»Mein Heim ist nicht ein Platz. Es ist eine Person, Sir«, sagte Aral ernst. Dann fügte er zögernd hinzu: »Es sind Menschen.«
Damit meinte er Piotr genauso wie Cordelia. Sie saß vornübergebeugt, die Spannung tat ihr weh. War der alte Mann aus Stein? Sogar jetzt brachte ihm Aral noch Gesten der Höflichkeit entgegen, daß ihr fast das Herz stehenblieb.
»Du wirst deine Pachtgelder und Einkünfte der Distriktskasse zurückzahlen«, sagte Piotr völlig verzweifelt.
»Wie Sie wünschen, Sir.« Aral war schon auf dem Weg zur Tür.
Piotrs Stimme wurde schwächer: »Wo wirst du leben?«
»Illyan drängt mich schon seit einiger Zeit, in die Kaiserliche Residenz umzuziehen, aus Sicherheitsgründen. Evon Vorhalas hat mich überzeugt, daß Illyan recht hat.«
Cordelia war mit Aral zusammen aufgestanden. Sie ging nun zum Fenster und blickte über die trübsinnige grau-grünbraune Landschaft. Die Wellen im zinngrauen Wasser des Sees trugen Schaumkronen. Der barrayaranische Winter würde so kalt werden …
»So, etablierst du dich endlich mit kaiserlichem Gehabe, ha?«, spottete Piotr. »Ist es das, worum es dir geht: Hybris?«
Aral verzog sein Gesicht in tiefem Ärger: »Im Gegenteil, Sir. Wenn ich kein anderes Einkommen haben soll, als mein halbes Admiralsgehalt, dann kann ich es mir nicht leisten, mir eine mietfreie Unterbringung entgehen zu lassen.«
Eine Bewegung in den dahintreibenden Wolken zog Cordelias Aufmerksamkeit auf sich. Sie kniff beunruhigt die Augen zusammen.
»Was ist mit diesem Leichtflieger los?«, murmelte sie halb im Selbstgespräch.
Der Punkt zwischen den Wolken wuchs, führte seltsame Flugmanöver aus und zog eine Rauchspur hinter sich her. Er flog ruckweise über den See, direkt auf sie zu. »Gott, ist das Ding etwa voller Bomben?«
»Was?«, fragten Aral und Piotr gleichzeitig und traten schnell neben sie ans Fenster, Aral zu ihrer rechten Seite, Piotr zur linken.
»Es trägt die Hoheitsabzeichen des Sicherheitsdienstes«, sagte Aral.
Piotr kniff seine alten Augen zusammen: »So?«
Cordelia bereitete sich geistig darauf vor, den hinteren Korridor entlangzurennen und dann hinaus zur Hintertür. Es gab da ein Stückchen Graben auf der anderen Seite der Auffahrt, wenn sie sich dort flach hinlegten, dann vielleicht … Aber der Leichtflieger näherte sich langsam dem Ende seiner Flugbahn. Er landete wackelnd auf dem vorderen Rasen.
Männer in Vorkosigan-Livree und der grün-schwarzen Uniform des Sicherheitsdienstes umringten ihn vorsichtig. Der Schaden des Fliegers war deutlich zu sehen: ein von einem Plasmatreffer eingebranntes Loch, schwarze Rußstreifen, verzogene Steuerflächen — es war ein Wunder, daß er überhaupt noch geflogen war.
»Wer …?«, fragte Aral.
Piotrs Blick wurde schärfer, als durch das beschädigte Verdeck der Pilot sichtbar wurde. »Ihr Götter, es ist Negri!«
»Aber wer ist das mit … — los!« Aral drehte sich blitzschnell um und rannte zur Tür hinaus. Piotr und Cordelia folgten ihm, durch die vordere Halle und durch die Tür und den grünen Abhang hinab.
Die Wachen mußten das verzogene Verdeck aufbrechen. Negri fiel in ihre Arme. Sie legten ihn auf das Gras. Er hatte eine scheußliche Brandwunde von etwa einem Meter Länge auf seiner linken Körperseite, seine grüne Uniform war hier geschmolzen und verkohlt und gab den Blick frei auf blutende weiße Brandblasen und aufgerissenes Fleisch. Er zitterte unaufhörlich.
Die kleine Gestalt, die auf dem Passagiersitz festgegurtet saß, war Kaiser Gregor. Der fünfjährige Junge weinte erschrocken, nicht laut, sondern in gedämpftem, unterdrücktem Wimmern. Soviel Selbstbeherrschung in einem so jungen Knaben war Cordelia unheimlich. Er sollte laut schreien.
Ihr selber war danach, laut zu schreien. Gregor trug gewöhnliche Spielkleidung, ein leichtes Hemd und dunkelblaue Hosen. Ihm fehlte ein Schuh. Ein Sicherheitsbeamter hakte seinen Sitzgurt auf und zog ihn aus dem Flieger. Er wich vor dem Mann zurück und blickte erschreckt und verwirrt auf Negri. Hast du gedacht, Erwachsene seien unzerstörbar, Kind? dachte Cordelia voll Kummer.
