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Die Selbstgerechtigkeit gewann das Obergewicht. »Ich hätte das nicht tun sollen«, knurrte Piotr. »Das ist eine Aufgabe der Frauen. Unser Gen-Erbe zu schützen.«

»War eine Aufgabe der Frauen, in der Zeit der Isolation«, sagte Aral ruhig, »als die einzige Antwort auf Mutationen die Kindstötung war. Jetzt gibt es andere Antworten.«

»Wie seltsam müssen die Gefühle der Frauen über ihre Schwangerschaften gewesen sein, wenn sie nie wußten, ob an deren Ende Leben oder Tod stand«, überlegte Cordelia laut. Einen Schluck von diesem Kelch war alles, was sie für ein ganzes Leben wünschte, und doch hatten die Frauen von Barrayar ihn immer wieder und wieder bis zur Neige geleert … Das Erstaunliche war nicht, daß die Kultur ihrer Nachkommen chaotisch war, sondern, daß sie nicht ganz und gar wahnsinnig war.

»Du läßt uns alle im Stich, wenn du es nicht fertig bringst, sie zu zügeln«, sagte Piotr. »Wie stellst du dir vor, einen ganzen Planeten leiten zu können, wenn du nicht mal deinen eigenen Haushalt leiten kannst?«

Ein Winkel von Arals Mund krümmte sich leicht nach oben. »In der Tat, sie ist schwer zu zügeln. Sie ist mir zweimal entkommen. Ihre freiwillige Rückkehr erstaunt mich immer noch.«

»Werde dir deiner Pflichten bewußt! Deiner Pflichten mir gegenüber, als deinem Grafen, wenn schon nicht als deinem Vater. Du hast mir den Lehnseid geschworen. Willst du dieser Frau aus einer anderen Welt eher gehorchen als mir?«

»Ja.« Aral blickte ihm geradewegs in die Augen. Seine Stimme ging in ein Flüstern über. »Das ist die rechte Ordnung der Dinge.« Piotr zuckte zusammen. Aral fügte trocken hinzu: »Der Versuch, das Thema von der Kindstötung auf den Gehorsam zu wechseln, wird dir nicht helfen, Sir. Du hast mir selbst beigebracht, wie man Scheinargumente zerpflückt.«

»In den alten Tagen hättest du schon für eine geringere Unverschämtheit enthauptet werden können.«

»Ja, die gegenwärtige Situation ist schon ein bißchen eigenartig. Da ich dein Erbe bin, sind meine Hände zwischen den deinen, aber da ich dein Regent bin, sind deine Hände zwischen den meinen. Ein Patt der Gefolgschaftseide. In den alten Tagen hätten wir die Pattsituation mit einem hübschen kleinen Krieg aufbrechen können.« Aral grinste seinen Vater an, oder zumindest zeigte er seine Zähne. In Cordelias Gedanken wirbelte die Vorstellung: Nur einen Tag: Die Unwiderstehliche Macht trifft auf das Unbewegliche Objekt. Eintritt: fünf Mark.

Die Tür zum Korridor wurde aufgerissen und Leutnant Koudelka blickte nervös herein. »Sir? Tut mir leid, daß ich störe. Ich habe Schwierigkeiten mit der Kommunikationskonsole. Sie funktioniert wieder nicht.«

»Welche Art von Schwierigkeiten, Leutnant?«, fragte Vorkosigan und zwang sich dabei, seine Aufmerksamkeit dieser Sache zu widmen. »Gibt es Unterbrechungen?«

»Sie funktioniert einfach nicht.«

»Vor ein paar Stunden war sie noch in Ordnung. Überprüfen Sie die Stromzuführung.«

»Hab ich schon getan, Sir.«

»Rufen Sie einen Techniker.«

»Das kann ich ja nicht, ohne die Konsole.«

»Ach so, ja. Lassen Sie den Wachkommandanten die Konsole öffnen und schauen Sie dann, ob das Problem irgend etwas Naheliegendes ist. Dann fordern Sie einen Techniker über seine offene Leitung an.«

»Jawohl, Sir.« Koudelka zog sich zurück, nachdem er einen vorsichtigen Blick auf die drei Leute geworfen hatte, die da angespannt und starr auf ihren Plätzen darauf warteten, daß er sie allein ließ.

