»Aber sie war böse auf mich«, sagte Koudelka. »Wie sie mich in diesen letzten drei Wochen angeschaut hat …«
»Die Blicke waren Angst, Kou«, erklärte Cordelia ihm.
»Ja, das dachte ich auch.«
»Weil sie Angst hatte, daß sie schwanger war, nicht weil sie etwa Angst vor Ihnen hatte«, stellte Cordelia klar.
»Oh.« Koudelkas Stimme wurde schwach.
»Sie ist es nicht, wie sich ergeben hat.« (Koudelka wiederholte sich mit einem weiteren schwachen »Oh«.) »Aber sie ist jetzt böse auf Sie, und ich kann es ihr nicht verübeln.«
»Aber wenn sie nicht meint, daß ich — welchen Grund hat sie?«
»Sie begreifen es nicht?« Sie blickte mit gerunzelter Stirn zu Aral. »Du auch nicht?«
»Nun ja …«
»Weil Sie sie gerade beleidigt haben, Kou. Nicht damals, sondern gerade eben, in diesem Zimmer. Und nicht nur dadurch, daß Sie ihre Tüchtigkeit im Zweikampf geringschätzig behandelt haben. Was Sie eben gesagt haben, hat ihr zum erstenmal enthüllt, daß Sie in jener Nacht so sehr mit sich selbst beschäftigt waren, daß Sie sie gar nicht wahrgenommen haben. Schlimm, Kou. Sehr schlimm. Sie müssen sie ganz tief um Verzeihung bitten. Hier war sie und gab sich als Barrayaranerin Ihnen ganz, und Sie schätzten das, was sie tat, so gering ein, daß Sie es gar nicht wahrnahmen.«
Sein Kopf hob sich mit einem Ruck. »Gab mir? Wie ein Almosen?«
»Mehr wie ein Geschenk der Götter«, murmelte Aral, der sich seine eigenen Gedanken machte.
»Ich bin doch kein …« Koudelkas Kopf dreht sich in Richtung auf die Tür. »Meinen Sie, daß ich hinter ihr herrennen soll?«
»Kriechen, sogar, wenn ich Sie wäre«, empfahl Aral. »Kriechen Sie schnell. Schlüpfen Sie unter ihrer Tür durch und ergeben Sie sich. Lassen Sie sie auf Ihnen herumtrampeln, bis ihr Zorn ganz und gar verraucht ist. Dann bitten Sie erneut um Verzeihung. Sie können die Situation noch retten.« Arals Augen leuchteten jetzt mit offensichtlichem Vergnügen.
»Wie nennen Sie das? Totale Kapitulation?«, sagte Koudelka ungehalten.
»Nein. Ich nenne es gewinnen.« Arals Stimme wurde eine Nuance kühler.
»Ich habe gesehen, wie der Krieg zwischen Mann und Frau zu Heldentaten der verbrannten Erde herabsinken kann. Scheiterhaufen des Stolzes. Sie wollen nicht diesen Weg gehen, das garantiere ich.«
»Sie sind — Mylady! Sie lachen über mich! Hören Sie auf!«
»Dann hören Sie damit auf, sich lächerlich zu machen«, sagte Cordelia scharf. »Setzen Sie sich Ihren Kopf dorthin, wo er hingehört. Denken Sie mal sechzig aufeinanderfolgende Sekunden an jemand anderen als sich selbst.«
»Mylady. Mylord.« Seine Zähne waren jetzt in erstarrter Würde zusammengebissen. Er verabschiedete sich geschlagen.
Aber im Korridor ging er in die falsche Richtung, nicht dorthin, wohin Droushnakovi geflohen war, sondern entgegengesetzt, und dann tappte er die Treppe hinab.
Aral schüttelte hilflos den Kopf, während Koudelkas Schritte draußen verklangen. Er zischte leise.
Cordelia knuffte ihn sanft in den Arm. »Hör damit auf! Für die beiden ist es nicht spaßig.« Ihre Blicke trafen sich: sie kicherte, dann hielt sie ihren Atem an: »Gütiger Himmel, ich glaube, er wollte ein Vergewaltiger sein. Seltsamer Ehrgeiz. War er zuviel mit Bothari zusammen?«
Dieser etwas makabre Witz ernüchterte sie beide. Aral sah nachdenklich aus: »Ich glaube … Kou schmeichelte seinen Selbstzweifeln. Aber seine Reue war aufrichtig.«
»Aufrichtig, aber ein bißchen selbstgefällig. Ich denke, wir haben vielleicht seine Selbstzweifel lang genug gehätschelt. Vielleicht ist es Zeit, ihn mal in den Hintern zu treten.«
Arals Schultern fielen müde zusammen. »Er steht in ihrer Schuld, ohne Zweifel. Aber was soll ich ihm denn befehlen? Es ist wertlos, wenn er es nicht freiwillig tut.«
Cordelia brummte zustimmend.
Erst beim Mittagessen bemerkte Cordelia, daß in ihrer kleinen Welt etwas fehlte.