Kou und Drou tauchten aus ihren jeweiligen Schlupflöchern im Haus auf, um die Szenerie mit dem Rest der Wachen anzugucken. Gregor erkannte Droushnakovi, eilte pfeilschnell auf sie zu und klammerte sich fest an ihren Rock. »Droushie, hilf mir!« Jetzt erst wagte er, hörbar zu weinen.
Sie schlang ihre Arme um ihn und hob ihn hoch.
Aral kniete sich neben dem verletzten Sicherheitschef nieder. »Negri, was ist passiert?«
Negri streckte seinen unverletzten rechten Arm aus und griff nach Arals Jacke. »Er versucht einen Putsch — in der Hauptstadt. Seine Truppen haben die Sicherheitszentrale und das Kommunikationszentrum eingenommen — warum habt ihr nicht reagiert? Das Hauptquartier ist umzingelt, unterwandert — heftige Kämpfe jetzt an der Kaiserlichen Residenz. Wir hatten ihn entlarvt — waren dabei, ihn zu verhaften — er geriet in Panik. Schlug zu früh zu. Ich glaube, er hat Kareen …«
»Wer hat, Negri«, wollte Piotr wissen, »wer?«
»Vordarian.«
Aral nickte grimmig. »Ja …«
»Sie — nehmen Sie den Jungen«, keuchte Negri. »Vordarian hat uns fast besiegt …« Sein Zittern ging in konvulsivisches Zucken über, seine Augen verdrehten sich, bis das Weiße sichtbar wurde. Sein Atem ging stoßweise und würgend. Plötzlich blickten seine Augen noch einmal intensiv und konzentriert. »Sagen Sie Ezar« — die Krämpfe überfielen ihn wieder und quälten seinen kräftigen Leib. Dann hörten sie mit einen Mal auf. Das Ganze halt! Er atmete nicht mehr.
KAPITEL 11
»Sir«, sagte Koudelka, nachdem er sich zu Vorkosigan vorgedrängt hatte, »die gesicherte Kommunikationskonsole war sabotiert.« Der Kommandant der Sicherheitswache neben ihm nickte zustimmend. »Ich wollte gerade kommen und es Ihnen melden …« Koudelka blickte auf Negris Körper, der auf dem Gras lag. Zwei Sicherheitsleute knieten jetzt neben ihm und versuchten es verzweifelt mit Erster Hilfe: Herzmassage, Sauerstoff und Injektionen von Hypospray. Aber trotz ihrer Bemühungen blieb der Körper schlaff, das Gesicht wächsern und bewegungslos. Cordelia war dem Tod schon früher begegnet und erkannte die Anzeichen. Das hat keinen Zweck, Leute, den werdet ihr nicht zurückholen. Nicht diesmal. Er ist gegangen, um seinen letzten Bericht Ezar persönlich zu überbringen, Negris letzter Bericht …
»Welcher Zeitrahmen bei der Sabotage?«, wollte Vorkosigan wissen. »Verzögert oder unmittelbar?«
»Es sah nach unmittelbar aus«, berichtete der Wachkommandant. »Kein Anzeichen für einen Zeitschalter oder irgendein Gerät. Irgend jemand hat die Konsole einfach auf der Rückseite aufgebrochen und sie innendrin zerstört.«
Aller Augen wandten sich auf den Mann vom Sicherheitsdienst, der den Wachposten außerhalb des Raumes mit der Kommunikationskonsole innegehabt hatte. Er stand, wie die meisten anderen in schwarzer Arbeitsuniform, entwaffnet zwischen zweien seiner Kameraden. Sie waren ihrem Kommandanten nach draußen gefolgt, als der Tumult auf dem Rasen begann. Das Gesicht des Verhafteten hatte etwa die gleiche bleigraue Farbe wie das von Negri, aber es war von aufflackernder Angst belebt.
»Und?«, fragte Vorkosigan den Wachkommandanten.
»Er leugnet, es getan zu haben«, der Kommandant zuckte die Achseln, »natürlich.«
Vorkosigan schaute den Festgenommenen an, »Wer ging nach mir hinein?«
Der Wächter blickte verstört in der Runde umher. Er zeigte plötzlich auf Droushnakovi, die noch den wimmernden Gregor trug. »Sie!«
»Ich nie!«, sagte Droushnakovi ungehalten und packte den Jungen fester.
Vorkosigan biß die Zähne aufeinander. »Also, ich brauche kein Schnellpenta, um zu wissen, daß einer von euch beiden lügt. Jetzt ist dafür keine Zeit. Kommandant, verhaften Sie beide. Wir werden das später klären.« Vorkosigans Augen suchten besorgt den nördlichen Horizont ab.