Der Graf wollte nicht nachgeben: »Ich schwöre, daß ich es verstoßen werde. Das Ding in dem Kanister im Militärkrankenhaus. Ich werde es vollständig enterben.«

»Diese Drohung wirkt nicht, Sir. Du kannst nur mich direkt verstoßen. Durch einen kaiserlichen Befehl. Um den du … mich untertänigst ersuchen müßtest.« Er lächelte schneidend, und seine Augen funkelten. »Ich würde natürlich deinem Ersuchen stattgeben.«

Die Muskeln in Piotrs Kieferpartie spannten sich. Also doch nicht die unwiderstehliche Macht und das unbewegliche Objekt, sondern die unwiderstehliche Macht und ein flüssiges Meer, Piotrs Schläge schafften es nicht, zu landen, sondern klatschten hilflos vorbei. Mentales Judo. Er war aus dem Gleichgewicht, suchte fuchtelnd seine Mitte und schlug nun wild um sich.

»Denke an Barrayar! Denke an das Beispiel, das du gibst.«

»O ja«, flüsterte Aral, »daran denke ich.« Er hielt inne. »Wir haben nie aus dem Hintergrund geführt, du oder ich. Wo ein Vorkosigan vorangeht, da finden es andere vielleicht nicht so unmöglich, zu folgen. Ein bißchen persönliche … angewandte Sozialwissenschaft.«

»Vielleicht für Galaktiker. Aber unsere Gesellschaft kann sich diesen Luxus nicht leisten. So wie die Dinge liegen, halten wir kaum unsere eigene Stellung. Wir können nicht die Last von Millionen Gestörten tragen.«

»Millionen?« Aral hob seine Augenbrauen. »Jetzt extrapolierst du von einem zu unendlich. Ein schwaches Argument, Sir, deiner unwürdig.«

»Und sicherlich«, sagte Cordelia ruhig, »wieviel tragbar ist, das muß jedes Individuum, das seine eigene Last trägt, selbst entscheiden.«

Piotr wandte sich ihr zu: »Ja, und wer zahlt für das alles, na? Das Kaiserreich. Vaagens Labor läuft unter dem Budget für militärische Forschungen. Ganz Barrayar zahlt für die Verlängerung des Lebens deiner Mißgeburt.«

Aus der Fassung gebracht, erwiderte Cordelia: »Vielleicht wird sich das als eine bessere Investition herausstellen, als du denkst.«

Piotr schnaufte, sein Kopf senkte sich störrisch zwischen seine hochgezogenen mageren Schultern. Er blickte durch Cordelia hindurch auf Aral. »Du bist entschlossen, mir dies aufzubürden. Meinem Haus. Ich kann dich nicht auf andere Weise überzeugen, ich kann dir nicht befehlen … also gut. Du bist so versessen auf Veränderungen, hier ist eine Veränderung für dich. Ich will nicht, daß dieses Ding meinen Namen trägt. Das kann ich dir verweigern, wenn auch sonst nichts.«

Arals Lippen waren aufeinandergepreßt, seine Nasenflügel zitterten. Aber er bewegte sich nicht an seinem Platz. Der Projektor leuchtete weiter, vergessen in seinen bewegungslosen Händen. Er hielt seine Hände ruhig und völlig beherrscht und erlaubte ihnen nicht, sich zu Fäusten zu ballen.

»Sehr wohl, Sir.«

»Nenne ihn dann Miles Naismith Vorkosigan«, sagte Cordelia, die Ruhe vortäuschte, obwohl ihr übel war und ihr Unterleib zitterte. »Mein Vater wird nichts dagegen haben.«

»Dein Vater ist tot«, versetzte Piotr.

Aufgelöst in leuchtendes Plasma bei einem Shuttleunfall vor mehr als zehn Jahren … Manchmal bildete sie sich ein, wenn sie die Augen schloß, daß sie seinen Tod noch fühlen konnte, wie er in Magenta und dunklem Grünblau in ihre Netzhaut eingeprägt war. »Nicht ganz. Nicht, solange ich lebe und mich an ihn erinnere.«

Piotr schaute drein, als hätte sie ihm gerade einen Stoß in seinen barrayaranischen Magen versetzt. Barrayaranische Zeremonien für die Toten näherten sich der Ahnenverehrung, als könnte die Erinnerung die Seelen lebendig erhalten. Ließ seine eigene Sterblichkeit heute seine Adern frösteln? Er war zu weit gegangen und er wußte es, aber er konnte nicht mehr einlenken. »Nichts, nichts weckt dich auf! Dann versuchen wir’s mal damit.« Er stellte sich breitbeinig hin und blickte Aral wütend an: »Verlaß mein Haus! Beide Häuser! Auch Palais Vorkosigan! Nimm dein Weib und hebe dich hinweg! Heute noch!«

Aral blickte sich nur einmal kurz um im Heim seiner Kindheit. Er legte den Projektor sorgfältig beiseite und stand auf. »Sehr wohl, Sir.«

In Piotrs Wut mischte sich Angst: »Du würdest dein Heim dafür wegwerfen?«