»Wo ist der Graf?«, fragte sie Aral, als sie sahen, daß Piotrs Haushälterin den Tisch nur für zwei gedeckte hatte, in einem Eßzimmer an der Wasserseite, von wo aus man eine Aussicht auf den See hatte. An diesem Tag war es nicht richtig warm geworden. Der Morgennebel war nur aufgestiegen, um zu niedrig dahintreibenden grauen Wolkenfetzen zu werden, es war windig und kühl. Cordelia hatte eine alte schwarze Arbeitsjacke von Aral über ihre geblümte Bluse angezogen.
»Ich dachte, er sei in die Ställe gegangen. Um mit seinem neuen Dressurkandidaten zu trainieren«, sagte Aral, der ebenfalls mit Unbehagen auf den Tisch blickte. »Jedenfalls hat er zu mir gesagt, daß er das tun wollte.«
Die Haushälterin, die die Suppe auftrug, mischte sich ein: »Nein, Mylord. Er ist früh mit dem Bodenwagen weggefahren, zusammen mit zwei von seinen Männern.«
»Oh. Entschuldige mich.« Aral nickte Cordelia zu und stand auf. Einer der Lagerräume auf der Rückseite des Hauses, der in den Hügel gebaut war, war in ein gesichertes Kommunikationszentrum umgewandelt worden, mit einer doppelt geschützten Kommunikationskonsole und einem Wächter vom Sicherheitsdienst vor der Tür rund um die Uhr. Die Echos von Arals Schritten im Korridor zeigten an, daß er in diese Richtung ging.
Cordelia nahm einen Schluck Suppe, der wie flüssiges Blei die Kehle hinabrann, dann legte sie den Löffel beiseite und wartete. Sie konnte in dem stillen Haus Arals Stimme hören und die elektronisch verzerrten Antworten in der Sprechweise eines Fremden, aber beides war zu gedämpft, als daß sie die Worte hätte verstehen können. Nach einer kleinen Ewigkeit, so schien es ihr (allerdings war tatsächlich die Suppe noch heiß), kam Aral zurück, mit düsterem Gesicht.
»Ist er dorthin gefahren?«, fragte Cordelia. »Ins Militärkrankenhaus?«
»Ja. Er war dort und ist wieder gegangen. Es ist alles in Ordnung.« Sein schweres Kinn nahm einen harten Zug an.
»Bedeutet das, mit dem Baby ist alles in Ordnung?«
»Ja. Man verweigerte ihm den Zutritt, er hat sich eine Weile mit den Wachen gestritten, dann ist er gegangen. Nichts Schlimmeres.« Er begann niedergeschlagen seine Suppe auszulöffeln.
Der Graf kehrte einige Stunden später zurück. Cordelia hörte, wie das Summen seines Bodenwagens die Zufahrt heraufkam, um das Nordende des Hauses bog und dann innehielt, wie ein Verdeck geöffnet und geschlossen wurde, und wie der Wagen dann zu den Garagen weiterfuhr, die auf der anderen Seite des Hügels neben den Ställen lagen. Sie saß mit Aral in dem Vorderzimmer mit den neuen großen Fenstern. Er war in einen Regierungsbericht auf seinem Handprojektor vertieft gewesen, aber als draußen das Verdeck zugeschlagen wurde, stellte er das Gerät auf ›Pause‹ und wartete mit Cordelia und lauschte auf die schweren Schritte, die schnell ums Haus herumgingen und über die Vordertreppe kamen.
Arals Mund war gespannt in unangenehmen Vorahnungen, sein Blick war zornig. Cordelia verkroch sich in ihrem Sessel und wappnete ihre Nerven.
Graf Piotr kam in ihr Zimmer gefegt und pflanzte sich vor ihnen auf. Er war formell gekleidet, in seiner alten Uniform mit seinen Generalsabzeichen. »Hier seid ihr also.« Der Livrierte, der ihm gefolgt war, blickte unsicher auf Aral und Cordelia und zog sich dann zurück, ohne darauf zu warten, daß er entlassen wurde. Graf Piotr bemerkte gar nicht, daß der Mann wegging.
Piotr konzentrierte sich zuerst auf Aral. »Du! Du hast es gewagt, mich in der Öffentlichkeit bloßzustellen. Mich in eine Falle laufen lassen.«
»Ich fürchte, du hast dich selbst bloßgestellt, Sir. Wenn du nicht diesem Pfad gefolgt wärest, dann wärst du nicht auf diese Falle gestoßen.«
Mit zusammengebissenen Zähnen nahm Piotr diese Erwiderung auf. Sein Gesicht war von tiefen Falten durchzogen. Wut, Verlegenheit im Kampf mit Selbstgerechtigkeit. In Verlegenheit gebracht, wie es nur jemand sein kann, der unrecht hat. Er zweifelt an sich selbst, erkannte Cordelia. Ein Hoffnungsfaden. Daß wir nur diesen Faden nicht verlieren, er ist vielleicht unser einziger Ausweg aus diesem Labyrinth.