran, keine Patienten-Morgenmäntel, In Arals Wandschrank hingen hinten ihre gelbbraunen Hosen von ihrer alten Erkundungsteam-Uniform. Neugierig probierte sie sie an. Sie ließen sich nicht nur zuknöpfen, sie waren sogar locker. Sie war wirklich krank gewesen. Ziemlich aggressiv ließ sie die Hosen an und suchte sich dazu eine geblümte Kittelbluse mit langen Ärmeln aus. Sehr bequem. Sie lächelte ihrem schlanken, wenn auch bleichen Profil im Spiegel zu.
»Ah, lieber Captain«, Aral streckte seinen Kopf durch die Schlafzimmertür, »du bist auf.« Er blickte auf Droushnakovi. »Ihr seid beide hier. Noch besser. Ich glaube, ich brauche deine Hilfe, Cordelia. Tatsächlich, ich bin mir sicher.« Arals Augen leuchteten mit dem eigenartigsten Ausdruck. Staunen, Verwirrung, Sorge? Er betrat den Raum.
Er trug seine übliche Kleidung für dienstfreie Zeit in Vorkosigan Surleau, alte Uniformhosen und ein ziviles Hemd. Hinter ihm kam Koudelka, angespannt und unglücklich, in einer frischen schwarzen Arbeitsuniform mit den roten Leutnantsabzeichen am Kragen. Er umklammerte seinen Stockdegen. Drou trat mit dem Rücken zur Wand und verschränkte die Arme.
»Leutnant Koudelka — so sagte er mir — will ein Geständnis ablegen. Er hofft auch, habe ich den Verdacht, auf Absolution«, sagte Aral.
»Ich verdiene das nicht, Sir«, murmelte Koudelka. »Aber ich hielt es nicht mehr aus. Das muß heraus.« Er starrte auf den Boden und vermied die Blicke der anderen. Droushnakovi beobachtete ihn atemlos. Aral trat sachte zu Cordelia und setzte sich neben sie auf den Bettrand.
»Mach dich auf etwas gefaßt«, murmelte er ihr aus dem Mundwinkel zu. »Das hat mich überrascht.«
»Ich glaube, ich bin dir vielleicht ein bißchen voraus.«
»Das wäre nicht das erste Mal.« Er hob seine Stimme: »Los, Leutnant. Das wird nicht leichter, wenn Sie es in die Länge ziehen.«
»Drou — Fräulein Droushnakovi — ich bin gekommen, um mich zu stellen. Und um Verzeihung zu bitten. Nein, das klingt trivial, und glauben Sie mir, ich halte es nicht für trivial. Sie verdienen mehr als nur eine Entschuldigung, ich schulde Ihnen Sühne. Was immer Sie wollen. Aber es tut mir leid, so leid, daß ich Sie vergewaltigt habe.«
Droushnakovis Mund blieb volle drei Sekunden offenstehen, dann klappte sie ihn so fest zu, daß Cordelia hören konnte, wie ihre Zähne klickten.
»Was?!«
Koudelka zuckte zusammen, blickte aber nicht auf. »Tut mir leid … tut mir leid«, murmelte er.
»Du! — Denkst! — Du! — Hast! — Was!?«, keuchte Droushnakovi entsetzt und empört. »Du denkst, du könntest — oh!« Sie stand nun starr, mit geballten Fäusten und schnell atmend. »Kou, du Esel! Du Idiot! Du Trottel! Du … du … du …«, sprudelte sie heraus. Sie zitterte am ganzen Körper.
Cordelia beobachtete sie voller Faszination. Aral rieb nachdenklich seine Lippen.
Droushnakovi ging hinüber zu Koudelka und schlug ihm den Stockdegen aus der Hand. Kou fiel fast zu Boden, mit einem überraschten »Hah?«, und griff nach dem Stock, doch er verfehlte ihn, und die Waffe klapperte den Boden entlang.
Drou knallte Koudelka geschickt gegen die Wand und lähmte ihn mit einem Nervenstoß, indem sie ihm ihre Finger in den Solarplexus preßte. Sein Atem blieb stehen.
»Du Flasche. Du meinst, du könntest ohne meine Erlaubnis Hand an mich legen? Oh! Was bist du doch für ein … für ein … ein …« Ihre Worte der Verblüffung gingen in einen Schrei der Empörung über, direkt neben seinem Ohr. Koudelka zuckte zusammen.
»Bitte beschädigen Sie nicht meinen Sekretär, Drou, die Reparaturen sind teuer«, sagte Aral sanft.
»Oh!« Sie drehte sich rasch um und gab Koudelka frei. Er taumelte und fiel auf die Knie. Mit den Händen vor dem Gesicht stürmte Droushnakovi aus dem Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Erst jetzt begann sie zu schluchzen, laut und vernehmlich, als sie den Korridor entlangging. Eine andere Tür wurde zugeschlagen. Dann herrschte Schweigen.
»Tut mir leid, Kou«, sagte Aral in die lang anhaltende Stille, »aber es sieht nicht so aus, als hielte Ihre Selbstanklage vor Gericht stand.«
»Ich versteh das nicht!« Kou schüttelte den Kopf, dann krabbelte er zu seinem Stockdegen und kam sehr wackelig auf die Beine.
»Gehe ich recht in der Annahme, daß Sie beide über das sprechen, was sich zwischen Ihnen in der Nacht des SoltoxinAttentats ereignet hat?«, fragte Cordelia.
»Ja, Mylady. Ich saß noch in der Bibliothek. Konnte nicht schlafen und dachte, ich müßte noch einmal ein paar Zahlen durchgehen. Sie kam herein. Wir saßen, unterhielten uns … Plötzlich merkte ich, daß ich … na ja, es war das erstemal, daß ich funktionierte, seit ich von dem Nervendisruptor getroffen worden war. Ich dachte, es könnte wieder ein Jahr dauern, bis … oder nie wieder … — ich geriet in Panik, ich geriet einfach in Panik. Ich … ah … ich nahm sie … auf der Stelle. Fragte sie nicht, sagte kein einziges Wort. Und dann kam der Knall von oben, und wir beide rannten in den Hintergarten hinaus und … sie klagte mich nicht an, am nächsten Tag. Ich wartete und wartete.«
»Aber wenn er sie nicht vergewaltigt hat, warum ist sie dann eben so wütend geworden?«, fragte Aral.